Efeu - Die Kulturrundschau

Der Fortschritt muss uns glücken

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2021. Die Nachtkritik lernt beim Zürcher Theaterspektel, den Knall  der Peitschen zu genießen. Die FAZ erlebt beim Kampnagel-Festival, wie Choreograf Kyle Abrams den Tanz in Ritual, Wettkampf und Machtdemonstration zurückverwandelt. In der SZ zeigt der Autor Fridolin Schley, wie heuchlerisch die Beschwörung edler Gesinnung ist. Die NZZ erlebt beim Lucerne Festival die Dirigentendämmerung. Im Standard betont Stefanie Sargnagel, dass auch Frauen derben Humor können.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2021 finden Sie hier

Bühne

"La Balsada" auf dem Zürichsee. Foto: Christian Altorfer / Zürcher Theaterspektakel  

Mit angehaltenem Atem verfolgt Valeria Heintges in der Nachtkritik das Zürcher Theaterspektakel, dem es trotz Pandemie gelang, internationale Arbeiten in die Schweiz zu holen, aus dem Libanon, aus Ruanda oder aus Kolumbien, wie "La Balsada" vom Mapa Teatro auf dem Zürichsee: "Einem spektakulär beleuchteten und mit Goldlametta behängten Boot entsteigt ein Mann mit weißem Spitzenkleid und gruselig blutverschmierter Gesichtsmaske. Er schwingt eine Peitsche, doch wird die bald abgelöst von den Klängen des Akkordeons, die Juan Ernesto Díaz spektakulär, aber komplett schmerzfrei in die Nacht peitschen lässt. Vorbild dafür ist das Fest 'Los Santos Inocentes", die unschuldigen Heiligen, von dem parallel in einem Dokumantarfilm erzählt wird. Der Film zeigt eine kultulturelle Aneignung unter umgedrehten Vorzeichen, wenn schwarze Männer in Frauenkleidern und mit hellhäutigen Fratzengesichtern durch die Straßen jagen und mit ihren Peitschen schlagen. Sie reagieren mit dieser Mischung aus Gewalt und Fest auf Sklaverei und Kolonialismus in der Geschichte und Rassismus bis in die Gegenwart. Zuweilen treffen ihre Peitschen andere Menschen, die sich dann mit schmerzverzerrten Gesichtern abwenden, so die Filmbilder. 'Man muss hier leben, um diesen Schmerz zu genießen', sagt einer darin."

Kyle Abrahams "Requiem: Fire in the Air of the Earth". Foto: Peter Hönnemann


In der FAZ stellt Wiebke Hüster den amerikanischen Choreografen Kyle Abraham vor, dessen "Requiem: Fire in the Air of the Earth" gerade auf Kampnagel in Hamburg aufgeführt wurde. Abraham, der virtuos modernen und klassischen Tanz mit der Hiphop-Kultur zusammenbringt, wird einer der ganz Großen, ist sie sich sicher: "Männer und Frauen erschaffen ein komplexes Bewegungsgebilde, dessen gewagte Architektur stilistisch auseinanderstrebende Elemente zu einer klaren, zeitgenössischen Sprache zusammensetzt. Und dieses Zusammengesetzte soll man auch spüren. Es stolpert, es setzt aus, es stottert rhythmisch; plötzliche, unorganische, maschinenhafte Wechsel in der Phrasierung sind gewollt und sind so richtig und klug gesetzt wie die dunklen Beats, mit denen Musikproduzentin Jlin Mozarts Requiem in Stücke reißt und wieder durchscheinen lässt durch die Elektronik."

Wird sie singen, lautete in den letzten Tagen die bange Frage, denn Anna Netrebko war erkältet, wie man überall lesen konnte. Jetzt trat sie als "Tosca" in Salzburg auf und SZ-Kritiker Helmut Mauró liegt wie stets auf den Knien: "Die Bühnenpräsenz Netrebkos ist enorm, dabei spielt sie die übrigen Protagonisten nicht an die Wand. Und stimmlich? Erlebt man sie nie am Rande ihrer Möglichkeiten, sodass man glauben muss, es gebe keine Grenzen."

Weiteres: Im Interview mit der Nachtkritik spricht ein anonymer afghanischer Schauspieler über die Sorge um seine Familie. In der FR erinnert der Frankfurter Planungsdezernent Hans-Erhard Haverkampf daran, dass die Frankfurter Oper nur gegen größte Widerstände der SPD durchgesetzt werden konnte, die bekanntlich Schulen und Kitas gegenüber elitärer Hochkultur favorisierte.

Besprochen werden die Uraufführung von Bernhard Langs "Playing Trump" an der Staatsoper Hamburg (SZ),  Paulus Mankers siebenstündige Inszenierung von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" in Berlin ("Wer in den nächsten Wochen in die Belgienhalle fährt, der kann 'ein bisschen Sterbende gucken' und ein paar schneidige Katastrophenkalauer hören: 'Der Fortschritt muss uns glücken, sonst geht die Welt auf Krücken'", schreibt im Aufmacher der FAZ Simon Strauß, dem das Stück ganz schön an die Nieren ging), die Performances "Frontera" und "Archipel" beim "Tanz im August" (die Sandra Luzina im Tsp zufolge dem Berliner Festival ein beglückendes Finale bescherten), eine anarchistische Inszenierung von Wagners"Ring des Nibelungen" mit dem Berliner Theater Thikwa (Nachtkritik), Barbara Freys "suggestive" Edgar-Allan-Poe-Inszenierung "Der Untergang des Houses Usher" und Florentina Holzingers knallige Performance "A divine comedy" bei der Ruhrtriennale (taz) und die Berliner Protestoper "Wem gehört unsere Straße?" in Kopenhagen (DlfKultur) und Andrew Lloyd Webbers "Cinderella" im Gillian Lynne Theatre in London (FAZ).
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Literatur

Marie Schmidt unterhält sich für die SZ mit Fridolin Schley, der in seinem Roman "Die Verteidigung" vom Prozess gegen den NS-Bürokraten Ernst von Weizsäcker erzählt, der in Nürnberg von seinem Sohn, dem späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker verteidigt wurde. Der Roman lehnt sich an die realen Ereignisse und Personen an, aber dokumentarisch ist er nicht, erklärt Schley. "Es ist erschreckend, dass nur drei, vier Generationen nach dem Holocaust den Statistiken zufolge viele Schülerinnen und Schüler nicht mehr wissen, was Auschwitz ist. Oder dass die neue Rechte wieder mit Sprachstrategien kommt, die auf eine Verwischung von Opfer- und Täterpositionen hinarbeitet. Oder man nötige Vereinbarungen über den Wahrheitsbegriff und wissenschaftliche Erkenntnisse infrage stellt, weil wieder alles Mögliche anders 'gefühlt' wird. Solche Fragen haben mich bei dem Roman beschäftigt, ich wollte kein abgekapseltes historisches Buch schreiben. Ich habe vergleichbare Muster in dem Prozess wiedergefunden, in einigen Strategien der Verteidigung etwa, die bei allen Beweisen, die auf dem Tisch lagen, immer das 'Wesen' von Ernst von Weizsäcker beschwor, das lauter und anständig sei. Man müsse die Akten und Details beiseite lassen, der Mensch und seine eigentlich edle Gesinnung zählten doch."

Besprochen werden Garry Dishers Krimi "Barrier Highway" (Tsp), Stephen Kings "Billy Summers" (FR), Georg Kleins "Bruder aller Bilder" (FR), Hervé Le Telliers Roman "Die Anomalie" (Tsp), Svenja Leibers Roman "Kazimira" (Zeit), ein Buch über den "20. Juli 1944 im 'Führerhauptquartier Wolfschanze'" von Uwe Neumärker und Johannes Tuchel (SZ), George Packers "Die letzte beste Hoffnung" (SZ), das Bilderbuch "Ich bin wie der Fluss" von Jordan Scott und Sydney Smith (FAZ), Lisa Krusches Roman "Unsere anarchistischen Herzen" (FAZ), Polly Horvaths Roman "Marthas Boot" (FAZ) und Rose Lagercrantz' Jugendbuch "Zwei von jedem" (FAZ).
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Kunst

Theo Triantafyllidis, Mock up


Ihr Mobiltelefon in der Hand spaziert Ursula Scheer im Düsseldorfer Hofgarten für die FAZ angemessen interessiert durch eine Ausstellung des NRW-Forums mit virtuelle Skulpturen beziehungsweise Beispielen von Augmented Reality: "Die AR Biennale lockt mit Spaß auf Augenhöhe auch jene, denen der Aufstieg in altehrwürdige Musentempel zu steil erscheinen mag. Das können Digital Natives ebenso sein wie Senioren. ... Die Technik mag immer noch eindrucksvoller wirken als viele künstlerische Konzepte, doch führen die Experimente mit der erweiterten Wirklichkeit eindrücklich vor Augen, in welchem Erfahrungsraum wir uns ohnehin bewegen: einer hybriden Welt aus Digitalem und Analogem, Virtuellem und Realem. Wo das mittels Zuschreibungen semiotisch elegant reflektiert wird wie in den Arbeiten Lauren Lee McCarthys, die Parkbänke schriftlich als Orte für Hoffnungslose, Fragende oder Ungehörte markiert, mögen Kunstbeflissene an Jenny Holzer denken. Ein interaktives AR-Spiel über den steinernen Schachbrettern, entwickelt von dem in New York und Berlin ansässigen Kollektiv Keiken, gründet dagegen auf der Gaming-Kultur."

Weiteres: Peter Iden empfiehlt in der FR, in Italien auch mal einen Abstecher jenseits von Antike und Renaissance, nämlich in die Museen zeitgenössischer Kunst wie das Mart in Rovereto. Besprochen werden Andreas Schwabs Band "Zeit der Aussteiger" über berühmte Künstlerkolonien (NZZ) und Henrike Naumanns Ausstellung "Einstürzende Reichsbauten" im Kunsthaus Dahlem (taz).
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Film

Im Standard plaudert Dominik Kamilzadeh mit Stefanie Sargnagel über die Fallstricke des Kulturbetriebs, den Sargnagel-Film und ihren  Humor: "Fäkalhumor war immer eine Männerdomäne. Jetzt machen das halt auch Kabarettistinnen. Da heißt es dann gleich, das sei feministisch, aber es ist eigentlich noch derselbe Humor. Außerdem find ich es lustig. Ich mag derbe Sprache und Rap. Und eben politische Inkorrektheit, ohne inkorrekt gegen Minderheiten zu sein. Die Szene fand ich lustig, weil die Jugendlichen überhaupt nicht gelacht haben."

Besprochen werden Osamu Tezukas Manga-Klassiker "Barbara" auf DVD (Critic), Mohammad Rasoulofs Filmwunder "Mohammad Rasoulofs" (Freitag), Małgorzata Szumowskas "Der Masseur" (SZ), Grégory Magnes "Parfum des Lebens" (SZ),  Victor Kossakovskys "Gunda" (SZ) und Pietro Marcellos Film "Martin Eden" (FAS).
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Stichwörter: Sargnagel, Stefanie

Musik

Beim Lucernce Festival traf Christian Wildhagen eine unbehagliche Erkenntnis, wie er in der NZZ berichtet: Mehr als einmal machten sich weltbekannte Dirigenten überflüssig: Daniel Barenboim durchaus blamabel, aber Yannick Nézet-Séguin fiel krankheitsbedingt aus, das Lucerne Festival Orchestra spielte Mozarts d-Moll-Konzert allein mit Yuja Wang - und zwar meisterlich: "Buchstäblich jeder und jede musiziert an diesem Abend auf der berühmten Stuhlkante: mit aufs Äußerste geschärften Sinnen sowohl für das Zusammenspiel innerhalb der Gruppe (exemplarisch beim Holz und bei den Celli) wie auch für die allein auf Gehör und Blicke gründende Interaktion mit den anderen. Claudio Abbados Maxime vom 'Musizieren unter Freunden' bekommt da plötzlich eine eminent praktische Dimension - auch für Wang, die ihren Solopart mit dem Silberstift zeichnet und sich als Prima inter Pares fast ohne virtuoses Auftrumpfen in den Gesamtklang fügt. Können die Dirigenten also einpacken? Bei Orchestern dieses Spitzenniveaus und so bekannten Stücken liegt der Verdacht nahe."

Weiteres: In der NZZ am Sonntag erinnert der Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken an den Renaissance-Komponisten Josquin Desprez, der den Notendruck populär machte. Ljubiša Tošic berichtet im Standard vom Jazzfestival Saalfelden. Zum Tod des Rockmusikers Don Everly von den Everly Brothers schreiben Jakob Biazza in der SZ und Edo Reents in der FAZ.

Besprochen werden Konzerte von Khatia Buniatishvili und Sol Gabetta beim Rheingau Musik Festival (FR), zwei Musikabende in Salzburg mit John Eliot Gardiner (SZ), das zweite Album "Auf der Suche" der Berliner Rapperin Nura (ZeitOnline) und Anikas Album "Change" (Jungle-World).
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