Efeu - Die Kulturrundschau

Meister des Sternstundenzaubers

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2017. Der Schriftsteller Hisham Matar schreibt in der NZZ über das prägendste Buch seines Lebens, an dessen Titel und Autor er sich allerdings nicht mehr erinnern kann. Im Tages-Anzeiger erklärt Milo Rau das Nationaltheater Gent zum Stadttheater der Zukunft. Der Tagesspiegel sucht bei den Kurzfilmtagen Oberhausen nach sozialen Medien vor der Erfindung des Internets. Und alle nehmen Abschied vom großen Musik- und Literaturkritiker Joachim Kaiser.

Musik

Mit Joachim Kaiser ist das "Papsttum in der Kritik unwiederbringlich zu Ende gegangen", schreibt Manuel Brug in der Welt und trauert in einem sehr persönlich gehaltenen Nachruf auf diesen "Meister des gedrechselten, auch umständlichen, aber fein gesponnenen Wortes. Ein Florist im Garten der Prosa, mit einer blühenden Gabe der Beschreibung." In der FAZ schließt sich Gerhard Stadelmaier an und würdigt einen "Meister des Sternstundenzaubers". Was diesem an geschätzten und weniger geschätzten Leistungen "aufging - das wurde unter seiner frei formulierenden Emphasenschreibregie, der man das strömend Diktierte immer anmerkte, zum publizistischen Ereignis."

Die SZ widmet weite Teile ihres Kulturteils ihrem langjährigen Feuilletonchef. Auf Seite Drei würdigt Thomas Steinfeld den Verstorbenen. Für ihn geht mit Kaiser auch ein Stück der alten Bundesrepublik und deren Wissens- und Bildungshunger nach dem intellektuellen Kahlschlag durch die Nazis zu Ende: "Die Bedeutung, die Schriftsteller wie Günter Grass oder Martin Walser, Musiker wie Herbert von Karajan oder Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki oder eben Joachim Kaiser für ein Publikum besaßen, das eben nicht nur aus Gebildeten bestand, beruhte auch darauf, dass sie dieser Emanzipation den Weg wiesen."


(Ein Mitschnitt von Kaisers "Langer Nacht des Vladimir Horovitz", die Kaiser 1978 für den RIAS besorgt hat.)

Weitere Nachrufe schreiben unter anderem Karl-Heinz Ott (NZZ), Frederik Hanssen (Tagesspiegel) und Andrian Kreye (Tagesanzeiger). Im Gespräch auf Deutschlandfunk Kultur erinnert sich Michael Naumann an Kaiser. Eine sehr schöne Geste: Max Fellmann und Tobias Haberl haben im SZ-Magazin aus Kaisers Texten eine letzte Interview-Collage erstellt - eine Arbeitstechnik, die Kaiser selbst gerne angewendet hatte. Bei Youtube finden sich zudem zahlreiche Folgen von "Kaisers Klassik-Kunde". Hier die erste Folge, in dieser Playlist finden sich zahlreiche weitere Episoden:



Weiteres: In einer großen taz-Reportage zeichnet Jan Feddersen ein Stimmungsbild von Kiew und der Ukraine vor dem Finale des Eurovision Song Contest am Wochenende - das Land sei "aufbruchswillig" sagt er angesichts des enthusiastischen Engagements junger Leute für den Schlagerwettbewerb. Für eine Werbekampagne der Zürcher Tonhalle ist den darauf gezeigten Werbeträgern ein zweites rechtes Ohr gewachsen, nimmt Felix Michel in der NZZ amüsiert zur Kenntnis.

Besprochen werden das neue Album von Egotronic (taz), das Acht Brücken Festival mit den Einstürzenden Neubauten (Spex), das neue Album "Real High" von Nite Jewel (taz, Pitchfork) und das neue Album von Vinicio Capossela (NZZ).
Archiv: Musik

Film

Im Tagesspiegel widmet sich Sven von Reden einer in Oberhausen gezeigten Retrospektive von medienkünstlerischen Arbeiten, die sich vor dem Durchbruch des World Wide Web daran wagten, eine alternative audiovisuelle Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Es geht "im Kern um die spannende Frage, wann der Traum linker Medientheoretiker seine Unschuld verlor. Ein exaktes Datum lässt sich nicht benennen, aber deutlich wird, dass sich - retrospektiv betrachtet - in den utopischen Kunstaktionen, in basisdemokratischen Modellen, in freakigen Experimenten, im kindlichen Überschwang schon Spuren des 'asozialen' Internets finden lassen, das heute verstärkt unter kritischer Beobachtung steht."

Gestern wurde Romuald Karmakar für die Tonmischung seines DJ-Dokumentarfilms "Denke ich an Deutschland in der Nacht" gelobt, heute gibt er im Gespräch mit Andreas Busche Auskunft für über seine Vorgehensweise: "Den Stereoton im Club muss man fürs Kino auf fünf Kanäle verteilen", erklärt er in epdFilm. "Die Kamera zeichnet dabei den Raumton auf, der den mittleren Kanal belegt. Die Atmo wird durch ein Front-side-rear-Signal aufgenommen, dazu gehen wir direkt ans Mischpult und nehmen zusätzlich den Kopfhörerton des DJs auf. Diese vier Quellen sind die Grundlage für die Tonmischung des Films. Sie verschaffen uns die gestalterische Möglichkeit, mit den Tonquellen zu spielen. In Villalobos fing ich zum Beispiel an, mit dem Kopfhörerton zu experimentieren. Dabei ging es mir darum, die Musik, die der DJ hört, unter die Bilder der tanzenden Menschen im Club zu legen. 99 Prozent der Leute wissen ja gar nicht, was der DJ beim Mischen eigentlich hört." Im Tagesspiegel bespricht Dennis Vetter den Film.

Weiteres: Für ZeitOnline hat sich Wenke Husmann ausführlich mit Volker Schlöndorff über dessen neuen (in der FR besprochenen) Film "Rückkehr nach Montauk" unterhalten. In der taz rät Carolin Weidner zur Wiederentdeckung der ungarischen Filmemacherin Márta Mészáros, die das Berliner Kino Arsenal mit einer Filmreihe gestattet. Bert Rebhandl wirft für den Standard einen Blick ins Programm der Filmreihe, mit der sich Alexander Horwath als Leiter des Österreichischen Filmmuseums verabschiedet. Christiane Peitz bringt im Tagesspiegel Zahlen zur europäischen Filmwirtschaft. Die Filmszene.Köln fragt sich, ob die Kölner Programmvideothek Traumathek aus ihrer wirtschaftlichen Schieflage gerettet werden kann.

Und äußerst schade: IndieWire meldet, dass der auf Arthouse-Filme spezialisierte US-Streamingdienst Fandor sein angehängtes Filmmagazin Keyframe schließt, in dem unter anderem David Hudson seine hervorragende internationale Filmrundschau betrieben hat.

Besprochen werden Guy Ritchies Actionfilm "King Arthur: Legend of Sword" (Perlentaucher) und die Amazon-Serie "I Love Dick" nach dem Roman selben Namens von Chris Kraus (FAZ).

Archiv: Film

Literatur

In der NZZ erinnert sich der libysche Schriftsteller Hisham Matar an ein prägendes Buch, aus dem ihm im Kindesalter vorgelesen wurde - an dessen Autor, Name und Inhalt er sich allerdings nicht mehr erinnern kann. Abrufbar ist lediglich, dass es um die Schilderungen eines Mannes ging, der sich mit seiner Gefühlswelt befasste. "Die Ehrlichkeit des Geschriebenen, seine Fähigkeit, derart fließende, vage Regungen einzufangen, war in sich selbst tapfer und großzügig, das genaue Gegenteil der geschilderten Emotion. Ich erinnere mich auch, wie mich die Tatsache, dass Worte so präzis und geduldig sein konnten, mit Staunen erfüllte."

Weiteres: Eine Reihe aktueller Buchveröffentlichungen aus den Archiven großer literarischer Namen lässt Konstantin Ulmer wehmütig auf ZeitOnline an die Zeit zurückdenken, als Schriftsteller sich in der Öffentlichkeit noch mit großer moralischer Gravitas zu Wort meldeten. In der SZ gratuliert Lothar Müller dem Literaturwissenschaftler Norbert Miller zum 80. Geburtstag.
 
Besprochen werden Oleg Jurjews "Unbekannte Briefe" (Tagesspiegel), neue Biografien über Maria Theresia (NZZ), der Briefwechsel zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und Sophie von Hannover (SZ), Javier Cercas' "Der falsche Überlebende" (SZ), Ernst Robert Curtius' "Elemente der Bildung" (FAZ) und Olga Grjasnowas "Gott ist nicht schüchtern" (online nachgereicht von der FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

Im Gespräch mit Andreas Tobler vom Tages-Anzeiger erklärt der Schweizer Regisseur Milo Rau, weshalb er sich dem Schauspielhaus Zürich abgesagt und sich für die Intendanz des Nationaltheaters Gent entschieden hat: "Es ist das größte Ensemble-Theater im flämischen Raum, es versorgt eine Bevölkerung von der Größe der Schweiz mit Theater. Darüber hinaus sind Produktionen des NT Gent in ganz Europa präsent. Das bedeutet, dass man extrem viel tourt, bis zu 300 Stationen pro Jahr, was doch wunderbar ist: mit einem festen Ensemble ein anspruchsvolles Repertoire zu schaffen, wie das an Stadttheatern üblich ist - und dann international damit zu touren, wie das im deutschen Sprachraum nur in der freien Szene möglich ist. Das ist, kurz gesagt, für mich das Stadttheater der Zukunft."

Weiteres: taz und Nachtkritik berichten vom Berliner Theatertreffen. Besprochen wird Robert Gerloffs Inzenierung von Goethes "Stella" am Wiener Volkstheaters (Presse).
Archiv: Bühne

Architektur


Zwei verbundene Einfamilienhäuser im Heideweg in Dresden-Hellerau, entworfen von Heinrich Tessenow (1910, Foto veröffentlicht unter CC-Lizenz von Hans G. Oberlack bei Wikipedia)

In der taz erinnert Bettina Maria Brosowsky an den Architekten Heinrich Tessenow (1876-1950), der zu den prägenden Erneuerern der Architektur im frühen 20. Jahrhundert zählte: "Sein Anknüpfen an die 'Letzte Baukunst', die Zeit um 1800, war keinesfalls reaktionär, sondern wollte eine spezifische Kultur der angestrebten Harmonie zwischen Mensch und Natur geistig wiederbeleben. Tessenows Hauptaugenmerk galt dem menschenwürdigen Wohnen und Leben. Er entwarf unzählige kleine, ländliche Daseinsweisen favorisierende Wohnhäuser und Siedlungen, er lehrte und publizierte zu Hausbau wie Handwerk, zum Schulbau oder zu Stadtgestalten unterschiedlicher Größe, immer mit seinen atmosphärisch dichten Planzeichnungen und Perspektiven belegt."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Heinrich Tessenow

Kunst


Die Ausstellung "The Boat is Leaking. The Captain Lied" in Venedig. Foto: Delfino Sisto Legnani e Marco Cappelletti.

Der Autor und Filmemacher Alexander Kluge, der Fotokünstler Thomas Demand und die Bühnenbildnerin Anna Viebrock haben sich im Ca' Corner della Regina, der venezianischen Dependance der Fondazione Prada, zu einer transmedialen Ausstellung zusammengetan. Dabei gelingt ihnen "nicht weniger als eine Schule des Sehens", meint Simon Strauss in der FAZ: "Dass die Verhältnisse zwischen den Werken mitunter etwas assoziativ sind, sich unter den Themenschwerpunkten Katastrophe, Krieg, Schuld und Erinnerung nur lose miteinander verbinden, macht nichts. Es geht ums Ganze, letztlich auch um die Frage, welche Strategien der Archivierung wirksamer sind als andere: Erinnern wir uns in räumlichen Atmosphären, typisierten Bildern oder bebilderten Gedanken?"

Weiteres: Von der Biennale in Venedig berichten Brigitte Werneburg in der taz, Swantje Karich in der Welt, Colette M. Schmidt im Standard, Nicola Kuhn im Tagesspiegel, Michael Huber im Kurier und Kolja Reichert in der FAZ. Besprochen wird eine Ausstellung mit Arbeiten von Roger Ballen und Hans Lemmen, von Marlène Mocquet und Lionel Sabatté im Musée de la Chasse et de la Nature in Paris (FAZ).

begonnen. Die Jagd geht weiter. Natur und Kunst haben ihren Pakt geschlossen. Rose-Maria Gropp

Musée de la Chasse et de la Nature, Paris, 62, rue des Archives. - Noch bis 4.Juni: Arbeiten von Roger Ballen und Hans Lemmen, von Marlène Mocquet und Lionel Sabatté.

Archiv: Kunst