9punkt - Die Debattenrundschau

Ein ganz gewöhnliches religiöses Verhalten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.07.2017. Die Freude ist groß, aber es gibt auch Streit: Die "Homo-Ehe", für die einige seit Jahrzehnten kämpften, ist nun da. taz und SZ machen sich aber auch Gedanken, was das für das Institut der Ehe eigentlich bedeutet. Liu Xia durfte ihren Mann Liu Xiaobo besuchen, berichtet die Welt. Ausreisen wird er wohl nicht dürfen, berichtet die South China Morning Post. In der NZZ  schildert Jonathan Haidt die ungeheure Macht der "Verletzlichkeit" in ideologischen Streitigkeiten an amerikanischen Unis. Die öffentlich-rechtlichen Sender möchten mehr  ins Netz und die Privatsender ans Gebührengeld, melden dwdl.de und golem.de.

Europa

"Das ist, alles in allem, ein historischer Tag in der deutschen Geschichte, und zwar nicht allein für homosexuelle Frauen und Männer - gern als 'Betroffene' bezeichnet", schreibt Jan Feddersen in der taz, der auch daran erinnert, dass es die CDU war, die diesen historischen Tag so lange wie möglich hintertrieb. Sei's drum: "Ein historischer Tag war und ist es auch deshalb, weil - der Autor dieser Zeilen weiß es noch - noch vor gar nicht langer Zeit schwule Männer gar nicht öffentlich werden durften, weil ihnen sonst Ächtung drohte. Und bis Ende der sechziger Jahre galt ein Paragraf 175, der in seiner von den Nazis übernommenen Fassung Tausende von Männern ins Gefängnis brachte - und eine ganze Republik auf Lebensentwürfe einschwor, die nicht schwul oder lesbisch sein durften."

"Auch schwule und lesbische Paare haben ein Recht auf Spießigkeit", kommentiert Johan Schloemann in der SZ und freut sich, dass der besondere Schutz der Ehe nun auch für gleichgeschlechtliche Paare gilt. Kinder sind in Deutschland wahrlich nicht das Kriterium: "Von allen Ehen in Deutschland sind aktuell 7,7 Millionen mit Kindern, aber 9,7Millionen kinderlos."

Feddersen schreibt (oben zitiert), "dass das christlich fundierte Eherecht abgelöst wird durch ein Institut, das zwei Menschen schützt", ein "wertkonservatives Zeichen". Genau gegen den Konservatismus dieses Instituts (von dem auch Schwule profitieren sollen, solange es existiert) begehrt ebenfalls in der taz Kersten Augustin auf: "Die Ehe erfährt dadurch eine Aufwertung, die sie nicht verdient hat. Sie benachteiligt unverheiratete Paare, egal ob hetero oder homo... Das größte Privileg der Ehe, das Ehegattensplitting, ist nichts anderes als ein familienpolitischer Skandal. Paare werden finanziell dafür belohnt, dass sie ungleich verdienen, dass ein Partner arbeiten geht und der andere zu Hause bleibt. Ein Gesetz, das so altbacken daherkommt, als sei es aus einem Heimatfilm entsprungen." Und dieses Privileg, so Augustin, kostet 15 bis 20 Milliarden Euro im Jahr.

Für große Aufregung sorgte gestern ein Text in der Rubrik "Fremde Federn" in der FAZ, der offenbar von einem Autor unter Pseudonym geschrieben wurde (ein gewisser Johannes Gabriel) und die "Ehe für alle" aus schwuler Perspektive ablehnt. Für Empörung sorgte vor wohl allem die Frage: "Ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Missbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt...?"

Die FAZ hat den Text nicht online gestellt - auf ihrer Homepage gibt es keine Spur der Debatte. Dafür fand man den Text, der einen von Meedia protokollierten Shitstorm auslöste, vor der FAZ schon hier im Blog des schwulen Theologen David Berger. Laut Meedia hat die FAZ inzwischen eingeräumt, dass der Text unter Pseudonym geschrieben wurde. Harry Nutt findet den Text in der Berliner Zeitung vor allem wirr.
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Politik

Liu Xia, die Frau von Liu Xiaobo, durfte ihren Mann im Krankenhaus besuchen, berichtet Herbert Wiesner in der Welt unter Bezug auf die South China Morning Post. Aber er hält auch fest: "Liu Xiaobo ist so unfrei wie zuvor, entlassen aus elfjähriger Haft in eine tödliche Krankheit, in die Krebsstation einer bewachten Klinik." Und dass Lius Krebserkrankung "sträflich spät" diagnostiziert wurde. Mimi Lau berichtet in der South China Morining Post, dass Freunde Lius eine Ausreisegenehmigung für den todkranken Autor für unwahrscheinlich halten.

"Ach, Saudi-Arabien! ", ruft der Literaturkritiker Karl-Markus Gauß in einer SZ-Kolumne: "Ich kenne dieses Land, nicht weil ich mich je vor Ort an den Hinrichtungen ergötzt hätte, die unter großem Beifall des Publikums an Homosexuellen vollzogen werden, sondern weil ich öfter am Balkan unterwegs war. Kein anderer Staat wie der der Wahhabiten ist dermaßen aggressiv damit beschäftigt, das zu zerstören, worauf bei uns so viele ihre Hoffnungen setzen, nämlich den 'europäischen Islam'."
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Ideen

Die Mehrheit der Professoren und Studenten an amerikanischen Universitäten ist für freie Rede. Gleichzeitig treibt die political correctness immer absurdere Blüten, gibt es immer mehr Beschränkungen, wer was sagen darf. Dabei greift ein Mechanismus, den der amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt im Gespräch mit der NZZ concept creep nennt, "was so viel meint wie: Wenn jemand etwas sagt, das mir gegen den Strich geht, dann ist das verletzend, und wenn es verletzt, dann ist das Gewalt, und wenn es Gewalt ist, dann will es mich töten... Mein Forschungsgebiet ist die Psychologie der Moral, und was wir hier sehen, ist ein ganz gewöhnliches religiöses Verhalten. Die Menschheit hat sich als eine religiöse Spezies entwickelt. Wir wählen etwas aus, wir kreisen darum, wir verehren es. Von außen sieht es aus, als ob wir verrückt geworden wären, aber wir sind nicht verrückt, wir haben eine Glaubensgemeinde gebildet. Das hat uns Emile Durkheim gelehrt."

Ebenfalls in der NZZ stellt Markus Bauer den vor hundert Jahren gestorbenen "rumänischen Lessing" vor, Titu Maiorescu.
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Internet

Als "Angriff auf die Freiheit" kritisiert Stefan Laurin bei den Salonkolumnisten das von Heiko Maas jetzt durchgesetzte Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Nun müssen die armen Facebook-Löschknechte entscheiden, was man sagen darf und was nicht : "Wer einmal einen Gerichtsprozess erlebt hat, weiß, dass selbst Juristen sich oft nicht einig sind, was 'offensichtlich rechtswidrig' ist. Und den Job sollen jetzt höchstens oberflächlich geschulte Laien im Akkord erledigen? Facebook sperrt heute schon vieles, was offensichtlich nicht 'offensichtlich rechtswidrig' ist, sondern seinen schwammigen Standards nicht entspricht."
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Urheberrecht

David Pachali erläutert bei irights.info die Bestimmungen des nun gestern ebenfalls verabschiedeten und so grauenhaft benannten "Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetzes": "Hochschulen dürfen Auszüge mit der Neuregelung auch dann in digitale Semesterapparate und Lernplattformen einstellen, wenn Verlage dafür Lizenzen anbieten - die Erlaubnis per Gesetz geht vor. Hochschulen können aber auch weiterhin Verträge mit Verlagen abschließen; etwa für Angebote, die über das gesetzliche Minimum hinausgehen."
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Kulturpolitik

Der Umbau von Oper und Schauspiel Frankfurt, eines wunderbar leichten, klassisch modernen Baus, wird von einem Gutachten des Architekten Jörg Friedrich auf 900 Millionen Euro veranschlagt. Die Empörung ist groß. Aber das Gutachten ist  nur ehrlich, schreibt Niklas Maak in der FAZ: "Das Gutachten ist erschreckend genau und gründlich, und zeigt deutlich, welch ein osterinselhafter Anspruchs- und Verordnungswahnsinn das öffentliche Bauen fast unmöglich macht. Darüber - und nicht über den Standort am Willy-Brandt-Platz, der als kulturelles Zentrum wichtig ist und nicht zugunsten einer Verödung durch weitere Bürotürme lahmgelegt werden darf - muss jetzt geredet werden."

Medien

Die öffentlich-rechtlichen Sender, deren Publikum vor den Fernsehern langsam verdämmert, möchten sich weiter ins Netz ausdehnen, wo ihnen aber wegen der eifersüchtig wachenden Presse Restriktionen auferlegt sind. Nun fordert der WDR-Rundfunkrat eine Aufhebung der Begrenzungen, berichtet Uwe Mantel bei dwdl.de: "Die Erfüllung des gesetzlichen Programmauftrags solle nicht länger auf bestimmte Verbreitungswege wie Fernsehen oder Hörfunk beschränkt werden. Der WDR-Rundfunkrat hat daher die Gesetzgeber aufgefordert, die Begrenzungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet aufzuheben. Zudem unterstützt er ausdrücklich das Konzept einer öffentlich-rechtlichen Plattform, die Angebote verschiedener Anbieter unter einer starken Internet-Marke bündelt."

Gleichzeitig bringt golem.de eine überraschende Meldung, die der Dienst offenbar einem Interview der komenden Sonntags-FAZ entnimmt: "Die Privatsender verlangen für sich einen Anteil an den Gebühren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. 'In dem Maße, in dem wir die Grundversorgung vor allem in jungen Segmenten de facto mit übernehmen, finden wir es sachgerecht, dass diese Inhalte aus öffentlichen Mitteln finanziert oder mitfinanziert werden', sagte ProSieben-Sat1-Vorstand Conrad Albert der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er fordere einen 'Systemwechsel'." Gut, aber dann hätte der Perlentaucher auch gern was ab!

Thomas Frickel von der AG Dok kommt im Tagesspiegel nochmal auf den Skandal um die Antisemitismus-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt" zurück - allerdings mehr aus der Perspektive eines Produzenten, der im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender arbeitet und sich nun fragt: "Was schützt ein Produktionsunternehmen beim nächsten Mal davor, dass Absprachen mit der zuständigen Redaktion plötzlich nicht mehr gelten, dass willkürlich neue Regeln gesetzt werden und dass eine Vertragsklausel greift, die standardmäßig in jedem Fernsehproduktionsvertrag steht und die dem Produzenten die gesamte Produktionsverantwortung aufbürdet? Eine Klausel, die es dem Sender ermöglicht, den bestellten Film am Schluss abzulehnen - und damit alle weiteren Zahlungen für diese Produktion einzubehalten."
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