9punkt - Die Debattenrundschau

Das Femininum kam als drittes Genus hinzu

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2017. Mehr als sechzig Prozent der weltweit inhaftierten Journalisten sitzen in einem türkischen Gefängnis, hat die SZ ausgerechnet. Der Tagesspiegel fordert Boykottdrohungen gegen die Türkei. In Le Monde wendet sich Pascal Bruckner gegen die Idee, den Terrorismus mit ökonomischen Problemen der Terroristen zu erklären. In der SZ erklärt der Linguist Peter Eisenberg, weshalb das Streben nach geschlechtergerechter Sprache aus grammatischer Sicht Quatsch ist.

Europa

"So geht es nicht weiter mit uns und der Türkei", stellt Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel angesichts der Inhaftierung Deniz Yücels fest und fordert ein resoluteres Auftreten der Bundesregierung gegenüber Erdogan: "Wandel durch Anbiederung ist der falsche Ansatz. Erdogan muss demonstriert werden - auf der Straße und politisch-amtlich -, was Demokratie braucht. Er nämlich braucht Investitionen unserer Wirtschaft; er braucht abertausende Touristen aus Deutschland. Mit dem legitimen Mittel der Boykottdrohung könnten wir ihm einiges abringen. Was die Beitrittsverhandlungen angeht: Die dürfte es erst geben, wenn wieder Pressefreiheit herrscht, wenn die türkische Justiz unabhängig sein wird, wenn Oppositionspolitiker freigelassen werden, die ohne Prozess einfach nur weggesperrt wurden."

In der SZ stellt Yavuz Baydar den Fall Yücel in den Kontext von Erdogans systematischem Vorgehen gegen Journalisten: "Laut den Zahlen, die von der Plattform für unabhängigen Journalismus P 24, einer in Istanbul sitzenden Nichtregierungsorganisation, veröffentlicht wurden, ist Deniz Yücel der 155. Journalist, der in der Türkei inhaftiert wurde. Damit sitzen aktuell mehr als sechzig Prozent der weltweit inhaftierten Journalisten in einem türkischen Gefängnis, wie ein Vergleich der von Reporter ohne Grenzen veröffentlichten Zahl und den Angaben der Nichtregierungsorganisation Committee to Protect Journalists ergibt. Bei der Verhaftungswelle in der Türkei soll es sich um die größte seit der weltweiten Beobachtung der Pressefreiheit handeln."

In einem Guardian-Artikel über die zu einem autoritären Regime verkommende türkische Demokratie nennt Timothy Garton Ash das Rezept der regierenden Autokraten à la Putin, Erdogan und Orban: "Man kontrolliere die Medien über Oligarchen und Business-Konglomerate, die ihnen gehören... Man stricke einen Flickenteppich flexibler gesetzlicher Bestimmungen, die es dir erlauben, so gut wie jeden zu belangen... Man etabliere poltische Kontrolle über eine eingeschüchterte Justiz. Man pumpe das eigene nationalistisch-populistische Narrativ über Fernsehen und soziale Medien auf."

Gestern verlinkten wird auf den Libération-"Zähler der von Fillon abfallenden Verbündeten", der auf 18 stand - heute haben sich bereits 57 bekannte Politiker der gemäßigten Rechten in Frankreich von Fillon losgesagt. Fast grausam liest sich das Urteil der FAZ-Korrespondentin Michaele Wiegel über François Fillons Angriff auf die franzöische Staatsanwaltschaft: "Erbärmlicher kann die politische Laufbahn eines Mannes nicht zu Ende gehen, der in Vorwahlen bestimmt worden war, die französische Demokratie vor Le Pen zu schützen."
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Kulturpolitik

Andreas Kilb tritt in der FAZ noch einmal mit Verve gegen die vor der Berliner Schlossattrappe geplante "Einheitswippe" ein: "Die Choreografin Sasha Waltz, die eigentliche Erfinderin der 'Wippe', hat sich schon vor vier Jahren aus dem Projekt zurückgezogen. Offenbar hat sie geahnt, worauf ihre großherzige Idee einer beweglichen Monumentalskulptur an diesem Ort und bei diesem Bauherrn hinauslaufen würde: auf einen mit Gittern und Rampen gesichertes, von Uniformierten bewachtes Nationalspielzeug mit TÜV-Plakette und Zugangsbeschränkung."
Stichwörter: Einheitswippe, Sasha Waltz

Ideen

In einem kleinen Le Monde-Essay über Emmanuel Macron ("bei ihm ist es nicht, wie bei Benoit Hamon, die Zukunft, die begehrenswert erscheint, sondern der Kandidat selbst") setzt sich Pascal Bruckner auch mit der nicht nur von Macron verfochtenen These auseinander, dass der islamische Terrorismus einem ökonomischen Problem der Jugendlichen geschuldet sei: "Dieses Interpretationsmuster, ob marxistisch, liberal oder sozialdemokratisch geprägt, ist unfähig, das Phänomen des Religiösen zu erfassen, und bleibt darum eine extreme Vereinfachung. Dass Männer und Frauen bereit sind, für ihren Gott und ihr Heil zu sterben, überschreitet unser westliches, von der Logik des Marktes geprägtes Selbstverständnis. Es gibt kein 'Warum' für den Hass. Ihn mit Armut oder Wachstumskrisen zu rechtfertigen beweist nur eine Unfähigkeit, ihn zu begreifen - und also zu bekämpfen."

Der Linguist Peter Eisenberg erläutert in der SZ, weshalb das Streben nach geschlechtergerechter Sprache aus grammatischer Sicht Quatsch ist: "Wortbildungslehren beschreiben das Ergebnis der Ableitung von Substantiven mit dem Suffix 'er' aus Verben (Bäcker aus backen) als 'Person, die die vom Verb bezeichnete Tätigkeit ausübt.' Von Männern ist beim Nomen Agentis nicht die Rede. Bäcker als Maskulinum bezeichnet ebenso wenig ausschließlich Männer wie Person als Femininum ausschließlich Frauen bezeichnet... Das Genus in den indoeuropäischen Sprachen ist entstanden durch Zweiteilung in Bezeichnungen für Belebtes (später Maskulinum) und Unbelebtes (später Neutrum). Das Femininum kam als drittes Genus hinzu und spezialisierte sich auf Kollektiva und Abstrakta. Mit dem natürlichen Geschlecht weiblich hatte es nichts zu tun, und dabei ist es bis heute im Wesentlichen geblieben."
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Medien

Nach der Verhaftung von Deniz Yücel hatte Michael Martens in der Frankfurter Sonntagszeitung die Entsendepraxis deutscher Medienhäuser kritisiert, die türkischstämmige Journalisten allzu sehr auf Türkei-Themen festlegten. In der FAZ berichtet nun Baha Güngör von seinen eigenen Erfahrungen: "Ob mich aber die Deutsche Presse-Agentur, deren Türkei-Korrespondent ich von 1992 bis 1999 war, irgendwo anders als in der Türkei beschäftigt hätte? Wohl kaum. Auch die Deutsche Welle übertrug mir 1999 die Leitung der türkischen Redaktion wegen meiner Türkei-Erfahrungen. Eine Chance auf einen anderen Job habe ich in den 16 Jahren auch dort nicht bekommen... Hand aufs Herz, lieber Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt - wäre es denkbar gewesen, dass man Deniz Yücel einen Korrespondentenposten in London oder in Rom angeboten hätte statt in der Türkei? Die ehrliche Antwort kann nur nein lauten, oder?"

Nach einer Vorstellung neuer Serien - darunter der Serie "Dark" aus Deutschalnd - stellt Christian Meier  in der Welt die neue Netflix-Strategie vor. "Mit in verschiedenen Ländern produzierten Serien, in denen dort bekannte Schauspieler zu sehen sind, sollen die Abonnentenzahlen in den jeweiligen Märkten nach oben getrieben werden. Funktionieren sollen die meisten dieser neuen Stoffe aber auch über die Ländergrenzen hinweg." Die Welt hatte neulich auch berichtet, dass das Angebot von Netflix in den letzten Jahren drastisch gesunken sei - der Artikel steht leider nicht online. Ein weiterer Hintergrundartikel zum immer kleineren Katalog von Netflix (dssen Preise trotzdem steigen) dazu findet sich im Techbook.

(Via turi2) Medienübergreifende Bezahldienste wie Blendle schaden den proprietären Zahlmodellen von Zeitungen, behauptet eine Studie, die der Hamburger Medienprofessor Michel Clement mit erarbeitet hat. In der Pressemitteilung der Uni heißt es: "Die Mehrzahl der befragten Personen steht Online-Kiosken Professor Clement zufolge positiv gegenüber. Viele der bereits zahlenden Leserinnen und Lesern würden ihre kostenpflichtige Bezugsquelle für journalistische Inhalte wechseln. 'Apps wie Blendle oder pocketstory kannibalisieren so die traditionellen Bezahlangebote der Verlage, da die Verlage keine neuen Bezahlerinnen und Bezahler gewinnen.  (...) Die für Digital-Kiosk-Apps erfolgreichste Preisstrategie ist der Untersuchung zufolge das Flatrate-Angebot. 'Allerdings sind die Konsumentinnen und Konsumenten sehr preissensibel', so Clement. Er empfiehlt einen monatlichen Preis von höchstens zehn Euro. 'Eine derartige Flatrate hat das Potenzial circa 7 Prozent des Marktes zu binden.'"
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Urheberrecht

Ingo Dachwitz verweist in Netzpolitik auf zwei Papiere gegen das EU-Vorhaben eines Leitungsschutzrechtes für Presseverlage. In einem achtseitigen offenen Brief (PDF) wandten sich Forscherinnen aus ganz Europa direkt an das Europäische Parlament und die EU-Kommission. Darin heißt es: "Mit Artikel 11 soll ein zusätzliches Exklusivrecht für Presseverlage geschaffen werden, obwohl Presseverlage bereits Exklusivrechte von Autoren per Vertrag erwerben. Dieses zusätzliche Recht wird die Nachrichtenverbreitung stören, die Online-Lizenzierung behindern und sich negativ auf Autoren auswirken." Die Forscher werfen der Kommission außerdem vor, "empirische Beweise ignoriert" zu haben. "Konsultationen wurden irreführend zusammengefasst und legitime Kritik wurde als Anti-Urheberrecht gekennzeichnet."
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Internet

Im Zusammenhang mit dem von Justizminister Heiko Maas angekündigten Gesetz gegen Hate Speech und Fake News im Internet warnt Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries vor einer zu weitreichenden Regulierung von Plattformen wie Facebook, berichtet Fabian Reinbold auf SpOn: "Sie bedauere Forderungen, 'die Verantwortlichkeit der Plattformbetreiber derart auszuweiten, dass sie einer Privatisierung der Rechtsdurchsetzung gleichkommt. Dies halte ich ökonomisch, vor allem aber gesellschaftspolitisch für besorgniserregend', schreibt Zypries in einem Brief an den Vizepräsidenten der EU-Kommission Andrus Ansip, der auch für Digitalthemen zuständig ist. Man müsse auch 'unverhältnismäßige Belastungen für europäische Internet-Service-Provider verhindern'." Stattdessen schlage Zypries ein "einheitliches europäisches Beschwerdeverfahren" vor, um eine "drohende Fragmentierung des Rechts und der Märkte" zu verhindern.
Archiv: Internet