Efeu - Die Kulturrundschau

Lauter Setzungen, lauter Ausrufezeichen

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20.09.2018. Zwei Vibrafone. Vier Trompeten. Zwei mal vier Hörner: Dem Tagesspiegel dröhnen noch die Ohren von 60 verschiedenen Lautstärkegraden bei der Aufführung von Stockhausens "Inori" in Berlin. Die taz sieht mit Aneesh Chagantys Thriller "Searching" die Zukunft des Films: Screen Movies. Die NZZ sucht den Surrealismus in der Schweiz. Er baut den Wandel, verkündet Renzo Piano in der Zeit.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2018 finden Sie hier

Film

Auf der Suche nach dem verlorenen Browser-Tab? Szene aus "Searching".

"Screen Movies" sind Filme, deren Bild lediglich die Geschehnisse und Interaktionen auf Computerbildschirmen darstellen - ein relativ neuer Trend, der allerdings schon eine stattliche Geschichte vorweisen kann, die Tilman Baumgärtel in der taz referiert. Mit Aneesh Chagantys Thriller "Searching" kommt nun ein erzähltechnisch besonders ambitioniertes Projekt ins Kino, erklärt Baumgärtel: "Wenn der Cursor die verschiedenen Interface-Fenster zu immer neuen Text-Bild-Kompositionen verschiebt, entsteht eine ideenreiche Form der Montage, bei der die Bilder nicht mehr linear aufeinanderfolgen, sondern gleichzeitig ablaufen und sich gegenseitig kommentieren. Erkenntnisprozesse des Protagonisten werden durch seine Internetsuchen visualisiert. Seine Gedankengänge können wir mitverfolgen, wenn er E-Mails schreibt, wieder löscht und neu formuliert. So entsteht ein unglaublich ökonomischer und wahnsinnig schneller Erzählstil, der einen nebenbei auch daran erinnert, wie tief sich solche Vorgänge schon in unser Bewusstsein eingeprägt haben."

Auch für Perlentaucher Michael Kienzl funktioniert die Verbindung aus neuer Technologie und klassischer Erzählstory sehr gut: "'Searching' zeigt das Internet als komplexen, ebenso trostspendenden wie furchteinflößenden und unberechenbaren Ort, an dem es zwischen Wahrheiten und Lügen viele verschiedene Versionen einer einzelnen Person gibt." Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek hat in dem Film die Zukunft des Kinos erblickt. Für die SZ bespricht Tobias Kniebe den Film.

Auch der Emmy-Erfolg von Netflix sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Großteil des Programms des Streamingdienstes im Grunde genommen eine günstig zusammengekaufte Wühlkiste mit viel Restmaterial und ein paar zu Tode gerittenen One-Trick-Ponys darstellt, schreibt Jeremy Allen auf The Quietus: "Auch wenn die anspruchsvolleren Streamingdienste sich mit umfangreichen Archiven aufstellen, gibt es immer noch buchstäblich tausende wunderbare Filme bahnbrechender Filmemacher, die man einfach nicht sichten kann, es sei denn man hält nach einer physischen, optischen Scheibe Ausschau und lässt sich diese per Post zukommen. ... Anders als Musik stehen so viele Filme, die du sehr wahrscheinlich sehen wollen würdest, nirgends mal eben so zum Abspielen bereit."

Weitere Artikel: Im ZeitOnline-Gespräch beteuert Filmemacher Erik Poppe den Anspruch der "Wahrhaftigkeit", mit dem er seinen von der Kritik teils heftig abgelehnten, heute auch in der taz besprochenen Spielfilm "Utøya 22. Juli" konzipiert hat. Die FAZ hat Bert Rebhandls Bericht vom Filmfestival Toronto online nachgereicht. In Japan hat sich der an einer Filmhochschule als Seminararbeit entstandene Zombiefilm "One Cut of the Dead" zum Publikumshit gemausert, berichtet Christoph Neidhard in der SZ. In der taz empfiehlt Fabian Tietke eine Reihe im Berliner Zeughauskino mit Dokumentarfilmen von Peter Voigt. Sandra Kegel schreibt in der FAZ einen Nachruf auf Marceline Loridan-Ivens (mehr dazu bereits im gestrigen Efeu).

Besprochen werden Wolfgang Fischers Flüchtlingskrisen-Drama "Styx" (Filmgazette, NZZ), Oliver Haffners Naturaktivisten-Film "Wackersdorf" (Berliner Zeitung), David Gordon Greens auf Heimmedien erschienener Film "Stronger" (taz) und Georges Gachots Dokumentarfilm "Wo bist du, João Gilberto?" (Skug).
Archiv: Film

Musik

Die Kritiker sind sich einig: Der Abschluss des Musikfests Berlin mit Karlheinz Stockhausens selten gegebenem Stück "Inori" durch die Lucerne Festival Academy unter Peter Eötvös war ein Ereignis. Das Stück bildet die Entdeckung der Musik nach, erfahren wir. Zu Beginn gibt es "lauter Setzungen, lauter Ausrufezeichen, aneindergereiht wie Zinnsoldaten", schreibt Udo Badelt im Tagesspiegel. "Stockhausen schöpft die Klangfarbenmöglichkeiten und den dynamischen Rahmen so tief wie möglich aus, seine Partitur sieht allein 60 verschiedene Lautstärkegrade vor. Das Orchester ist gewaltig. Verdoppelt und verdreifacht. Zwei Vibrafone. Vier Trompeten. Zwei mal vier Hörner - im Wortsinn unerhört." Sehr glücklich ist auch Clemens Haustein in der FAZ, der insbesondere Festivalleiter Winrich Hopp lobt, dem aufs Neue ein Programm geglückt ist, "das auf dem Gebiet der Orchestermusik international seinesgleichen sucht, was Qualität, thematische Geschlossenheit und die Dichte der Entdeckungen angeht."

Sanfte Zweifel regen sich bei Peter Uehling von der Berliner Zeitung: "Stockhausen hatte eine Weltreligionsmusik im Sinn, ein alle Religionen in seiner Musik vereinendes Gebet. ... Wäre die Aktualität dieser Konzeption nicht besser auf einer Opernbühne zu inszenieren und zu problematisieren, ohne sich ausschließlich an Stockhausens gestische Vorgaben zu binden?"

Weitere Artikel: Im Standard erinnert Karl Fluch an den vor 30 Jahren einsetzenden Siegeszug von Acid House. Besprochen werden die Box "Spiritual Eternal" mit den drei in den 70ern für Warner entstandenen Alben von Alice Coltrane (The Quietus), Jóhann Jóhannssons Soundtrack zu dem Film "Mandy" (Pitchfork), das neue Album ">>>" von Beak> (The Quietus), das neue Album von Paul Simon (Standard), der Saisonauftakt des London Symphony Orchestras unter Simon Rattle (FAZ) und das Album "Room 25" der Rapperin Noname, das Briana Younger auf Pitchfork ziemlich abfeiert und wirklich ziemlich geschmeidig ist:

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Kunst

Serge Brignoni, Personnes à la plage, 1930. Aargauer Kunsthaus, Aarau


Inspiriert von einer Ausstellung im Aargauer Kunsthaus Aarau überlegt NZZ-Kritikerin Maria Becker, warum es der Surrealismus in der Schweiz doch recht schwer hatte. Expressionismus und Abstraktion wiesen in die Zukunft, denkt sie sich, "dem Surrealismus hingegen haftete etwas Abgründiges, zutiefst Persönliches an. Er zeigte die dunkle Seite der Welt, die sexuellen Wünsche und Ängste, die Existenzangst, die Vision der Apokalypse. Angesichts der Bedrohungen des Zweiten Weltkriegs sind die Phantasien von Schweizer Surrealisten wie Otto Abt, Walter Kurt Wiemken, Ernst Maass und Werner Schaad düstere Indikatoren ihrer Zeit. Max von Moos, Serge Brignoni, Otto Tschumi, Walter Moeschlin - sie alle zeigen sehr verschiedene Spielarten des Surrealismus. ... Der Surrealismus war auch für die Schweizer ein Gefäß zum Experimentieren. Und nicht zuletzt war er eine Kunst des Rückzugs, vielleicht mehr als anderswo. Denn wo man wenig Resonanz findet, liegt es nahe, sich nach innen zu wenden."

Weitere Artikel: In der Zeit annonciert Wolfgang Ullrich einige Ausstellungen zur Rolle des Dekorativen in der Kunst: die Ausstellung "Pattern and Decoration" im Ludwig Forum in Aachen und die Ausstellung "Victor Vasarely" im Städel in Frankfurt. Im Interview mit dem Tagesspiegel lässt Ai Weiwei einen gewissen Überdruss an der Kunst zu erkennen. Warum er trotzdem so viele Ausstellungen (über 100 Einzel- und über 300 Gruppenausstellungen in den letzten zehn Jahren) macht? "Der Grund ist: Ich suche den Zustand extremer Erschöpfung. Es muss nicht Kunstproduktion sein, wodurch ich ihn erreiche. Ich hatte mal einen Blog, mit dem ich rund um die Uhr beschäftigt war. ... Ich möchte an einen Punkt kommen, an dem ich mich selbst vergesse. Nur wenn ich total überanstrengt bin, schaffe ich das manchmal. Wahrscheinlich ein mentaler Defekt." Christiane Meixner untersucht im Tagesspiegel die Situation der Galerien in Berlin, von denen immer mehr aus finanziellen Gründen schließen müssen.

Besprochen werden die Monet-Ausstellung in der Wiener Albertina (Presse, Standard), eine Ausstellung mit Werken von Hannah Höch im Museum Reinickendorf in Berlin (taz), ein Bildband über rund 130 Ausstellungen der Neuen Nationalgalerie Berlin (Tagesspiegel) und eine Ausstellung der Malerin Lotte Laserstein im Frankfurter Städel (FR, FAZ).
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Archiv: Kunst

Architektur

"Ich möchte an meinem Zeichentisch sterben", erklärt ein äußerst munterer Renzo Piano im Interview mit der Zeit. In Paris hat er gerade den Neuen Justizpalast fertiggestellt, direkt an der Grenze zu der Banlieue Saint-Denis. Richtertische gibt es dort nicht mehr, nur runde Tische, an denen alle Prozessteilnehmer sitzen, erzählt er: "Am Anfang sagten die Richter: Vergessen Sie es! Aber jetzt stehen da die runden Tische. Als Architekt baut man den Wandel."

Weitere Artikel: Marion Löhndorf besucht für die NZZ die neue Dépendance des Victoria & Albert Museum im schottischen Dundee. In der Zeit unterhält sich Martin Tschechne mit dessen Architekten Kengo Kuma. Jürgen Tietz schreibt in der NZZ zum 125. Geburtstag Hans Scharouns. In der SZ stellt Gerhard Matzig neue Wohnutopien vor und poltert gegen den Trend zur Riesenwohnung.
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Literatur

Im Tagesspiegel gratuliert Klaus Hübner dem Schriftsteller Gerhard Köpf zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Inger-Maria Mahlkes "Archipel" (SZ) und Eckhart Nickels "Hysteria" (FAZ).
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Stichwörter: Mahlke, Inger-Maria

Bühne

Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk Kultur hofft Choreografin Adolphe Binder auf eine Gerichtsentscheidung, die ihr die Rückkehr als Intendantin des Wuppertaler Tanztheaters erlaubt. Allerdings müssten Geschäftsleitung und Gesellschafter sich darüber klar werden, was sie mit einer künstlerischen Leitung eigentlich wollen: "'Von meinem Arbeitsvertrag her bin ich die alleinverantwortliche künstlerische Intendantin. Nun ist diese Alleinverantwortung aber dadurch zu unterstützen - und von allen Beteiligten muss dies auch gewollt werden -, dass man diese Position einer Intendantin nicht nur schafft, sondern sich auch bewusst macht, dass diese neue Position auch Veränderungen mit sich bringt', erläutert Binder die Hintergründe des Zerwürfnisses."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel denkt Peter von Becker über Sinn und Unsinn von Immersion nach. Esther Boldt beschreibt in der nachtkritik den Kampf der Freien Theaterszene Frankfurt ums Überleben. Die Zeit bringt heute eine Vorschau auf den Bühnenherbst als kleine Beilage. Im Aufmacher porträtiert Hannah Schmidt die Chefdirigentin am Grazer Opernhaus, Oksana Lyniv.

Besprochen werden Axel Ranischs "Nackt über Berlin" im Opernhaus Halle (nmz), Wagners "Tristan und Isolde" am Staatstheater Hannover (nmz), Eva Kotátkovás Inszenierung vom "Justizmord des Jakob Mohr" am Heidelberger Theater (taz), Christoph Fricks Adaption von Michael Hanekes Film "Das weiße Band" für das Staatstheater Darmstadt (FR), Victor Ullmanns Rilke-Oper "Die Weise von Liebe und Tod" an der Neuköllner Oper Berlin (taz), Werner Düggelins Inszenierung von Büchners "Lenz" am Zürcher Schiffbau (FAZ), Vicki Baums "Menschen im Hotel" und Kafkas "Schloss" in Düsseldorf (SZ), Anne Teresa De Keersmaekers Choreografie der "Brandenburgischen Konzerte" an der Volksbühne Berlin (SZ).
Archiv: Bühne