9punkt - Die Debattenrundschau

Wiederentdeckte Rückwärtsgewandtheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.05.2018. In immer mehr arabischen Ländern wird Atheismus unter Strafe gestellt, berichtet der Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ. Die deutschen Politiker sollten weniger eifrig mit Rücksendungen sein - bei Kunstwerken sei das ja ok, aber bei Menschen? So provozierte Achille Mbembe laut SZ bei einer Konferenz in Hamburg.  Was richtet die DSGVO mit dem Internet an, fragt die Berliner Zeitung. Und der Islam-Historiker Bernard Lewis ist im Alter von 101 Jahren gestorben.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2018 finden Sie hier

Religion

Kirchen und Gläubige klagen bei den geringsten Einschränkungen, die der säkulare Staat ihnen auferlegt (kein Kreuz oder Kopftuch in Ämtern), gern über mangelnde Toleranz. Umgekehrt wird Toleranz allerdings selten praktiziert. Welcher christliche Würdenträger hat sich je wenigstens für die grausamsten Opfer des irischen Abtreibungsverbots eingesetzt? In Ägypten und Saudiarabien gilt Atheismus gar als Straftat, berichtet der aus Marokko in die Schweiz geflüchtete Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ: "Saudiarabien etwa hat den Atheismus in sein Terrorgesetz mit aufgenommen. Unter der Kuppel des ägyptischen Parlaments arbeiten die Minister gerade an einem Gesetzentwurf zur Kriminalisierung des Atheismus. Gemeinsam mit der Al-Azhar-Universität, der höchsten religiösen Autorität im Land, berät das Religionskomitee über Strafmaßnahmen, die Atheisten zukünftig abschrecken sollen. 'Allein im Jahr 2017 konnten in Ägypten 261 Terroranschläge verzeichnet werden, hinter denen allerdings kein einziger Atheist stand, sondern vielmehr islamistische Jihadisten - was genau ist also dieses 'Risiko des Atheismus', das der Staat und die Al-Azhar-Universität bekämpfen möchten?', fragt Mustafa Ali, der Administrator einer Facebook-Seite für Atheisten in der islamischen Welt, die mehr als 10 000 Follower hat."

Auch Witze über den Islam können böse Folgen haben, wie wir seit den Mohammed-Karikaturen in Jyllands Posten wissen. Die Karikaturen wurden hierzulande oft scharf kritisiert. In der arabischen Welt riskieren die Leute dagegen Kopf und Kragen für einen Witz, erzählt Mohamed Amjahid auf Zeit online. "Vor wenigen Wochen machte ein Witz die Runde im arabischsprachigen Netz: Ein schwedischer Konvertit wollte in einer Moschee zeigen, dass er ein super Moslem sei. Er schlachtete also ein Schaf und rannte mit dem blutigen Messer in den Gebetsraum. 'Schaut her, liebe Brüder! Jetzt seid ihr dran!', sagte der Schwede. Der Imam antwortete ihm 'Je suis Charlie' und rief die Anti-Terroreinheit herbei. Muslime haben keinen Humor, heißt es. Dabei kann beispielsweise eine türkische Karikatur bissiger und erbarmungsloser sein als alle Folgen der 'Heute Show' zusammengenommen."
Archiv: Religion

Gesellschaft

Die taz setzt ihre Serie zu Abtreibung in Europa fort. Deutschland ist dabei keineswegs ein Land, über das nicht zu reden wäre, schreibt Anja Maier - schon weil Abtreibung in Deutschland illegal, wenn auch geduldet, ist und die Diskussion um das Informationsverbot der Ärzte über Abtreibungen nicht ausgestanden ist: Und "in Zeiten des gesellschaftlichen Rollbacks scheint das Thema der körperlichen Selbstbestimmung von Frauen geeignet, sich damit ultrakonservativ zu profilieren. Die Regierungspartei CDU, in der letzten Legislaturperiode laut Selbstbeschreibung noch 'Die Mitte', ist froh, mit dem Paragrafen 218 ein Thema zu haben, bei dem sie ihre wiederentdeckte Rückwärtsgewandtheit unter Beweis stellen kann, ohne etwas riskieren zu müssen." Hier der Link zur Serie.
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Abtreibung, Paragraf 219a

Kulturpolitik

Leicht amüsiert beobachtet Jörg Häntzschel (SZ) den Wettstreit deutscher Politiker um die Position des eifrigsten Rückgebers von Raubkunst aus der kurzen deutschen Kolonialzeit. Zuletzt tat sich Andreas Görgen vom Auswärtigen Amt hervor mit einer Konferenz in Hamburg, die vom Postkolonialismus-Theoretiker Achille Mbembe eröffnet wurde: "Wie schon einige andere in den letzten Monaten forderte er, man dürfe die Objekte aus der Kolonialzeit und die afrikanischen Flüchtlinge der Gegenwart nicht getrennt betrachten. Zustimmendes Nicken. Dann aber verschreckte er die Zuhörer, als er ihr Engagement für die Rücksendung von Objekten an Herkunftsländer mit dem Engagement derer in Verbindung brachte, denen es eher um die Rücksendung von Menschen geht. 'Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der jeder und alles wieder nach Hause zurück muss?' Stattdessen, so Mbembe, sollten wir uns eingestehen, dass die Verstrickung der Welt unumkehrbar sei."
Anzeige

Ideen

Große Namen. Nicht nur Philip Roth ist gestorben (siehe efeu), sondern auch, von deutschen Medien fast unbemerkt, der eminente Islam-Historiker Bernard Lewis, der fast 102 Jahre alt geworden ist - in der Perlentaucher-Datenbank finden sich drei Bücher von ihm, alle von Anfang des Jahrtausends. Zeitschriften verlinken auf berühmte Artikel, "The Return of Islam" in Commentary, eine der frühesten Thematisierungen des Islamismus und  "The Roots of Muslim Rage" im Atlantic.

Douglas Martin schreibt in seinem New York Times-Nachruf: "In seiner Sicht stand der islamische Fundamentalismus  im Krieg mit dem Säkularismus und der Moderne, die vom Westen verkörpert wurden...  Sein wesentliches Argument über den Islam war, dass die islamische Zivilisation seit Jahrhunderten im Verfall sei und Extremisten wie Osama bin Laden erlaubte, die langanhaltende muslimische Frustration durch Unterstützung für den Terror auszubeuten... Sein prominentester Kritiker Edward Said nannte Lewis einen  Propagandisten eurozentrischer Ansichten." In der FAZ schreibt Rainer Hermann.

Außerdem: René Scheu liest für die NZZ den neuen, bisher nur auf Englisch erschienenen Essayband des Philosophen Nassim Taleb: "Skin in the Game. Hidden Asymmetries in Daily Life".
Archiv: Ideen

Internet

In der Berliner Zeitung kann es Annika Leister kaum fassen, mit welcher Nonchalance deutsche Politiker bereit sind, mit der absurd komplizierten DSGVO die deutsche Angebotswüste im Internet noch mehr auszutrocknen: "In vielen Branchen ist es eben nicht mit dem Wegschließen von Ordnern und der Bestellung eines Datenschutzbeauftragten getan. Nicht nur bei Fotografen und im Onlinemarketing stellt das Regelwerk die gesamte Arbeit in Frage, wie sie bisher geleistet wurde. 'Ist jetzt illegal, worauf meine Existenz aufbaut?', fragen sich die Betroffenen - und erhalten von Landesdatenschutzbeauftragten und den Zuständigen im Bundestag seit Monaten maximal die dreiste Antwort: Das müssen die Gerichte klären." Wer braucht schon Rechtssicherheit?

Nicht ganz zufrieden waren die EU-Parlamentarier mit dem Auftritt Mark Zuckerbergs in Brüssel, berichtet Zeit online mit Agenturen: "Zuckerberg musste die Fragen erst gesammelt am Ende beantworten, ohne Nachfragen zulassen zu müssen. Zum Ärger einiger Parlamentarier ging er in seinem Abschlussstatement auch nicht auf alle Fragen ein. So sagte er etwa nichts zum Austausch von Daten zwischen einzelnen Plattformen wie Facebook und dem ebenfalls zum Konzern gehörenden Messenger Whatsapp."

Friedhelm Greis schildert bei golem.de das "merkwürdige Format" der Befragung: "Anders als in den Anhörungen vor dem US-Kongress im vergangenen April gab es keine direkte Konfrontation zwischen Abgeordneten und dem Facebook-Chef. Vielmehr trugen die acht Fraktionschefs sowie vier weitere Abgeordnete, darunter der Grünen-Datenschutzexperte Jan Philipp Albrecht, ihre Statements und Fragen nacheinander vor. Danach hatte Zuckerberg die Möglichkeit, auf alle angesprochenen Themen das zu antworten, was Facebook am besten aussehen ließ. Nachfragen waren nicht erlaubt."

Wie Desinformation in sozialen Netzen funktioniert, zeigt Karsten Schmehl in buzzfeed.com beispielhaft an einem Netzwerk von siebzig Twitter-Konten, die systematisch Propaganda für die in Deutschland zum Teil von Kassen bezahlte Homöopathie machen: "Die rund siebzig Bots geben vor, echte Personen zu sein und manipulieren dadurch Diskussionen auf Twitter. Durch gegenseitiges Liken und Retweeten sorgt das Netzwerk dafür, dass Hashtags wie #Homöopathie oder #MachAuchDuMit mit besonders vielen Beiträgen geflutet werden, die sich positiv zu Homöopathie äußern. Davon profitiert unter anderem der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte. Unter den zwanzig erfolgreichsten Tweets des Vereins sind fast ausschließlich Tweets, die durch die verdächtigen Twitter-Profile verbreitet wurden. Menschen, die aufklärend über Homöopathie twittern, werden dagegen von den Profilen systematisch blockiert."

Archiv: Internet