9punkt - Die Debattenrundschau

Keine Auskünfte zum Planungsstand

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.12.2019. Übermorgen wird in Großbritannien gewählt. Der Guardian gibt eine offizielle Wahlempfehlung - verschweigt aber den Zwiespalt nicht. Die New York Times zeigt, wie auch in diesem Wahlkampf Desinformationskampagnen geführt wurden. Der Tagesspiegel fragt: Kann es sein, dass der Flughafen Tegel mal zum Denkmal wird? Die taz erzählt, wie sich die außerparlamentarische Opposition in Algerien gegen die Wahlen wehrt. geschichtedergegenwart.ch erzählt die Geschichte der Frauenhausbewegung.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2019 finden Sie hier

Europa

Es ist faszinierend, den Leitartikel der Zeitung zu den britischen Wahlen zu lesen. Am Ende sprechen die Redakteure die erwartbare Empfehlung aus, Labour zu wählen - allerdings nach einem scharf kritischen Absatz über Jeremy Corbyn und seinen Fanatismus. Am besten fasst der folgende Absatz den Zwiespalt vor den Wahlen zusammen: "Johnson benutzt konservative soziale Positionen, um arme Wähler zu einer Wahl gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen zu bewegen. Corbyn will den Bürgern einen Staat geben, der so groß ist, dass er nicht praktikabel erscheint. Die moderate Botschaft der Liberaldemokraten mit ihrer bewundernswerten Vorschlägen zu einer Reform des Wahlsystems wird von den Fantasien, den Brexit zu widerrufen, beeinträchtigt."

Sowohl die Tories als auch Labour (aber die Tories mehr als Labour) nutzen Desinformationstaktiken in den sozialen Medien, um die Wähler bei den übermorgen anstehenden Wahlen zu beeinflussen, berichten Adam Satariano und Amie Tsang in der New York Times: "Es sind nicht nur Profis, die falsches oder irreführendes Kampagnenmaterial online erstellen. So gut wie jeder kann das fabrizieren, und genau das scheint zu geschehen. 'Es ist die Demokratisierung von Fehlinformationen', sagte Jacob Davey, Senior Researcher am Institute for Strategic Dialogue, einer in London ansässigen Gruppe, die globale Desinformationskampagnen verfolgt. 'Wir sehen, wie jeder und jede diese Taktiken aufgreift.'" Mehrere NGOs, mit deren Vertreter die Autoren gesprochen haben, beobachten inzwischen Desinformation in Wahlkämpfen - der britische Wahlkampf gilt dabei als ein instruktiv für den kommenden, viel längeren amerikanischen Wahlkampf.

Bei der BBC berichten Joe Tidy und Rachel Schraer über Forderungen der "Coalition for Reform in Political Advertising" (Website) nach einem Factchecking politischer Anzeigen, bevor sie online gehen.

180 Intellektuelle - darunter die üblichen Verdächtigen wie Didier Eribon und Annie Ernaux - haben in Frankreich einen Aufruf zum aktuellen Streik veröffentlicht, für den man vor einer Woche an den Zeitungskiosk gehen musste, um Le Monde zu kaufen. Jürg Altwegg ist in der FAZ nicht allzu begeistert. De Autoren spielen auf Pierre Bourdieu und den großen Streik von 1995 an, so Altwegg. Damals hatten sich Intellektuelle wie Paul Ricoeur allerdings auch mit der reformwilligen Regierung solidarisiert: "Heute regiert ein Schüler Paul Ricœurs Frankreich. Als Assistent hatte Macron eines der Bücher des Philosophen betreut. Knickt er nun ein wie Alain Juppé 1995 und alle Regierungen seither, ist es mit seinen Reformen zu Ende. Ein paar Ökonomen zerlegen zwar die Fake News, die Thomas Piketty in Funk und Fernsehen zur besten Sendezeit verbreitet. Aber kein einflussreicher Intellektueller weit und breit verteidigt die Reform."
Archiv: Europa

Kulturpolitik

Als die Moderne noch toll aussah: der Flughafen Berlin-Tegel von Gerkan, Marg und Nickels


Wenn im neuen Flughafen von Berlin irgendwann mal die Lichter angehen, hüstel, dann gehen die Lichter in Berlin-Tegel erst mal aus. Der 1965 von Gerkan, Marg und Nickels gebaute Flughafen soll für neue Nutzungen umgebaut werden. Aber der Flughafen steht auch unter Denkmalschutz. Dank der Geheimhalterei von Senat und neuen Architekten erscheint eine denkmalgerechte Umnutzung Jürgen Tiez im Tagesspiegel derzeit recht unwahrscheinlich zu werden: "Auf Nachfrage geben sowohl die Berliner Bauverwaltung als auch das planende Architekturbüro agn Niederberghaus & Partner keine Auskünfte zum Planungsstand. In Berlin tut man sich offenbar wieder einmal schwer. Das beginnt schon damit, dass es keinen offenen Wettbewerb für die jetzt geplante Umnutzung gab. ... Heimlich, still und leise droht eine weitgehende Zerstörung dieser Ikone der Berliner Moderne, vorbei an der Öffentlichkeit. Dabei sind gelungene Auffrischungen von Bauten der Nachkriegsmoderne kein Hexenwerk, wie gmp mit dem Kulturpalast in Dresden oder Volker Staab mit dem Landtag in Stuttgart jüngst bewiesen haben."
Archiv: Kulturpolitik