Efeu - Die Kulturrundschau

Striktes Schluchzverbot

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13.10.2017. Die Nachtkritik reist nach Georgien und erlebt eine Theaterszene zwischen Aufbruchsstimmung und Sowjetrealität. Nicht mal zur Buchmesse bekommen Literaten Sendezeit in den Öffentlich-Rechtlichen, stöhnt Zeitonline. Die taz lernt Michel Houellebecq in Frankfurt als Linken kennen. Die SZ unterhält sich mit türkischen Schriftstellern über das Schreiben im Exil. Die FAZ lässt sich von gespensterhaften Hauskatzen täuschen.

Bühne

Nachtkritikerin Dorothea Marcus hat gern die vom "International Georgian Theatre Festival" gesponserte Einladung für Journalisten angenommen, um sich in der georgischen Theaterszene umzusehen. Der Aufbruch gen Westen ist spürbar, die Sowjetrealitäten allerdings auch noch und die Arbeitsbedingungen der Schauspieler sind prekär, erzählt Marcus, der es vor allem das von Mikhael Charkviani und David Khorbaladze inszenierte Stück "Dead Cities" angetan hat: Hier "sitzen die Zuschauer um fünf schwarz gekleidete Darsteller auf der Bühne, in der Mitte ein Gewirr aus Neonröhren. Vom SS-Massaker in Oradour-sur-Glane oder von Tschernobyl wird erzählt, doch dann geht es in apokalyptischen Bildern um Poti am Schwarzen Meer, wo nachts verwaiste Kampfhunde die Menschen bedrohen, kein Nahverkehr geht, der Strand und die alten Gebäude verfallen.'Warum sagt man uns ständig, dass alles gut wird? Warum tun die Reichen nichts, um der Stadt zu helfen? Warum gibt es so viele Hunde und so wenig für die Menschen?' Und mittendrin reißt die Drehbühne den Zuschauern den Boden unter den Füßen weg: Ein starkes Bild für den kapitalistischen Ausverkauf des Gemeinwesens, der, so Charkviani, in Georgien bedrohliche Ausmaße angenommen hat."

Bild: Szene aus "Don Carlos". Agathe Poupeney.

Warum Krysztof Warlikowskis Inszenierung von Verdis französischer Version des "Don Carlos" an der Pariser Oper vom Publikum mit Buhrufen quittiert wurde, kann Clemens Haustein in der FAZ nicht ganz nachvollziehen. Egal, denn  unter der musikalischen Leitung von Philippe Jordan stimmt einfach alles, schwärmt Haustein: "Sonya Yoncheva ist eine Elisabeth, deren zartes stimmliches Klirren von Zerbrechlichkeit ebenso erzählt wie von unterdrückten Rachegefühlen. Jonas Kaufmann als Don Carlos unterliegt bei Philippe Jordan einem strikten Schluchzverbot, seine Partie singt er mit warm tönender Eleganz, doch ohne jene emotionale Aufladung, die man gemeinhin mit dem Bild vom italienischen Tenor in Verbindung bringt."

Weiteres: Der "Tortur", die Sergej Prokofjew in seiner Oper "Der Spieler" den Sängern auferlegt hat, wird Dirigentin Simone Young in Wien leider nicht Herr, meint Helmut Mauro in der SZ: "Ein Dirigent, eine Dirigentin, ist ja nicht nur Partiturerklärer, sondern auch Tonhandwerker, im besten Fall: Klangzauberer. Das ist Simone Young leider nicht." Für die NZZ hat sich Daniele Muscionico mit dem Kabarettisten Andreas Thiel unterhalten.

Besprochen werden das von dem Performerkollektiv Interrobang inszenierte Stück "Emocracy" in den Berliner Sophiensälen (nachtkritik) und Pede Rieras Drama "unter Verschluss am Landestheater Vorarlberg (Standard).
Archiv: Bühne

Literatur

Robert Menasse erhält einen der wichtigsten Literaturpreise des Landes, er schreibt und spricht über Grundsatzfragen von Europa - und die großen Fernsehsender der öffentlich-rechtlichen Sender reagieren darauf nicht, ärgert sich Mely Kiyak auf ZeitOnline. "Warum gibt es keine einzige Stunde im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die sich im Anschluss an die Preisverleihung zur besten Sendezeit in einer Runde von Denkern und Schreibern, also Intellektuellen, mit dem neuen Roman eines soeben preisgekrönten Autors beschäftigt, der, wie eben erwähnt, genau das Thema der Stunde behandelt? Das interessiert einen doch, was so jemand zu sagen hat. Der Blickwinkel eines Schriftstellers (Perspektive ist hier der Fachbegriff, der sich nicht nur auf Narration bezieht) könnte doch in einer Zeit, in der Politiker so oft 'neue Lösungen' beschwören, wenigstens inspirierend sein." Auf Tell unterzieht Sieglinde Geisel Menasses "Haupstadt" unterdessen dem gefürchteten Page-99-Test. Ob sie weiterlesen will? "Unbedingt."

Volker Breidecker berichtet in der SZ von einem Gespräch mit Aslı Erdoğan, Can Dündar und Burhan Sönmez über die Situation der literarischen Öffentlichkeit in der Türkei und über das Schreiben im Exil. Im vergangenen Jahr gab es bereits eine ähnliche Veranstaltung: "Bedrückend - ungleich bedrückender noch als im Vorjahr - war die Atmosphäre dieses Gesprächs. Was allen drei Autoren an Optimismus geblieben ist, gleicht, wie Aslı Erdoğan sagt, jener Hoffnung, die bei wachsender Verzweiflung auch Gefangene nicht aufgeben."

Roman Bucheli begutachtet für die NZZ den französischen Pavillon auf der Buchmesse. Den findet er in seiner hölzernen Ikea-haftigkeit ziemlich scheußlich: "Diese Arte-povera-Installation wirkt nicht einladend und schafft auch keine Atmosphäre der Konzentration oder Kontemplation. Da entsteht kein Denkraum und auch kein Bücher- oder Wörterlabor, eher wähnt man sich in der Werkstatt des Hobbygärtners oder im Lagerraum eines Baumarktes." Thomas Maier vom Tagesspiegel hat im französischen Pavillon unterdessen vor allem auf die Präsenz von Comics geachtet.

Weiteres: Früher schrieben Männer über scheiternde Frauen, heute schreiben Frauen über strauchelnde Männer, ist Wiebke Porombka von ZeitOnline aufgefallen. Die Übersetzerinnen Larissa Bender und Sabine Müller gaben bei der Veranstaltung "Übersetzen von Literatur aus Kriegsgebieten" Einblick in ihre Arbeit, berichtet Laura Maier in der FR. Michael Angele fordert im Freitag die Bildung von Lesezirkeln. Johan Schloemann flaniert für die SZ durch Halle 3, wo sich die Esoterik- und Ratgeber-Literatur versammelt. In der taz berichtet Elise Graton vom Auftritt Michel Houellebecqs in Frankfurt. Außerdem stellte sich Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018 vor, wie Lothar Müller in der SZ berichtet.

Besprochen werden Virginie Despentes' "Das Leben des Vernon Subutex" (Jungle World), Ingo Schulzes "Peter Holtz" (NZZ), Valérie Zenattis "Jacob, Jacob" (Tagesspiegel), Rainer Moritz' Neuübersetzung von Françoise Sagans "Bonjour Tristesse" (Tagesspiegel), Uwe Timms "Ikarien" (Zeit), Angie Thomas' "The Hate U Give" (Berliner Zeitung), John le Carrés "Das Vermächtnis der Spione" (Berliner Zeitung), Rafik Schamis "Sami und der Wunsch nach Freiheit" (SZ) und Victor Sebestyens Lenin-Biografie (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Ach, sieh an: Über die in den 20ern spielende, auf Volker Kutschers Gereon-Rath-Krimis basierende Groß-Serie "Babylon Berlin", von den Feuilletons im rhetorischen Überbietungsdruck hochgejazzt, kann man also auch nüchtern schreiben. Barbara Schweizerhof macht es im Freitag vor: "Im Herzen" bleibe die von Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten umgesetzte Serie zwar "ein Krimi, und zwar ein Fernsehkrimi der typisch deutschen Art, wie er das Programm seit Jahren dominiert. ... 'Babylon Berlin' verhandelt weniger die Weimarer Zeit als Epoche der gefährdeten Demokratie, als Nährboden des kommenden Faschismus, sondern die Inszenierung sucht vielmehr Anschluss an die großen kulturellen Mythen von damals, an das Berlin von Doktor Mabuse und 'M - Eine Stadt sucht einen Mörder', an 'Caligari' und 'Cabaret' mit ein bisschen 'Viktor und Viktoria' mit drin." Doch "sind es genau die Momente, die frei sind von der Überdeterminierung durch Historie, Mythos oder Filmgeschichte, in denen man die Serie zu genießen beginnt. Sie ist übrigens sehr unterhaltsam."

Angenehm unaufgeregt auch Claudia Schwartz in der NZZ, der in der Serie vor allem auch ins Auge sticht, wie wenig das Nachwende-Berlin sich auf das Berlin der 20er reimt - obwohl genau diese angebliche Parallele immer wieder beschworen wurde. "'Babylon Berlin' macht gerade in seiner Zeichnung der Proletarierarmut, der Kriegsversehrtheit der Menschen, der antidemokratischen Kräfte auch deutlich, wie falsch diese Assoziation war. Die Gegenwart ist nicht wie die Vergangenheit und umgekehrt; auch Analogien zwischen der Weimarer Republik und der AfD, wie sie bereits im Vorfeld der feierlichen Berliner Kinopremiere geäußert wurden, verkennen den historischen Kontext. Ob es dem filmischen Werk gelingt, diesen auszudifferenzieren, wird sich weisen."

Weiteres: Hanns-Georg Rodek plaudert in der Welt mit Jörg Schüttauf, der in der (etwa im Tagesspiegel besprochenen) Komödie "Vorwärts immer" in einer Doppelrolle Erich Honecker spielt.

Besprochen werden Michael Hanekes "Happy End" (FR, Tagesspiegel, Zeit), Na Hong-jins Horrorfilm "The Wailing - die Besessenen" (FR), Matthias Heeders und Monika Hilschers Dokumentarfilm "Pre-Crime" (Tagesspiegel) sowie Marieke Schroeders Dokumentarfilm "Schumanns Bargespräche" (SZ).
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Archiv: Film

Kunst

Bild: Valentine Godé-Darel im Krankenbett

Heute eröffnet im Wiener Leopold Museum die große Ferdinand Hodler Ausstellung. In der Presse ist Almuth Spiegler vor allem ergriffen von dem 200 Skizzen, 130 Zeichnungen, 50 Ölbilder und seine einzige Büste umfassenden Zyklus seiner an Krebs sterbenden Geliebten, der Tänzerin Valentine Godé-Darel, den Hodler 1914/1915 schuf: "Diese Bilder füllen das 'Sterbezimmer', den letzten kleinen Raum der größten Hodler-Ausstellung, die Österreich bisher sah. Aber der Raum ist eine Sackgasse. (…) Also tritt man wieder hinaus, in den Saal der letzten Landschaften, die Hodler gemalt hat: immer wieder den Genfersee, eben das, was er aus der Wohnung sah, die der Lungenkranke nicht mehr verlassen konnte. Mit dicken Strichen legte er Schichten aus Wasser und Licht übereinander, blau, gelb, blau, gelb. Der gezackte Gebirgsstreifen dazwischen wirkt wie der Umriss des aufgebahrten Körpers Valentines in seinen letzten Zeichnungen von ihr." Im Standard bespricht Anne Katrin Feßler die Ausstellung.

Bild: Jeff Wall, The Giant. 1992. Leuchtkasten mit Transparenter Fotografie, Privatsammlung.

Für die FAZ hat sich der Kunsthistoriker Peter Geimer fasziniert der Illusion des Dioramas in der gleichnamigen Schau in der Frankfurter Schirn hingegeben. Etwa in dem 1870 entstandenen Diorama 'Happy Family' des Präparators Walter Potter: "Das weiche Fell einer Hauskatze ist zum Greifen nahe, die Augen des Eichhörnchens funkeln, aber zugleich ist diese Gesellschaft so gespensterhaft erstarrt, dass ihre Gegenwart beim Beschauer den Eindruck des Unheimlichen hervorruft. Hier wird verständlich, warum die klassische Kunsttheorie mit dem Diorama nichts anzufangen wusste. Einer Kunstauffassung, die maßgeblich auf die schöpferischen Leistungen der Einbildungskraft setzte, mussten die Wirklichkeitsanleihen des Dioramas als niedere Form der Mimesis gelten - wie auch im Fall der lebensechten Wachsfiguren oder der mechanischen Abbildungsverfahren der frühen Fotografie."
Archiv: Kunst
Stichwörter: Ferdinand Hodler, Dioramen

Architektur

Bild: Elisabeth von Knobelsdorff und Therese Mogger an der Technischen Hochschule München, 1909/10 Foto: I. Weber-Pfleger

Der Blick auf Architektinnen der Gegenwart mag ein wenig zu kurz kommen, ansonsten ist SZ-Kritiker Gerhard Matzig aber sehr zufrieden mit der verdienstvollen Frankfurter Schau "Frau Architekt", die ihm den Verbleib von Frauen in der Architekturgeschichte erklärt. Marlene Poeschke-Pelzig etwa, die das gemeinsame Berliner Wohnhaus alleine entwarf: "Aus dem Bild, das sie später als einzige Frau neben Handwerkern und Ehemann Hans Poelzig beim Richtfest zeigt, wird sie für eine Fachzeitschrift herausretuschiert. Die Bierflaschen auf dem Tisch dürfen bleiben. Es ist ein männlicher Blick auf den Bau: Große Architekten (wie Poelzig und Mies), beherzte Handwerker und ein paar Flaschen im Mittelpunkt. Am Rande: ein Kleid, ein Blick. Am Rande auch: Frauen, die für Sekretärinnen gehalten werden. Frauen, die man Küchen entwerfen lässt. Frauen, die sich um Stoffe und Farben kümmern."
Archiv: Architektur

Musik

Schier zum Davonrennen ist das neue Album "Colors" von Beck. Meint jedenfalls Karl Fluch im Standard. Besonders schlimm: Das siebte Stück. "Man kann sich nicht erinnern, je so ein schlechtes Lied von Beck gehört zu haben. Abgesehen von den sechs davor. ... 'Colors' wäre gerne ein Popalbum. Doch sein Hochglanz schimmert nicht, seine Stromlinienform ist gänzlich unedel, zum Drüberstreuen ist das Cover noch schiach. Die zehn Lieder verflachen mit jedem Hördurchgang. Die Flöten aus dem Synthesizer im Titelsong darf man ung'schaut als Omen für den darauffolgenden Rest deuten." Hier besagtes siebtes Stück - "Wow", naja.



Weiteres: Manuel Brug spricht in der Welt mit Daniil Trifonov über dessen neue Chopin-Aufnahme. Tina Adomako porträtiert in der taz die ghanaische Band Dark Suburb, die stets maskiert auftritt und mit ihrer Mischung aus Indie-Rock, Punk und Metal auch den klischeehaften Vorstellungen afrikanischer Popmusik zuwider läuft. Dagmar Leischow spricht in der taz mit St. Vincent über deren neues Album "Masseduction". Kümmert Euch um Eure Geigen, rät Angela Schader in einem Liebesbrief ans Instrument in der NZZ all jenen, die ein Exemplar davon zuhause im Schrank stehen haben. Wolfgang Sandner gratuliert in der FAZ dem Jazz-Saxofonisten Lee Konitz zum 90. Geburtstag. Hier spielt er gemeinsam mit Chick Corea:



Besprochen werden das Album "The Ooz" von King Krule (Pitchfork), ein Auftritt von Morrissey (Tagesspiegel), ein Konzert von Barbara Hannigan (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album vom Wu-Tang Clan (ZeitOnline). Daraus ein Video:

Archiv: Musik
Stichwörter: Beck, St. Vincent