9punkt - Die Debattenrundschau

Toxische Form des Komplizentums

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.10.2017. Die SZ denkt über demokratisch-kapitalistische und nationalistische Identitäten nach. Jeder soll Kopftuch tragen können, aber feministisch ist das nicht, meint in der NZZ der marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali. Die taz wünscht sich auch diejenigen vor Gericht, die Harvey Weinstein mit ihrem Schweigen jahrelang deckten. Im Guardian erklärt die Schauspielerin Lea Seydoux, warum sie sexuelle Nötigung von Regisseuren nie öffentlich machte. In der New York Times wünscht sich Lena Dunham, dass die Männer im Kampf gegen Sexismus vorangehen.

Ideen

In der SZ skizziert Andreas Zielcke den Identitätsbegriff in seinen zwei gleichermaßen problematischen Varianten: einmal als die Vorstellung von einer fluiden Identität, die sich selbst konstituiert und als eine "demokratisch-kapitalistische" Identität, flexibel genug ist, "sich gegen alle zu stellen und mit allen am selben Strick zu ziehen". Auf der anderen Seite sieht er die nationalistische Identität, die sich "in Panik und Not" konstruiert, von der Mehrheitsgesellschaft verraten sieht und sich rein negativ, in der Abwehr, definiert: "An der demokratisch-kapitalistischen Identität, die aus dynamischen Anerkennungsprozessen hervorgeht, kann nur teilhaben, wer sich mit eigenem Risiko aktiv beteiligt. Die identitäre Identität dagegen, die sich an gewachsener Objektivität und Überlieferung orientiert, prämiert passives Festklammern. Aus diesem trutzigen Fort bricht man nur aus für Protest und Abwehr."
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Kulturpolitik

In ihrer Nachtkritik-Kolumne schüttelt Esther Slevogt den Kopf über die "pauschale Gesprächsverweigerung" der parteiübergreifenden Initiative Kulturschaffender, die verhindern möchte, dass die AfD im Ausschuss für Kultur und Medien den Vorsitz übernehmen kann: "Brauchen wir überhaupt die AfD, um unser demokratisches System zu unterwandern, wenn dies bereits mächtige und einflussreiche Vertreter*innen dieses Systems selber tun? Haben sie wirklich so wenig Vertrauen in dieses System, dass eine Auseinandersetzung mit der AfD und ihren Positionen innerhalb seiner Koordinaten von vornherein ausgeschlossen wird? Sieht sich die Kulturlandschaft so wenig gegen 'nationalistisches Gift' immunisiert, dass bereits eine Verteidigung ihrer Werte und Gewissheiten in einem parlamentarischen Ausschuss abgelehnt oder für unmöglich gehalten wird?"
Stichwörter: AfD

Gesellschaft

In der NZZ tritt der marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali für das Recht muslimischer Frauen ein, das Kopftuch zu tragen. Doch zum  Symbol von Wahlfreiheit und kultureller Identität taugt es seiner Ansicht nach nicht: "Grad und Häufigkeit der Verschleierung weisen im Islam aus, wie konservativ und antiliberal eine Gesellschaft eingestellt ist. Im stark säkularisierten Ägypten der 1950er Jahre etwa suchte man oft vergeblich nach Kopftuchträgerinnen in den Straßen Kairos oder Alexandrias. Das lag nicht an einem staatlichen Verbot oder an einer Einschränkung von Frauenrechten, sondern ging vielmehr auf den großen Aufklärungskampf zurück, der von verschiedenen arabischen Frauenrechtlerinnen angeführt wurde. Zu diesen gehörte etwa Huda Schaarwi, die Gründerin der Ägyptischen Feministinnen-Union, die zusammen mit anderen Frauen 1923 auf den Tahrir-Platz ging und ihr Kopftuch öffentlich ablegte. Diese Feministinnen kämpften gegen jede Form der Geschlechterungleichheit, wozu auch das Kopftuch gehörte."

Auf Zeit online beklagt Andrea Backhaus eine ihrer Ansicht nach in die Mitte der Gesellschaft gewachsene generelle Islamfeindlichkeit in Deutschland: "Jeder meint jetzt zu wissen, wofür 'der Islam' steht, vor allem jene, die noch nie in einem muslimisch geprägten Land waren: für Paschas, die ihr mittelalterliches Frauenbild nach Europa importieren und die deutschen Frauen bedrohen. Und für verhuschte, verschleierte Musliminnen, die nichts zu melden hätten. Mit Drohszenarien wie dem, dass 'der Araber' Europa 'islamisiere', erkämpften sich Demagogen ihren Platz erst auf den Marktplätzen, dann in den Medien und nun auch im Parlament. Für Menschen, die die vielfältige Realität im Nahen Osten, bei Musliminnen und Muslimen kennen, ist diese Debatte surreal."

In der NZZ diagnostiziert der Religionsforscher Andreas Tunger-Zanetti eine generelle Sprachlosigkeit und Unkenntnis in der Gesellschaft was Religionen im Allgemeinen angeht. Beim Islam schlage das doppelt negativ zu Buche: "Eine Erfahrung aber teilen alle Musliminnen und Muslime in der Schweiz: Sobald ihre Religionszugehörigkeit gegenüber Nichtmuslimen zum Thema wird, sind sie plötzlich nicht mehr Lehrling, Gymnasiastin oder Buchhalter, Rekrut, Volleyballerin oder Vegetarier, sondern nur noch Muslim und Muslimin."

Im Interview mit der taz erklärt die ehemalige Prostituierte Ilan Stephani, was sei bei ihrer Arbeit über den Druck gelernt hat, der auf dem sexuellen Akt lastet: "Männern geht es in dieser Gesellschaft sexuell so grottenschlecht. Schlechter als Frauen, denn anders als Frauen wissen sie gar nicht, was ihnen fehlt. Wenn das Abspritzen in Frauen, die ihnen etwas vorspielen, der Höhepunkt ihres sexuellen Lebens ist - wie traurig ist das denn? Der Puff ist ja nur das Symptom für diesen armen Sex, den wir haben. ... Das Arme ist, dass wir uns verzweifelt danach sehnen, einander im Sex zu berühren und glücklich zu machen. Und dass wir es nicht schaffen. Frauen faken Orgasmen, das ist nicht nur ein lustiges Thema für die Klatschpresse. Das ist jedes Mal eine verfehlte sexuelle Kommunikation. Und Männer sagen: Das, worauf du Lust hast, sorry, da schlafe ich ein, ich brauch was Geileres. Da sind so viele falsche Vorstellungen. ... Und all das lastet auf unserem Sex."

In der taz reibt sich Marlene Halser die Hände, weil Filmproduzent Harvey Weinstein aus seiner eigenen Firma gefeuert wurde, nachdem er der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung beschuldigt worden ist. Doch das reicht ihr nicht: "Wie wäre es beispielsweise damit, wenn künftig nicht nur mutmaßliche Täter mit einem Strafprozess rechnen müssten, sondern auch all diejenigen, die dieses System passiv oder aktiv gestützt und aufrechterhalten haben? Wegen unterlassener Hilfeleistung beispielsweise oder wegen Mittäterschaft? Kommt man mit dieser äußerst toxischen Form des Komplizentums ungestraft davon, fällt die Entscheidung, feige und opportunistisch zu sein, womöglich leicht. Und das sollte sie nicht."

Dass auch jenseits solcher stalinistischer Fantasien in der Diskussion über Weinstein - der seit Jahrzehnten als massiver Mistkerl bekannt ist - etwas schief läuft, zeigt ein Kommentar der französischen Schauspielerin Lea Seydoux ("Blau ist die wärmste Farbe") im Guardian. Dort erzählt sie, wie Weinstein sie einst bedrängt und sie ihn hat abblitzen lassen. Und dass das in der Filmindustrie nicht ungewöhnlich sei: "The first time a director made an inappropriate comment to me, I was in my mid-20s. He was a director I really liked and respected. We were alone and he said to me: 'I wish I could have sex with you, I wish I could fuck you.' He said it in a way that was half joking and half serious. I was very angry. I was trying to do my job and he made me very uncomfortable. He has slept with all of the actresses he filmed. Another director I worked with would film very long sex scenes that lasted days. He kept watching us, replaying the scenes over and over again in a kind of stupor. It was very gross. Yet another director tried to kiss me. Like Weinstein, I had to physically push him away, too. He acted like a crazy man, deranged by the fact that I didn't want to have sex with him." Seydoux ist eine preisgekrönte französische Schauspielerin aus bürgerlichem Elternhaus, kein Mädchen aus den Slums, das den Sturz ins Elend fürchten muss. Also warum nennt sie die Namen dieser Regisseure nicht, macht ihre Vorwürfe nachprüfbar und schützt mit ihrem Reden andere, weniger abgesicherte Schauspielerinnen?

Gleiches gilt für Lena Dunham, die in der New York Times trotzdem gern hätte, dass die Männer in Sachen Weinstein vorangehen: "The reason I am zeroing in on the men is that they have the least to lose and the most power to shift the narrative, and are probably not dealing with the same level of collective and personal trauma around these allegations."

Außerdem: "Man kann nicht nachdenken über Harvey Weinstein, ohne zugleich über Hollywood nachzudenken", meint in der Zeit Georg Seeßlen, der die Tatsache zu verdauen sucht, dass Weinstein über Jahrzehnte Filme produziert hat, für die Schauspielerinnen sich überhaupt nur auf die Couch gelegt hätten. Der Fall Weinstein hat kathartische Wirkung, meint Bert Rebhandl im Standard: "Die Schauspielerin Ashley Judd, die selbst von einem Vorfall mit Weinstein in einem Hotel in Los Angeles im Jahr berichtet, sagte: 'Frauen haben untereinander schon lange über Harvey gesprochen. Es war einfach überfällig, diese Gespräche öffentlich zu machen.' Das, so Rebhandl, "deutet schon einmal in die richtige Richtung".
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Archiv: Gesellschaft

Europa

In der SZ erklärt der Völkerrechtler Christoph Vedder, warum eine Abspaltung Kataloniens das spanische Recht bricht und auch nicht von der UN-Charta gedeckt ist: "Verfassung ist Verfassung. Natürlich kann man sie ändern, aber allein in dem dafür vorgesehenen Verfahren. Wenn er das will, muss Puigdemont in Gesamtspanien dafür werben. ... Im Völkerrecht muss immer ein Ausgleich gefunden werden zwischen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und dem Recht der Staaten, ihre territoriale Integrität zu wahren. Die Katalanen sind Teil des spanischen Staatsvolkes und haben gleichberechtigten Anteil an der spanischen Staatsgewalt. Außerdem haben sie einen Autonomiestatus. Der gewährt ihnen sehr weitreichende Rechte. Damit ist ihr Selbstbestimmungsrecht geradezu in idealer Weise realisiert."

Außerdem dazu: In der FAZ hat Paul Ingendaay keinen Zweifel daran, dass der Katalane Carles Puigdemont ein Nationalist ist, der sich weder für Spanien noch für Europa interessiert. Die strategischen Manöver, mit denen Puigdemont die spanische Regierung immer wieder in die Zwickmühle bringt, ringen ihm aber einigen Respekt ab: "Spanien muss jetzt zeigen, dass es mehr drauf hat als Autopilot." In der Zeit doziert Herfried Münkler: "Es­kalationsverzicht ist die Kunst der Politik im Um­gang mit separatistischen Nationalismen."
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