9punkt - Die Debattenrundschau

Dunkelheit ist gut

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.11.2016. Ein Arbeiterjunge mit Klassenbewusstsein, der sein Geld mit der Serie "Seinfeld" machte - Michael Wolff porträtiert für den Hollywood Reporter den Trump-Ideologen Steve Bannon und lässt sich von ihm erzählen, was "Macht" ist. Linke Identitätsideologie hat die Demokraten in den Abgrund geführt, schreibt Mark Lilla in der New York Times. In der FAZ bringt Gunnar Heinsohn deprimierende Zahlen über die USA. Die OSZE übt laut Buzzfeed scharfe Kritik an einem britischen Gesetz, das die Pressefreiheit einschränkt. Demokratien brauchen Eliten, insistiert die NZZ.

Politik

Nach der Wahl hat der bekannte Medienjournalist Michael Wolff im Trump Tower Steve Bannon getroffen, der als Trumps ideologischer Chef an der Besetzung von Posten mitwirkt. Wolff porträtiert ihn im Hollywood Reporter als ein Arbeiterkind aus Norfolk, Virginia, mit klarem Klassenhass, das in Hollywood zu Geld gekommen ist und sein privates Vermögen ausgerechnet seinem Anteil an den Rechten der Serie "Seinfeld" verdankt. Er hat auch ein schönes Zitat mitbegracht: "'Dunkelheit ist gut', sagt Bannon, der inmitten der Anzüge , die ihn im Trump Tower umwimmeln in seinem T-Shirt unter offenem Button-down-Hemd und gammeligem blauen Jackett wie ein Student in höherem Semester wirkt - ein 62-jähriger Student. 'Dick Cheney, Darth Vader, Satan. Das ist Macht. Es hilft uns nur, wenn sie' - ich glaube, mit 'sie' meint er die Linksliberalen und die Medien, die schon auf seine Absetzung spekulieren - 'es nicht kapieren, wenn sie nicht verstehen, wer wir sind und was wir tun.'"

Die Politiker in Trumps Kabinett gehören zu jenen, die offen Rassismus und identitäre Angst verbreiten, schreibt Jonathan Chait im NYMag. Sein Beispiel ist der Sicherheitsberater Trumps, Michael Flynn, der in einem Tweet geschrieben hat "Angst vor Muslimen ist vernünftig". "Die Regierung George W. Bushs machte sich noch die Mühe, zwischen Terroristen, die den Islam benutzen, um Mord zu rechtfertigen, und gemäßigten Muslimen zu unterscheiden. Seitdem vertreten die meisten Republikaner die Ansicht, dass es wesentlich sei, den Ausdruck 'radikaler Islam' zu verwenden, statt zu versuchen, die gemäßigten Muslime für sich zu gewinnen. Flynn geht noch einen Schritt weiter. Er propagiert offen die Angst vor der Religion an sich."

Die amerikanische Linke, zersplittert wie sie ist, sucht derweil nach einer gemeinsamen Strategie, berichtet Lukas Hermsmeier in der Welt. Die jetzigen Proteste können nur der Anfang sein: "Der linke Widerstand beginnt mit einer weiteren bitteren Erkenntnis: Jeder Marsch, jede Blockade, jeder Streik, jedes Manifest, jede Vereinigung wird zunächst einmal reaktiv und nicht aktiv sein. Die Veranstaltungen in diesen Tagen heißen 'Organize Against Trump', 'Anti Trump' oder 'Resist Trump' und thematisieren die unmittelbare Schadensbegrenzung und -abwehr. Für den visionären Kampf gegen den Kapitalismus wird unter Trump kaum Platz sein."

In der FAZ schreibt Gunnar Heinsohn über die sich neu formierende "Arbreiterklasse" in den USA. Ziemlich deprimierend klingt ein statistischer Vergleich zwischen China und den USA, den er einfließen lässt: "Noch 1990 ist man in Kaufkraft-Dollar fünfmal so stark wie China, 2010 um ein Viertel schwächer. 140 Millionen Amerikaner arbeiten Vollzeit, während 106 Millionen aus Sozialtöpfen alimentiert werden. 45 Millionen Menschen erhalten monatlich 130 Dollar, um wenigstens Essen auf dem Tisch zu haben. Mehr als die Hälfte der amerikanischen Fünfzehnjährigen scheitert in Schreiben und Rechnen an minimalen Anforderungen, während der entsprechende Prozentsatz in Schanghai zehn Prozent ausmacht."

Außerdem: In der SZ legt Andrian Kreye dar, dass Donald Trump "das Produkt einer amerikanischen Denkschule des 19. Jahrhunderts: der Pragmatiker" sei.
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Ideen

Linke Identitätspolitik - das ausschließliche Denken in Minderheitsgruppen von African-American bis LGBT - hat die Demokraten ins Abseits geführt, schreibt der amerikanische Politologe und Publizist Mark Lilla in der New York Times. Dieses Regenbogendenken sieht Lilla zwar als "ausgezeichnetes Prinzip moralischer Pädagogik" an, "aber es ist katastrophal als Begündung demokratischer Politik in unserem ideologischen Zeitalter. Amerikanischer Linksliberalismus ist in den letzte Jahren in eine Art moralischer Panik über ethnische Herkunft, Gender und sexuelle Identität geraten, die die Botschaft des Liberalismus verzerrt hat und esd ihm unmöglich gemacht hat, eine vereinende Kraft mit Blick auf die Regierung zu mobilisieren."

Außerdem: In einem epischen Interview mit der NZZ erklärt Richard David Precht, warum wir Philosophie auch für den Alltag brauchen.
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Überwachung

Angesichts der Überwachungsapparate konnte man schon länger an den so vielfach besungenen demokratischen Genen Großbritanniens zweifeln. Nun zitiert James Ball auf BuzzFeed die Sprecherin der OSZE, Dunja Mijatovic, die den britschen Investigatory Powers Act, der mit den Stimmen von Labour das Unterhaus passierte, in scharfen Worten kritisiert: "'Diese Maßnahme erlaubt es Behörden, nach Erlaubnis des Innenministeriums, aber ohne juristische Überwachung die IT und Kommunikationsmittel von Journalisten zu überwachen", sagte Mijatovic in einer Mitteilung der OSZE... 'Jede Gesetzgebung, die es Regierungen erlaubt, Journalisten zu überwachen, muss sehr eng definiert sein und garantieren, dass der Quellenschutz für Journalisten gewährleistet bleibt', führte sie aus."
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Internet

Jeff Jarvis und John Borthwick machen auf Medium.com ein paar pragamatische Vorschläge, wie das Problem von Fake News auf Plattformen wir Facebook oder Google kollaborativ bewältigt werden kann, ohne dass es zu Zensur oder zu schwarzen Listen kommen muss. Dafür müsste Facebook etwa einen entsprechenden Button zur Kennzeichnung von Fakes prominenter machen (es gibt ihn schon in den Tiefen der Menüs), länger existierende Medienmarken müssten (auch algorithmisch) privilegiert werden, die Markenzeichen sollten deutlicher angezeigt werden. Und "gebt vertrauenswürdigen Medienquellen und Fact-checking-Agenturen einen Weg, ihre Analysen anzuzeigen, so dass Facebook und andere Plattformen den Nutzern diese Information zeigen kann, wenn sie solche Postings lesen und - noch wichtiger - wenn sie überlegen, sie zu teilen."

Außerdem: In der FAZ begräbt Magnus Klaue die Hoffnung, dass sich das Internet als "Leitmedium demokratischer Partizipation" könne.
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Europa

Paul Aveline und Cecile Dehesdin haben für Buzzfeed Frankreich gezählt. In einer Fernsehdebatte unter Anwärtern für die Präsidentschaftskandidatur ist die einzige Frau, Nathalie Kosciusko-Morizet (NKM), doppelt so häufig unterbrochen worden wie die Männer. "Und es sind die Journalisten, die für dieses Ungleichgewicht in der Zahl der Unterbrechungen verantwortlich sind. Wir haben bei der Zählung nicht die Neusetzungen von Themen gezählt, die zu den Aufgaben der Journalisten zählen, sondern nur spontane Unterbrechungen."

"Wer von Trumps Mauer spricht, kann von der europäischen nicht schweigen", fordert Doris Akrap in der taz. An der europäischen "Mauer" gegen Flüchtlinge - dem Mittelmeer - sterben 15 mal so viele Immigranten wie an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, schreibt Akrap: "Ist der freie Westen also wirklich erst am Ende, seit wir wissen, dass Trump US-Präsident wird? Wie zynisch muss das in den Ohren der Menschen klingen, die ihre Angehörigen und Freunde im Mittelmeer verloren haben, weil der Westen so frei war, sie darin ertrinken zu lassen?"

Plötzlich kritisieren alle die Eliten, auch in Deutschland. In der NZZ hält Joachim Güntner ein kleines Plädoyer für diesen gerade so verachteten Teil der Gesellschaft: "Man soll nicht mit den Wölfen heulen. Doch eben das geschieht, wenn jene, die sich über Trump entsetzen, ihm doch andererseits Reverenz erweisen. Wenn sie einstimmen in die allgemeine Elitenbeschimpfung. Widerspruch dagegen ist am Platz. Es braucht noch nicht einmal viel Mumm zu erläutern, dass die Demokratie, so egalitär ihr Ideal sein mag, Funktionseliten benötigt".

Die Ereignisse in der Welt haben die unendlichen Präsidentschaftswahlen in Österreich in ein neues Licht gerückt, schreibt Isolde Charim in ihrer Kolumne für die Wiener Zeitung. Es kandidieren bekanntlich der FPÖ-Politiker Norbert Hofer und als demokratischer Kandidat Alexander Van der Bellen: "War er schon vorher nötig, so ist er jetzt nicht nur dringlicher, .. aus anderen, ja aus gegenteiligen Gründen. Mittlerweile ist er nicht mehr als Garant der Kontinuität, sondern als Vorkämpfer gegen die neue 'Internationale der Nationalisten' nötig. Gerade jetzt braucht es Van der Bellen - weil dessen Seriosität aus einem 'state of the art' zu einer neuen Avantgarde geworden ist."
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