Efeu - Die Kulturrundschau

Das Achselzucken als Wille und Vorstellung

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08.03.2018. Die Filmkritiker liegen Harry Dean Stanton zu Füßen, der in seinem letzten Film, "Lucky", einen rüstig-renitenten Cowboy-Rentner verkörpert. Die SZ sieht doppelte weiße Hirsche in Alex Garlands Verfilmung des Science-Fiction-Romans "Auslöschung". Die FAZ besucht die Ausstellung "Exil - Erfahrung und Zeugnis" in der Deutschen Nationalbibliothek. Auf Zeit online erinnert sich die Schriftstellerin Ayeda Alavie an das erste Juwel in ihrem deutschen Wortschatz. Die NZZ stellt das Projekt Bach-Stiftung vor. Die FAZ thematisiert das Elend der Filmförderung in Deutschland.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2018 finden Sie hier

Film


Harry Dean Stanton ist "Lucky"

In John Carroll Lynchs "Lucky" hat der im vergangenen Herbst 91-jährig verstorbene, ewige Nebendarsteller Harry Dean Stanton seinen letzten großen Auftritt und endlich mal einen Film ganz für sich und seinen faltigen Körper: Es geht um einen rüstig-renitenten Cowboy-Rentner irgendwo in der amerikanischen Einöde, in dessen von zahlreichen Routinen struktuiertem Alltag ein Sturz für eine Neu-Sortierung der Lage sorgt. Ein lakonisch-melancholischer, mit der Ästhetik des Westerns spielender Film, schreibt Anke Leweke in der taz: Mit dem Blick auf die Sterblichkeit verschmelzen Schauspieler und Rolle miteinander - "doch allzu viel Pathos duldet Harry Dean Stanton nicht, und mit dem ihm eigenen Achselzucken wischt er ihn auch schon hinweg. Stanton, das ist das Achselzucken als Wille und als Vorstellung, als kaum merkliche Distanz sich selbst und dem Dasein gegenüber, als Lebenshaltung fern jeder Resignation." Der Film könnte nach Jarmusch-Manier "tiefsinnig, kauzkomikselig oder manieriert kadriert geraten", schreibt Drehli Robnik in der Filmgazette, doch "'Lucky' ist schön, witzig und lässt der Titelfigur Raum." Auch Perlentaucher Thomas Groh freut sich über die "Bühne", die dieser Film ihrem Hauptdarsteller bietet.

Netflix entwickle sich derzeit offenbar "zur Resterampe für jene Sorte Film, von denen Studios meinen, dass sie im Kino niemand mehr sehen will", schreibt Kathleen Hildebrand  in der SZ, nachdem sie Alex Garlands mit Natalie Portman prominent besetzte, ursprünglich fürs Kino gedrehte Verfilmung von Jeff Vandermeers Science-Fiction-Roman "Auslöschung" gesehen hat, dessen internationale Auswertungsrechte sich Netflix gegrapscht hat, nachdem Paramount nach Testvorführungen vor Publikum kalte Füße gekriegt hat. Schade um die große Leinwand, meint Hildebrand: Der Film biete "Bilder, die das Gehirn überfluten und überfordern, es mit ihrer fremdartigen Schönheit verzaubern und zugleich tief verstören. ... Verdoppelte weiße Hirsche hüpfen hier synchron durch einen Tick zu grün leuchtende Gräser. Blühende Büsche haben die Umrisse von Menschen. Am Strand wachsen Bäume aus Kristall."

Die Filmförderungsanstalt (FFA) wird fünfzig. Geliebt wird sie traditionell nicht. Dass deutsche Filme in dieser Zeit beim Publikum immer mehr durchfielen, rufen der Rechtsanwalt Jascha Alleyne und Lars Henrik Gass, Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage, in einem von der FAS online nachgereichten, ziemlich wütenden Artikel in Erinnerung: Doch statt "eine geregelte Musealisierung des Kinos" in den Blick zu nehmen - Kunstmuseen leistet sich das Land schließlich auch allerorten -, alimentiert die FFA mit ihrem Jahresetat weiterhin eine Branche, die aus sich heraus wirtschaftlich nicht überlebensfähig wäre. "Niemand versucht die unheilvolle Allianz in Frage zu stellen, die Filmförderung, Fernsehen und Filmwirtschaft in Deutschland eingingen, die künstlerische Innovation offenkundig nicht befördert, sondern systematisch bis in die Filmausbildung hinein unterdrückt." Im Tagesspiegel rollt Andreas Busche die Geschichte der deutschen Filmförderung auf und kritisiert die neuen Leitlinien der Filmförderung: Diese "hätten zur Folge, dass die Förderwürdigkeit eines Films noch stärker an wirtschaftlichen Faktoren gemessen wird. Damit wäre die bedrohte Vielfalt des deutschen Kinos weiter gefährdet. "

Weitere Artikel: Für die New Filmkritik hat Thomas Helbig ein episches Gespräch mit Wilfried Reichart geführt, der von den 70ern bis 2004 die WDR-Filmredaktion maßgeblich geprägt hat und im Zuge immer wieder mit Godard sprach, dessen Arbeiten er im Fernsehen vermittelte.

Im Blog des Österreichischen Filmmuseums macht sich Patrick Holzapfel Gedanken über Johann Lurfs Film "★". Das Berliner Zeughauskino zeigt Hollywood-Melodramen, zu denen Erich Wolfgang Korngold die Musik komponiert hat, berichtet Katharina Granzin in der taz. Volker Pantenburg schreibt auf New Filmkritik zum Tod des französischen Produzenten André S. Labarthe, der zahlreiche Fernseh-Dokumentationen über das Kino produziert hat, darunter die legendäre cinephile Sendereihe "Cinéastes de notre temps". Hier die Episode über John Cassavetes:



Besprochen werden Terrence Malicks auf DVD veröffentlichter Dokumentarfilm "The Voyage of Time" (critic.de), "Molly's Game" mit Jessica Chastain (Welt), Thorsten Trimpops Dokumentarfilm "Furusato - Wunde Heimat" über Menschen, die ihre Heimat bei Fukushima nicht verlassen wollen (taz), Miguel Alexandres Tragikomödie "Arthur & Claire", in der Josef Hader sterben will (SZ), Paolo Virzis "Ella & John", in dem Donald Sutherland und Helen Mirren um Fragen des selbstbestimmten Sterbens kreisen (NZZ), der von Jerry Bruckheimer produzierte Actionblockbuster "Operation: 12 Strong" (Standard), Eli Roths mit Bruce Willis besetztes Remake des Selbstjustiz-Klassikers "Death Wish" (Kino-Zeit, Perlentaucher), ein von der ARD online gestellter Zweiteiler über das Gladbecker Geiseldrama (ZeitOnline, FAZ, FR) und Christian Jungens Biografie über den ehemaligen Berlinale-Leiter Moritz de Hadeln (NZZ).
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Architektur

In der NZZ stellt Antje Stahl kurz den neuen Pritzkerpreisträger Balkrishna Doshi vor. In der SZ nimmt Georg Cadeggianini die von einem Gitter ummantelten Steinmauern, die Gabione, aufs Korn.
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Literatur

Tilman Spreckelsen besucht für die FAZ die neue Dauerausstellung "Exil - Erfahrung und Zeugnis" in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Ein bedrückender Gang durch die Geschichte der Flucht, erfahren wir. In einer Vitrine zu lesen gibt es etwa das Tagebuch des Schriftstellers Arnold Höllriegel, das 1933 in der Sahara entstand: "'Was mache ich also in den unentdeckten Teilen der Libyschen Wüste?', fragt er am 4. März 1933. 'Ich habe eine Antwort darauf: den Kopf in den Sand stecken. Ich trete diese wildeste, abenteuerlichste, gefährlichste meiner vielen Reisen an und weiß, dass es einfach eine Flucht ist.' Er sei einer, 'hinter dem die deutsche geistige Welt zusammenkracht wie ein morsches Gebilde. Ich hinterlasse zwei fertig gesetzte Bücher, von denen ich nicht weiß, ob sie werden erscheinen können.'"

In der Reihe "Zehn nach Acht" auf ZeitOnline erinnert sich die Schriftstellerin und Übersetzerin Ayeda Alavie daran, wie sie in ihrer Kindheit den Krieg zwischen Iran und Irak erlebt hat und später nach Deutschland gekommen ist. "'Guten Tag' wurde das erste Juwel in meinem deutschen Wortschatz. Bald prasselte die deutsche Sprache täglich gegen meine Haube und sprach mit mir in ihrem regelmäßigen, regenmäßigen, fremdenfreundlichen Sprachrhythmus. Deutsche Worte klangen in meinen Ohren gradlinig. Sie strahlten transparent. Sie wollten mit mir kommunizieren. Sie wollten, dass ich sie verstehe. Dasselbe wollte ich auch." Beim Bayerischen Rundfunk kann man derzeit ihr Feature über das Ankommen in der deutschen Sprache hören.

Weitere Artikel: Der Frank-Schirrmacher-Preis geht in diesem Jahr an den Schriftsteller Daniel Kehlmann, meldet unter anderem die NZZ. Besprochen werden unter anderem Atiq Rahimis "Heimatballade" (Tagesspiegel), Alexander Schimmelbuschs Hochdeutschland" (Tagesspiegel), Roberto Savianos Mafia-Roman "Der Clan der Kinder" (SZ) und Silvia Bovenschens postum veröffentlichter letzter Roman "Lug & Trug & Rat & Streben" (FAZ).
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Kunst

Besprochen werden die Fotoausstellung "Robert Lebeck 1968" im Kunstmuseum Wolfsburg (Welt) und eine Retrospektive der Künstlerin Nicole Wermers im Kunstverein Hamburg (SZ).
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Bühne

In der Berliner Zeitung porträtiert Ulrich Seidler die Schauspielerin Stefanie Reinsperger.

Besprochen werden Christoph Fricks Inszenierung von Molières "Tartuffe" in Mainz (FR), die Uraufführung von Sasha Marianna Salzmanns Drama "Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten (Zucken)" am Wiener Theater Hamakom (Standard) und Paul Dukas' Oper "Ariane et Barbe-Bleue" mit dem Dirigenten Roland Kluttig in Graz (FAZ).
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Musik

In der NZZ berichtet der ehemalige Banker Konrad Hummler von seinem in Kindheitstagen wurzelnden Traum, sämtliche Vokalwerke Bachs zur Aufführung zu bringen und audiovisuell zu dokumentieren. Finanziert wird das - derzeit in der Halbzeit angekommene - Projekt Bachstiftung aus den Überbleibseln früheren Unternehmertums. Frohe Kunde: Auch im angeblich so zerstreuten Internet wird das Angebot dankbar aufgenommen - das ist "das Überraschendste des wahr gewordenen Traums: die Rezeption unserer Trogener Produktion in den Social Media. Wir veröffentlichen Teile unserer Aufnahmen auf YouTube, wo die Kantatenteile millionenfach angeklickt werden. Auf Facebook unterhalten wir einen Bach-Kanal mit rund 300 000 'Freunden'.

Weitere Artikel: Auf Skug berichtet Christoph Benkeser vom Elevate-Festival in Graz, wo politische Debatten auf elektronisch-experimentelle Musik stießen.

Besprochen werden Lucy Dacus' Album "Historian" (Standard), die Neuauflage der ersten drei Pet-Shop-Boys-Alben (The Quietus), ein Mozart-Konzert des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters in Wien (Standard) und Kat Frankies Frankfurter Auftritt (FR).
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