Efeu - Die Kulturrundschau

Die kubanische Faust aufs französische Auge

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04.12.2017. Siebeneinhalb Stunden gingen die Kritiker mit Frank Castorfs "Les Misérables" am BE durch die Kloaken von Paris: Die SZ genoss den Abend als mittleres Erdbeben auf der Castorfschen Voodoo-Skala. Die Berliner Zeitung liebt einfach diese Dreckfressen auf der Bühne. Nur der Tagesspiegel winkt ab: Peinlicher Altmännerstil! Die taz huldigt dem Glamrock. Der Standard trifft sich mit Peter Handkes Einkaufsberaterin. Und die SZ trauert um den Fassbinder-Schauspieler und Regisseur Ulli Lommel.

Bühne


Die Kloaken von Havanna: Stefanie Reinsperger, Rocco Mylord, Aljoscha Stadelmann und Patrick Güldenberg in Castorfs "Les Misérables". Foto: Matthias Horn, am Berliner Ensemble.

Für seinen siebenstündigen Abend "Les Misérables" hat Frank Castorf am Berliner Ensemble Victor Hugos Mammutroman und Guillermo Cabrera Infantes Kuba-Klassiker "Drei traurige Tiger" collagiert. In der SZ ordnet Peter Laudenbach den Abend um Aufstand, Elend und Niedertracht mit großen Monologe von Jürgen Holtz, Stefanie Reinsperger und Abdoul Kader Traoré über die Kloaken von Paris, den Verrat und die Sklaverei als Erdbeben im mittleren Bereich der Castorf-Skala: "Wenn die Aufführung weit nach Mitternacht in ihre siebte Stunde geht und sich die Erzählung längst ins Delirium aufgelöst hat, ist man im vertrauten Castorf-Purgatorium angelangt. Im reinigenden Feuer dieser Nächte schmelzen kleinliche Fragen nach so etwas wie Sinn, Zusammenhängen, Verständlichkeit oder Figurenzeichnung dahin wie Überbleibsel eines alteuropäischen Rationalismus. Frank Castorf würde sie vermutlich am liebsten in den Voodoo-Zauber und die verquere Logik des Albtraums entsorgen, die seine Inszenierungen seit Jahren durchziehen."

In der taz vergleicht Katrin Bettina Müller den fiebrigen Castorf-Abend mit Susanne Kennedys Inszenierung "Women in Trouble" an der Volksbühne (unsere Resümees vom Samstag): "Ihr Theater ist eines, das die Oberflächen einer Gegenwart abtastet, in der sich dort, wo sich bei Castorf stets mindestens eine Falltür in die Vergangenheit öffnet, nur ein weiterer Bildschirm in den Blick schiebt." In der FAZ bleibt Simon Strauß auf Äquisdistanz: "Der ei­ne sieht in­ter­es­sant aus, gibt sich aber dra­ma­tur­gisch kei­ne Mü­he, der an­de­re will mit den al­ten Mit­teln der ge­bro­che­nen Dar­stel­lung auf­rüt­teln, lässt sich aber von der ei­ge­nen Lust an der Grenz­über­schrei­tung zu leicht zu­frie­den­stel­len." Nur die Schauspieler seien bei Castorf eindeutig besser. "Es ist geradezu irre, wie die kubanische Faust aufs französische Auge passt und wie Cabrera zu Castorf", versichert Jan Küveler in der Welt. In der Berliner Zeitung schätzt Ulrich Seidler auch sehr die Dreckfressigkeit von Aljoscha Stadelmann

Schade, dass es bei Castorf immer so lange dauert, auch mit der Entzauberung, ätzt dagegen Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Man muss eigentlich nur Textbausteine aus älteren Kritiken hervorholen - und fertig. Nur dass diese Castorf'schen Kultveranstaltungen zunehmend unbeholfen aussehen, hölzern. Und die Rollenklischees haben schon lange ihre Leichtigkeit verloren: die Frauen hysterisch und nuttig, knapp bekleidet, die Männer nervös und doch irgendwie obenauf. Peinlicher Altmännerstil!"

Besprochen werden außerdem Jean Genets "Zofen" mit Samuel Finzi und Wolfram Koch am Deutschen Theater (Tagesspiegel, Nachtkritik, Berliner Zeitung), Karin Henkels Inszenierung von Euripides' "Troerinnen" im Zürcher Schiffbau (Nachtkritik, NZZ), Wagners Ring im Theater an der Wien (Standard), das Cyndi-Lauper-Muscial "Kinky Boots" (Welt), E.L. Karhus Stück "Prinzessin Hamlet" am Schauspiel Leipzig (Nachtkritik) und Claus Guths Inszenierung von Puc­ci­nis "La Bohème" an der Pariser Bohème-Oper (FAZ).
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Literatur

Wie lebt es sich eigentlich so als Tochter eines gefeierten Schriftstellers? Für den Standard hat sich Manfred Rebhandl diesbezüglich bei der Künstlerin Amina Handke erkundigt, die mit der Lektüre der Bücher ihres berühmten Vaters Peter kaum nachkommt. Beim Gespräch dämmert ihr es, welchen Einfluss auf sein äußeres Erscheinungsbild sie gehabt haben könnte: "Er hat mich nach der Schule immer abgeholt, dann sind wir meistens essen gegangen, Chinesisch. Und einkaufen? Hosen? Ja, doch, da hat er mich nach meiner Meinung gefragt. Vielleicht war er deswegen oft so komisch bunt angezogen, fällt mir jetzt ein, vielleicht habe ich ihm das aufgeschwatzt? Ich kann mich erinnern, dass er manchmal gefragt hat: 'Passt die Hose zu dem Hemd?' Und ich habe halt gerne Farben gehabt als Kind, und mir war nicht bewusst, dass das halt vielleicht für Männer ... na ja, aber da war ich vielleicht vier Jahre alt."

Weiteres: Arno Widmann berichtet in der FR von einer von Frank Walter Steinmeier ausgerichteten, wenig ergiebigen Diskussion zwischen Daniel Kehlmann, Eva Menasse und Salman Rushdie über die "Freiheit des Denkens": "Es fehlte die Reflexion - das Nachdenken über die eigene Rolle im Weltgeschehen. Aber beginnt nicht da erst 'Die Freiheit des Denkens in unruhigen Zeiten'?" Wolfgang Hörner berichtet in der FAZ von einem Archivfund eines frühen Bewerbungsschreibens des Schriftstellers Laurence Sterne. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus der Schriftstellerin Ursula Krechel zum 60. Geburtstag. Der Bayerische Rundfunk lässt aus Salman Rushdies aktuellem Roman "Golden House" lesen.

Besprochen werden Ina Hartwigs Biografie über Ingeborg Bachmann (Zeit), der Briefwechsel zwischen Vladimir Nabokov und seiner Frau Véra Slonim (Tagesspiegel), Peter Handkes "Die Obstdiebin" (Standard), Alain Claude Sulzers "Die Jugend ist ein fremdes Land" (Zeit), Peter Keglevics "Ich war Hitlers Trauzeuge" (Tagesspiegel) und Matthew Heiners "Alles über Heather" (FR).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Robert Miessner nimmt die deutsche Veröffentlichung von Simon Reynolds' dicker Abhandlung über den Glam-Rock freudig zum Anlass, um in der taz selbst ausführlich über das Genre zu schreiben: "Zu Glam gehört, erst nachgeordnet über den knalligen rockistischen Sound zu sprechen. Er hatte in der Struktur mit den Exerzitien von Progrockern und Späthippies wenig gemein. Seine Technik war durchaus modern, doch nicht modernistisch, wie Reynolds luzide ausführt: 'Glam und Glitter führten zurück zu den simpleren musikalischen Strukturen von Rock 'n' Roll in den 1950ern und der 1960er-Beatgruppen vor dem Aufkommen von Psychedelic-Rock, die aber durch die Aufnahmetechnik der späten 1960er und frühen 1970er auf den neuesten Stand gebracht worden waren.'"

Weiteres: Für die Berliner Zeitung unterhält sich Anne Lena Mösken mit Dhani Harrison, der als Sohn von Beatle George Harrison jetzt sein Debütalbum aufgenommen hat. Thomas Schacher spricht in der NZZ mit der Sopranistin Regula Mühlemann über das Geheimnis ihres Erfolgs. Ueli Bernays bilanziert in der NZZ das Jazzfestival Unerhört in Zürich. Arne Hartwig porträtiert in der Jungle World den israelischen Musiker Gili Yalo.

Besprochen werden das neue Morissey-Album (Freitag), ein Auftritt von DAF (Standard), Neil Youngs neues Album "The Visitor" (FR), Hannes Waders Berliner Abschiedskonzert (FR) und ein Auftrit der Fleet Foxes (FAZ).

Und Pitchfork kürt seine Lieblingsvideos 2017 - auf der Spitzenposition: Björk.


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Kunst

Großartig findet Gottfried Knapp in der SZ die Cézanne-Ausstellung "Metamorphosen" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, die das Verhältnis des Malers zur Bildhauerei beleuchtet: "Die Skizzen, die der Künstler von Skulpturen gemacht hat, zeigen besonders eindrucksvoll, wie Cézanne als Maler auf die dreidimensionale Welt reagiert, wie er im zweidimensionalen Medium die Gegenstände zurechtformt und auf der Fläche neu ordnet."

Besprochen werden eine Ausstellungen des amerikanischen Fotografen und Videokünstlers Cyrill Lachauer in der Berlinischen Galerie (Tagesspiegel) und Anton Kannemeyers Karikaturen in der Wiener Galerie Hilger (Standard).
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Stichwörter: Paul Cezanne

Film

Doris Kuhn schreibt in der SZ zum Tod des Fassbinder-Schauspielers und späteren Film-Regisseurs Ulli Lommel, der sich irgendwann Richtung USA absetzte: "Er war begeistert von der amerikanischen Unvoreingenommenheit gegenüber bizarren Vorschlägen, von der Freiheit, erst mal loszulegen, um dann zu sehen, zu welchem Ende das führt. Es wurde zum Prinzip seines Daseins als Regisseur." Vor zwei Jahren interviewte der SWR diesen verlorenen Sohn des Neuen Deutschen Films, der seinerzeit als "deutscher Alain Delon" gehandelt wurde:



Weiteres: In der Welt versammelt Hanns-Georg Rodek Stimmen von Regisseuren, die nach ihrem Aufruf zu einer Erneuerung der Berlinale nun zurückrudern und ihn nicht als Abrechnung mit Dieter Kosslick verstanden wissen wollen. Auf critic.de nimmt Frédéric Jaeger einen mittlerweile hinter einer Paywall verschwundenen Beitrag zur Berlinale-Debatte des Branchenblattes Blickpunkt: Film Satz für Satz auseinander. Für den Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit Ivette Löcker über deren neuen Dokumentarfilm "Was uns bindet", in dem die Filmemacherin sich mit ihren Eltern auseinandersetzt. Gunda Bartels freut sich im Tagesspiegel über die Wiedereröffnung des ehemaligen Stummfilmkinos Delphi in Berlin. Die Zeit bringt Christoph Dieckmanns nachgereichten, dafür sehr ausführlichen Nachruf auf den DDR-Regisseur Egon Günther.
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