9punkt - Die Debattenrundschau

Das panoptische Sahnehäubchen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.08.2019. Im Tagesspiegel erklärt Bernhard Pörksen, warum er "diesen Quatsch freihändig formulierender Apokalyptiker" über Filterblasen und Internet nicht mehr ertragen kann. In der FAZ versucht Ines Geipel, jene DDR-Generation zu verstehen, die heute besonders häufig AfD wählt. Der Observer erklärt, warum die britische Demokratie mehr als andere von der Ehrenhaftigkeit von Personen abhängt. Und Netzpolitik ruft: Schmeißt die Assistenzwanzen aus dem Fenster!
Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.08.2019 finden Sie hier

Europa

Die in Moskau protestierende Jugend hat den "Krim-Konsens" aufgekündigt, sagt der Soziologe Michail Dmitriew im Gespräch mit Klaus-Helge Donath von der taz: "Russland als Großmacht, imperiale Ambitionen, zentrale Bedeutung religiöser Gefühle. Das ist nicht mehr länger haltbar. Vier Jahre lang dominierte das Gefühl, Russland werde von außen und durch Konflikte mit dem Westen bedroht. Aber die Themenbreite des Krim-Konsenses war zu eng. Wirtschaftliche Entwicklung, Lebensstandard und Selbstverwirklichung spielten in dem Kontext keine Rolle, auch Demokratie und Teilhabe wurden nicht beachtet."

Russische Behörden fordern unterdessen Youtube auf, keine Videos von unerlaubten Demonstrationen oder gar von der Polizeigewalt zu zeigen, berichten die Agenturen, hier bei Spiegel online: "Viele auf der Plattform veröffentlichte Videos zeigten das teils harte Durchgreifen der Polizei bei Festnahmen. Allein an den vergangenen drei Wochenenden wurden mehr als 2000 Menschen in der russischen Hauptstadt festgenommen."

Ines Geipel, Autorin des Buchs "Umkämpfte Zone - Mein Bruder, der Osten und der Hass", versucht sich in einem lesenswerten Essay auf der Gegenwartsseite der FAZ in die Seelen jener DDR-Generation einzudenken, die heute besonders häufig AfD wählt: "Die Kriegskinder des Ostens, heute um die 80, haben Hitler und Stalin in den Knochen. Sie waren drin in der Mühle, in dieser Gefühlscodierung, mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Als 1989 die Mauer fiel, waren sie um die 50 und im besten Karrierealter. Vielfach wurden sie ausgetauscht, verloren ihre Arbeit, standen unter Schock, waren orientierungslos. Dieser Zeitbruch muss sie an ihre eigenen Eltern erinnert haben, an die Jahre nach dem Kriegsende."

Als der britische Premier Jim Callaghan nach dem Misstrauensvotum von 1979 Neuwahlen ausrief, obwohl er wusste, dass er sie verlieren würde, handelte er aus der Überzeugung, dass dies der richtige Schritt sei. Der Brauch wollte es so. Aber nirgends gibt es ein Britannien ein Gesetz, das so etwas vorschreibt, erläutert Andrew Rawnsley vom Observer. Und darum ist Boris Johnson eine solche Gefahr für die aktuelle Politik, meint er: "Wenn die Leute von einer britischen Verfassung sprechen, dann beziehen sie sich auf ein Wirrwarr solcher Konventionen in Kombination mit alten Urkunden, Präzedenzfällen, internationalen Vereinbarungen, Ausführungsbestimmungen und ungeschriebenen Regeln. Dies ganze Gewebe wird nur durch einen entscheidenden Faden zusammengehalten. Und das ist die allem zugrundeliegende Vermutung, dass jedermann vertraut werden kann, in angemessener Weise zu handeln. Da Britannien keine formelle Verfassung hat, ist die britische Demokratie dringend darauf angewiesen, dass Politiker mit Ehre und fair agieren."

Die Institutionen sind auch an anderer Stelle in der Krise. In der FAZ porträtiert Gina Thomas den Richter Jonathan Sumption, der in eine mehrteiligen BBC-Vorlesung eine neue Übermacht der Judikative beklagte, die die Demokratien aushöhle.
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Politik

Mit den sündhaft teuren, vom Staat mit Milliarden Dollars und Green Cards für die neuen Eigentümer gesponsorten Hudson Yards hat in New York etwas Einzug gehalten, das mit dem Begriff Gentrifizierung gar nicht mehr richtig erfasst wird, meint Andrian Kreye in der SZ. Und Einfallstor für diese Entwicklung war ausgerechnet die frisch begrünte High Line, die so viel gefeiert wurde - "Bis die New Yorker merkten, dass links und rechts der Promenade die Immobilienpreise explodierten und Stararchitekten unbezahlbare Wohntürme hinstellten. Die High Line, das ist heute klar, war das trojanische Pferd der Immobilienindustrie, um die bis in die Neunzigerjahre desolate Westseite des südlichen Manhattan in einen der wertvollsten Flecken Erde zu verwandeln."

Große Probleme gibt's auch in Florenz: Die Stadt bietet ihren Bewohnern kaum Arbeitsmöglichkeiten außerhalb des Niedriglohnsektors, berichtet Gabriele Detterer in der NZZ. "Heutzutage wird Florenz von gegenläufigen Wanderbewegungen geradezu zerrissen. Stadtbesucher stürmen das Zentrum, während tüchtige und begabte Einheimische flüchten oder pendeln. Im Unterschied beispielsweise zu Mailand verzeichnet Florenz seit 2016 keine Zunahme der Einwohnerzahl. Da spielen nicht nur bessere Berufschancen in Norditalien oder im Ausland eine Rolle, sondern ebenso der Alltag des Niedergangs abseits der Tourismuspfade. Viele aufgegebene Geschäfte, so etwa an der einst belebten Via Ghibellina, zeigen nahe der Bannmeile der Museen das unschöne Gesicht der Kunststadt."
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Überwachung

Amazon, Google, Apple und Microsoft haben Assistenzsysteme entwickelt, die erlauben, dass Menschen mit ihnen sprechen. Bei allen vier Konzernen hat sich herausgestellt, dass sie ihre Kunden auch von Menschen abhören lassen, um die "Qualität zu verbessern". "Schmeißt die Assistenzwanzen aus dem Fenster", ruft Markus Reuter bei Netzpolitik: "Das Abhören der Mitschnitte durch Menschen ist nur das panoptische Sahnehäubchen dieser Systeme. Interessant ist auch, dass nur dieser Aspekt für einen Aufschrei sorgt. Das ganze System der Assistenzwanzen ist perfide: Die Geräte hören in der Regel Geräusche und Gespräche mit, laden diese auf Server der Datenkonzerne, speichern diese Mitschnitte und Anfragen, werten die Aufnahmen mit Software aus und legen Profile an. Das alles dient dem Ziel, die Kund:innen des Systems noch besser zu kennen, ihnen mehr zu verkaufen und ihnen dabei einen Komfortgewinn vorzugaukeln."
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Stichwörter: Assistenzsysteme

Religion

Es haben sich überraschend viele Studenten für das Studium der islamischen Theologie an der Humboldt-Uni angemeldet, berichtet Ulrich Kraetzer in der Berliner Morgenpost. Der Gründungsdirektor Michael Borgolte kündigt mit einer nicht unbedingt beruhigenden Metapher bereits an, dass das Islam-Studium in Berlin ein "Kracher" werde. Allerdings sei erst ein Professorenposten besetzt. Der Beirat des Instituts ist ausgesprochen konservativ und darum sehr umstritten: "Der türkische Dachverband Ditib hat sich nach Streitigkeiten über die Kompetenzen bereits kurz nach der Gründung aus dem Beirat des Universitätsinstituts verabschiedet... Weiterhin vertreten sind im Beirat dagegen die Islamische Föderation, die als Ableger der türkisch dominierten und sunnitisch-konservativen Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs gilt, außerdem der ebenfalls sunnitische und konservative Zentralrat der Muslime, sowie die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS)."
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Stichwörter: Humboldt Universität

Kulturmarkt

Ist Netflix der Tod des Buchs? Der Bestsellerautor Peter Prange will das im Gespräch mit Christian von Zittwitz vom Buchmarkt nicht so sehen: "Das, was die Netflix-Serien auszeichnet und weshalb die Menschen nächtelang mit Binge-Watching verbringen, ist die Rückkehr zu etwas durch und durch Literarischem. Im Gegensatz zu den Neunzigminütern mit ihrer überschaubaren Dramaturgie werden hier wieder große, komplexe Geschichten erzählt, mit langem Atem, wie wir es früher nur aus den großen Epen der Klassiker kannten. Das ist das vollkommene Gegenteil der viel beschrieenen Multimedia-Kurzatmigkeit."
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Stichwörter: Netflix, Buchmarkt

Internet

"Liberale Zeitgenossen sind zu einem Minimum an Aufklärungsoptimismus verpflichtet", ruft im Tagesspiegel der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der das gerade bei Journalisten so beliebte Beschwören von Filterblasen im Netz, Manipulation durch Algorithmen und überhaupt der Gefährlichkeit des Internets für den Einzelnen nicht mehr hören kann: "Es handelt sich um ein Paradebeispiel der gegenwärtig verbreiteten Verführungs- und Manipulationsphantasien, die mal von übermächtigen Frames, dann vom raffinierten Mikrotargeting, schließlich, wie in diesem Fall, von allgegenwärtigen Algorithmen handeln. Ich kann diesen Quatsch freihändig formulierender Apokalyptiker zunehmend weniger ertragen und würde sagen: Solche Theorien sind tatsächlich ein Symptom, und zwar für die Arroganz, den Antiliberalismus und den Aufklärungspessimismus ihrer Vertreter, die das potenziell mündige Subjekt und das eigenständige Individuum in ihren Großthesen vorschnell verabschieden."

Fake News kommen in der jüngeren Generation genauso gut an wie in der älteren, meint Alexander Schmid grundpessimistisch in der NZZ. Er widerspricht dem Unternehmer Simon Ingold, der dort vor ein paar Wochen erklärt hatte, die Jugend setze auf "radikale Authentizität". Als sei nicht gerade die Fake, höhnt Schmid und empfiehlt die Rückkehr zu den Alt-Medien. "Wer sich lieber 'on demand' unterhalten lässt, als sich über institutionalisierte Medien zu informieren, ist zwar einfach zu empören, aber schwer zu engagieren. Das Resultat sind aufgebrachte, leichtflüchtige Kollektive statt soziale Korrektive. Dies ist auch ein Erklärungsansatz dafür, warum in Zeiten von Genderdiskurs, Black Lives Matter und Occupy Wall Street eine Nation, die den Anspruch hat, eine vorbildliche Demokratie zu sein, einen Präsidenten wählt, der sich lieber fortlaufend dem Vorwurf der Misogynie, des Rassismus und des Nepotismus aussetzt, als an Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu arbeiten."
Archiv: Internet