9punkt - Die Debattenrundschau

Verwundbarkeitsparadox

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.12.2017. Mit unserer Technikphobie und dem neuen Kult der Wurzeln sind wir auf dem Weg zurück ins 17. Jahrhundert, diagnostiziert in der NZZ der Historiker Volker Reinhardt. Mehr Effizienz und weniger "Herumreiten auf 'demokratisch' genannten Verfahren" im Westen fordert der Politikwissenschaftler Parag Kkanna in der FR. Mehr Moderne und weniger Schloss im Innern des Humboldt-Forums fordert Viola König, bis vor kurzem Direktorin des Ethnologischen Museums in Dahlem, in der Berliner Zeitung. Weniger Spaß an Überwachungstechniken wünscht sich die SZ.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.12.2017 finden Sie hier

Gesellschaft

Während Ärzte nicht über den Schwangerschaftsabbrüche informieren dürfen, sind die übelsten Aktionen ihrer Gegner durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Patrick Guyton porträtiert in der taz den Münchner Arzt Friedrich Stapf, der in München Schwangerschaftsabbrüche durchführt und mit Klagen gegen seine Gegner nicht durchkommt. Dagegen der Paragraf 219a: "Stapf sieht sich durch den Paragrafen derartig bedroht, dass er sich etwa in der taz nicht mit dem Satz zitieren lässt, er betreibe in München Schwangerschaftsabbrüche. Dafür finden sich auch am großen 'Gesundheitszentrum Medi-Care'" in München-Freiham keine Hinweise. Eine Kinderkrippe ist dort untergebracht, Physiotherapie, Zahn- und Augenärzte. Auf der Info-Tafel im Eingang steht für den zweiten Stock nur 'Klinik Stapf', sonst nichts. 'Schwangerschaftsabbrüche werden sich nie verhindern lassen', meint der Arzt, 'darum müssen sie auch ordentlich gemacht werden.'"

Die Enthüllungen über sexuellen Missbrauch gehen weiter. Die Met suspendiert nun ihren "Music Director Emeritus" James Levine, nachdem ihm gravierender sexueller Missbrauch an Jungen vorgeworfen wird. In Europa war der schwer parkinsonkranke Levine schon nicht mehr am Pult, Gerüchte zirkulierten schon länger, schreibt Manuel Brug in der Welt: "Levines Manager war der 2015 verstorbene Ronald A. Wilford, Chef der mächtigen Agentur CAMI, an dem alle schon früher immer wieder erhobenen Vorwürfe gegen James Levine und seine angeblichen sexuellen Eskapaden abprallten. Gerüchte, der Dirigent habe sich mit Minderjährigen eingelassen, wurden angeblich immer im Keim erstickt, es seien womöglich Millionen Dollar an Schweigegeldern gezahlt worden." In der SZ berichtet Thorsten Denkler. Auch Michael Cooper bestätigt in der New York Times, dass es seit Jahrzehnten Gerüchte über Levines Verhalten gab.

Gideon Böss von den Salonkolumnisten ist offenbar kein Fan des "Zentrums für politische Schönheit", das bekanntlich ein Holocaust-Mahnmal vor der Haustür des AfD-Manns Björn Höcke abgestellt hat: "Deutsche stalken nun also andere Deutsche mit dem Holocaust und bauen ihnen Stelen vor das Haus, als ob es sich um Halloween-Streiche handelt. Die Künstler verlangen von Höcke, vor diesem Mahnmal in die Knie zu gehen, das sie der Einfachheit halber gleich selbst mitgebracht haben, als ob es sich um einen Kasten Bier oder eine Hüpfburg handelt. Spaßgesellschaft trifft auf schwarze Pädagogik, das ist die deutsche Erinnerungskultur im Herbst 2017."

Ideen

Wir leben heute in der Postmoderne, sagt man allgemein. Der Historiker Volker Reinhardt würde zustimmen: Wir haben uns so weit von Aufklärung und Moderne entfernt, dass wir fast schon wieder im 16., 17. Jahrhundert gelandet sind, schreibt er in der NZZ. Symptome sind für ihn die Diskreditierung der Naturwissenschaften, die Konjunktur der Esoterik, die Rückkehr des Prangers und die Heiligsprechung der Familie: "Das war noch vor wenigen Jahrzehnten ganz anders: Die ältere Generation galt als korrumpiert und unheilbar reaktionär; wer selbstbestimmt leben wollte, musste sich von allen Banden der Herkunft so schnell wie möglich frei machen. Im 21. Jahrhundert ist die Suche nach den Wurzeln, nach unbekannten Vätern und Müttern, Tränendrücker in allen Trivialmedien und, existenziell überhöht, in der höheren Belletristik unabdingbare Voraussetzung zur Selbsterkenntnis. Damit ist die Familie wieder geworden, was sie früher selbstverständlich war: die Matrix des Individuums und der Schlüssel zu seiner Beurteilung."

Es läuft gerade sehr gut auf der Welt, Asien und Afrika blühen auf, neue große Infrastrukturprojekte wie die von China angeschobene "Neue Seidenstraße" verknüpfen immer mehr Länder, die miteinander Handel treiben können, meint der Politikwissenschaftler Parag Kkanna im Interview mit der FR. Nur der Westen, der "steckt in einer Krise. Ein Kapitel meines Buches heißt 'Politik als Prozess ohne Ergebnisse'. Wir kümmern uns zu sehr um die Verfahren, statt um die Ergebnisse. Das Herumreiten auf von uns 'demokratisch' genannten Verfahren, die nur die bestehenden, Weiterentwicklungen behindernden Verhältnisse zementieren, wird uns nicht weiterhelfen. Manche werfen mir vor, ich sei undemokratisch, weil ich die Effizienz Singapurs lobe. Aber welcher Antidemokrat ist für eine allgemeine Wahlpflicht?"

André Versaille, Autor des Buchs "Les musulmans ne sont pas des bébés phoques" (Muslime sind keine Robbenbabys) hält die Verdrängung, die er heute Linksintellektuellen gegenüber dem Islamismus vorwirft, im Gespräch mit  Gil Mihaely von Le Causeur für ein altes Symptom und bringt sie in einen Zusammenhang mit der besonders in Frankreich beliebten Leugnung kommunistischer Verbrechen: "Wir haben alles abgestritten: die sowjetischen Konzentrationslager, die Schauprozesse in Moskau, Prag und anderswo, die Schrecken des Maoismus. Und dann leugneten wir den diktatorischen Charakter der Regimes, die aus den kolonialen Befreiungsbewegungen hervorgegangen waren. Man sagt gemeinhin, dass Donald Trump der Erfinder der 'alternativen Fakten' sei. Was für ein Irrtum, wir, die 'Progressiven', waren hundert Jahre vor ihm da..."

Außerdem: In der NZZ denkt der Autor Jonas Lüscher mit Robert Walser und Judith Shklar über Ungerechtigkeit nach. In der SZ berichtet Jörg Häntzschel von der Berliner Ausstellung "1948 Unbound", in der 40 Wissenschaftler und Künstler über die Zukunft nachdenken. In der FAZ unterhält sich Fridtjof Küchemann mit der Ko­gni­ti­ons­psy­cho­lo­gin Rakefet Acker­man, die herausgefunden hat, dass man auf Bildschirmen schlechter lernt als mit Büchern. Und der Historiker Martin Aust polemisiert ebenfalls in der FAZ gegen seinen Kollegen Timothy Snyder, der in seiner Verteidigung der Ukraine übers Ziel hinausschieße.

Religion

Der Jurist Steffen Augsberg und der Theologe Peter Dabrock wenden sich in der FAZ gegen eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts, die so etwas wie aktive Sterbehilfe zumindest entfernt nicht abzulehnen schien, und verlangen, dass "denen entschieden entgegengetreten wird, die den Suizid romantisieren oder idealisieren und zu einer Normaloption des Sterbens erklären wollen".
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Stichwörter: Sterbehilfe, Suizid

Kulturpolitik

Viola König war bis zu ihrer Pensionierung am Freitag Direktorin des Ethnologischen Museums in Dahlem. Wieviele Konzepte sie für das Humboldt-Forum hat kommen und gehen sehen, weiß sie schon gar nicht mehr, bekennt sie im Interview mit Nikolaus Bernau von der Berliner Zeitung. Inzwischen werden die Museumsdirektoren bei der Planung kaum noch gefragt, kritisiert sie: "Als wir begonnen haben zu planen, da kannte man die Architektur ja noch nicht. Und die Beruhigungspille war immer: Es gibt zwar die barocke Fassade, doch dahinter können wir auf modernen Flächen ungehindert planen. Inzwischen breiten sich die Anhänger der Schlossidee auch im Inneren immer weiter aus. Jetzt sollen sogar Elemente des Schlosses in die Ausstellungen implementiert werden. Aber wenn ich das komplexe Weltbild der Bewohner des Amazonasgebietes zeigen will, und der Besucher begegnet dort der bestickten Rokoko-Thronrückwand der Königin Elisabeth Christine - wie soll man das vermitteln?"

Außerdem: In der NZZ erklärt der amerikanische Paläontologe Scott Sampson, warum in der Stadtplanung Big Data und grünes Denken kein Widerspruch sind: "Man prägt neue Begriffe wie 'technobiophile Städte' oder 'Nature Smart Cities', um dieses Mischkonzept zu beschreiben: urbane Räume, in denen die biologische ebenso wie die digitale Welt willkommen sind."

Überwachung

Warum wehren sich so wenig Menschen gegen die modernen Überwachungstechniken? Oft tragen sie sogar selbst mit Begeisterung zur Überwachung bei. Adrian Lobe findet eine Erklärung dafür im neuen Buch des amerikanischen Kulturwissenschaftler Randolph Lewi, "Under Surveillance: Being Watched in Modern America", das er in der SZ vorstellt: Lewi "spricht in Anlehnung an Benthams Überwachungs-'Panopticon' von einem 'Funopticon', einer Überwachung, die Spaß macht. Lewis führt das Funopticon als Konzept für die zunehmend 'spielerische Überwachungskultur' im 21. Jahrhundert ein: 'Selbst wenn sich Überwachung auf eine Art und Weise in unsere Körper schleicht, die viele Leute als demütigend und ausbeuterisch empfinden, tut sie gleichsam etwas anderes: Sie operiert in einer Weise, die sich nicht immer unterdrückend und schwer anfühlt, sondern wie Freude, Bequemlichkeit, Wahlfreiheit und Gemeinschaft.'"