9punkt - Die Debattenrundschau

Sie er­näh­ren sich von un­se­ren Do­ku­men­ten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.03.2017. In der NZZ beschreibt Pascal Bruckner, wie der Populismus den erschöpften Gegensatz von "Links" und "Rechts" überspringt. Libération besucht die nordirische Stadt Derry, wo sich katholische Nationalisten schon auf neuen Zoff an der Grenze freuen. Aufruhr auch im französischen Wahlkampf: François Fillon beschuldigt die Justiz der Parteilichkeit. In Le Monde erklärt der Historiker Gilles Richard, warum Frankreich eine "Republik der Anwälte" ist.

Europa

Sylvain Labaune begibt sich für Libération auf Reportage in die nordirische Stadt Derry, wo die Stimmung vor den Wahlen in der Region recht mau ist. "Unweit des Büros von Sinn Fein lädt Lio, 76, die Touristen ein, sich in der Lobby seines Sozialbaus vor dem Regen zu schützen. Das Gebäude ist so grau, dass es einem Depressionen bereiten könnte. 'Ich habe für den Brexit gestimmt, weil ich Chaos bei den Engländern anrichten wollte' jauchzt der alte Mann. 'Wenn sie jetzt wieder die Grenze hochziehen, werden wir sie hochgehen lassen. Die Soldaten kommen zurück und kriegen alle eine Kugel in den Kopf, wie früher.' Diese Jovialität, die mit Gewalt einhergeht, darin liegt das ganze Paradox dieser Stadt."

Großer Aufruhr im französischen Wahlkampf. Der konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon wehrte sich gestern gegen die Ankündigung eines Ermittlungsverfahrens wegen der großzügigen Subventionierung seiner Frau und seiner Kinder, indem er die Staatsanwaltschaft in krassen Worten der Parteilichkeit beschuldigte. Das ist nichts Neues, meint der Historiker Gilles Richard im Gespräch mit David Stoleru von Le Monde. Seit der Dritten Republik (ab 1871) habe es in Frankreich immer wieder Affären um die Finanzen von Politikern gegeben, und sie hätten sich immer gewehrt wie Fillon und dabei "von allen Möglichkeiten profitiert, einem Urteil zu entgehen. Sie sind bestens platziert für dieses Spiel, denn sie haben sehr viele Beziehungen und beherrschen die Geheimnisse der Justiz. Seit den 1880er Jahren ist die Republik nicht so sehr, wie oft beschworen, eine Republik der Lehrer, sondern vor allem eine Republik der Anwälte."

Ob Fillon damit durchkommt, ist noch eine andere Frage. Gilles Richard hält es für denkbar, dass die gemäßigte Rechte in Frankreich implodiert (dann bliebe so wenig vom Gaullismus übrig wie von der einst genau so wichtigen Kommunistischen Partei). Und Libération publiziert einen "Zähler der von Fillon abfallenden Verbündeten".

Da redet einer aus Erfahrung. Die richtige Gesinnung bei den Medien reicht bei weitem nicht aus, um liebgewonnene Vorurteile in Teilen des Publikums zu bekämpfen. An die Adresse seiner deutschen Kollegen schreibt der Berliner Korrespondent von NRC Handelsblad, Juurd Eijsvoogel, in der taz: "Bei so mancher Kontroverse in der deutschen Medienlandschaft kann man beispielsweise zwar überall interessante Kommentare hören und lesen, muss aber wirklich gut suchen, um die Fakten zu finden, die den Wirbel verursachten." ein Beispiel für Eijsvoogel ist die vieldebattierte Rede Björn Höckes über das Holocaust-Mahnmal: "Es gab eine Flut von Kommentaren. Aber mit kompletten, wörtlichen Zitaten - und ich meine mehr als ein oder zwei Sätze - waren viele Medien ziemlich sparsam. Leider, denn es hätte die LeserInnen vollständiger informiert."

Erst das Internet und nun auch noch dies. In den Niederlanden sind sie bereits weit verbreitet, nun kommen sie auch nach Deutschland, warnt Burk­hard Straß­mann in der Zeit: "Papierfischchen, la­tei­nisch Cte­n­ole­pis­ma lon­gi­cau­da­ta, 'ge­schupp­te, lang­schwän­zi­ge Fisch­chen'. Sie er­näh­ren sich von un­se­ren manch­mal ge­schätz­ten, manch­mal teu­ren Do­ku­men­ten wie al­ten Pa­pie­ren, Bü­chern, Kar­tons, Fo­tos oder Per­ga­men­ten. Aber auch von Ta­pe­ten oder Vor­hän­gen. Al­les wird an­ge­knab­bert."

Das "Nein" wird in der Türkei verboten - zumindest solange, bis alle Türken mit "Ja" für Erdogans plebiszitären Coup gestimmt haben, schreibt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne: "Transparency International beispielsweise hat diesbezüglich festgestellt: 'Dutzende Personen wurden festgenommen, weil sie Flugblätter verteilt hatten, die für ein 'Nein' werben. Die Zentrale einer Gewerkschaft, die zum 'Nein' aufgerufen hatte, wurde von fünfundzwanzig Personen überfallen. Ein Führer der oppositionellen CHP-Jugend erlitt eine Schussverletzung, als er ein 'Nein'-Plakat aufhängen wollte."
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Gesellschaft

Katharina Teutsch ist in der FAZ nicht wirklich einverstanden mit Nora Bossongs Ansatz in ihrem Buch über das Rotlichtmilieu und die Lage der Frauen: "Ob die weibliche Lust nun kaum oder noch nicht genug repräsentiert ist im inzwischen hocheffizienten und meistens eben doch kriminellen Sexgewerbe, steht eigentlich nicht zur Debatte. Anders gewendet: An diese gläserne Decke stößt man gern! Problematischer sind eher die frechen Versuche der Unterhaltungsindustrie, den Konsum von Pornos oder den Aufenthalt in Sex-Chatrooms auf das Konto der Popkultur zu buchen."
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Stichwörter: Prostitution, Nora Bossong

Politik

Der Gegensatz zwischen links und rechts, der die Gesellschaft seit der Spätantike geprägt hat, ist heute weitgehend aufgelöst worden, schreibt der Romancier und Essayist Pascal Bruckner in der NZZ: "Jeder ist in variablem Maße liberal, konservativ, progressiv... Die bis zur Unkenntlichkeit verwischten einstigen Positionen haben es paradoxerweise geradezu begünstigt, dass durch die Hintertüre eine ideologiefreie Ideologie zurückkehren konnte. Als Zauberlehrling dieses Vakuums erscheint heute der Populist, der die Blässe des Gedankens mit Lautstärke wettmacht. Die große Stunde unserer Zeit schlägt darum da, wo ein Einzelner die Parteien überspringt, um direkt einen als monolithisch phantasierten Block namens 'das Volk' anzusprechen."

Bei seiner ersten Rede vor dem Kongress hat Donald Trump zwar ungewohnt moderate Töne angeschlagen, analysiert Christoph von Marschall im Tagesspiegel. Konkrete Details für seine Vorhaben bleibt er aber nach wie vor schuldig, beispielsweise bei der geplanten Erneuerung der Infrastruktur: "Eine Billion Dollar möchte Trump dafür ausgeben. Sagt er jedenfalls. Woher soll das Geld kommen? Das sagt er nicht. Zur Dimension: Das Staatsbudget 2016 betrug 3,54 Billionen Dollar. Wie soll diese Summe, die zwischen einem Viertel und einem Drittel des Staatshaushalt liegt, zusätzlich finanziert werden? Er weiß es nicht... Donald Trump ist noch nicht ganz im Weißen Haus angekommen. Er ist noch immer hauptsächlich Wahlkämpfer. Und noch lange nicht der Präsident, der in der Wirklichkeit regiert."

In einem (leider nur kostenpflichtig online stehenden) Essay in der Welt beleuchtet Richard Herzinger die geistigen Vorbilder von Trumps Chef-Strategen Stephen Bannon, allen voran den kulturphilosophischen Apokalyptiker Julius Evola: "Mit dem vermeintlichen amerikanischen Nationalisten Bannon ist so eine obskurantistische Weltanschauung ins Weiße Haus vorgedrungen, die den 'Amerikanismus' als Inbegriff des verhassten westlichen Zivilisationsmodells zu denunzieren pflegt. Das gleicht einer feindlichen geistigen Übernahme - steht derartiges Gedankengut der amerikanischen Denktradition doch diametral entgegen, die auch in ihrer konservativen Variante, auf Rationalismus, Pragmatismus und Individualismus gründet."
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Ideen

Der menschliche Lebenszyklus ist in der Natur einzigartig, erläutert die Psychologin Alison Gopnik in der NZZ: Die Kindheit dauert wesentlich länger als bei allen anderen Primaten, und neben dem Mörderwal ist der Mensch die einzige bekannte Spezies, deren Lebensspanne über die Fertilität hinausreicht. Auf diese nach beiden Seiten hin erweiterte Lebensfrist könnte die Intelligenz und Dominanz des Homo Sapiens zurückzuführen sein: "Unsere lange Kindheit und all das, was wir während dieser Zeit in unsere Kinder investieren, hat solche Entwicklungen erst möglich gemacht - denken wir nur an die Großmütter, die die Wissensschätze der Vergangenheit an die Generation ihrer Enkel weitergaben. Jede Generation lernte ein wenig mehr von ihren Eltern, Angehörigen und Lehrern und war damit befähigt, die Welt ein bisschen mehr zu verändern."
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Medien

Bevor er für seine Untersuchungshaft in ein anderes Gefängnis überstellt wurde, konnte Deniz Yücel einen kleinen handschriftlichen Brief an seine Unterstützter verfassen, den die Welt gestern veröffentlichte. Immerhin sind die Umstände besser als im bedrückenden Gewahrsam: "Tageslicht! Frische Luft! Richtiges Essen! Tee und Nescáfe! Rauchen! Zeitungen! Ein echtes Bett! Eine Toilette für mich alleine, die ich aufsuchen kann, wann ich will. Tagsüber - wenn ich will - Küche und Hof mit einer Handvoll politischer Häftlinge, abends eine Zelle für mich allein. Hier werde ich nicht lange bleiben, aber es ist okay. "

Can Dündar schreibt in der Zeit über den Fall Deniz Yücel: "Deniz' Ver­haf­tung weist dar­auf hin, dass Er­dogans Zorn ge­gen jeg­li­che Kri­tik nun auch ins Aus­land schwappt. Und das jetzt, da der Staats­prä­si­dent plant, nach Deutsch­land zu kom­men, um für sein Re­fe­ren­dum zu wer­ben."
Archiv: Medien