9punkt - Die Debattenrundschau

So isses, ich hab Recht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2017. In Kairo wackelt nach einem Schwenken der Regenbogenflagge der Thron Gottes, meldet die taz. In der FR ermuntert der Grüne Malte Spitz zu etwas mehr Kompetenz der Politiker in Sachen Digitalisierung. In der Berliner Zeitung beschreibt Kathrin Schmidt in einer Antwort auf Ingo Schulze die zunehmende Unüberwindlichkeit sozialer Grenzen in Deutschland. Im Interview mit der SZ erklären Per Leo, Max Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn, wie man mit Rechten streitet: Argumentieren statt moralisieren. Die taz plädiert mehr für eine Umarmungsstrategie.

Ideen

In der Berliner Zeitung antwortet die Autorin Kathrin Schmidt auf einen Artikel ihres Kollegen Ingo Schulze, der den Erfolg der AfD in unserer "neoliberalen Quasi-Verfassung, in der alles dem Markt untergeordnet wird", verortet hatte (unser Resümee). Schmidt geht noch einen Schritt weiter: Dass die Unterprivilegierten die AfD gewählt haben, ist für sie gewisser Weise sogar "eine Leistung", weil sie sich damit schmerzhaft zur Wehr gesetzt hätten gegen eine linke Politik, die seit Jahren den Sozialabbau unterstützt und damit die Wähler verrät, deren soziale Deklassierung sich immer mehr zementiere: "In den Berliner Großsiedlungen von Marzahn-Hellersdorf lebt ein Drittel der Menschen von Hartz IV, in den zum Bezirk gehörenden sogenannten Siedlungsgebieten nur jeder Zwanzigste. Im Bezirk wachsen 39 Prozent aller unter 15-Jährigen in Hartz-IV-Familien auf, bei den Untersechsjährigen sind es gar 41 Prozent. Nicht mehr weit bis zur Hälfte. Sie leben in den Großsiedlungen, während zum Beispiel in Mahlsdorf, meiner netten Einfamilienhausgegend, nur drei Prozent aller Haushalte SGB II, wie Hartz IV haushaltsrechtlich heißt, beziehen."

Im Interview mit der SZ erklären Per Leo, Max Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn - die auch ein Buch zum Thema geschrieben haben -  wie man mit Rechten streitet. Wichtig: sich nicht provozieren lassen und auf moralische Empörung beschränken. Steinbeis analysiert die Diskussionstaktiken der Rechten so: "Erst einmal behaupten sie, mit irgend etwas Recht zu haben und verabsolutieren dabei die eigene Position. So isses, ich hab Recht. Dann warten sie auf den empörten Aufschrei, das sei menschenverachtend! Daran weiden sie sich richtiggehend und können weiterprovozieren. Man muss mit einem inhaltlichen Argument kontern, etwa der Gegenfrage, wie sie so eine Behauptung mit dem historischen Islam zusammenbekommen. Dann gehen sie auf die skeptizistische Position: Wahrheit lässt sich ja nicht erkennen."

In der taz plädiert Arno Frank mehr für eine Umarmungsstrategie, die die Luft aus der Neuen Rechten um den Verleger Götz Kubitschek lässt. Die Buchmesse stelle ja neben rechten Verlagen auch - editorisch aufbereitete - Ausgaben rechter Klassiker aus: "Inhaltlich und ästhetisch ist Kubitschek nicht einmal ein Epigone von Ernst Jünger, sondern von dessen verstoßenem Privatsekretär Armin Mohler - also der zweite Aufguss eines zweiten Aufgusses, in der Tat 'dünnes Zeug'. Und das ist eben auch das Schöne an der Buchmesse, dass 'die Altlasten' auch alle vertreten sind. Darüber muss nicht gemunkelt werden, man kann die Bücher alle hernehmen und, ja, lesen. Es ist lehrreicher und unterhaltsamer, sich mit Gabriele d'Annunzio zu beschäftigen statt mit Martin Lichtmesz. Warum Manifeste fürchterlicher Juristen lesen, wenn man mit Carl Schmitt das Original studieren kann?"
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Europa

Am Wochenende sind in Österreich Wahlen. Die FPÖ strotzt vor Kraft. Im Gespräch mit Ferdinand Otto von der Zeit erklärt der Politikwissenschaftler Anton Pelinka, warum die FPÖ sich so viel früher etablieren konnte als die AfD in Deutschland: "In Österreich war diese Tabuisierung von Rechtsaußenparteien nie so stark wie in Deutschland. Auch weil Österreich ja schon Ende April 1945, also vor der deutschen Kapitulation, eine neue, antifaschistische Regierung, bestehend aus Sozialdemokraten, Volkspartei und ein paar Kommunisten hatte. Das heißt, Österreich konnte sich erfolgreich vom deutschen Schlamassel distanzieren."
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Kulturmarkt

Im FAZ-Interview mit Sandra Kegel erklärt Diogenes-Verleger Philipp Keel, warum das Internet Schuld an der Krise des Buchmarktes ist und wie er den Buchmarkt aufmischen will: "Wir sollten aufhören, Lesen als etwas Anstrengendes zu betrachten, und uns mit der Tatsache versöhnen, dass alle anderen Einflüsse, mit denen wir uns das Leben vermeintlich einfacher machen, unterm Strich viel anstrengender sind als jedes Buch. Ich wünsche mir und dem Markt, dass wir mit Ironie und Temperament das vielleicht etwas angestaubte Bild unseres Metiers auffrischen."
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Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Philipp Keel, Buchmarkt

Gesellschaft

In Kairo wurden fast 50 Menschen verhaftet, weil sie bei einem Konzert in Kairo die Regenbogenflagge geschwenkt haben, berichtet Dalia Abdel Hamid in der taz. Dabei ist in Ägypten Homosexualität nicht mal strafbar: "Bisher wurden Homosexuelle wegen öffentlicher Verführung, Ausschweifung, Unmoral oder Blasphemie verurteilt. Nun werden die Fahnenschwenker erstmals auch beschuldigt, einer Gruppierung anzugehören, die die nationale Sicherheit bedroht. 'Es wurde sogar konstruiert, dass sie die Verfassung verletzt hätten, in der es in Artikel zwei heißt, dass die Prinzipien der Scharia die Hauptquelle der Gesetzgebung darstellen sollen', erklärt Alaa Faruk, einer der Anwälte, der die Verhafteten verteidigt. 'Viele Richter urteilen in diesen Fällen nicht gemäß dem Gesetz. Das gilt besonders für die untere Ebene der Gerichte. Ich hatte einen Fall, da sagte der Richter, er verurteile meinen Mandanten, weil er den Thron Gottes zum Wackeln gebracht habe. Es gibt kein solches Gesetz', erzählt er."
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Stichwörter: Ägypten, Homosexualität, LGBT

Internet

Was die Internetwirtschaft angeht, spielt Deutschland international überhaupt keine Rolle. Das könnte von Vorteil sein, wenn wir fähig wären - wie in der Energiepolitik - neue Wege zu gehen, ermuntert der Grüne Malte Spitz ("Daten - das Öl des 21. Jahrhunderts?") im Interview mit der FR und verweist als Beispiel auf Federated Learning: "dezentrale Maschinen lernen aus Daten ohne dass die Daten zentral verarbeitet werden". Voraussetzung dafür wäe allerdings, dass Deutschland seine Inkompetenz in Sachen Digitalisierung verliert: "Ich bin immer wieder über manche Ausschusssitzungen in Parlamenten erstaunt. Bei den Fragen mancher Parlamentarier an Technikexperten ist es kaum vorstellbar, wie dann wenige Tage später richtungsweisende Entscheidungen getroffen werden sollen. Und dass sind nicht immer nur Hinterbänkler, sondern mitunter auch die fachverantwortlichen Abgeordneten. Kein Mensch würde Politiker im Finanzbereich akzeptieren, die nicht den Unterschied zwischen Aktie und Optionsschein kennen."
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Medien

"Die Angst geht um in der Falkenstraße", titelt die linke Zürcher Wochenzeitung Woz in einem langen Artikel über die NZZ. Von Druck der Rechtspopulisten auf die Redaktion schreibt Kaspar Surber. Die ehemalige Redakteurin Brigitte Hürlimann wird mit dem Begriff der "Säuberungswelle" zitiert. Sonst redet so gut wie niemand, außer der ehemaligen Feuilletonkoresspondentin Sieglinde Geisel. Im Feuilleton wolle ohnehin niemand reden, weil die Ehefrau des Chefredakteurs Eric Gujer, Claudia Schwartz, dort Redaktionsmitglied sei. Zur schlechten Stimmung trägt natürlich auch die ökonomische Situation bei: "Die Umwälzung zeigt sich im Impressum. Nimmt man ein Verzeichnis der MitarbeiterInnen vom Frühling 2015, als Eric Gujer Chefredaktor wurde, und eines vom Herbst 2017, wird deutlich: Bei der Neuen Zürcher Zeitung wird gerade das Personal ausgewechselt. In nur zweieinhalb Jahren hat rund die Hälfte der Inlandredaktion die Zeitung verlassen, das Gleiche gilt für das Feuilleton. Bei einigen Personalwechseln handelt es sich um Pensionierungen, bei der Großzahl aber um Entlassungen oder Kündigungen durch die MitarbeiterInnen. Die letzte prominente Entlassung im Feuilleton war die von Uwe Justus Wenzel, der während mehr als zwanzig Jahren für die Geisteswissenschaften zuständig war."

Schon vor einiger Zeit hat das Magazin persoenlich.com über die Kündigung Wenzels berichtet. Gehen mussten laut persoenlich.com auch die Kulturkorrespondenten Andrea Köhler (New York), Marc Zitzmann (Paris) und Joachim Güntner (Deutschland).
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