9punkt - Die Debattenrundschau

Die kategoriale Unterscheidung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.03.2017. Die Irish Times erklärt, wie das System der katholischen Kinderheime in Irland mit der Geschichte des Landes zusammenhängt. In der NZZ erzählt Adolf Muschg, warum er wieder in die Kirche eingetreten ist. In der FR staunt Staatsrechtler Christoph Möllers über Dauerpräsenz der Kirchen im politischen Diskurs. Auch Im Silicon Valley glaubt man laut Ideenhistoriker Fred Turner in der SZ: nämlich an die Technik.

Politik

Bei Trump geht es nicht darum, ob etwas wirklich wahr oder falsch ist, schreibt Nils Markwardt im Zeit-Magazin zum Thema Trump und die Medien: "Vielmehr geht es darum, das Prinzip der Wahrheit selbst abzuschaffen, die kategoriale Unterscheidung zwischen wahr und falsch aufzulösen. Die Philosophin Hannah Arendt hatte dieses Prinzip bereits 1974 in einem Interview mit Roger Errera analysiert. 'Wenn man permanent belogen wird, folgt daraus nicht, dass man die Lügen glaubt, sondern vielmehr, dass niemand mehr irgendetwas glaubt.'"
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Stichwörter: Fake News

Europa

Die Funde verscharrter Kinderleichen in dem katholischen Tuam-Heim in Irland (unsere Resümees) sind nach wie vor Thema Nummer 1 in Irland selbst.  Lorna Siggins erläutert in der Irish Times, wie dei Geschichte dieser Heime mit der Unabhängigkeit Irlands seit 1922 zusammenhing: "Laut der Dubliner Historikerin Lindsey Earner-Byrne versuchte der neue irische Staat bewusst, das Thema der 'Sorge' um unverheiratete Mütter und ihre Kinder an die Kirchen zu geben - nicht nur die katholische. In der selben Zeit begann der  oberste staatliche Standesbeamte die Kindersterblichkeit außerhalb von Ehen aus der allgemeinen Statistik herauszunehmen, vielleicht auch weil sie fünfmal so hoch war wie die 'normale' Zahl. Wie  Earner-Byrne in ihrem Buch 'Mother and Child:Maternity and Child Welfare in Ireland 1920s-1960s' ausführt, wurden diesen jährlichen Zahlen schon ab 1923 ermittelt."
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Stichwörter: Irland

Religion

Der Staatsrechtler Christoph Möllers lässt sich in der FR von Arno Widmann zum sich verändernden Verhältnis von Staat und Religion in vielen Ländern befragen. Nur in Deutschland bleibt alles wie immer: "In Deutschland haben die Kirchen gelernt, dass ihr Einfluss durch direkte Beteiligung an politischen Auseinandersetzungen eher leidet. Ihre - für die Zahl ihrer Mitglieder recht große - politische Bedeutung verdanken sie einer Dauerpräsenz im politischen Diskurs, der sich nicht eindeutig parteipolitisch abbilden lässt."

In der NZZ bekennt Adolf Muschg über Kierkegaard wieder zur Kirche gefunden zu haben: "Inzwischen beginnt mir Jesus wieder etwas zu bedeuten, ich bin auch wieder in die reformierte Kirche eingetreten. Weil ich an ihre Botschaft glaube? Viel eher, weil sie vom Glauben daran so weit entfernt ist wie ich. Aber vom Jesus der Bergpredigt und der Feindesliebe hat sie die heilige, die verdammte Pflicht geerbt, sich an diese Entfernung zu erinnern und sie nicht gut sein zu lassen. Es ist nichts Seligmachendes, schon gar nichts Alleinseligmachendes mehr an dieser Kirche; sie befindet sich in einer fast schon absoluten Minderheitsposition. Darin fühle ich mich in ihrer Gesellschaft."
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Medien

(Via turi2) Könnte es sein, dass das EU-Leistungsschutzrecht ohne den für die Verleger besonders engagierten EU-Kommissar Günther Oettinger zum Flop wird? Die maltesische Abgeordnete Therese Comodini Cachia, die im Rechtsausschuss des Parlaments die Federführung für das Thema hat, lehnt den Vorschlag zum Leistungsschutzrecht in ihrem Bericht zu der Reform jedenfalls ab, schreibt Till Hoppe im Handelsblatt: "Comodini will den Verlegern anderweitig entgegenkommen: Sie sollen im eigenen Namen vor Gericht gegen die Verletzung von Rechten ihrer Autoren klagen können. Google und andere könnten aber wohl weiterhin kurze Textausschnitte in ihren Suchergebnissen nutzen - ohne dass die Verlage dafür eine finanzielle Entschädigung erwarten dürfen. Sie können sich zwar auf das Urheberrecht ihrer Autoren berufen. Aber dieses deckt die kleinen Textausschnitte, sogenannte Snippets, nicht ab. " Hierfür bräuchte es ein Leistungsschutzrecht. Leonhard Dobusch berichtet bei Netzpolitik.org zum Thema.

Den in Deutschland zur Zeit besonders frommen Reden darüber, wie Presse die Demokratie verfechte und aufrechterhalte, hält Jan Keetman in der Jungle World einige Beispiele dafür entgegen, wie sich Presse in der Türkei lange vor dessen Festnahme auf Deniz Yücel einschoss: "Im Star konnte man .. lesen, Yücel habe Erdogan als 'Despot und Frauenfeind' beleidigt, 'Lügenberichte' verfasst, 'seinen Hass gegen die Türkei ­erbrochen'. Außerdem verbreitete die Zeitung, dass er ein deutscher Spion sei. Nachdem der Vorwurf der Spionage ganz ohne Quellenangabe gestreut war, konnte ihn Erdogan am folgenden Tag öffentlich wiederholen. Nun sei wohl auch dem letzten klar, warum sich die deutsche Regierung so um Yücel reiße."

Im Spiegel hat gerade auch der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, behauptet, die demokratische Öffentlichkeit werde durch die öffentlich-rechtlichen Sender garantiert - Trump sei auch wegen des Fehlens solcher Sender an die Macht gekommen.  Dem hält Perlentaucher Thierry Chervel in der Welt entgegen: "Wie offensiv würden die Herren und Damen Intendanten agieren, wenn die AfD erst an der Regierung wäre und Einfluss auf ihre Posten hätte? Die privaten Medien in den USA haben scharf und präzise auf Trump reagiert. Die BBC dagegen hat aus falscher Ausgewogenheit und Sorge vor dem Verlust des eigenen Status gegenüber den Brexit-Populisten eher laviert."
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Internet

Ist die Hippie-Ideologie Silicon Valleys verantwortlich für die neue Überwachungsökonomie und den neuen autoritären Führer Trump? Irgendwie schon, meint im Interview mit der SZ der amerikanische Ideenhistoriker Fred Turner: "Es gibt bei der Linken aber ein tiefes Missverständnis darüber, was Politik ist. Seit den Sechzigern gab es zwei Strategien von gegenkultureller Politik. Die Neue Linke wollte richtig Politik machen, mit Parteien. Und dann gab es diesen kommunalistischen Weg, bei dem die Leute versuchten, anders zu leben und sich anders auszudrücken. Und es war dieser Flügel, der das Silicon Valley infiltriert hat. Es gab da diese tiefe Hoffnung, dass wir nur die richtigen, ausdrucksstarken Technologien entwickeln müssten, um alle viel ganzheitlicher zu werden und eine alternative Gesellschaft zu bilden, die so viel besser und glücklicher wäre, dass sie jeden mit reinziehen würde in ein besseres Leben."

In der FAZ versucht Michael Hanfeld, den Spionageskandal der CIA in einen Skandal der "Silicon-Valley-Konzerne" umzudeuten.
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Überwachung

Deri Ausstellungen in Berlin unter Federführung des C/O Berlin befassen sich künstlerisch mit dem Thema Überwachung - Henry Steinhau berichtet bei Netzpolitik.org: "Die Gewöhnung ans Ungewöhnliche leisten auch Luftaufnahmen von Drohnen oder Videomitschnitte in öffentlichen Verkehrsmitteln, die immer öfter in den Medien zu sehen sind. Diese voyeuristische Perspektive wird uns zunehmend vertraut. Das Überwachtwerden wird immer gewisser, aber wird es auch bewusster?" Eine weitere Besprechung im Freitag.
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Stichwörter: C/O Berlin