9punkt - Die Debattenrundschau

Katholisch und römisch und wohlanständig

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2016. Tag 1 nach der Bekanntgabe von Angela Merkels vierter Kanzlerkandidatur: Sie wird's wohl bleiben, meint die taz. Rot-Rot-Grün ist nach Trump unmöglich geworden. Le Monde sagt uns, wer François Fillon ist: ein Putin-Freund mit drastischen Programmen. In der NZZ erklärt Mark Lilla den Unterschied zwischen Reaktionären und Konservativen. Im Tagesspiegel erklärt Trump-Biograf David Cay Johnston, warum  Donald Trump nicht nur seinen Musiklehrer nicht verprügelte und dies um so mehr gegen ihn spricht.

Europa

Heute ist Tag 1 nach der Bekanntgabe von Angela Merkels vierter Kanzlerkandidatur. Durch Donald Trump ist eine rot-rot-grüne Koalition ohnehin unmöglich greworden, meint Martin Reeh in der taz: "Dem Mann, der Putin lobt, und der Nato-Ländern Beistand nur gewähren will, wenn sie genug zahlen? Die Außenpolitik der USA unter Trump ist unberechenbar. Und die Konsequenz daraus klar: Wenn die USA nicht mehr uneingeschränkt versprechen, Nato-Mitgliedsländer zu verteidigen, müssen dies die Europäer übernehmen. Militärische Maßnahmen müssen glaubhaft angedroht werden können, damit sie niemals eingesetzt werden müssen. Das ist mit der Linkspartei nicht zu machen."

Dass viele Frauen in der Türkei sich durch die AKP besser repräsentiert fühlen, führt Sibel Schick in der taz auf die Zwangssäkularisierung im 20. Jahrhundert zurück - heute aber führt Erdogans Konterrevolution zu einer drastischen Verschlechterung der Lage der Frauen. So sollen etwa Scheidungen erschwert werden. "Zudem ordnen etliche Stadtverwaltungen die Schließung von Frauenhäusern an, weil diese angeblich 'die Institution Familie zerstören'. Die AKP-Regierung mischt sich nicht nur in das Sexualleben der BürgerInnen ein, indem sie ihnen vorschreibt, wie viele Kinder sie haben sollen (mindestens drei!). Sie betreibt eine Politik, die Frauen verarmt und tötet. Seit die AKP 2002 an die Macht kam, ist die Zahl ermordeter Frauen um 1.400 Prozent gestiegen. Nur 27 Prozent aller Frauen haben heute einen bezahlten Job und die Analphabetenrate unter Frauen liegt bei 10 Prozent."

Bei den erstmals abgehaltenen Vorwahlen bei den gemäßigten Rechten in Frankreich hat überraschender Weise François Fillon gewonnen, ehemals Premierminister unter Nicolas Sarkozy. Matthieu Goar stellt in Le Monde sein Programm vor, das sich angesichts der aktuellen Lage eine seltsame Mixtur ergibt. Einerseits hat er ein extremes Sparprogramm für die öffentliche Hand in Frankreich, andererseits ist er ein Freund Putins und will Syrien mit Hilfe Russlands und des Irans befrieden. "Was die Europäische Union angeht, hat Fillon niemals seine Vorliebe für ein 'Europa der Nationen' verhohlen, das die 'Souveränität Frankreichs respektiert', wie er in seinem Programm präzisiert. 'Europa muss ein Instrument sein, keine Religion' führt er aus."

Etwas sarkastischer porträtiert ihn Claude Askolovitch in slate.fr. Gegen Fillon wirkt Sarkozy für ihn wie ein Witzbold. "Frankreich ist Fillon. Er sagt es. Er strahlt es aus, selbst ohne es zu sagen. Ein ewiges Frankreich, katholisch und römisch und wohlanständig wie die Großbürger bei Roger Martin du Gard vor unseren großen Debakeln. Fillon ist es, der seine kirchliche Kultur so vor sich herträgt." In einem zweiten Wahlgang wird Fillon gegen den Zweitplatzierten Alain Juppé antreten.

Im Observer lässt Nick Cohen seinem ganzen Zorn auf die Anführer der Brexit-Kampagne aus, die jetzt alle Verantwortung für ihre propagandistischen Lügen von sich weisen: "Statt eines leichten Bruchs mit dem Bisherigen, den sie uns versprachen, stehen wir jetzt am Beginn von erschöpfenden Verhandlungen über Handelsabkommen mit der EU und Dutzenden anderer Länder, die bis in die zwanziger Jahre andauern werden. Eine konservative Regierung, die stets einer Reduzierung des Staats das Wort redete, muss Zehntausende Beamte einsetzen, um die energieraubendste Aufgabe seit dem Zweiten Weltkrieg zu schultern."
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Geschichte

Im politischen Teil der FAZ erinnert Adam Krzeminski an die "Zweikaisererklärung" vom 5. November 1916, in der der deutsche und der österreichische Kaiser eine Wiederauferstehung Polens durch ihre kaiserlichen Gnaden annoncierten - es sollte allerdings auf "Russisch-Polen" beschränkt bleiben: "Dennoch lösten sie eine Kettenreaktion aus, die in den nächsten hundert Jahren die europäische Geschichte dramatisch prägte."

Das war denn auch fast die letzte Amtshandlung Kaiser Franz Josephs I., der vor hundert Jahren gestorben ist. In der FAZ erinnern der Osteuropahistoriker Arnold Suppan und Stephan Löwenstein (im politischen Teil) an das Ereignis.
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Politik

Weiß noch jemand, wie Hoffnung aussieht?, fragt Mark Lilla in der NZZ. Überall herrscht Wut, Verzweiflung, Ressentiment - und Reaktion: "Reaktionäre haben mit dieser konservativen Weltsicht nichts am Hut. Sie sind auf ihre Art genauso radikal wie die Revolutionäre, und nicht minder destruktiv. Reaktionäre Narrative beginnen stets mit einem glücklichen, wohlgeordneten Staatswesen, wo die Menschen aus freien Stücken ein gemeinsames Schicksal teilen. Dann wird diese Harmonie durch Intellektuelle und Außenseiter - Schriftsteller, Journalisten, Akademiker, Fremde - unterminiert. (Der Verrat durch die Eliten ist ein zentrales Element jedes reaktionären Mythos.) Bald ist die ganze Gesellschaft verblendet, sogar die einfachen Leute. Nur diejenigen, welche die Erinnerungen an die alte Zeit bewahrt haben - die Reaktionäre -, sehen, was passiert ist."

Einen deprimierenden Einblick in Donald Trumps Persönlichkeitstruktur gibt sein Biograf David Cay Johnston im Interview mit Gerrit Bartels im Tagesspiegel: "Das beginnt damit, dass er immer wieder erzählt, er habe in der Schule seinen Musiklehrer verprügelt, weil dieser nichts von seinem Fach verstand. So steht es auch in seiner Biografie 'The Art Of Deal'. Doch das ist eine Legende, das stimmt nicht. Bei Recherchen haben mir viele seiner Nachbarn und ehemaligen Mitschüler erzählt, dass er sich vor allem auf die Schwächeren gestürzt hat. Letztendlich ist Trumps geistige Entwicklung auf dem Niveau eines 13-Jährigen geblieben... Trump ist emotional unterbelichtet. Er denkt nur in den Kategorien von Rache, von Auge um Auge, Zahn um Zahn, ihm geht es um nichts anderes als Geld, Macht und Ruhm. Und darum, der größte Liebhaber aller Zeiten zu sein."

Im Standard haut Marlene Streeruwitz noch einmal ordentlich in die Kerbe, dass dem weiße Mann nichts Neues mehr einfällt: "Wie bei allen Faschismen handelt es sich auch hier um das Abwehrgefecht gegen sozialen Abstieg. Als Mittel gegen diesen Abstieg fällt dem weißen Fundamentalismus dann nur ein, sich durch massenhafte Vermehrung den alten hegemonialen Platz zurückzuholen. Zugleich wird damit gesagt, dass die Frauen schuld an diesem Abstieg sind. Die Frauenbewegung wird abgewertet. Feminismen bekämpft. Genderwahnsinn ausgerufen."

John Irving warnt dagegen, ebenfalls im Standard, vor der Verachtung der Trump-Wähler: "Natürlich sind sie egoistisch, engstirnig und voller Hass; viele von ihnen sind ungebildet, und sie wurden hereingelegt."

Sind Fake News nur ein Problem von Facebook? Jim Rutenberg erinnert in der New York Times daran, dass Donald Trump und seine Truppe selbst kräftig Fake News verbreiteten: "Trump war der prominenteste Promoter der falschen Behauptung, dass Präsident Obama nicht in den USA geboren sei, und er zögerte nicht die abscheuliche Unterstellung zu wiederholen, dass der Vater von Senator Ted Cruz mit dem Mord an John F. Kennedy zu tun habe."

Raum und Grenzen sind bei Trump nur noch Metaphern, keine Geografie, glaubt der Datenkünstler Josh Begley. Er hat für Field of Vision Hunderttausende von Satellitenbildern zu einem Video geschnitten, das dem Verlauf der amerikanischen Grenze zu Mexiko folgt, über 2000 Meilen: "Best of luck with the Wall!"

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