9punkt - Die Debattenrundschau

Aber die Uhr gehört den Völkern

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.09.2016. Überall wird über die Macht von Facebook und Google debattiert: Im Guardian fordert Espen Egil Hansen, dass sich Mark Zuckerberg der Verantwortung seines Konzerns für die Öffentlichkeit stellt. In der "Freiburger Deklaration" formiert sich ein Verband progressiver Muslime - der aber laut FAZ schon Widerstände auslöst. In Le Monde kündigt Alain Mabanckou eine "Revolution im Kongo-Becken" an.  Der Tagesspiegel fragt: Hat die Berliner Kultur Angst vor dem Neuen?

Religion

Aufsehen erregend ist die "Freiburger Deklaration",  eine "gemeinsame Erklärung der Reformmuslime in Deutschland, Österreich und der Schweiz", die einen mit Demokratie vereinbaren Islam vertreten und auch dem Staat als weiterer Ansprechpartner neben konservativen und ferngesteuerten Islamverbänden dienen wollen: "Wir verstehen uns nicht als Konkurrenten zu anderen muslimischen Gruppen. Reformmuslime möchten Alternativen zu den herkömmlichen Sichtweisen aufzeigen und anbieten und Menschen erreichen, die einen zeitgemäßen am Humanismus orientierten Glauben leben möchten. " Die Deklaration wurde unter anderem von Abdel-Hakim Ourghi formuliert und von Seyran Ates und Necla Kelek unterzeichnet.

Schon gibt es Widerstand um diese Deklaration, schreibt Regina Mönch in der FAZ: "Besonders schrill tönt der 'Liberal-Islamische Bund'. Seine prominenteste Vertreterin, die Lehrerin Lamya Kaddor, hat gerade eine uneingelöste 'Bringschuld' der deutschen Gesellschaft gegenüber ihren Einwanderern ausgemacht. Ihr Verein betont darum, er habe ein ganz anderes Verständnis von Liberalität. Die Freiburger Deklaration werde nicht unterzeichnet, denn sie schließe sich auch 'marginalisierenden Diskursen der Mehrheitsgesellschaft unreflektiert' an."
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Kulturpolitik

Der Aufruhr gegen die Berufung neuer Intendanten in Berlin wie Chris Dercon und Sasha Waltz zeigt vor allem eins, meint Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Angst vor dem Neuen. Sie äußert sich laut in der Berliner Kultur, an ganz unterschiedlichen Stellen. Der Fall Volksbühne ist noch nicht ausgestanden. Auch hier fordern, ähnlich wie beim Staatsballett, Teile der Belegschaft und viele bekannte Künstler von dem neuen Intendanten Chris Dercon ein schlüssiges Konzept, das sie überzeugen könnte. Als könne man ein ganzes Theater auf Jahre hin konzeptionieren wie irgendein einzelnes Projekt." Und am Berliner Ensemble versuche derweil Intendant Claus Peymann, nach 17 Jahren Amtszeit seinen Nachfolger Oliver Reese schlecht zu reden: "Da muss man sich nicht vor dem Neuen, sondern vor dem Alten fürchten."

Politik

Nicht ohne Pathos kündigt der Schriftsteller Alain Mabanckou im Gespräch mit Abdourahman Waberi in Le Monde eine "Revolution im Kongo-Becken" an, die Länder wie Kongo-Brazzaville, Kongo, Kamerun und Angola ergreifen werde: "Die Autokratien im Kongo-Becken wissen noch nicht, dass sie Risse in sich tragen, die nach und nach zu ihrer Zerstörung führen werden. Diese Risse aber spürt man bereits, und die Diktatoren versuchen, sie durch eine grobe Neuformulierung ihrer Verfassungen und die Rückkehr in die Finsternis ohne Kommunikationsnetze zu übertünchen. Ohne Scham benutzen sie ihre Tricksereien bei den Präsidentschaftswahlen. Wie lange wird das noch dauern? Die Diktatoren glauben immer, sie hätten Zeit, aber die Uhr gehört den Völkern."

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Überwachung

Entgegen dem Editorial der Washington Post, das neulich "keine Begnadigung" für Edward Snowden forderte (unser Resümee), meint Margaret Sullivan, Medienjournalistin bei der Washington Post, dass sich Snowden sehr wohl Verdienste erworben hat. Wichtig ist ihr auch: "Snowden handelte mithilfe von Journalisten, statt die Dokumente massenweise selber zu veröffentlichen, denn er wollte, dass mit der Information vorsichtig und verantwortungsvoll umgegangen wird. Er hat in den letzten Wochen Wikileaks wegen dessen skrupellosen Pauschal-Veröffentlichungen kritisiert. Mit anderen Worten, Snowden handelte vorsichtig, verantwortungsvoll und mutig - und wirklich im öffentlichen Interesse."
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Ideen

Etwas gouvernantenhaft kritisiert die Autorin Francine Prose in in der NYRDaily ihre Kollegin Lionel Shriver, die mit ihrer Rede gegen die Idee der "Cultural Appropriation" für saure Mienen in der akademischen Linken der angelsächsischen Länder gesorgt hat (unser Resümee der Debatte): "Shriver zieht es vor, real existierende Ungerechtigkeiten zu ignorieren, und wählt eine Schliche, die auch oft von Fox News angewandt wird: Man trivialisiert legitime Bedenken, indem man sich über  ihre absurdesten und extremsten Formen lustig macht."

In der NZZ denkt Uwe Justus Wenzel über Zeitgeist und Strömungsmetaphern nach: "Es strömt, es strömt allerorten - nicht nur, wo Wasser oder Luft sich bewegen oder Elektrizität im Spiel ist. Die Sprache macht es möglich, sie lässt auch Gedanken strömen und sich selbst fließen. In ihr strömt und fließt es sozusagen auf dem Trockenen eines Sprachbildes. Neben dem Gedankenstrom und dem Sprachfluss kennt die Sprache mancherlei Fließgewässer der 'anderen' Art: Bewusstseinsstrom, Lebensstrom und Lebensfluss, Zeitstrom und Zeitfluss zum Beispiel."
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Europa

In der Welt resümiert Marko Martin seine sechsmonatigen Erfahrungen als Stadtschreiber in Breslau: "Der polnische Blick - Korrektiv zur hiesigen Selbstzufriedenheit."

Und in der FAZ berichtet Wolfgang Krischke vom Hamburger Turkologentag, auf dem man einiges über Erdogans Demokratiemodell lernen konnte.


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Internet

Espen Egil Hansen, Chefredakteur der norwegischen Zeitung Aftenposten, hat letzte Woche eine internationale Debatte über Facebook ausgelöst, das ein Kriegsfoto aus Vietnam aktiv zensiert hatte, weil darauf ein nacktes Mädchen zu sehen war. Hansen hatte daraufhin einen offenen Brief an Mark Zuckerberg geschrieben, der darauf natürlich nicht geantwortet hat - Facebook äußerte sich durch eine PR-Agentur in Schweden (unser Resümee). Hansen macht im Guardian klar, warum ihm eine Reaktion von Zuckerberg persönlich so wichtig gewesen wäre: "Für immer mehr Menschen ist Facebook gleichbedeutend mit dem Internet. Mehr als eine Milliarde Leute nutzen es Tag für Tag. Wenn diese Milliarde auf andere Seiten klickt, dann oft durch einen Link von Facebook. Auch wenn noch nicht alle Medienhäuser direkt auf Facebook publizieren, ist dies doch der Ort, wo die Nutzer den Inhalt teilen, ihn zur Kenntnis nehmen und darüber diskutieren. Das macht Facebook zwar nicht zu einem Medium aber sehr wohl zu einem Torwächter für alle Medien in der Welt."

HP-Drucker funktionieren plötzlich nicht mehr mit den - günstigeren - Tintenpatronen anderer Hersteller, meldet Patrick Beuth auf Zeit online. Seit einem Firmen-Update werden sie von den Druckern nicht mehr akzeptiert. Da sieht man, wo DRM hinführen kann - direkt in den Feudalismus, meint Beuth und zitiert Cory Doctorow: "'Wenn alles, was Software beinhaltet, gegen unseren Willen und unsere Interessen ferngesteuert werden kann', schreibt er, 'dann haben wir das persönliches Eigentum abgeschafft, für ein neu-feudales System, in dem alles auf ewig den Unternehmen gehört.' Zu beobachten sei das schon jetzt unter anderem bei Herzschrittmachern, Insulinpumpen, Thermostaten, Alarmanlagen, Autos und Wahlcomputern."

Auch Evgeny Morozov warnt in der FAS vor der Rückkehr des Feudalismus, der ausgelöst werde durch "die rapide schrumpfende Fähigkeit des Staates, ein Minimum an technologischer Unabhängigkeit zu wahren - jene besondere Art der Souveränität, ohne die alle anderen Arten der Souveränität, seien sie ökonomische oder politische, ihre Bedeutung verlieren." Und in der SZ warnt Sandro Gaycken vom Digital Society Institute vor der Macht von Google und Facebook.
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