9punkt - Die Debattenrundschau

Scharfer Gegenwind ist das Mittel erster Wahl

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.08.2017. Auf ZeitOnline stimmt Jordi Punti eine Elegie auf die Rambla an. Der indonesische Islam-Gelehrte Kyai Haji Yahya Cholil Staquf pocht in der FAZ auf einen Zusammenhang von Terrorismus und Islamismus. In der New York Times hält Timothy Snyder unter anderem fest: Trumps Versagen nach Charlottesville ist kein unschuldiges. Die FR erinnert allerdings daran, dass der Faschismus eine europäische Erfindung ist. Die NZZ ächzt: Der Diskurs von heute kennt nur noch Diversity, aber keinen Pluralismus mehr.

Europa

Es stimmt schon, dass Barcelonas Rambla nur noch ein Ort für Touristen war, räumt der katalanische Schriftsteller Jordi Punti in seiner Elegie auf ZeitOnline ein, aber bei dem Terroranschlag am Donnerstag habe das keine Rolle gespielt: "Ich glaube, die Terroristen wollten die Symbolkraft eines Ortes ausnutzen, der allen gehört, den die berühmtesten Musiker in ihren Lieder verewigt haben, der millionenfach fotografiert worden ist. Oben der Canaletes-Brunnen, in der Mitte das Miró-Mosaik, unten das Kolumbus-Denkmal. Durch die Rambla führten die ersten Massenkundgebungen nach dem Ende der Diktatur, als es um Freiheit und Amnestie für die politischen Gefangenen des Franco-Regimes ging. Die Rambla ist es, die George Orwell in 'Mein Katalonien' dutzendfach als Schauplatz des Spanischen Bürgerkriegs schildert."

Der Westen kann den Muslimen zwar keinen moderaten Islam aufzwingen, meint der indonesische Islam-Gelehrte Kyai Haji Yahya Cholil Staquf im FAZ-Interview mit Marco Stahlhut. Aber er dürfe sich auch nichts vormachen: Der islamistische Terrorismus knüpft an die religiöse Orthodoxie an: "Drei Bereiche, wir nennen sie die 'centers of concern', sind besonders wichtig. Erstens das Verhältnis von Muslimen zu Nichtmuslimen. Zweitens das Verhältnis von Muslimen zum Staat. Drittens das muslimische Verhältnis zum Recht."

Der Guardian rekonstruiert en detail die Attentate in Spanien mit neunzehn Toten und 130 Verletzten.
Archiv: Europa

Politik

Aber am Ende dieser Woche blicken natürlich alle nach Washington: Dass Steve Bannon aus dem Weißen Haus geworfen wurde, erleichtert die New York Times, wie sie im Editorial schreibt, aber nicht nur: "Bannon, der sofort zu Breitbart zurückkehrte, stellt für die Politik noch immer eine Gefahr dar. Außerhalb des Weißen hauses, ist er freier, seine Truppen gegen jeden in Marsch zu setzen, der nicht seiner nationalistisch-protektionistischen Linie folgt." Dem Standard Weekly gegenüber erklärte Bannon bereits mit Blick auf die von ihm gezimmerte national-populistische Agenda: "Die Trump-Präsidentschaft, für die wir gekämpft haben, ist vorbei."

In der New York Times schreibt der Historiker Timothy Snyder über Trumps schmähliche Reaktion auf die Nazis von Charlotteville, die Snyder von Warschau aus mitbekam: 'Wer wir sind, schrieb die polnische Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska, 'wissen wir erst, wenn wir uns unter Beweis gestellt haben. Vorher macht es keinen Sinn, mit der eigenen Tugendhaftigkeit zu prahlen, hinterher ist es nicht nötig. Nach Charlotteville hätte Trump sich unter Beweis stellen können - und er versagte... Der Präsident versagte in einem Moment, in dem Versagen nicht unschuldig sein kann. Er hat amerikanischen Nazis drei Dienste erwiesen: Er hat ihre Ideologie zu etwas Normalen gemacht; er hat ihre Aktionen entschuldigt, und er hat ihnen Hoffnung gemacht, dass er beim nächsten Mal seine Gegner beschuldigen wird, wenn Amerika von einem Terrorakt getroffen wird."

In der taz sieht der Politikwissenschaftler Helmut Däuble an Donald Trump etwas Positives: Man braucht vor ihm keine Angst zu haben: "Man kann sogar den begründeten Eindruck bekommen, dass Trump immer dann sein Interesse an einer politischen Angelegenheit verliert, wenn er nicht das bekommt, was er will. Wie ein Kind, dem es misslingt, sich das Spielzeug eines anderen, sich wehrenden Kindes unter den Nagel zu reißen, kurz schmollt und sich dann wieder anderem zuwendet. Daraus folgt: Scharfer Gegenwind ist das Mittel erster Wahl gegen Trump."

Der Form nach mögen Ku-Klux-Klan und Bürgerwehren amerikanisch sein, gibt Claus Leggewie in der FR zu bedenken, doch ihr faschistisches Denken entspringt einer durch und durch europäische Tradition: "Amerika und Europa leiden unter dem gleichen Übel: der Wiedergeburt des Faschismus. Casa Pound in Italien, Jobbik in Ungarn, Morgenröte in Griechenland, die ultrarechte Opposition gegen PiS in Polen und natürlich kreidefressende Nazis, die in deutschen Burschenschaften, identitären Aktionsgruppen und bei Pegida untergekommen sind, rufen hier wie dort zum letzten Gefecht. Wer Trumps Umfeld als Faschisten mit amerikanischem Antlitz kennzeichnet, verharmlost weder den Nationalsozialismus noch übertreibt er die Gefahr, die davon ausgeht. Wir sind Charlottesville."
Archiv: Politik

Ideen

NZZ-Autor Marc Felix Serrao sieht im Fall des Google-Programmierer James Damore ein Beispiel dafür, wie sich eine neue Debattenkultur etabliert hat, die nur noch Diversity, aber keinen Pluralismus mehr kennt: "Die Empörten des ersten Akts haben in James Damore kein Individuum, sondern einen weißen Mann wahrgenommen, also einen Vertreter einer historisch privilegierten Gruppe. Hätte eine Frau Googles Förderprogramme, die sich exklusiv an Frauen richten, kritisiert, wären die Reaktionen anders ausgefallen. Kritik hätte es vielleicht auch gegeben, aber sie wäre viel milder ausgefallen. Auf der Seite der Kontraempörten galt das gleiche Prinzip. Hier wurde jeder Einwand gegen Damores Text als ideologisches Blendwerk abgebügelt. Die Vielfalt, die sich Diversity nennt, hat eine angstbesetzte intellektuelle Einfalt produziert."
Anzeige
Archiv: Ideen
Stichwörter: Diversity, Pluralismus

Geschichte

In der taz stellt Uta Schleiermacher Berliner Aktivisten wie Mnyaka Sururu Mboro vor, die sich für eine postkoloniale Umbenennung von Straßennamen einsetzen: "Insgesamt zehn Straßen im Stadtgebiet sollten nach Forderungen von Berlin Postkolonial umbenannt werden, weil sie Kolonialverbrecher ehren - drei davon im 'Afrikanischen Viertel' in Wedding, weitere in Steglitz-Zehlendorf, Neukölln und Mitte (siehe unten). Dass diese Straßen allesamt im Westteil der Stadt liegen, ist indes kein Zufall. Denn die DDR-Regierung ordnete bereits 1950 an, Straßen mit militaristischen oder faschistischen Namen umzubenennen."

Weiteres: Eine durchaus kritische Würdigung schreibt der Historiker Norbert Frei in der FAZ zum Tod seines Kollegen Eberhard Jäckel.
Archiv: Geschichte

Gesellschaft

Die israelische Sängerin Riff Cohen, deretwegen die BDS-Kampagne zum Boykott des Festivals Pop-Kultur aufrufen hat selbst, wie Jan Kedves in der SZ schreibt, arabische Wurzeln, ihr Vater ist tunesisch-jüdischer, ihre Mutter algerisch-französisch-jüdischer Abstammung: "Es gibt viele Kooperationen von Künstlern, die politisch Gegner sein könnten, aber in der Kunst zusammenfinden. So hätte es auch in Berlin sein können. Bis die Boykott-Agitatoren mit ihren Lügen alles zerstörten... Die BDS-Kampagne hat auf ihrer Website inzwischen die Behauptung zurückgezogen, das Festival sei von Israel 'mitorganisiert'. 'But that's not the point', heißt es. Es gehe um Israels Besetzung von Palästina. Doch, genau das ist der Punkt: Eine jüdische Künstlerin wird mit der Politik der israelischen Regierung gleichgesetzt. Das trägt Züge von Antisemitismus."

Warum sind die Französinnen eigentlich immer jung und fragil und werden von Wein nicht dick? Sarah Pines huldigt in der NZZ der Ikone, die selbst in ihren Kampf um Emanzipation eine Flaneurin bleibt. Beispiel Agnes Vardas "Cléo de 5 à 7 heures": "Vardas Film ist eigentlich der erste Film über Emanzipation. Aber er behandelt das Thema nicht kämpferisch und 'männerfeindlich', sondern schön, klug, elegant. Denn die französische Frau, so sah es Varda, so sahen es Baudelaire, der Modeschöpfer Hermès und viele andere, ist dandyhaft in sich gekehrt, selbstgenügsam. Sie strolcht herum, vollendet elegant, wirkt schmollend oder zerstreut, geht lakonisch an Schaufenstern und Menschen vorbei und schweift durch Parks. Sie konsumiert nicht. Sie kauft nichts von dem, was die 'französische Frau' angeblich so französisch macht. Und wenn sie etwas kauft, dann etwas Feines, Kleines."
Archiv: Gesellschaft