9punkt - Die Debattenrundschau

Jetzt sind die Taliban die Sieger

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2021. Im Moment des ruhmlosen Rückzugs aus Afghanistan müssen auch an Angela Merkel und Frank-Walter  Steinmeier Fragen gestellt werden, fordert Sönke Neizel in der FAS. Ebenfalls hofft die Feministin Aqelah Nazari-Hossain auf die neuen Frauen in Aghanistan. Es besteht eine moralische Verpflichtung der Demokratien, die belarussische Opposition zu unterstützten, schreibt die Politikerin Swetlana Tichanowskaja in der New York Times. Le Point interviewt den  Politiker Amine El Khatmi, der in Frankreich eine säkulare Linke wiederherstellen will.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2021 finden Sie hier

Politik

Die aghanische Feministin Aqelah Nazari-Hossain, die inzwischen im europäischen Exil lebt, berichtet in der FAS über den Schock der neuerlichen Talibanisierung. Aber die Taliban treffen auf eine veränderte Situation: "Das Bewusstsein der Frauen hat sich verändert - das kann ihnen nie mehr genommen werden. Sollte eine diktatorische Herrschaft sie abermals dazu zwingen, ein Leben eingesperrt zu Hause zu führen, werden sie, anders als noch vor zwanzig Jahren, wissen, dass ihnen Unrecht geschieht."

"Man wird Steinmeier und Merkel, all denen, die Verantwortung tragen, sehr kritische Fragen stellen müssen", sagt der der Militärhistoriker Sönke Neitzel im Gespräch mit Julia Encke in der FAS und fordert eine Aufarbeitung des Afghanistaneinsatzes auch in Deutschland: "Wenn Steinmeier 2017 nach Masar-e-Scharif gereist ist, saß er da zwar vor Ort vor den Soldaten, hat aber letztlich zur Hauptstadtpresse gesprochen. Er war in Afghanistan, aber hat den Ort nur als Bühne benutzt - gerade Herr Steinmeier, dessen Person eminent mit dem Versagen der Bundesrepublik in dieser Mission verbunden ist: Er war Kanzleramtschef, er war zweimal Außenminister."

Joe Biden hat den Rückzug aus Afghanistan in der Kontinuität mit seinem Vorgänger als Jubiläumsereignis geplant. Das Ergebnis stellt sich nicht ganz so dar, wie er es sich ausgemalt haben mag, schreibt Hubert Wetzel auf Seite 3 der SZ, die dem Trauma des 11. September gewidmet ist: "Jetzt sind die Taliban die Sieger. Wenn die Amerikaner in drei Wochen den 20. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 begehen, die den Krieg einst ausgelöst haben, dann wird über Afghanistan wie zum Hohn wieder die Flagge der Taliban wehen."
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Kulturmarkt

In der Buchbranche herrscht Ausnahmezustand, berichtet Lothar Müller in der SZ. Grund sind nicht interne Streitigkeiten oder unerwartete Bestseller, sondern schlicht Papierknappheit: "Vereinbarte Papierlieferungen verteuern sich nach Vertragsabschluss, früher als üblich müssen avisierte Auflagenhöhen bei den Druckereien bestätigt werden, Zeitfenster des Druckens schließen sich unerwartet, der Nachschub an Druckmaterial stockt, weil Zusatzstoffe, etwa Farbpigmente fehlen, die aus Asien zugeliefert werden müssen." Der Tonnenpreis für Zellulose, erläutert Müller noch, ist von 650 auf 1.000 Euro gestiegen.
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Überwachung

Es fällt schon schwer, das zu fassen: Die Amerikaner haben in Afghanistan offenbar biometrische Geräte zurückgelassen, mit denen die Taliban Personen identifizieren können, berichten Meike Laaff und Jakob von Lindern nach Lektüre eines Artikels bei Intercept auf Zeit online: "Möglicherweise können sie auch genutzt werden, um auf zentrale Datenbanken zuzugreifen, heißt es bei The Intercept. Mit diesen Werkzeugen könnten die Taliban im schlimmsten Fall Personen identifizieren, die sie als Feinde sehen: Ortskräfte und andere Menschen, die mit westlichen Militärs oder Nichtregierungsorganisationen zusammengearbeitet haben, warnt Human Rights First. Die Sorge: Wenn an Checkpoints oder bei Tür-zu-Tür-Kontrollen Fingerabdrücke und Iris gescannt werden, könnte es quasi unmöglich werden unterzutauchen.  ... Vergangene Vorfälle zeigen, dass sie zumindest bereit sind, solche Technologie zu nutzen: Schon 2016 berichteten lokale afghanische Medien von einem Vorfall, bei dem Taliban-Kämpfer Busse stoppten, Geiseln nahmen und Menschen töteten. Zuvor sollen sie nach Aussagen eines Armeekommandanten Fingerabdrücke aller Mitfahrenden mit einem Gerät gescannt haben, mit dem Sicherheitskräfte unter den Passagieren identifiziert werden konnten."
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Ideen

Verschwörungstheorien wohin man guckt, das ist in Krisenzeiten eben so, meint der Historiker Volker Reinhardt ackselzuckend in der NZZ. Verschwörungstheorien "führen weit in die Vergangenheit zurück, mit wechselnden Einkleidungen im Einzelnen, doch im Kern jederzeit wiedererkennbar. Bestimmend ist damals wie 2021 der unüberbrückbare Gegensatz, wie die Welt ist und wie sie sein sollte. Für die Menschen Alteuropas hat gute Herrschaft eine alles überstrahlende Zweckausrichtung: den Armen, den wahren Kindern Christi, das ungefährdete Überleben zu garantieren und sie in ihrer angestammten, frommen, den biblischen Vorschriften gemäßen Lebensordnung unangetastet zu bewahren - gewissermaßen eine religiös zentrierte Attac-Ökonomie. Diesen himmlischen Vorschriften stehen jedoch hienieden die Legionen der Finsternis entgegen. Dazu gehören Kreaturen der Hölle, die neidische und habgierige Menschen unter ihre Botmäßigkeit bringen".
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Kulturpolitik

Nirgends wirkt Berlin unwirtlicher als da, wo sich die heute komplett begrabene eigentliche Stadtmitte befand, im Areal zwischen Spittelmarkt, Leipziger Straße und Alexanderplatz - das heute aussieht, als befände es sich in Nischni Nowgorod. In der FAZ kann man mit dem ehemaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann mitleiden, der einen Blick auf die achtspurige Mühlendammbrücke wirft. Hier müsste ein behutsam wenigstens Umrisse wiederherstellende Stadtplanung ansetzen. Der rot-rot-grüne Senat blieb untätig: "Passiert ist trotz des aktuellen politischen Ziels einer Verkehrswende nichts. Stattdessen wird der Frontalangriff der DDR-Planer auf das Gedächtnis der Stadt, den die Schneise vom Molken- zum Spittelmarkt einschließlich der beiden monströsen Brückenbauwerke bedeutet, von den heutigen Verkehrsplanern fortgeführt."

Medien

Keine Aufregung, meint Christian Meier in der Welt: Dass Gruner + Jahr von der RTL-Gruppe geschluckt wurde, ist wahrscheinlich "die einzig realistische Zukunft des Verlags ... Wer heute noch so tut, als wäre RTL der journalistische Grabbeltisch und G+J die Edelfederschmiede, der könnte sich in der Zeit vertan haben. Der Niedergang, oder besser: die Schrumpfung des Verlagshauses G+J ist nicht in erster Linie auf Managementfehler zurückzuführen (auch die gab es sicher, wie in jedem anderen Unternehmen), sondern auf eine gezielte Strategie seitens des Mutterkonzerns Bertelsmann. Diese Strategie basiert auf der Annahme, dass ein Zeitschriftenverlag, dessen wesentliche Umsätze und Gewinne weiter mit gedruckten Wochen- oder Monatsmedien und ein wenig digitalem Beiwerk erzielt werden, mittelfristig nicht überleben kann."

In der SZ protestiert Wolfgang Lanzrath, Chef des Dienstes Infonline, der Reichweitenzahlen für Medien erhebt, gegen neue Cookie-Regeln, die das Leben von Medien gegenüber Internetplattformen erschwert. Während Google oder Facebook dem Nutzer nur einmal ein "Ja" abringen müssen, wenn sie ihre Dienste benutzen wollen, müssen Online-Medien immer wieder neu nach der Zustimmung der Nutzer fragen. Wenn die "Nein" sagen, können die Medien ihre Daten nicht mehr tracken, und ihnen geht Werbung (die übrigens sehr oft von besagten Plattformen eingespielt wird) verloren. "Die Gesetzgebung verlangt, dass jeglicher Zugriff auf das Endgerät eines Users eine aktive Zustimmung benötigt. Ausgenommen sind nur technisch notwendige Funktionen. Das bisher geltende, sogenannte 'berechtigte Interesse' wird ab dem Inkrafttreten des Gesetzes nicht mehr möglich sein, auch wenn es sich um eine vollständig anonyme Datenerhebung handelt.

Außerdem: In der NZZ stellt Marc Neumann den Newsletter-Abodienst Substack vor.
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Europa

Es besteht eine moralische Verpflichtung der Demokratien, die belarussische Opposition zu unterstützten, schreibt die Politikerin Swetlana Tichanowskaja in der New York Times. Und im übrigen sollten die demokratischen Länder auch aus wohlverstandenem Eigeninteresse agieren: "Das Regime ist zu einem Sicherheitsproblem für ganz Europa geworden. Im Mai erzwang das Regime in einem Akt mutwilliger Aggression die Landung eines europäischen Flugzeugs, um einen Journalisten gefangen zu nehmen. Erst diesen Monat wurde ein belarussischer Aktivist in Kiew erhängt aufgefunden. Solange wir den Banditen, der mitten in Europa sein Unwesen treibt, nicht in Schach halten, ist kein europäischer Bürger sicher."

In der SZ denkt der irische Schriftsteller Colm Toibin über die Vor- und Nachteile einer Demokratie nach. Der Vorteil: Menschen dürfen wählen. Der Nachteil: Sie wählen oft nur, was bequem für sie ist, so Toibin mit Blick auf die Siebziger, als Labour in Irland kein Bein auf den Boden bekam: "Die Wahlversprechen der Labour Party schienen die Menschen zu verschrecken. Die Partei schien zu modern zu sein, zu sehr bereit, sich auf Veränderungen einzulassen und mehr zu versprechen. Demokratie gibt den Menschen, die sich fürchten, die Möglichkeit, Veränderungen vorerst zu stoppen, in dem Wissen, dass sie irgendwann in der Zukunft eine andere Meinung haben könnten. Oft fühlen sich die Menschen wohler, wenn sie so wählen, wie sie es bisher getan haben. Demokratie ist ein großer Stabilisator."

Formiert sich in Frankreich eine säkulare Linke neu? Jérôme Cordelier interviewt in Le Point den Politiker Amine El Khatmi, als wäre er praktisch schon Präsidentschaftkandidat. El Khatmi kommt aus der sozialistischen Partei und ist Mitbegründer des "Printemps républicain", der sich ebenso gegen Islamismus wie gegen Rechtsextremismus wendet und im Gespräch offen lässt, welche Rolle er im Präsidentschaftswahlkampf spielen will: "Ich verteidige die Ordnung, die Autorität des Staates und die Sicherheit, und dabei stehe ich stets links. Ich bin in Arbeitervierteln aufgewachsen und weiß, dass die Unsicherheit die Schwächsten am meisten trifft. 'Die Gangster haben uns das Leben zur Hölle gemacht', sagte mir Samira, eine Mutter in Nîmes. Ist es rechtsextrem, Menschen schützen zu wollen, die Opfer von illegalen Autorennen sind, die mit Schlägereien zwischen Banden wie in der Ile-de-France konfrontiert sind oder die sich 'Kontrollpunkten' von Schlägern unterwerfen müssen, um in ihre Wohnungen zu kommen, wie in manchen Vierteln von Marseille?" Im Freitag schildert Romy Straßenburg die Stimmung in Frankreich vor der beginnenden Rentrée und angesichts der Proteste gegen den Impfpass.
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