9punkt - Die Debattenrundschau

Aus bürgerlichen Verhältnissen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.07.2017. Aktualisiert: Freund Liu Xiaobos stellt laut Deutschlandfunk Fragen an die chinesische Regierung. In Deutschland wird weiter über die Gewalt in Hamburg diskutiert. Ein bisschen über dem Getümmel stehen die Salonkolumnisten, die herausgefunden haben, warum bürgerliche Medien oft mehr Verständnis für Linksradikale haben. In der Zeit wundert sich der einst gefeierte schwule Kirchenkritiker David Berger, warum er erst als islamo- und dann als homophob galt. In der Welt schlägt Ahmad Mansour in einem "Zehnpunkteplan gegen den Islamismus" vor, den konfessionellen Religionsunterricht abzuschaffen.

Politik

Im Deutschlandfunk berichtet Axel Dorloff über den aktuellen Stand im Fall Liu Xiaobo. Nach wie vor verwahrt sich die chinesische Regierung gegen Lius Ausreisewunsch. Dorloff zitiert außerdem einen Freund Lius, Hao Jian: "Es gibt so viele Dinge, die wir im Fall Liu nicht wissen. Wann haben die Gefängnisärzte wirklich herausgefunden, dass er Probleme mit der Leber hat, wann wurde der Krebs festgestellt? Haben die Behörden vielleicht verschleiert, dass Liu Xiaobo krebskrank ist?"
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Stichwörter: Liu Xiaobo

Europa

Bei der gestrigen Maischberger-Sendung kam es zum Eklat. Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach verließ die Sendung, weil er den geübten Provokationen Jutta Ditfurths, die die Gewalt des "Schwarzen Blocks" dem Versagen der Polizei zuschrieb, nicht länger zuhören wollte. Auch Frank Lübberding im faz.net findet, dass Bosbach zu früh ging, "denn so verpasste er den politischen Bankrott der radikalen Linken". Ditfurth "kritisierte etwa das polizeiliche Handeln bei der 'Welcome to hell'-Demonstration von Donnerstag. Das kann sie machen. Die Polizei ist für jeden klugen Ratschlag bestimmt dankbar. Nur wären von der 'Polizeigewalt' spontan radikalisierte Idealisten nicht in der Lage, so systematisch vorzugehen wie die Linksradikalen am nächsten Tag."

Verständnis für die Gewalt des "Schwarzen Blocks" oder zumindest Kritik am Unverständnis findet sich heute aber bis hin in die FAZ, wo Edo Reents schreibt: "Vielleicht ist die Empörung über die Hamburger Verletzungen und Verwüstungen jetzt auch deswegen so stark, weil man plötzlich merkt, dass es neben allerlei Salon-Geschwätz auch noch eine Kapitalismuskritik gibt, die zur kriminellen Tat schreitet."

Und auch sonst überall: Sascha Lobo ächzt in seiner Spiegel-Online-Kolumne: "Ein paar Videos schwarz gekleideter, Autos anzündender Männer reichen für drei Tage Dauerrage, ohne Rücksicht auf Verluste." In der taz hält Emily Laquer, von der "Interventionistischen Linken" im Gespräch mit Katharina Schipkowski fest: "Die Verantwortung für die Eskalation trägt die Polizei, die Menschen über Tage hinweg schikaniert hat." Auch Thomas Seibert fühlt sich "fatal an den Deutschen Herbst 1977 erinnert" und meint in der taz: "Hamburg belegt, dass und wie die Polizei systematisch paramilitarisiert wurde und jetzt auch so eingesetzt wird." Und ein Rechercheteam der SZ hat auf Seite 3 der Zeitung herausgefunden, dass eine mildere Polizeistrategie die Eskalation verhindert hätte.

Warum bürgerliche Medien bei Linksradikalen milder sind als bei Rechtsradikalen lässt sich Salonkolumnist Stefan Laurin von einem Polizisten erklären: "Die Linken kämen ...  fast alle aus bürgerlichen Verhältnissen, aus Familien, die sie nach ihrer radikalen Phase auffingen. Die Rechten jedoch entstammten in ihrer Mehrzahl der Unterschicht und würden oft nicht mehr den Weg zurück in ein normales Leben finden." Dennoch sieht Laurin auch grundsätzliche Unterschiede zwischen Links- und Rechtsradikalen: "Auch wenn man Gewalt von links nicht verharmlosen will und es einem Beamten egal sein kann, ob er von einem Stein getroffen wird, der von einem Autonomen oder einem Nazi geworfen wird, ist es Fakt, dass Nazis seit 1990, je nach Zählweise, zwischen 78 und 169 Menschen ermordet haben und es durch linke Gewalt zu keinem Toten kam."

Wer wissen will, wie Macht funktioniert, muss wie Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne nachsehen, wo geschwiegen wird. Die türkische Opposition hat nach dem "Marsch für Gerechtigkeit" des  CHP-Chefs Kilicdaroglu am Sonntag eine riesige Großdemo zustande gebracht. Aber "während er vor einem Rekordpublikum von fast zwei Millionen Menschen sprach, lief auf CNN Türk eine Diskussionsrunde zum Thema Sucht. NTV strahlte eine Dokumentation über Vögel aus, und auf Habertürk wurde über 'Biodiversität in der Türkei' diskutiert. Der Fernsehsender A-Haber, der Erdogan nahestehenden Unternehmern gehört, ging sogar noch weiter: In den Minuten, da Kilicdaroglu Gerechtigkeit forderte, griff der Sender in die Konserve und zeigte eine Erdogan-Kundgebung aus dem vergangenem Jahr."
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Internet

Gewerkschafter Thomas Voss erklärt im Gespräch mit Dario Dietsche von der taz die harten Arbeitsbedingungen der "Picker" in den berühmten, "chaotisch" organisierten Lagerhallen von Amazon. Da die Waren, die die Picker zusammensuchen müssen, sehr unterschiedlich groß sind, sind sie noch nicht durch Roboter zu ersetzen (aber Amazon arbeitet dran): "Sie müssen ihren Kopf komplett ausschalten, um die extrem monotonen Tätigkeiten acht Stunden lang ausführen zu können. Die Leistungsvorgaben sind dabei enorm: Ein Picker muss rund zwei Produkte pro Minute aus den Regalen nehmen und in eine kleine Plastikwanne legen. Er rennt computergesteuert durch die Lagerhallen und wird dabei permanent kontrolliert, denn die Daten des Handscanners stehen den Vorgesetzten jederzeit zur Verfügung."
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Stichwörter: Amazon

Ideen

In der NZZ zerpflückt Evgeny Morozov einen Vorschlag des Wirtschaftsnobelpreisträgers Vernon Smith, der kürzlich im Wall Street Journal anregte, die USA sollten ihre Infrastrukturen privatisieren, den Erlös in einen Staatsfonds stecken und aus diesem den Amerikanern ein Grundeinkommen bezahlen.
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Gesellschaft

Mit einer gewissen Bitterkeit konstatiert der katholische Theologe David Berger, wie er vom gefeierten schwulen Kirchenkritiker zum angeblich homophoben Rechten mutierte. Der Umschwung in der öffentlichen Meinung setzte in dem Moment ein, so Berger, als er neben der Schwulenfeindlichkeit der Katholischen Kirche auch die des Islam anprangerte. Und nachdem er in seinem Blog Johannes Gabriels Text zur Homo-Ehe veröffentlicht (und nicht geschrieben hat, wie er betont), war er endgültig unten durch: "Abweichende Meinungen werden sofort als rechte Hassrede abqualifiziert. So kommt es, dass plötzlich liberale Muslime als islamophob gelten und schwule Kritiker der Homo-Ehe als homophob. Ich gebe zu: Ich bin zwar ein libertärer Homosexueller, aber in manchen Fragen bleibe ich ein Konservativer. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass mich ausgerechnet das linke Neue Deutschland verteidigen könnte: Nach dem Shit­storm gegen 'Johannes Gabriel' warnte die Tageszeitung vor einer ideologischen Einheitsfront, die dissidente Meinungen gnadenlos verdrängt, um ihre 'totalitäre Selbstgewissheit' nicht zu gefährden."

Einfach unmöglich findet es in der SZ Meredith Haaf, Gründerin des sich als feministisch verstehenden Blogs Mädchenmannnschaft, dass sich die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes dafür ausgesprochen hat, das Kopftuch bei Kindern zu verbieten. Das ist doch "nahe am Rechtspopulismus", ruft sie empört. "Sollen neunjährige Mädchen von der Polizei die Kopftücher entfernt bekommen? Sollen 16-Jährige mit Kopftuch jederzeit mit Ausweiskontrollen und Bußgeldbescheiden rechnen müssen? Wie sich diese Art von Gesellschaftsverbesserungsmaßnahmen auswirkt, konnte man im vergangenen Jahr in Frankreich beobachten, wo Ordnungshüter Strandbesucherinnen dazu zwangen, ihre Burkinis auszuziehen. Soll der westliche Säkularismus in all seiner bleichen Glorie als Leitideal wirklich an den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft - Kindern - exerziert werden?"

Ahmad Mansour legt in der Welt einen Zehnpunkteplan gegn den Islamismus vor. In Punkt 1 geht's um Bildung. Unter anderem will Mansour einen konfessionsübergreifenden Religionsunterricht: Und "an allen Schulen müssen die Fächer Ethik und Politische Bildung zur Pflicht werden. In ihnen werden aktuelles politisches und gesellschaftliches Geschehen sowie Nachrichtenthemen intensiv mit den Lernenden besprochen. Die Jugend von heute ist sehr politisch interessiert, gerät aber oft an unseriöse Quellen. Was in der Schule nicht erklärt wird, erklären ihnen gerne die Islamisten. So finden sie Raum, ihre einfachen Schwarz-Weiß-Bilder und ihren Hass gegen den Westen unter Jugendlichen zu propagieren."

Spießer ist immer der andere! In der NZZ denkt Paul Jandl über das Verhältnis von Stadt und Land nach: "Auf klassische Weise spießig zu sein, ist nicht einfacher geworden, und auch die gegnerische Seite hat ihre Nöte. In der innigen Distinktionsbeziehung zwischen angeblichen Spießern und angeblichen Nichtspießern kehren sich die Vorzeichen bisweilen um. Die Aufweichung der Rollen führt dazu, dass man die Attribute tauscht. In den intellektuellen Ballungszentren der Grossstädte kann es gar nicht ländlich genug zugehen, wie zum Beispiel die Transformation des Berliner Prenzlauer Bergs in eine Art Hybrid-Dorf voller Tante-Emma-Läden zeigt. Auf der anderen Seite gilt manchem Soziologen der stetige Rückgang beim Verkauf von Wohnzimmerschrankwänden als Indiz dafür, dass auch die Modernitätsverweigerung auf der Suche nach einer neuen Ästhetik ist."
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Überwachung

Es gibt einen Streit um die Akkreditierung von Journalisten beim G20-Gipfel. Und bei der Gelegenheit hat Regierungssprecher Steffen Seibert gesagt, bestimmte Journalisten würden bei solchen Treffen  schon seit längerem durch BKA-Beamte "begleitet". Ronen Steinke und Cerstin Gammelin von der SZ wundern sich sehr: "Wie viele Journalisten in der Vergangenheit auf diese Weise durch das BKA 'begleitet' worden sein sollen, war zunächst nicht zu erfahren. Interessant ist freilich, dass die ganze Praxis bislang verborgen geblieben ist. Wenn es denn stimmt, dass BKA-Beamte sich bei Großereignissen an bestimmte Reporter heften, so wurde den Betroffenen davon nichts gesagt. Weder bei früheren Gipfeln noch bei diesem hätten ihm BKA-Leute erklärt, ihn 'begleiten' zu wollen, sagt zum Beispiel Adil Yigit, der für die taz und die Online-Zeitung Avrupa Postasi arbeitet."
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Stichwörter: G20-Gipfel