9punkt - Die Debattenrundschau

Zutiefst verstörend

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2017. Liu Xiaobo ist tot. Scharf kritisiert das norwegische Nobelkomitee die chinesische Regierung, die Liu Xiaobo nicht rechtzeitig in ein Krankenhaus brachte, und den Westen, der zu all dem schüchtern schwieg. Der New Yorker zitiert einen Essay Lius, in dem der Nobelpreisträger das Kuschen der anderen vor dem wirtschaftlich immer stärkeren Giganten bereits beschrieb. Freunde Lius machen sich Sorgen um seine Frau - sie appellieren an die deutsche Regierung, sich für Liu Xias Freilassung einzusetzen.

Politik



Während Zeitungen wie die South China Morning Post Liu Xiaobo, der gestern Nachmittag seinem Krebsleiden erlegen ist, mit Titeln würdigten, verstecken Peking-nahe Medien in Hongkong die Meldung in den Innenseiten, berichtet die Site Hongkong Free Press in einer Presseschau.

Und Elson Tong schreibt in hongkongfp.com: "Schon seit vier Tagen fand vor dem China Liaison Office ein Sit in statt. Hunderte Hongkonger kamen nach zehn Uhr Abends zu der Gedenkveranstaltung für Liu an diesen Ort... Liu war der erste Nobelpreisträger seit Carl von Ossietzky, der in Gewahrsam starb."

Die Agentur Reuters berichtet (hier bei Newsweek): "Hu Jia, Dissident und Freund der Familie, sagte, dass nun die Freiheit Liu Xias, der Frau Lius, die Priorität für die Unterstützer Lius sei. 'Wir machen uns größte Sorgen um sie, aber wir haben keine Informationen. Sie ist im Moment die Person, die am meisten leidet', sagte Hu. 'All die Willenskraft, mit der wir Liu Xiaobo befreien wollten, wenden wir jetzt auf Liu Xia', sagte er und rief die Vereinigten Staaten und Deutschland auf, auf China Druck zu machen, um die Befreiung Liu Xias zu erreichen."

In ziemlich klaren Worten äußert sich das norwegische Nobelkomitee auf seiner Website: "Wir finden es zutiefst verstörend, dass Liu Xiaobo nicht vor der Endphase seiner Krankheit in eine Einrichtung gebracht wurde, wo er eine angemessene medizinische Behandlung für sein Leiden hätte erhalten können. Die chinesische Regierung trägt eine schwere Verantwortung für seinen vorzeitigen Tod. Die Nachricht von Liu Xiaobos schweren Leiden traf weltweit zunächst auf Schweigen und verspätete, zögernde Reaktionen. Schließlich haben sich die Regierungen Frankreichs, Deutschlands und der USA für seine bedingungslose Freilassung ausgesprochen. Es ist traurig und bestürzend, dass die Repräsentanten der freien Welt, die Demokratie und Menschenrechte selbst hoch achten, weniger gewillt sein, für diese Rechte bei anderen einzutreten."

Der Westen hätte mehr für Liu Xiaobo tun können, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel und ärgert sich, dass Merkel beim G 20-Gipfel mit Xi Jinping lieber über Panda-Bären sprach: "Denn es ist ja nicht so, dass Xiaobo nur von Chinas Staatsmedien totgeschwiegen wurde und wird, dass sein Name dort aus dem Internet gefiltert und zum blinden Fleck wegzensiert wird, dass vor dem Nobelpreis selbst die chinesische PEN-Präsidentin sagte, sie habe noch nie von diesem Mann gehört. Es ist ja leider so, dass hier im freien Westen keineswegs täglich und tatkräftig für Menschen wie Liu Xiaobo gestritten und gekämpft wird, für all die Dissidenten, Menschenrechtler, Journalisten, Blogger, Anwälte und Künstler, die in China, der Türkei, Saudi-Arabien, dem Iran und vielen anderen Ländern weggesperrt werden."

Die Politik der chinesischen Regierung und die Reaktion des Westens darauf hatte Liu schon 2006 in einem Essay beschrieben, den Jiayang Fan im New Yorker zitiert: "Die chinesische Kommunisten  konzentrieren sich auf die Wirtschaft, versuchen ein Teil der Globalisierung zu werden und umwerben Freunde, indem sie ihre ursprüngliche Ideologie auf den Müllhaufen werfen... Wenn der Aufstieg eines großen diktatorischen Staats, der rasch an wirtschaftlicher Stärke zunimmt auf keinen effektiven Widerstand von außen trifft, wird das Resultat nicht nur eine andere Katastrophe für das chinesische Volk sondern auch ein Desaster für die Ausbreitung von Demokratie sein."

Hier außerdem der Nachruf von Christoph Giesen in der SZ, von Thomas Schmid in der Welt (hier), von Peter Sturm in der FAZ (hier) und Mark Siemons ebendort. Bei Zeit online schreibt Felix Lee, der auch für die taz berichtet.


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Religion

Eine Modernisierung der katholischen Kirche ist unumgänglich, schreibt der Rechtsphilosoph und Völkerrechtler Heribert Franz Köck in der NZZ, denn: "Die derzeitige kirchliche Ordnung verstößt in zentralen Punkten - insbesondere Pflichtzölibat und Diskriminierung der Frauen durch Ausschluss vom Weiheamt - gegen die Menschenrechte und damit, weil diese naturrechtlich verankert sind, gegen das natürliche göttliche Recht. In solchen Punkten kann es auch keinen Kompromiss (etwa: kein Pflichtzölibat, aber nur für 'viri probati'; Weihe für Frauen, aber nur zum Diakonat) geben; die bestehenden Regelungen stellen ein massives Unrecht dar, das sofort und ohne Wenn und Aber abgestellt gehört."
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Stichwörter: Katholische Reform

Gesellschaft

Nina Apin fragt sich in der taz, ob nicht der von dem britischen Autor Jack Urwin in Umlauf gebrachte Begriff der "toxischen Männlichkeit"  auf die Hamburger Krawalle zu applizieren wäre: "Männer begehen - und das ist jetzt keine Modediagnose, sondern Kriminalstatistik - den Löwenanteil an sämtlichen Gewalttaten, von häuslicher Gewalt über Körperverletzung und Sexualstraftaten bis zum Mord oder Amoklauf. Die Männergewalt schadet auch den Männern selbst, wie Urwin aufzeigt: Sie begehen viel häufiger Selbstmord als Frauen, sterben früher. Lassen sich auch die Gruppenausschreitungen in Hamburg als Aufführung eines toxischen Rituals lesen? Zusammen Steine schmeißen - und nach geschlagener Schlacht reißt man sich das durchgeschwitzte Shirt vom Leib und ext zusammen ein paar Bier, getragen vom Hochgefühl der eigenen Männlichkeit?" Bingo.
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Medien

"Größe, Schönheit, Kühnheit" soll sein neues Online-Magazin Republik bieten, verspricht der Schweizer Journalist Constantin Seibt im Welt-Gespräch mit Christian Meier. Dafür hat er von künftigen Lesern bereits Millionen bekommen. Meier glaubt: "Der Erfolg des Republik-Crowdfunding ist ein Paradebeispiel für eine neue Sehnsucht nach mehr Pathos im Journalismus. Nach Aufklärung. Nach Kontrolle der Mächtigen. Nach Beistand. Einer Heilserwartung von Lesern, die sich mitreißen lassen von Versprechungen neuer journalistischer Angebote, von denen sie offenbar eine Haltung erwarten, die sie bei etablierten Medien vermissen. Die mit Euphorie auf die Zusicherung unbedingter Unabhängigkeit von Konzernen und Werbekunden reagieren."
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Stichwörter: Constantin Seibt

Europa

Heute ist der 14 Juli. Der Bürgermeister des gallischen Dorfs hat Julius Cäsar zu Gast und wird ihm zeigen, was er alles kann und hat. Und die Militärkapelle wird ein Daft-Punk-Medley spielen. Hier die Probe:

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Stichwörter: Daft Punk

Ideen

In der NZZ sorgt sich Adrian Lobe angesichts der genetischen und digitalen Reproduzierbarkeit von Identitäten, etwa durch Genome Editing, um das Ich: "Am Ende dieses Optimierungsprozesses steht ein perfektes, gottgleiches Wesen (so die Vision des Google-Futuristen Ray Kurzweil), das sich als Mensch-Maschine-Hybrid reibungslos in die Roboterwelt einpasst. Wenn man sein Gehirn auf einen Computer hochladen kann, bedeute das die definitive Emanzipation des Geistes vom Körper, prophezeien die Technik-Jünger. Der Geist diffundiert in der Cloud. Doch wo sich der Mensch zum Automaten zerlegt, stellt sich nicht nur die Frage nach der Legitimität von Menschenrechten, sondern auch, wer über ihn herrscht - und ob diese Menschmaschinen nicht fremdgesteuert sind."

Die linke Idee der Gesellschaftsveränderung ist nicht nur "latent autoritär", sondern auch überholt, denn der  globalisierten Welt ging es noch nie so gut wie heute, schreibt Armin Nassehi auf Zeitonline: "Eine Linke braucht es womöglich nicht mehr. Wir brauchen stattdessen Denkweisen, die zur Kenntnis nehmen, dass man moderne Gesellschaften intelligenter steuern muss, und anders als die Formel 'Kapitalismus abschaffen' suggeriert. Erst dann dürfte eine angemessene und radikale Kritik des G20-Gipfels möglich sein. Denn das Problem ist nicht, dass sich die Regierungschefs der 20 Länder treffen. Das Problem ist, dass es noch keine Idee davon gibt, wie man die Wirkkräfte einer in sich differenzierten Gesellschaft nutzen kann, damit sie sich zum Besseren wendet."
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