Efeu - Die Kulturrundschau

Und ich gehe schon wieder in die Kirche

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11.01.2017. Heute Abend wird die Elbphilharmonie eröffnet. Etwas beklommen verspürt die SZ in Hamburg eine Stimmung wie im Wirtschaftswunder. Auf ZeitOnline schlägt sich Ann Cotten recht tapfer durch den amerikanischen Bible Belt. Ebenfalls auf ZeitOnline beklagt die Regisseurin Julia von Hein die eskapistische Tristesse öffentlich-rechtlichen Filmemachens. Die FAZ blickt mit Josh Kline in Turin in ein unfreundliches Morgen.

Musik

Mit vielen Jahren Verspätung und nach einer beträchtlichen Baukostenexplosion wird heute in Hamburg die Elbphilharmonie eröffnet. An diese Begleiterscheinungen des lange Zeit skandalösen Baus erinnert Till Briegleb in der SZ, den die gute Laune der jüngeren Berichterstattung mit Skepsis füllt: "Überall herrscht eine Stimmung wie im Wirtschaftswunder, wo man an die Schattenseiten der Vergangenheit bitte nicht erinnert werden will. Aber trotz all dieser Geschichtsvergessenheit ist der große Traum, in Deutschland ein ähnlich signifikantes und schönes Gebäude wie die Sydney-Oper zu haben, am Ende eben erfüllt worden. Der kollektive Ausdruck auf den Gesichtern, die bisher die Elbphilharmonie von innen erleben durften, war: I am so happy!"

Diesen Stimmungsumschwung in der jüngeren Berichterstatttung schreibt Christian Meier von der Welt der gezielten Arbeit einer Werbeagentur zu, die mit zehn Millionen Euro zudem über einen prächtig gefüllten Etat verfügen konnte. Selbst in der Nachtkritik wird Esther Slevogt ganz feierlich: "Mich bewegt dieser Bau, der sich da nun so visionär über der Stadt Hamburg erhebt: als selbstbewusstes und machtvolles Symbol eines Gemeinwesens, und zwar in Zeiten, in denen Gemeinwesen zunehmend in die Defensive geraten." Nikolaus Bernau von der Berliner Zeitung staunt über die auch im Innern des Baus rundum geglückte Architektur und lernt dabei: "Die große Kunst ist, an der richtigen Stelle und zum richtigen Zweck das Geld zu verschwenden." In der FAZ listet Matthias Hertle sechs Irrtümer um den Bau des Gebäudes auf. Daniel Ender stellt im Standard Intendant Christoph Lieben-Seutter vor. Die Zeit hat Christine Lemke-Matweys großes Interview mit Chefdirigent Thomas Hengelbrock von Anfang November 2016 online nachgereicht. Die Instagrammer sammeln bereits zahlreiche Foto-Eindrücke. Weiteres zur Berichterstattung über die Elbphiharmonie unter unserem entsprechenden Stichwort.

Ab 18:30 Uhr können Sie hier das Eröffnungskonzert live und in 360° verfolgen:



Weiteres: Die Presse versammelt internationale Stimmen zur Kür des Sony-Managers Bogdan Roščić zum neuen Wiener Operndirektor, die von "Fiasko", "schlechte Entscheidung" bis zu "katastrophaler Fehler" reichen. Frieder Reininghaus erkundigt sich in der Neuen Musikzeitung, was aus der Boulez-Villa in Baden-Baden wird. Für The Quietus hört sich William Doyle durch David Bowies Berliner Album "Low", das vor 40 Jahren erschienen ist.

Besprochen werden das neue Album von Moor Mother (Standard), Robert Hilburns Biografie über Johnny Cash (taz), ein Mahler-Konzert des Jungen Ensembles Berlin (Tagesspiegel), das neue Album von The xx (Tagesspiegel, ZeitOnline) und Sohns "Rennen" (Spex).

Außerdem bringt The Quietus ein neues Video der Feuilletonlieblinge und Obermotzer Sleaford Mods:


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Stichwörter: Elbphilharmonie

Literatur

In der Freitext-Kolumne auf ZeitOnline erzählt Ann Cotten von ihrer Reise zu ihren Verwandten nach Kansas: "Wir befinden uns in Bible Belt. Und ich gehe schon wieder in die Kirche. Dort sind sie locker und hyperkonservativ angezogen und superfreundlich - ich bin weiß, höflich und verwandt. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass, sobald ich außer Hörweite bin, eine andere Art von Gespräch losgeht. Eine unausgesprochene, da unaussprechbare Feindschaft gegen alles Andere liegt in der Luft, an der meine Versuche, sensibel zu sein, ohnmächtig abprallen. So fühlt es sich also an, wenn Meinungen über einen herrschen, an denen man unbeteiligt ist."

Weitere Artikel: Ulrich M. Schmid porträtiert in der NZZ den momentanen Zürcher Writer in Residence Viktor Martinowitsch. Und Thomas Ribi gratuliert der Literarischen Vereinigung Winterthur zum 100-jährigen Bestehen.

Besprochen werden die Prosasammlung "Die Frau des Croupiers" von Otto Jägersberg, zu dessen Wiederentdeckung Frank Schäfer in der taz unbedingt rät, der Roman "Die Geschichte eines Namens", mit der Elena Ferrante ihre Neapelsaga fortsetzt (FR), T.C. Boyles "Die Terranauten" (FR), Martin Walsers "Statt etwas oder Der letzte Rank" (Welt), die von Heinz Sichrovsky herausgegebene Anthologie "Als ich König war und Maurer" (Standard), Gaaziels Reportagen aus dem Ersten Weltkrieg (Standard) und ein Dokumentarfilm über den Schriftsteller Peter Turrini (Standard).
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Stichwörter: Ann Cotten

Film



Einfach nur ärgerlich findet Andreas Busche im Tagesspiegel Chris Kraus' Film "Die Blumen von gestern", der eine "Vergangenheitsbewältigungskomödie" sein möchte, doch für Busche nur eine "laute, krawallige, obszöne" Pennälerkomödie geworden ist, die noch den "geschmacklosesten Holocaust-Witz" mitnehme: "'Die Blumen von gestern' behauptet, die deutsche Vergangenheit mit neuen Augen zu sehen. Die Wahrheit ist schlimmer. Der Film fügt sich nahtlos in die Kontinuität des neuen deutschen Geschichtskinos." Harald Mühlbeyer berichtet auf kino-zeit.de unterdessen von "großer Kinounterhaltung, höchstem Amüsement ... Sich über die Figuren lustig zu machen in ihren Spleens und Eigenheiten und ihrer Quatschköpfigkeit ist etwas anderes, als das Thema zu verraten." Anna-Maria Wallner hat sich für die Presse mit Eidinger unterhalten.

Auf ZeitOnline blickt die Regisseurin Julia von Heinz wehmütig zurück auf die Zeit, als der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch in ästhetische Ambitionen investierte und damit nicht nur dem Neuen Deutschen Film, sondern auch nachfolgenden, heute renommierten Filmemachern Anschubhilfe leistete. Heute herrsche hingegen die eskapistische Tristesse des kleinsten gemeinsamen Nenners vor: "Gesucht werden Projekte mit regionalem Bezug, heimatbezogene Stoffe, gerne in Mundart, Komödie, maximal Dramedy: ernste Themen, leicht angepackt, mit Augenzwinkern, am Ende Auflösung und Heilung aller Konflikte. ... Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss seine einzigartige Stellung weiter nutzen. Da es nicht den Gesetzen des Marktes unterworfen ist, können hier die riskanten Filme entstehen, die unsere hochkomplizierte und verletzliche Gegenwart reflektieren, ohne den Zuschauer in falscher Sicherheit zu wiegen."

Zum Kinostart von "La La Land" erkundet Gerhard Midding für epd-Film die Geschichte des Filmmusicals. "La La Land" selbst wird in Tagesspiegel, SZ und taz besprochen, wo Fabian Tietke den Film neben Robert Zemeckis Retro-Schmus "Allied" allerdings für ein Symptom des kreativen Stillstands im Arthaus-Hollywood hält: "Das Bedürfnis nach Verlässlichkeit an den Kinokassen führt wieder und wieder zu sterilem ideenlosen Marktforschungskino voller Selbstzitate." Für Simon Strauß von der FAZ hingegen sind die Hauptdarsteller Emma Stone und Ryan Gosling, die hier zum dritten Mal gemeinsam vor der Kamera stehen, "endgültig zum neuen Hollywood-Traumpaar ausgerufen."

Weiteres: Patrick Straumann unterhält sich in der NZZ mit Asghar Farhadi über dessen neuen Film "The Salesman". Nina Rehfeld hat für die FAZ David Lynchs Pressekonferenz zum im Mai anstehenden Relaunch seines TV-Klassikers "Twin Peaks" besucht (Entertainment Weekly bringt ein Transkript der wichtigsten Fragen). Für den Philosophen Konrad Paul Liessmann ist die neue "Winnetou"-Adaption, die an Weihnachten im Fernsehen lief, mit ihren Heldendekonstruktionen ein ärgerliches Exempel unserer "postheroischen Gesellschaft", bekundet er in der NZZ. Besprochen wird David Mackenzies Quasi-Western "Hell or High Water" mit Jeff Bridges und Chris Pine (critic.de).
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Archiv: Film

Design

In der FAZ porträtiert Alfons Kaiser die Modemacherin Maria Giovanna Paone, die als Tochter des Kiton-Gründers Ciro Paone Maßschneiderei jetzt auch für Frauen anbietetl - in einer Zeit, da immer weniger Anzüge getragen werden: "Noch heute wird in Arzano bei Neapel jeder einzelne Anzug von Hand genäht, ungefüttert, wie man es im Süden Italiens und inzwischen in der ganzen Welt liebt, und natürlich teuer, von 5000 Euro an aufwärts."

Felicitas Wilke stellt in der SZ die Firma Guðrun & Guðrun vor, die sehr erfolgreich Wollpullover von den Faröer Inseln verkauft. Und diese Fotostrecke auf ZeitOnline zeigt Dandys, die auf keinen Fall Hipster-Opas genannt werden dürfen.
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Bühne


Szene aus "Xerxes". Foto: Barbara Aumüller

In der FR ist Stefan Schickhaus nicht ganz glücklich mit Händels "Xerxes", der in Tilmann Köhlers Frankfurter Inszenierung so gar kein Machtmensch ist: "Wie soll man Angst bekommen vor einer Stimme wie der von Gaëlle Arquez? Die französische Mezzosopranistin sang bestechend schön, temperamentvoll, furios - aber nie böse. Die Gesellschaft kuschte dennoch vor ihr, und das stimmlich auf ganz hohem Niveau."

SZ-Kritikerin Cornelia Fiedler hat sich an deutschen Theatern einige dystopische Stücke angesehen, besonders schaudern ließen sie Philippe Heules "Simulanten" am Schauspiel Dortmund, eine Gruppe larmoyant-zynischer Easy-Jet-Setter: "Ihr Motto: 'Ich weiß ja, dass ich schuldig bin am Weltuntergang. Deshalb bestrafe ich mich, indem ich mir ein neues Auto kaufe.'"

Besprochen werden Willy Deckers Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt" an der grippegeplagten Wiener Staatsoper (Standard) und Friedrich Dürrenmatts "Durcheinandertal" am Theater St. Gallen (NZZ).
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Kunst


Ausstellungsaussicht Josh Kline, "Unemployment"

Einer unfreundlichen Zukunft ist FAZ-Kritikerin Annabelle Hirsch in Turin begegnet, in dessen Fondazione Sandretto Re Rebaudengo Josh Kline mit seiner Ausstellung "Unemployment" eine zerfallende, verrohte Gesellschaft imaginiert. "Statt nur auf Objekte, die Lebensgeschichten andeuten, trifft man hier auf 'Menschen': Wie der Abfall nach einer Party liegen hier adrett gekleidete Männer und Frauen, eingepackt in durchsichtige Plastiktüten, kreuz und quer im Raum verteilt. Die Blicke dieser ehemaligen Angestellten sind leer, ihre Körper resigniert zusammengekauert in Embryonalhaltung."

Im Guardian wirft Jonathan Jones noch einmal einen Blick auf Hieronymus Boschs Triptychon "Garten der Lüste", den er allen neuen Publikationen zum Trotz doch als Bild der Renaissance vestehen will: "Bosch malte die moderne Welt, bevor es sie gab."
Archiv: Kunst
Stichwörter: Josh Kline