9punkt - Die Debattenrundschau

Reden und Lesen gehören zusammen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2017. In der NZZ misstraut Pascal Bruckner dem Bild des alle Gegensätze versöhnenden charismatischen Anführers, das Emmanuel Macron von sich verbreitet. In Le Monde denkt der Soziologe Gérald Bronner über die Frage nach, warum Macron ein so beliebtes Futter für Verschwörungstheoretiker ist. Die NZZ bringt ein Dossier über George Soros. Die FAZ-Herausgeber wenden sich in einem offenen Brief gegen ein neues Urheberrechtsgesetz, und zwar ist die freie Presse in Gefahr.

Europa

Kann Emmanuel Macron das gespaltene Frankreich versöhnen? In der NZZ hat Pascal Bruckner bei aller Sympathie für den neuen Präsidenten leichte Zweifel. Denn nach dem Rausch müsste jetzt die Positionierung kommen, die ein sowohl als auch nicht zulässt: "Macron erklärt, es gebe keine französische Kultur, preist zugleich aber das Bauerbe. Mit ihm könnten Burkini und Topless, Uberisierung und Sozialschutz in gutem Einvernehmen koexistieren. Es gäbe keine sozialen Spannungen mehr, denn der geliebte Leader absorbierte sie alle. Von daher rührt auch sein grammatikalischer Tick, seine dauernd gebrauchte Formulierung 'et en même temps' ('und zugleich'), die zu einem Gimmick der Kampagne geworden ist, erlaubt er doch die Versöhnung der Gegensätze. Diese Allergie gegen Entscheidungen, die in Worten fasziniert, ist in Taten nur schwer tragbar."

Im Gespräch mit Marc-Olivier Bherer von Le Monde denkt der Soziologe Gérald Bronner über die Frage nach, warum Emmanuel Macron ein so beliebtes Futter für Verschwörungstheoretiker ist. Der schnelle Aufstieg ist ein Aspekt, und natürlich, dass er in der Rothschild-Bank gearbeitet hat. Bronner spießt auch den Begriff des "Systems" auf, den alle Verschwörungstheoretiker lieben: "Dieser Begriff ist extrem vage, eine Metapher, um die Pseudo-Realität der Welt zu beschreiben. Ein sehr altes Bild des Systems ist der Krake, das vor allem von antisemitischen Zeitungen der Dreißiger benutzt wurde. Das System verkörpert, was wir hassen."

Unter den Linken hat sich vor der Wahl die Auffassung verbreitet, Macron zu wählen, sei praktisch das selbe wie Le Pen zu wählen. Nils Markwardt hält das auf Zeit online für gefährlichen Unsinn, denn der Wirtschaftsliberalismus spiele bei den Rechtspopulisten nur eine Nebenrolle: "Die Ablehnung gilt vor allem dem aufklärerischen Werteliberalismus. ... Ein wirklicher Kampf für soziale Gerechtigkeit setzt all das voraus, was Rechtspopulisten unterhöhlen oder abschaffen wollen: demokratischen Pluralismus, liberale Institutionen und europäische Einigung. Letzteres nicht nur deshalb, weil die Regulierung des Kapitalismus vornehmlich eine supranationale Angelegenheit ist, sondern auch, weil die europäische Integration dazu führt, dass die Nationalstaaten grundsätzlich ein Mindestmaß an gemeinsamen Interessen haben."

Die NZZ widmet dem ungarischstämmigen, mit 17 Jahren vor den Nazis nach England geflohenen Investor Georges Soros ein kleines Dossier. Auf 25 Milliarden Euro wird sein Vermögen geschätzt, schreibt Anja Jardine in ihrem Porträt: "Nicht nur Soros' Talent zum Geldmachen, auch seine Bereitschaft, es zu verschenken, verlangt nach Superlativen. Allein in Russland spendete er Ende der neunziger Jahre das Fünffache dessen, was die US-Regierung an Zuwendungen gewährte. Seine 'Open Society Foundations' engagiert sich heute in über hundert Ländern für Pluralismus, Meinungsfreiheit und Bildung; 13 Milliarden US-Dollar sind seit 1979 in Tausende Projekte geflossen. 'Staatsmann ohne Staat' nannte ihn der mazedonische Staatspräsident. Soros engagiert sich gegen den Golfkrieg und investiert in die Rüstungsindustrie. Man wird aus dem Milliardär nicht schlau. Das kann er gut verstehen."

Doch Soros' Open Society Foundation ist inzwischen unter Druck geraten - von links wie von rechts, erzählt Andreas Ernst. Auch ihre Freiheitsvorstellungen werden oft nur von einer Minderheit geteilt: "Aber sind diese NGO auch Teil des gesellschaftlichen Wandels? Sind sie die Kerne einer Bürgerbewegung, als die sie sich sehen? Milcin räumt ein, dass viele der fähigsten Aktivisten in den vergangenen fünfzehn Jahren dem Land den Rücken gekehrt hätten. 'Sie sind in Kanada, Österreich oder Deutschland.' Und mit ihnen verschwanden die Fähigkeiten, die sie im 'Soros-System' erworben hatten: Managementqualifikationen, Sprachkenntnisse, Verhandlungsgeschick."
Archiv: Europa

Gesellschaft

Der Fall eines jüdischen Jungen, der an einer Schule in Friedenau antisemitisch beleidigt wurde, ist kein Einzelfall, warnt Sergey Lagodinsky in der taz: "Friedenau ist überall! Seit Monaten, ja schon Jahren erreichen uns Berichte über die Zustände an deutschen Schulen: 'Jude' als Schimpfwort auf den Schulhöfen, Schüler, die sich weigern, über den Holocaust zu lernen, jüdische Lehrerinnen, die von Schülern antisemitisch terrorisiert werden. Mag sein, dass einiges davon unbestätigt bleibt, mag sein, dass einiges pubertäres Gehabe oder Provokationen sind, die sich nicht gegen konkrete Juden richten. Doch welche Antworten haben wir an eine Mutter, die ihrem jüdischen Sohn beigebracht hatte, sich in Deutschland nicht, wie seine Großeltern, seiner Herkunft wegen zu fürchten, und der sie fragt, warum andere einander 'Jude' schimpfen?"
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Antisemtismus

Geschichte

In den 1830er Jahren entstand die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem man lesen und über das Gelesene reden kann: Die Museumsgesellschaft. Das funktioniert immer noch, freut sich Thomas Ribi, der für die NZZ den Lesesaal der Museumsgesellschaft in Zürich besucht hat: "Reden und Lesen gehören zusammen, und wer in aller Ruhe lesen, dabei aber trotzdem in Gesellschaft sein will, für den ist der Lesesaal mit Blick auf Limmat, Rathaus, Üetliberg und Lindenhof ein wunderbarer Ort. Ein Ort mit Geschichte, aber ohne Muff. Ein eleganter, freundlicher Raum, eine schön assortierte Bibliothek, in der sich literarische Neuerscheinungen und Sachbücher neben den Klassikern finden, zu denen man immer wieder zurückkehrt. Das alles in vier Sprachen, und dazu rund 100 Zeitungen und 300 Zeitschriften: ein Angebot, das auch anspruchsvolle Geister zufriedenstellt."

Weiteres: Ronald D. Gerste besucht für die NZZ das neue Museum of the American Revolution in Philadelphia.
Anzeige
Archiv: Geschichte

Kulturpolitik

Andreas Rossmann beschreibt in der FAZ den kümmerlichen Status von Kultur- und Kulturpolitik in den Seelen der nordrhein-westfälischen Spitzenpolitiker: "Nicht, dass Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) mit der Kultur fremdelt, sondern dass sie nicht bereit ist, sie in kompetente Hände zu legen, ist das Problem. Die kulturpolitischen Sprecher haben so wenig Rückhalt in ihren Parteien, dass sie am Katzentisch sitzen und Mühe haben, sich Gehör zu verschaffen. Mit Kultur, so klagen sie im Chor, könne kein Politiker Karriere machen."
Stichwörter: Nordrhein-Westfalen

Medien

Der Impresario Berthold Seliger beschreibt in einem Blogbeitrag, wie eine Produktionsfirma eine von ihm vertretene Band für eine für Arte und das ZDF produzierte Show gewinnen wollte: Eine Gage gibt es schon mal gar nicht: "Gleichzeitig aber zwingt das ZDF die Produktionsfirma dazu, sich ein Drittel der vermutlich sowieso nicht gigantischen Produktionskosten 'am Markt' zu besorgen. Und einer der Großkonzerne der Musikindustrie erhält gleichzeitig die audio-visuellen Verwertungsrechte an der Show, und die Künstler und Bands werden großzügigerweise mit 50 Prozent an der Verwertung beteiligt - aber auch erst, nachdem alle Kosten eingespielt wurden."

Die freie Presse ist in Gefahr! Das neue Urheberrechts-Wissensgesellschaft-Gesetz will laut FAZ erlauben, dass die Deutsche Nationalbibliothek bestimmte Zeitungsartikel, die im Internet frei zugänglich waren, weiter frei zugänglich machen darf. Die FAZ-Herausgeber wenden sich in einem offenen Brief, den sie als Anzeige in der eigenen Zeitung veröffentlichen, an den Bundesrat: "In einer Zeit, in der aus gegebenen Anlässen immer wieder die Bedeutung der freien Presse für Demokratie und informierte Öffentlichkeit betont wird, halten wir den Gesetzentwurf für einen Angriff auf die wirtschaftlichen Grundlagen dieser freien Presse."
Archiv: Medien