Efeu - Die Kulturrundschau

Sprühendes sarkastisches Gift

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28.07.2017. Der Tagesspiegel versteht den Ärger afrikanischer Theatermacher über das Festival von Avignon. Ferdinand von Schirach warnt im Standard vor der Schwarmintelligenz. Die taz lässt sich von dem Performance-Duo Beißpony in die Kunst des Bastelns einführen. Die NZZ blättert fasziniert durch Fotos von der Generation Reichtum. Und die FAZ fragt: In welcher Moderne wollen wir leben?

Bühne

"Seinsergebenheit in herrschende Verhältnisse" attestiert Eberhard Spreng dem Festival in Avignon im Tagesspiegel und auch der Kritik am Afrika-Fokus schließt er sich an: "Dieudonné Niangouna, der führende Vertreter des afrikanischen Theaters und in der kommenden, ersten Spielzeit des Berliner Ensembles von Intendant Oliver Reese als Autor und Regisseur gesetzt, kritisierte ihn heftig: Er zeige ein Afrika, in dem gesungen und getanzt werde, das aber keine Worte habe, um im Nachdenken über die Welt seinen eigenen Beitrag zu leisten. Den Autor, Schauspieler und Regisseur Niangouna, außerdem Organisator eines Festivals in Brazzaville, ärgerte das totale Fehlen von Sprechtheaterproduktionen im Afrika-Programm. Gleichwohl gilt für die gezeigten Arbeiten aus Afrika, dass sie dem europäischen Theater des Müssens in Avignon eine afrikanische Revoltehaltung entgegenstellen, womit allerdings auch banalste Globalisierungs-Klischees bestätigt werden."

Bild: Grensgeval (Borderline). Christophe Raynaud de Lage

SZ
-Kritiker Joseph Hanimann hätte sich neben einem Besuch von Macron hingegen mehr Auseinandersetzung mit Afrika gewünscht. Mit den vornehmlich leisen Tönen zur Schulden- und Flüchtlingskrise beim Festival ist er aber zufrieden. Etwa in dem auf Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" beruhenden Stück "Grensgeval" der Gruppe Toneelhuis unter Guy Cassiers. Zwar murmeln die Sprecher Jelineks Text eher als dass sie ihn offen deklamieren. "Die Vorlage verliert dadurch zwar - auf Niederländisch gespielt, französisch übertitelt - ihr aus den harten Wortreibungen sprühendes sarkastisches Gift. Sie verbreitet aber im zähflüssigen inneren Monolog, der Flüchtlinge, Schlepper und Wegseher miteinander verkleistert, einen Zustand von lähmender Wachheit."

Der Standard bringt Auszüge aus der Rede über die Macht des Volkes, die Ferdinand von Schirach zum Auftakt der Salzburger Festspiele gehalten hat. Er warnt vor der "Schwarmintelligenz": "Leicht könne man sich eine 'Bundes-App' vorstellen, die Jean-Jacques Rousseaus einstige Ideale der ständigen politischen Mitbestimmung des Volkes in unsere heutige Realität umsetzt. Die Geschichte aber zeige: 'Rousseau irrte sich, seine Ideen endeten im Terror.' Im Rückblick erkenne man, dass sich der Volkswille oft 'für das Falsche, Dunkle, Furchtbare' entschieden habe, betonte von Schirach und fragte: 'Was tun, wenn die Demokraten einen Tyrannen wählen? Wann soll eine Sachentscheidung über eine Mehrheitsentscheidung gestellt werden? Wann muss sie es?'"

Weiteres: Doris Meierhenrich schreibt in der Berliner Zeitung zum Abbau des Nationaltheaters Reinickendorf: "Ja, das Reinickendorfer Nationaltheater ist Kommunikationshölle und -himmelreich in einem. Im Herzen aber ist diese Welt aus Allem und Nichts ein Kraftwerk der Erwartungen."

Besprochen wird Lotte de Beers Inszenierung von Rossinis "Mosè in Egitto" bei den Bregenzer Festspielen (ein "Geniestreich", schwärmt Stefan Ender im Standard).
Archiv: Bühne

Kunst

Arfina und ihre Lieblingshand- tasche. Foto: Lauren Greenfield
Fasziniert hat NZZ-Kritikerin Sarah Pines den Bildband "Generation Wealth" mit Fotografien von Lauren Greenfield durchgeblättert. Die Amerikanerin hat ehemalige Schulkameraden in Santa Monica fotografiert, egal ob reich oder arm, denn, "bemerkt sie scherzend im Vorwort von 'Generation Wealth', alle hätten ohnehin dasselbe gewollt: Sachen von Versace". Und noch etwas eint die Fotografierten - von der Obdachlosen "mit gefälschter kleiner Vuitton-Clutch am Tisch eines Fast-Food-Restaurants" bis zum nasenoperierten Mädchen am Swimmingpool: Sie sehen alle unglücklich aus. "Die Bilder sind Deutungen der Künstlerin, die sich auf den Voyeurismus der Betrachter verlässt und mit hämischen Klischees spielt: Reiche haben blasierte, einfältige Gesichter und sind arm dran, noch miserabler steht es um die Habenichtse mit leerem Konto. Alle zusammen sind geschmacksunsicher und ordinär, die meisten sind traurig."

Wer ist neben Adam Szymczyk und seiner die "Political Correctness ins Groteske steigernden Hybris" eigentlich für die Documenta-Katastrophe verantwortlich, fragt sich Cornelius Tittel in der Welt. Das Auswahlkomitee? Der Aufsichtsrat? Gehört bei grober Vernachlässigung der Aufsichtspflicht künftig abgesetzt, fährt Tittel fort, denn: "34 Millionen und dafür eine Filmentdeckung oder ein bisschen Straßenstrichfolklore ist nicht nur jämmerlich, es ist ein Skandal."

Weiteres: Marcus Weingärtner bespricht in der Berliner Zeitung einen Bildband mit Fotografien von Daniel Nicoletta zur Geschichte der LGBT-Bewegung in San Francisco: "ein erstaunliches, mitunter auch verstörendes Dokument einer Subkultur, eines Biotops, das weltweit der Ideengeber für eine Art des Zusammenlebens war, das sich durch ein besonderes Bewusstsein für das eigene Anderssein auszeichnet."
Archiv: Kunst

Musik

Julia Lorenz besucht in München für die taz das britisch-bayerische Performancekunst-Duo Beißpony, bestehend aus Stephanie Müller und Laura Theis sowie Komplizinnen. Das mit den Komplizen funktioniert so: "Erst im letzten Jahr veröffentlichten Beißpony die Platte 'Alligator Gozaimasu', die im Zuge eines KünstlerInnenaustauschs zwischen München und Japan entstand. Eigentlich war man zusammengekommen, um an 'Promise and other failures' zu arbeiten - einem Filmprojekt, das gesellschaftliche Rituale hinterfragt. Aber dann beschlossen die Beteiligten, eine öffentlich zugängliche Aufnahmesession zu veranstalten. Nachdem die Stücke aufgenommen waren, kursierte das Rohmaterial per Mail, alle bastelten und verfremdeten an verschiedenen Orten der Welt. Aus Lo-Fi-Stücken wurde Techno, Rap und Avantgarde-Pop."

Weitere Artikel: Markus Ganz stellt in der NZZ das "One Woman Orchestra" mit Cello, Fatima Dunn, vor. Martin Böttcher porträtiert im Tagesspiegel den Berliner DJ und Produzenten J'Kerian Morgan alias Lotic. In der taz unterhält sich Lorina Speder mit Kai Müller, Kurator des Melodica Festivals in Berlin. Karl Fluch freut sich im Standard auf das Konzert des französischen DJs David Guetta in Wien. In der SZ plaudert Torsten Groß mit Win Butler von "Arcade Fire".

Besprochen werden wiederveröffentlichte Alben von Link Wray (Standard) und Noga Erez' Debütalbum "Off the Radar" (taz).
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Archiv: Musik
Stichwörter: Beißpony, Techno

Literatur

In der SZ fragt Alina Herbing, die in Hildesheim "Kreatives Schreiben" studiert hat: "Wieso gibt es überhaupt noch Sexismus an so einem Ort? Im Jahr 2017? In einem künstlerisch-akademischen Milieu, in dem sich die Mehrzahl als links-liberal bezeichnen würde."

In ihrem Blog love german books erzählt die britische Übersetzerin Katy Derbyshire von ihren Erfahrungen mit dem Außenseitersein, der britischen Klassengesellschaft und dem Sexismus und wünscht sich am Ende: "Schreibt nicht brav, schreibt mit Pathos oder Wut oder Witz oder Experimentierlust. Macht dasselbe im Leben. Helft euch gegenseitig, heißt andere Frauen willkommen. Seid eure eigene Seilschaft. Macht das Außenseitersein zur Tugend, erklärt euren Literaturbetrieb zur Außenseiterinnenrepublik. Seid geschmacklos und verhaltet euch falsch."

Die Literaturkritikerin der New York Times Michiko Kakutani geht in Rente, meldet die Presse. Der Standard meldet die Longlist des Man Booker Prize 2017.

Besprochen werden Junichiro Tanizakis Roman "Der Schlüssel" (NZZ), Meja Mwangis Roman "Warten auf Tusker" (NZZ) und Deborah Feldmans "Überbitten" (Tagesspiegel).
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Film

Jörg Scheller gratuliert in der NZZ Arnold Schwarzenegger zum Siebzigsten.

Besprochen werden die fünfteilige Serie "Kinshasa Collection" über Verflechtungen des unreguliert florierenden Textilhandels zwischen dem Kongo, China und Europa (taz), Andrej Kontschalowskis Holocaust-Drama "Paradies" (Welt, FAZ), Christopher Nolans "Dunkirk" (FR), Edgar Wrights "Baby Driver" (FR) und Sally Potters "The Party" (Zeit online, Presse, Standard).
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Architektur





Bild: Frank Lloyd Wright. Falling Water Project. Quelle: Pinterest

Welcher Moderne wollen wir uns anschließen, fragt FAZ-Kritiker Niklas Maak nach Ausstellungsbesuchen bei Frank Lloyd Wright in New York, Philip Johnson in Bielefeld und Roberto Burle Marx in Berlin. Vielleicht Wright?: "Die Moderne, die Wright vorschwebte, lässt sich am besten an seinem Falling-Water-Projekt in Pennsylvania erklären, jenem Haus, das über einem Wasserfall schwebt, den man zum anfänglichen Ärger der Auftraggeber aber vom Haus aus nicht sehen, sondern nur hören kann. Das Haus mit seinem mächtigen Natursteinkamin ist in allem ein Gegenmodell zur aseptischen, auf Betonbeinen einherstaksenden Maschinenmoderne des Bauhauses: Der unebene Steinboden, die Feuerstelle, die aus einem Fels herausgehauen zu sein scheint - alles in diesem Haus propagiert eine Moderne, die aus der Topographie, aus den Materialien, dem Fels herausgearbeitet ist. Nicht auf Pilotis über den Dingen abzuheben, sondern Eingelassenheit in die Natur ist Ziel dieses Bauens."
Archiv: Architektur