9punkt - Die Debattenrundschau

Jeder so seine eigene Wahrheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.12.2017. Der senegalesische Historiker Tidiane N'Diaye macht in Le Point Afrique arabischen Rassismus und westliche Gleichgültigkeit verantwortlich für den Sklavenhandel in Libyen. In der taz warnt der Bürgerjournalist Abdalaziz Alhamza: Nach dem Abzug des IS aus Raqqa terrorisiert die kurdische SDF die syrische Bevölkerung. In der NZZ erklärt der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski, warum Aufarbeitung in Russland etwas anderes ist als in Deutschland. Und der Philosoph Thomas Metzinger entwirft eine künstliche Superintelligenz, die uns von allem Leiden erlöst. Auf Zeit online wirbt die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig für den Erhalt der Wahrheit.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.12.2017 finden Sie hier

Politik

Der arabische Sklavenhandel ist wohl das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das noch nicht ins öffentlichen Bewusstsein gelangt ist. Der Senegalese Tidiane N'Diaye ist ein Historiker dieses Sklavenhandels (wir haben seinerzeit ein Kapitel seines Buchs "Der verschleierte Völkermord" vorabgedruckt). Im Interview mit Viviane Forson in Le Point Afrique stellt er die grauenhaften Szenen in Libyen (Sklavenmärkte und Pogrome) in den Kontext des arabischen Rassismus, der von Jahrhunderten der Versklavung von Schwarzafrikanern geprägt ist. Aber auch die heutigen afrikanischen und europäischen Eliten kommen bei ihm nicht gut weg: "Der heutige Menschenhandel in Nordafrika erlaubt es wohl, den Strom der Flüchtlinge aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen nach Europa zu regulieren. Einigen armen Ländern Afrikas hilft er außerdem, ihre jungen Männer loszuwerden, die sonst revoltieren könnten. Das ist ein 'Vorteil' für Herrschenden - die westlichen und chinesischen Schutzmächte geben ihren Segen."

Das syrische Raqqa ist inzwischen vom IS befreit. Ein Ruhmesblatt ist das aber nicht für die internationale Gemeinschaft, meint Abdalaziz Alhamza von der syrischen Bürgerjournalisten-Gruppe "Raqqa is being slaughtered silently" im Gespräch mit der taz: "90 Prozent der Gebäude in Rakka sind zerstört, Tausende Zivilisten sind gestorben. Wer überlebt hat, hat Freunde und Familie verloren. So hatten wir uns die Befreiung nicht vorgestellt." Zumal jetzt eine neue Gruppe die Stadt tyrannisiere, die kurdisch dominierte SDF: "Auch sie begehen Verbrechen, außer uns berichtet nur kaum jemand darüber: sie brennen Häuser nieder, vertreiben Menschen aus ihren Wohnungen, die oft eh nur noch Ruinen sind. Zivilisten werden willkürlich festgenommen, Kinder werden gezwungen, sich der Armee anzuschließen. Kinder, die ihr Leben lang nie etwas anderes gesehen haben als Besatzung, wurden erst vom IS zwangsrekrutiert, jetzt sollen sie für die SDF gegen den IS kämpfen. ... Rakka wird nicht frei sein, bevor nicht die Bürger von Rakka die Macht übernehmen."

Ideen

Fake News, also Lügen, haben eine lange Tradition, erklärt die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig auf Zeit online. Heute kann jeder Lügen im Netz verbreiten und sie "alternative Fakten" nennen. Ist die Wahrheit damit abgeschafft? "Die Auffassung, dass es die Wahrheit gar nicht gebe, sondern jeder so seine eigene Wahrheit habe, ist gerade in der modernen, pluralistischen Demokratie verbreitet. Die verhängnisvolle Erfahrung mit dem totalen Wahrheitsanspruch des Nationalsozialismus und Kommunismus hat den Anspruch auf Wahrheit insgesamt in Verruf gebracht. Doch muss man der Opferung von Menschen in diesen Regimen auch noch die Opferung der Wahrheit folgen lassen? Dass der Verzicht auf die Wahrheit logisch nicht haltbar ist, zeigt sich schon daran, wie selbstverständlich ausgerechnet die Relativisten sie für ihren Standpunkt reklamieren. Und wie kann die Wahrheit in Abrede gestellt werden, ohne auch die Lüge zu verneinen?"

In der NZZ denkt der Philosoph Thomas Metzinger über eine künstliche Superintelligenz nach, die uns nicht nur an Sachverstand überlegen ist, sondern auch unsere Weltwahrnehmung mit all unseren Selbsttäuschungen besser versteht als wir selbst. Und was würde sie feststellen? Dass das Vermeiden von Schmerz und Leiden unser wichtigster Antriebsmotor ist: "Auf begrifflicher Ebene weiß sie natürlich seit langem, dass kein Wesen unter seiner eigenen Nicht-Existenz leiden kann. Die Superintelligenz schließt daraus, dass Nicht-Existenz im eigentlichen Interesse aller zukünftigen selbstbewussten Wesen auf diesem Planeten liegt. Empirisch weiß sie: Die natürlich evolvierten biologischen Lebewesen können diese Tatsache nicht erkennen, weil sie unter einem fest verankerten Überlebenstrieb leiden, unter dem, was die buddhistischen Philosophen den 'Durst nach Dasein' genannt haben. Die Superintelligenz entscheidet sich, wohlwollend zu handeln."

Gesellschaft

Im Interview mit der Welt spricht die Kriegsreporterin Åsne Seierstad über ihr Buch "Zwei Schwestern", das die  Geschichte der Teenager Ayan und Leila erzählt, die sich von Norwegen nach Syrien zum IS aufmachten. Die Bessenheit der beiden erinnert sie an ein Phänomen, das vor allem im Westen bekannt ist: Magersucht. "Es geht darum, das Richtige zu tun. Perfekt zu sein. Es war ja auch ein Wettbewerb zwischen den Mädchen. Man muss mindestens fünfmal am Tag beten, aber es gibt nach oben einfach keine Grenze, man kann auch 100- oder 200-mal beten. Je mehr desto besser. ... Ein norwegischer Psychiater, der mehrere Bücher über Magersucht geschrieben hat, sagte mir, die beiden Mädchen würden ihn sehr an seine Patientinnen erinnern. Der Drang zur Perfektion und der Wunsch nach Selbstreinigung".

Ein Bericht der Tageszeitung Dagens Nyheter, dass der Ehemann eines Mitglieds der Schwedischen Akademie jahrzehntelang Frauen belästigt und missbraucht haben soll, hat die Schweden schwer erschüttert, schreibt Thomas Steinfeld in der SZ: "Beschädigt ist die Akademie nun doppelt. Zum einen, weil offenbar wurde, in welchem Maße sie einen ganzen Betrieb aus zweifelhaften Vorteilsnahmen und persönlichen Verbindlichkeiten förderte. Der Umstand, dass sich der Kritiker Horace Engdahl, zwischen 1999 und 2009 Ständiger Sekretär der Akademie, im vergangenen Jahr öffentlich seiner Freundschaft mit dem Betreiber des Kulturvereins rühmte und ihn der männlichen Jugend - 'Werdet nicht Hipster, sondern Gentlemen!' - als Vorbild empfahl, wirkt mittlerweile wie eine Selbstentlarvung."

Außerdem: In der NZZ erzählt die Psychoanalytikerin Sabine Richebächer die kurze Geschichte der russischen Psychoanalyse.
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Geschichte

In einem NZZ-Interview über die blutige Geschichte Russlands überlegt der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski, warum Aufarbeitung in Russland etwas anderes ist als in Deutschland: "Wir vergessen, dass sich die Aufarbeitung in Deutschland unter Aufsicht der Alliierten vollzog. Der Aufarbeitungsprozess fand nicht in einem souveränen Staat statt. Man darf sich keinen Illusionen darüber hingeben, was passieren kann, wenn Opfer und Täter ohne Schiedsrichter einander begegnen. Man mag sich nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn Chruschtschow gesagt hätte: '20 Millionen Tote. Jetzt arbeiten wir das mal auf.' Die Deutschen haben ihre Gewalt vor allem ins Ausland getragen, was die Aufarbeitung leichter machte. In der Sowjetunion war die Gewalt nach innen gerichtet. Wie hätte man einer solchen Tragödie gerecht werden können - wenn nicht durch Schweigen?"

Medien

Wenig Positives sieht Hans Demmel, Chef des Privatsenders n-tv, in den Plänen für eine Strukturreform der öffentlich-rechtlichen Sender. Besonders ärgert ihn die Ausweitung der Internetpräsenz und die Werbung in den Öffentlich-Rechtlichen, erklärt er im Interview mit der FR. "Wir stellen immer wieder fest, dass viele dieser Entscheidungen getroffen werden ohne das Verständnis dafür, dass man einen Wirtschaftsraum beeinflusst.  ... Wie heißt es so schön? Die Werbung sei der Preis dafür, dass der Rundfunkbeitrag sozialverträglich sei. Was auch immer das bedeuten mag. Wir reden von 300 Millionen, die auf die acht Milliarden Euro Beiträge drauf kommen. Das ist eine Summe, die man auch über Sparen reinbekommen könnte. Das übrigens auch im Interesse der Kollegen von ARD und ZDF: Eine deutliche Werbereduzierung kann das öffentlich-rechtliche Auftragsprofil schärfen, in dem es die Kommerzialisierungszwänge bei ihnen reduziert. Sie sind das Grundübel der Fehlentwicklungen im öffentlich-rechtlichen System."

Im Interview mit der FAZ warnt Rai­ner Ro­bra, Chef der Staats­kanz­lei von Sach­sen-An­halt, die Öffentlich-Rechtlichen, auf eine Beitragserhöhung 2021 zu setzen. In allen Landtagen wachse der Unmut über immer weiter wachsenden Geldbedarf der Sender. "Im Os­ten tritt allerdings bei vie­len Bür­gern der Ein­druck hin­zu, dass die öffent­lich-recht­li­chen An­stal­ten die Le­bens­wirk­lich­keit in ih­ren Län­dern nicht ab­bil­den. Vie­le Bür­ger fra­gen sich, war­um sie für ein Sys­tem zah­len sol­len, das sie nur sel­ten zur Kennt­nis nimmt und wenn, dann ne­ga­tiv. Zu­dem sind im Os­ten die Ein­kom­men nied­ri­ger. Die Bür­ger sind im Privat­le­ben wie in der Po­li­tik dar­an ge­wöhnt, dass hart gespart wer­den muss. Die Leu­te ver­ste­hen nicht, war­um das bei den Sen­dern an­ders sein soll."