Efeu - Die Kulturrundschau

Da die Architektur noch frivol sein durfte

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21.09.2016. Eher murrend nehmen die Kritiker die Shortlist für den Deutschen Buchpreis auf: ZeitOnline sieht vor allem die Träume alter Herren bedient. Die Welt schlägt dem Leser von Philipp Winklers "Hool" den Grauburgunder aus der Hand. Die Tell Review diskutiert, wie zirzensisch Literaturkitik sein darf. Der Freitag untersucht die Untiefen deutscher Kinderkultur. Die NZZ besichtigt die Höhen mondäner Architektur in den Schweizer Alpen. Die Nachtkritik empfiehlt Claus Peymann für eine Intendanz bei der Commerzbank.

Literatur

Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist da (hier alle nominierten Romane plus Lesungen im Überblick): Dass sich mit Eva Schmidt nur eine Autorin unter den Nominierten befindet, nimmt Wiebke Porombka von ZeitOnline angesäuert zur Kenntnis. Die Shortlist bedient für sie in erster Linie "die Träume alter und nicht ganz so alter Herren", stellt sie fest. Ohnehin scheint man sich darauf geeinigt zu haben, auf allzu ästhetisch Sperriges oder intellektuell Herausforderndes zu verzichten. Vielleicht saß der Witzel-Schock vom vergangenen Jahr noch zu tief?"

Im Tagesspiegel wird Gregor Dotzauer grundsätzlich: Hier also der vom Buchhandel ausgelobte und damit auf Verkäuflichkeit nicht völlig verzichten wollende Buchpreis, dort der hehre Büchnerpreis, allein der Literatur als solcher verpflichtet: "Dass nur ein, höchstens zwei der bisherigen Preisträger jemals den Büchner-Preis erhalten könnten, ist für die Rolle der Literatur in dieser Gesellschaft fatal. ... Ob sich [auf der Shortlist] das eine Buch befindet, das zu Recht den Titel des besten Romans trägt, ohne unter diesem Anspruch zusammenzubrechen, ist zweifelhaft." In der taz gibt Jörg Sundermeier den großen Abwinker: "Diese Streitereien sind müßig." Die Presse freut sich nur mäßig über die beiden Österreicher auf der Shortlist, schreiben Reinhard Kaiser-Mühlecker und Eva Schmidt doch ziemlich brav und rückwärtsgewandt: "Sie verhalten sich wie reaktionäre Antithesen zum Sieger des Vorjahrs."

Nur mit Ironie kann Michael Pilz in der Welt den Hype um Philipp Winklers nominierten Schläger-Roman "Hool" fassen: "Philipp Winkler hat das vielleicht größte deutsche Märchenbuch geschrieben, das sich heute schreiben lässt. Wäre er Heiko Kolbe, würde er jedem, der sein Buch liest, das Gläschen mit dem Grauburgunder aus den Fingern hauen und die Nase brechen."

In der Tell Review erhebt der Übersetzer Frank Heibert Einwände gegen das von Sieglinde Geisel geschaffene Format des Page-99-Tests. Seine Kritik entzündet sich passenderweise an Geisels Kolumne zu Christian Krachts Roman "Die Toten" und der Frage, ob sich ein ganzer Raum in einem an der Nase hängenden Tropfen spiegeln kann: "Den Page-99-Test finde ich faszinierend in seiner Verspieltheit, nützlich darin, dass er wegen seiner Fragmentiertheit dazu zwingt, auf die sprachlichen Elemente des Auszugs zu schauen, statt sich an Handlungs-, Kompositions- oder Themenfragen aufzureiben - und riskant darin, dass er dazu verführt, das Große und Ganze eines literarischen Werks, da man anhand einer Seite wenig darüber sagen kann, auch nur als Möglichkeit auszublenden, als eventuelle Relativierung der aus der Ein-Seiten-Analyse gewonnenen Erkenntnisse."

In einer Replik gibt Geisel ihrem Kritiker absolut recht, betont aber: "Das Format des Page-99-Tests ist quick & dirty oder, wie Frank Heibert es so wundervoll ausdrückt, 'zirzensisch', und es soll keinesfalls eine Rezension des kompletten Buchs ersetzen."

Weiteres: Ulf Erdmann Ziegler erinnert sich in der NZZ an seine Kindheit im VW, mit Blick auf andere Citroen und Peugeots: "Autos waren damals wunderschön." Lothar Müller schließt sich in der SZ dem Ärger darüber an, dass die Robert-Bosch-Stiftung den Adelbert-von-Chamisso-Preis für "auf Deutsch schreibende Schriftsteller mit Migrationsgeschichte" nach 2017 nicht mehr vergeben will (mehr dazu im gestrigen Efeu). In der FAZ wirft Jürg Altwegg einen Blick ins Programm des literarischen Herbsts in Frankreich, der beinhart auf Tuchfühlung mit der Realität gehen wird, wie er versichert: "Es ist der erste Bücherherbst im Zeichen der Anschläge. Der Literatur kann der brutale Einbruch der Gegenwart auf Kosten der selbstverliebten 'Autofiktion' nur guttun." Für die taz spricht Julian Weber mit John Darnielle, der in seinem Roman "Wolf in White Van" die trostloseren Facetten des Kaliforniens der siebziger Jahre beschreibt. In Sinn und Form trauert Hans Krieger um die Sprachkultur, der die vor zwanzig Jahren beschlossene Rechtschreibreform den Garaus gemacht habe. In der SZ schreibt die Literaturwissenschaftlerin Ana-Maria Schlupp anlässlich von Fatih Akins Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs "Tschick" über den Topos des Nichtorts als Sehnsuchtsorts in der Chiffre der "Walachei".

Besprochen werden Besprochen werden unter anderem Kerry Howleys Kampfkunst-Essay "Geworfen" (NZZ), Isabelle Lehns "Binde zwei Vögel zusammen" (Tagesspiegel) und Reinhard Kaiser-Mühleckers "Fremde Seele, dunkler Wald" (FAZ).
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Architektur


Granit, Holz, Beton und Glas: Villa in Ambri, 1958, Fratelli Guscetti. Fotograf unbekannt. Nidwalder Museum.

Kaum eine Architektur war so mondän wie die der Luxushotels in den Schweizer Alpen in den fünfziger Jahren, seufzt Roman Hollenstein mit Blick etwa auf das Bürgenstock am Luzerner See, das jetzt vom katarischen Staatsfonds saniert wird. Aber in der Ausstellung im Salzmagazin in Stans macht Roman Hollenstein auch eine echte Entdeckung: "Anders als diese auf einen neuen Schliff wartenden Juwelen aus einer Zeit, da die Architektur noch frivol sein durfte, befinden sich die extravaganten Häuser, die Aldo und Alberto Guscetti zwischen 1955 und 1960 in der Leventina errichteten, noch immer in perfektem Zustand. Sie künden vom American Way of Life, aber auch von der damals in der italienischen Welt verbreiteten Begeisterung für Frank Lloyd Wrights Spätwerk, die die Guscetti-Brüder mit Peppo Brivio, Franco Ponti und Tita Carloni teilten. Doch während deren Bauten Tessiner Architekturgeschichte schrieben und heute noch hoch im Kurs stehen, ignorierten Kritik und Forschung das Schaffen von Aldo und Alberto Guscetti."

Weiteres: Dezeen meldet, dass der britisch-ghanaische Architekt David Adjaye vom Londoner Design Festival ausgezeichnet wurde. Am Wochende wird in Washington sein Museum of African American History eröffnet, zu dem die New York Times schon ein riesiges Dossier zusammengestellt hat. Der Guardian entdeckte in dem Bau Anklänge an Südstaaten-Architektur, Yoruba-Kunst, Art Nouveau und Sci-Fi.
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Bühne

In seiner Nachtkritik-Kolumne ärgert sich Dirk Pilz sehr darüber, dass Claus Peymann soziales Gewissen wiederentdeckt, wenn er es der Berliner Kulturpolitik und seinem Nachfolger Oliver Reese um die Ohren hauen kann (mehr dazu hier): Wenn zahlreiche Schauspieler nach dem Intendantenwechsel am Hause als Sozialfall dastehen, sei dies Peymann selbst und seinem GmbH-Modell mit Ein-Jahres-Verträgen zuzuschreiben: "Das Haus konnte so Gewinne erwirtschaften und sich große, teure Produktionen leisten, von Robert Wilson zum Beispiel. Die Kosten trugen die Angestellten: Sie bezahlten durch maximale Unsicherheit. ... Er verhält sich wie das Management der Commerzbank und Deutschen Bank in der Finanzkrise: Erst nutzte es die Gegebenheiten des Finanzsystems maximal aus, als es zerbrach, rief es nach dem Staat und nach der Moral - und stellte sich dumm."

Laut Peter Michalzik hat Reese seine letzte Spielzeit in Frankfurt zwar nicht gerade spannend eröffnet, aber von seinem Wechsel ans Berliner Ensemble erwartet er sich in der NZZ doch Dolles: "Der erste Schachzug Reeses war die Verpflichtung von Frank Castorf."

Weiteres: In der SZ feiert Mounia Meiborg die Uraufführung von Volker Brauns Stück "Die Griechen" am Berliner Ensemble durch Manfred Karge. In der FAZ empfiehlt Eleonore Büning die heute auf Arte ausgestrahlte Aufzeichnung von Peter Steins Mailänder "Zauberflöte".

Besprochen werden Christof Loys Frankfurter Inszenierung von Andrea Lorenzo Scartazzanis "Der Sandmann" (FR) und Anno Schreiers "Hamlet"-Oper am Theater an der Wien (Standard, FAZ).
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Archiv: Bühne

Film



Im Freitag nimmt Georg Seeßlen Trash-Kinderkultur wie die Filme der "Bibi und Tina"-Reihe unter die kultursemiotische Lupe, wobei sich ihm "ein nationales Fantasieprodukt" offenbart, "in dem sich alte und neue Klischees, die Ponyhofträume der 1950er mit Konsumträumen der 2010er Jahre treffen, Figuren aus den Tiefen der deutschen Kinderkultur, von Kästner und Kauka, mit japanischer Kawaii-Ästhetik (dem Kult der 'Niedlichkeit') und Bildern der Pop- und Werbewelt verbunden: Zeichen der Universalkultur und deutsche Mythen und Bilder."

Weiteres: Sehr ausführlich spricht Martin Wickert von ZeitOnline mit Anne Zohra Berrached über deren bei der Berlinale im Wettbewerb gezeigtes Schwangerschaftsdrama "24 Wochen" (hier unsere Besprechung, weitere Kritiken in taz und FAZ).

Besprochen wird Oliver Stones Whistleblower-Thriller "Snowden" (SZ).
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Kunst

Open Culture meldet, dass das Moma alle Ausstellungen seit seiner Gründung 1929 online gestellt hat (Die erste Schau war "Cézanne, Gauguin, Seurat, van Gogh" gewidmet, wenig später kamen "Weber, Klee Lehmbruck"). Für den Freitag hat Christine Käppeler die Berlin Art Week besucht. Im Tagesspiegel schreibt Nicola Kuhn zum Tod des Malers Günther Honig.

Besprochen wird Andréas Langs Fotoausstellung "Kamerun und Kongo" im Deutschen Historischen Museum in Berlin (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Kongo, Moma, Cezanne, Kamerun

Musik

Das Berghain in Berlin ist jetzt auch offiziell, also mit entsprechender Bescheinigung für den Fiskus, ein Ort der Kultur, wie der Blätterwald in der letzten Woche mit Heiterkeit zur Kenntnis nahm. Für ZeitOnline hat Andreas Hartmann jetzt in Erfahrung gebracht, dass es beim ausschlaggebenden Gerichtsverfahren nun weißgott nicht darum ging, die Unterschiede zwischen einem bürgerlichen Theaterabend und frivolen Darkroom-Aktivitäten einzuebnen. Vielmehr stand schlicht zu klären, ob DJ-Sets als Konzerte aufgefasst werden könnten - mit entsprechendem Steuervorteil. Schade, meint Hartmann dazu: "Die Revolution, die herbeigeschrieben wurde, hat dieses Gerichtsurteil nicht angeschoben. Eine veraltete Kulturauffassung wurde nicht bahnbrechend revidiert und die Definition dessen, was ein DJ heute so macht, wurde nicht der Gegenwart und dessen technischen Möglichkeiten angepasst."

Weiteres: In der SZ berichtet Julia Spinola vom Festival türkischer Musik in Berlin.

Besprochen werden ein Elgar-Konzert von Daniel Barenboims Staatskapelle (Tagesspiegel), ein Konzert der Family 5 (Tagesspiegel) und die Kinodoku "Raving Iran" (Spex).
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Design

Viel Britishness hat Jennifer Wiebking in der FAZ auf der Londoner Modenwoche gesehen. Schuluniformen, militärisches Khaki, College-Schals bei Mulberry oder Paul Smith: "Die schönste Kollektion zeigt in dieser Woche Christopher Kane. Auch er nimmt sich der britischen Kulturgeschichte an, dem 'Make Do and Mend', das Britinnen während des Zweiten Weltkriegs und danach ermutigte, das modisch Beste aus ihrer Situation zu machen, indem sie aus alten Stoffen neue Kleider nähten. Die Pelze sehen so wild aus, als wären sie vom Straßenrand aufgesammelt, die Stofflappen hängen mit Nieten zusammen, und an den Füßen tragen die Models mit Glitzersteinen besetzte Crocs. Kane setzt seinen Stil in jeder Saison neu um und entwickelt sich doch weiter." (Foto: Christopher Kane Collection.)
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