9punkt - Die Debattenrundschau

Als nicht relevant weggewischt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.12.2017. Am vorletzten Tag ihrer Laufzeit erregt die Ausstellung "Märtyrermuseum" im Kunstquartier Bethanien Aufsehen: Die französische Botschaft hat protestiert, weil ein Bataclan-Attentäter als Märtyrer dargestellt wird. Selbst der Guardian berichtet. Vulture.com fragt sich, ob die Met den Sturz James Levines, mit dem sie sozusagen identisch war, überleben kann. Auch in Europa war Levine lange aktiv und mächtig, so die Welt - warum also bisher so wenig Aufsehen hier? Und der Guardian titelt: "Die 'Hard Brexiters' mussten gerade feststellen, dass Britannien schwächer ist als Irland."

Kulturpolitik

Das Kreuzberger Kunstquartier Bethanien hat im Rahmen des Nordwind-Festivals aus Kopenhagen eine Ausstellung unter dem Titel "Märtyrermuseum" übernommen, die zwar nur noch bis morgen läuft, aber nun gewaltiges Aufsehen erregt, weil die französische Botschaft in Berlin dagegen protestiert hat. Denn hier werden etwa auch Bataclan-Attentäter als "Märtyrer" gezeigt. Selbst der Guardian bringt einen ausführlichen Ticker und zitiert aus einem Statement der Künstler: "Das Künstlerkollektiv verteidigte die Schau und betonte, dass man gegen jede Art der Gewalt oder des Terrorismus sei und dass es sich hier nur um einen erweiterten Blick auf den Gebrauch des Begriffs 'Märtyrer' handle. 'Alle Märtyrer in dem Kunstwerk sind entweder durch einen Staat, Religion oder Organisationen zu Märtyrern erklärt worden. Keiner der Märtyrer wurde von den Künstlern ernannt', sagen die Künstler in einem Statement." Das Statement auf der Website des veranstaltenden Nordwind-Festival liest sich etwas anders. Der Tagesspiegel berichtet bisher nur sehr kurz zu der Affäre.

Der Streit um den Moderator und Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen (unsere Resümees) scheint in der Linkspartei noch nicht ausgestanden zu sein, berichten Anna Lehmann und Erik Peter in der taz. Jebsen sollte zur Freude einiger Parteimitglieder am 14. Dezember im Kino Babylon-Mitte mit einem Preis ausgezeichnet werden. Der der taz eng verbundene Autor Mathias Bröckers, der ein ganzes Buch über Jebsen geschrieben hat, sollte die Laudatio halten. Und in der Linkspartei scheint es so viele Jebsen-Anhänger zu geben, dass man bei der Vorstandssitzung einen Beschluss gegen "Aktivitäten von Rechtspopulisten, Nationalisten, Verschwörungstheoretikern und Antisemiten" fassen musste, dem aber zwölf von dreißig Mitgliedern nicht zustimmten!

Außerdem: In der SZ beschreibt Michael Kohler den Streit um die abgesagte Max-Stern-Ausstellung in Düsseldorf.

Medien

Die "No Billag"-Initiative gegen die Rundfunkgebühren in der Schweiz hat zur Zeit eine Zustimmungsrate von über 50 Prozent, berichtet Charlotte Theile in der SZ. Abgestimmt wird im März 2018. Die Schweizer zahlen 450 Franken jährlich, was etwa 390 Euro entspricht. Selbst die rechtspopulistische SVP ist sich allerdings uneins, ob sie die Initiative unterstützen, so Theile. Mit schuld an der Misere: "ein Apparat von Journalisten, die mit einer solch geballten Kritik kaum umgehen können und zunehmend nervös auf die Sendungen verweisen, die einst zur DNA der Schweiz gehören: Die 'Tagesschau'. Die Regionalsendungen, draußen auf dem Land (SRF bi de Lüt). Die Volksmusik."
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Gesellschaft

In der Welt wundert sich Manuel Brug, dass in Deutschland so wenig über die Vorwürfe des Kindsmissbrauchs gegen den Dirigenten James Levine diskutiert wird. Schließlich war der Mann bis 2004 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker und dirigierte regelmäßig in Salzburg und Bayreuth, in Berlin und Wien: "Beim Film arbeiten Schauspieler immer wieder in neuen Konstellationen, aber hier könnten womöglich schwerste Verbrechen über Jahrzehnte im Verlauf eines Arbeitsverhältnisses gedeckt worden sein. Dazu äußerte sich bisher keine der Institutionen ... Liest man jetzt beispielsweise die online problemlos zugängliche Berichterstattung des Spiegel aus dem Jahr 1997, als im Zuge der München-Berufung von James Levine solche Gerüchte von der damaligen Münchner Grünen-Fraktion hochgekocht wurden, dann kann man sich jedenfalls heute nur wundern, wie sorglos das einfach als nicht relevant weggewischt wurde."

"Ich bin nicht sicher, ob die Met James Levines Sturz überleben kann", kommentiert der Musikkritiker Justin Davidson bei Vulture.com, nachdem gravierende sexuelle Verfehlungen Levines gegen Teenager-Jungen bekannt wurden. Und das nicht nur, weil die ganze Met sich auf Levines Person stützte, sondern auch, weil Davidson langsam Zweifel bekommt, ob sich die Met und die Gattung Oper überhaupt der Gegenwart noch anpassen können: "Diese Machtstruktur produzierte anderthalb Jahrhunderte lang krass frauenfeindliche Opern, in denen die Frauen permanent verrückt werden, sich in die Prostitution begeben oder sterben, oder alles drei nacheinander. Viele Kompanien in Europa und weltweit haben es irgendwie geschafft, ihren Weg ins 21. Jahrhundert zu finden. Aber die Met, das größte und geschäftigste Opernhaus der Welt, ist auch das veraltetste und konservativste. In den letzten vierzig Jahren hat sie gerade mal vier Dirigentinnen auftreten lassen und genau ein Werk einer Komponistin präsentiert."

In der SZ denkt Reinhard J. Brembeck über das große Schweigen im Fall des allseits geachteten Levine nach: "Missbrauch von Kindern und Minderjährigen wird von der Gesellschaft zwar als eine ganz besondere Niedertracht verfemt, die man aber andererseits honorigen Personen wie Lehrern, Verwandten oder Dirigenten oft nicht zutrauen will. Schon deshalb sind die Täter im Vorteil, schon deshalb werden viele Taten nie publik, schon deshalb bleibt das Thema meist in einer undurchdringlichen Grauzone." In der FAZ berichtet heute Jan Brachmann über die Affäre.
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Internet

Die Aktion des Zentrums für politische Schönheit gegen den AfD-Politiker Björn Höcke bringt selbst die sozialen Netze in Verlegenheit, die permanent Videos des ZPS sperren, wieder zulassen, dann wieder sperren, berichtet Markus Reuter bei Netzpolitik - zuletzt schaltete Youtube hin und her: "Die jetzige Einschränkung ist nicht das erste Vorgehen von sozialen Netzwerken gegen die Aktionskünstler. Zuletzt sperrte Youtube vorübergehend deren gesamten Account, hob aber die Sperre nach Berichterstattung kurzfristig wieder auf. Dann belegte Facebook nach Angaben des Zentrums für politische Schönheit dessen künstlerischen Leiter Philipp Ruch kurzfristig mit einer Sperre. Auch diese wurde nach kurzer Zeit wieder aufgehoben. Facebook entschuldigte sich später gegenüber Ruch für die 'versehentliche Löschung' eines Posts. Auch die Videoplattform Vimeo hat ein Video zur Aktion gelöscht."
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Europa

Eine Einigung für die nächste Phase der Brexit-Verhandlungen ist an der Irland-Frage gescheitert. Pointiert titelt Fintan O'Toole in seinem Guardian-Kommentar: "Die 'Hard Brexiters' mussten gerade feststellen, dass Britannien schwächer ist als Irland." Und im Text schreibt er: "Bis jetzt sprachen wir über die Folgen des Brexit für Irland. Nun müssen wir über die Auswirkung Irlands auf den Brexit sprechen."

Die Grünen im Rotrotgrünen Senat wollen das Neutralitätsgebot in Berlin lockern. Lehrerinnen sollen künftig in der Schule Kopftuch tragen können, so wurde es auf dem Landesparteitag der Berliner Grünen beschlossen, berichtet Ulrich Zawatka-Gerlach im Tagesspiegel: "Junge Muslime der zweiten und dritten Generation, die an Schulen in Berlin unterrichten wollten, erlebten das Neutralitätsgesetz des Landes als Berufsverbot. Die Grünen wollen deshalb eine 'lösungsorientierte Debatte vorantreiben', die sich an den praktischen Erfordernissen der Schulen orientiere. ... Angesichts der Tatsache, dass die meisten Geflüchteten aus arabischen Ländern kämen und muslimisch seien, bekomme der Umgang mit 'sichtbarer Religion' in den Schulen neue Dringlichkeit." Für das Kopftuch eingesetzt hat sich bei den Grünen keine Muslimin, sondern die Abgeordnete Bettina Jarasch, Sprecherin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken.

Die SPD verweigert sich dem Kopftuch bei Lehrerinnen noch, berichtet Sabine Rennefanz in der Berliner Zeitung: "Die zuständige Senatorin Sandra Scheeres widersprach dem Vorwurf, dass es sich quasi um ein Berufsverbotsgesetz handelt. Ein alleiniges Kopftuchverbot gebe es nicht. 'Gerade weil in der Berliner Schule viele Religionen und Weltanschauungen aufeinandertreffen, ist es wichtig, dass die Lehrkräfte neutral vor die Klassen treten', ließ Scheeres mitteilen." Im April diesen Jahres hatte Berlins Grundschulverband noch dringend für eine Beibehaltung des Neutralitätsgebots geworben.
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Wissenschaft

In der NZZ berichtet Marc Felix Serrao vom Fall des Leipziger Rechtsprofessors Thomas Rauscher, der aufgrund einiger Tweets von Studenten und Lehrkräften von der Universität vertrieben werden soll: 18.000 sollen bereits eine entsprechende Petition unterschrieben haben. Rauscher hatte u.a. Sprüche polnischer Rechtsextremer, die kürzlich in Warschau für ein "weißes Europa brüderlicher Nationen" demonstrierten, als "wunderbares Ziel" bezeichnet. Serrao findet das weder wunderbar noch brüderlich, aber warum der Mann derart geächtet wird, begreift er nicht: "Die linken wie die rechten Scharfrichter eint ein unheilvoller Reinheitsfimmel: Da ist einer, dessen Weltbild ich ablehne, und deshalb muss er nicht nur aus meinem, sondern aus dem Blickfeld aller Menschen verschwinden. Und zwar selbst dann, wenn er, wie Rauscher und Schutzbach, als Privatmensch politisiert hat. ... eine Hochschule sollte sich so etwas verbieten. Wo, wenn nicht hier, sollen junge Menschen lernen, ihren Intellekt an Überzeugungen zu reiben, die ihnen fremd sind?"

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ berichtet Felix Ackermann von der "Ausstellung der Errungenschaften der Wissenschaft" an der um ihre Existenz kämpfenden Europäischen Universität in St. Petersburg.
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Thomas Rauscher