9punkt - Die Debattenrundschau

Nicht nur das Kegeln

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.02.2018. Zwei Jahre nach dem Putsch ist in der Türkei die Luft raus, der Feldzug gegen Afrin geschieht auch aus Populismus, konstatiert Bülent Mümay in der FAZ. Die taz kritisiert die EU-Politik im Westbalkan: Warum schreitet sie nicht gegen die Nationalisten ein? Und warum bestimmen Transhumanisten über Künstliche Intelligenz, fragt der Kultursoziologe Thomas Wagner in der NZZ. In der Welt  sieht Tilman Krause Theodor W. Adorno als Vater der policitcal correctness.

Europa

Jüngste Äußerungen von EU-Offiziellen geben den Ländern im Westbalkan wieder eine Eintrittsperspektive - angesichts immer stärkerer Einmischung von Russland, der Türkei und Chinas in der Gegend ist das zu begrüßen, meint Erich Rathfelder in der taz, der die EU-Politik in der Gegend dennoch sehr kritisch sieht: "Warum hat Brüssel nicht stärker eingegriffen, als mit den Religionen verbündete nationalistische Parteien und verantwortungslose Führer in der letzten Dekade Scheindemokratien aufgebaut haben, die sich durch Terror und Kontrolle über die Medien an der Macht halten? In Bosnien und Herzegowina können die Volksgruppenführer wie der Chef der serbischen Teilrepublik mit Abspaltung und Krieg drohen, ohne dass dies sanktioniert würde. Die meisten dieser Führer versuchen unverhohlen, durch das Schüren nationalistischer Ressentiments ihre Herrschaft zu festigen."

Erdogans Feldzug gegen Afrin ist auch aus Populismus zu erklären, vermutet Bülent Mümay in seiner FAZ-Kolumne. Denn nach zwei Jahren Post-Putsch-Hysterie scheint in der Türkei ein bisschen die Luft raus zu sein: "Vor allem die Wirtschaftsflaute trifft die unteren und mittleren Schichten, auf die sich die Regierung maßgeblich stützt, erheblich. Zum ersten Mal erlebt die Türkei, dass Menschen sich aus Verzweiflung über ihre Arbeitslosigkeit anzünden. In die Mainstream-Medien schaffen diese Fälle es natürlich nicht; das heißt, es wird nicht zugelassen, dass sie in die Nachrichten kommen. Darüber hinaus hat ein enormer Braindrain eingesetzt. Junge Leute suchen eine Zukunft außerhalb der Türkei."

In der Berliner Zeitung erzählt die Historikerin Anna Delius von der polnischen "Angst vor dem Umschreiben der Geschichte". Das Gesetz, das die Behauptung polnischer Mitschuld am Holocaust unter Strafe stellt, sei populistisch, "weil es die Opfer historischer Verbrechen gegeneinander ausspielt, statt, wie Kwasniewski es 2001 tat, das jüdische Leid als eigenes Leid und zugleich als eigene Verantwortung zu begreifen. Es ist undemokratisch, weil es eine offene Debatte zu verhindern versucht."

Der israelische Schriftsteller Doron Rabinovici lässt sich von den zahlreichen durch rechtes Gedankengut motivierten politischen Entscheidungen, die derzeit Polen und Österreich überschatten, nicht mehr überraschen. Im Logbuch Suhrkamp wundert er sich dennoch, wie spät manche Besorgnis um ein mit Rechtsextremen koalierendendes Regierungsbündnis in Österreich eingesetzt habe: "Die Freiheitlichen sind radikaler denn je. Sie werden von den Burschenschaftlern dominiert. Sie sind die Nachfolger der Vorläufer der Nazis. Sie sind nicht bloß die Überbleibsel einer überholten Ideologie, die einst schon diesen Kontinent in den Abgrund riss, sondern die Avantgarde jener Kräfte, die in den verschiedenen Ländern der Union vom Untergang des vereinten Europa träumen."

Außerdem: Paul Dallison liest für politico.eu ein internes Papier der britischen Regierung, das letzte Woche geleakt wurde und nun der Presse vorliegt und der britischen Wirtschaft nach dem Brexit eine Schrumpfung voraussagt - besonders betroffen seien jene Regionen, die massiv für den Brexit gestimmt haben. Im SZ-Gespräch mit Christiane Schlötzer spricht der kurdische Schriftsteller Burhan Sönmez über die Abkehr von liberalen Werten in der Türkei, Verhaftungen für Facebook-Shares, Hass in der Gesellschaft und seine Erfahrungen, in einem kurdischen Dorf aufzuwachsen.

Und nicht nur in Ungarn sieht man George Soros als Großverschwörer:


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Internet

Ist die Ära der Facebook-Öffentlichkeit schon vorbei? Bei jungen Leuten fängt sie vielleicht gar nicht mehr an, meint Sascha Lobo in seiner jüngsten Spiegel-online-Kolumne: "Junge Menschen sind heute zwar äußerst aktiv im sozialen Netz, allerdings sehr viel intensiver dort, wo soziale Medien nicht öffentlich oder halböffentlich sind: in privaten digitalen Räumen, allen voran WhatsApp, ab Werk nichtöffentlichen Messengern und Gruppenchats. Die frühere Erfolgsgeschichte von Snapchat war sogar angetrieben von einer ausschließenden und damit öffentlichkeitsreduzierenden Haltung."

Ausgerechnet die Transhumanisten, also jene, die das Ende des biologischen Menschen herbeisehnen, beschäftigen sich mit der Frage, wie verhindert werden könne, dass künstliche Intelligenz den Weltuntergang herbeiführt und wie man sie mit menschlichen Werte ausstatten könne, stellt der Kultursoziologe Thomas Wagner in der NZZ besorgt fest: "Sie bestimmen schon heute maßgeblich mit, wie über die Risiken der boomenden künstlichen Intelligenz nachgedacht wird - dies nicht zuletzt, weil sie von finanzstarken Geldgebern massiv unterstützt werden. Hinter dem Future of Humanity Institute steht eine Stiftung des IT-Unternehmers James Martin. Das Future of Life Institute begann seine Arbeit mit einer 10-Millionen-Dollar-Spende von Elon Musk, und der ebenfalls milliardenschwere Risikokapitalist Peter Thiel steckt sein Geld seit Jahren in das MIRI und eine Vielzahl weiterer transhumanistischer Projekte." Deshalb fordert Wagner eine kritische Untersuchung der Verflechtung von transhumanistischen Netzwerken, Digitalwirtschaft und Forschungsinstituten und mehr öffentliche Gelder für eine von der Privatwirtschaft unabhängige Expertise.

Außerdem: Cindy Kohn meldet bei eff.org, dass der Internetpionier und Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation John Perry Barlow im Alter von siebzig Jahren gestorben ist.
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Ideen

Mit dem 68er-Jubiläum kommt auch Adorno zurück, stöhnt Tilman Krause in der Welt. Dabei war er nie weg, wie Krause mit Blick auf unser "Zeitalter der politisch korrekten Sprachgebote und  -verbote" feststellt, war er doch der erste Publizist, der die Beurteilung eines Kunstwerks nach moralpolitischen Kriterien in die Welt brachte: "Was nach dem Holocaust, als man nach den Ursachen für den ungeheuren Zivilisationsbruch suchte, vorübergehend für eine sinnvolle Vorgehensweise gehalten werden konnte, hat sich seitdem verselbstständigt und ist im schlimmsten Fall heute zur puren politischen Gesinnungsschnüffelei degeneriert. Warum? Was machte Adornos Methode so populär, dass sie auch dort noch angewendet wird, wo der Zusammenhang mit dem Urheber niemandem mehr bewusst ist? Die Antwort ist schnell gegeben: Populär und praktikabel macht sie, dass sie so einfach geht!"

"Kunst muss frei sein", fordert auch Hermann Parzinger, wie Nicola Kuhn den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über den Umgang der Museen mit Bildern, die unter Sexismus-Verdacht stehen, im Tagesspiegel zitiert: "Museen sind Orte freien und kritischen Denkens. Gerade wir Deutsche haben mit Zensur in der Kunst viel zu schreckliche Erfahrungen gemacht, als dass wir hier leichtfertig einem äußerst fragwürdigen Trend folgen sollten. Was wäre dann noch der Unterschied zu Ländern, in denen zum Beispiel keine Bilder mit Nackten gezeigt werden dürfen, und die wir dafür gerne hart kritisieren?"
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Gesellschaft

Deutschlands Diskussionskultur ist zerrüttet, der Umgangston der Deutschen hat sich auch in bürgerlichen Kreisen verschärft, Informationen werden nur noch oberflächlich zur Kenntnis genommen - und dann kegelt der Deutsche auch kaum noch, stellt Susanne Gaschke in einem uferlosen Artikel in der NZZ fest: "Da ist das dumpfe Gefühl, schon mit einer Million Flüchtlingen überfordert zu sein - wo wir doch wissen, dass laut UNHCR weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Da ist die überwältigende Gewissheit, dass die Digitalisierung alles, wirklich alles ändern wird, ohne dass darüber jemals eine demokratische Entscheidung gefällt wurde. Da ist schließlich das Absterben von Religion und Traditionen, nicht nur des Kegelns."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Digitalisierung

Medien

Ein Erfolg der No-Billag-Initiative (Unser Resümee) würde das Aus der Öffentlich-Rechtlichen in der Schweiz bedeuten, glaubt in der Zeit die Journalistin Bernadette Conrad - den Öffentlich-Rechtlichen würden 75 Prozent ihrer Einnahmen verloren gehen. Einem jungen Mann, der "aus Prinzip" keine "Zwangsabgabe" für den "Staatssender" leisten wolle, erwidert sie: "Wie malt er sich die 'Freiheit' in einer Welt der Privatsender aus, wo Information immer interessengeleitet und kommerziell ist? Die Freiheit der Privatwirtschaft, wie sie uns von Donald Trumps oder Silvio Berlusconis Medien vermittelt wird."

Frederik Fischer stellt bei Medium.com einige "Indie-Startups" im deutschen Online-Journalismus vor, worunter er Online-Medien versteht, die irgendwie relevant sein wollen. Warum die Uebermedien vorkommen, der Perlentaucher aber zum Beispiel nicht, erklärt sich durch das Auswahlkriterium "Finanzierung überwiegend über die Crowd, Stiftungen oder Mäzene. Wer sich vornehmlich über Werbung finanziert, bleibt grundsätzlich unberücksichtigt. Warum Werbeabhängigkeit problematisch ist? Das wird zum Beispiel hier gut erklärt."
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Urheberrecht

Alexander Fanta liest für Netzpolitik die netzpolitischen Absichtserklärungen des Koalitionsvereinbarung, freut sich, dass die mögliche neue Bundesregierung gegen Upload-Filter ablehnt, konstatiert aber auch, dass sie sich  "vehement für das Leistungsschutzrecht" einsetzt: "Das Vertragspapier hält fest, dass die Bundesregierung 'nachdrücklich eine zeitnahe Regelung zur Verlegerbeteiligung bei den Verwertungsgesellschaften' unterstützt und die 'Position der Verleger auf europäischer Ebene durch eine eigene Rechtsposition' stärken werde. Das Leistungsschutzrecht soll Verleger an den Einnahmen von Suchmaschinen und Internetplattformen beteiligen, die Ausschnitte aus Verlegerinhalten etwa in ihren Suchergebnisse zeigen und dabei Werbung einblenden. Obwohl das deutsche Leistungsschutzrecht gescheitert ist, drängt die Regierung dennoch auf ein gesamteuropäisches Modell."
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