9punkt - Die Debattenrundschau

Welcher Respekt?

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.09.2016. Die Autorin Lionel Shriver polemisierte in einer Rede gegen den Begriff der "kulturellen Aneignung" und löste in angelsächsischen Medien einen Riesenskandal aus. Wir sammeln Stimmen aus der sehr kontroversen Debatte. In Libération geißelt eine Gruppe syrischer Intellektueller die Einordnung des syrischen Kampfs um Demokratie unter den "Krieg gegen den Terror".  Morgen findet wieder der "Marsch für das Leben statt" statt, und der Berliner Erzbischof Heiner Koch reiht sich ein in die Phalanx der Fundamentalisten und AfD-Politikerinnen, während Julia Klöckner sich mit einem freundlichen Grußwort begnügt, berichtet correctiv.org.

Ideen

Schwerpunkt "Kulturelle Aneignung"

Die bizarre Debatte über "Cultural Appropriation", die vor allem an angelsächsischen Universitäten tobt, hat in den letzten Tagen einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Autorin Lionel Shriver sollte letzte Woche beim australischen Literaturfestival von Brisbane eine Rede über "Community and Belonging" halten und formulierte das Thema in "Fiktion und Identitätspolitik" um, um Kritik an der Idee zu äußern, dass "kulturelle Appropriation" an sich illegitim sei. Die Rede ist im Guardian publiziert. Was tun Autoren anderes, als permanent in andere Identitäten zu schlüpfen?, fragt Shriver: "Nach dem neuen Ethos, das nicht mehr nur an Universitäten gilt, ist jede Tradition, jede historische Erfahrung, jede Tracht, jede Ausdrucksweise, die mit einer Minderheit oder irgendwie benachteiligten Gruppe verknüpft sind, verriegelt: Bitte nicht berühren. Jeder, der sich einer 'Identität' zurechnet - ob ethnisch, national, rassisch, sexuell, gender-bezogen, ökonomisch - wird nun ermutigt, sich seine Erfahrung als Besitz anzueignen und die Versuche anderer Leute, an ihrem Leben und ihren Traditionen teilzuhaben, als Diebstahl anzusehen."

Ebenfalls im Guardian erklärt die muslimische Autorin Yassmin Abdel-Magied, warum sie bei Shrivers Rede aufstand und ging, nicht ohne gleich ihre Empörung per Twitter kundzutun. Shrivers Haltung triefe "vor weißem Überlegenheitsdenken, und die Implikation ist klar: 'Mir ist egal, was dir wichtig oder heilig ist. Ich will damit machen, was ich will. Deine Geschichte ist für mich nur ein Werkzeug, das ich einsetzen kann, denn du bist weniger human als ich. Du bist weniger als human…" In der New Republic schreibt die Autorin Suki Kim, die die Rede Shrivers miterlebte, und auch sie kann es bis heute nicht fasssen:  "Diese Arroganz, mit der sie erklärte, asiatisch zu sein, sei keine Identität"!"

Auch Kenan Malik greift die Debatte in seinem Blog auf und wundert sich über die Reaktionen auf Shriver, die sich für ihn allesamt lasen wie Denkverbote: "Selbst nuanciertere Resümees der Kontroverse erweckten den Eindruck, dass Shriver irgendwie zu weit gegangen sei. Im Guardian kritisierte Nesrine Malik sowohl Shriver als auch  Abdel-Magied. Shriver, schreibt sie, habe es an Respekt und Demut fehlen lassen. Welcher Respekt? Gewiss lehnt Shriver Identitätspolitik und die Idee der cultural appropriation ab, aber was ist daran falsch? Es liegt eine Welt zwischen der Kritik an einer Idee und dem mangelnden Respekt für Leute, die diese Idee verfechten." Die New York Times berichtete ebenfalls ausführlich über die Debatte. Nathanael Cooper berichtet in der Brisbane Times, dass sich das Festival von Shriver distanziert habe.  Die Festivaldirektorin Julie Beveridge habe betont, dass Shriver nicht zu dem ihr gesetzten Thema gesprochen habe. "Sie spricht nur für sich selbst."
Archiv: Ideen

Europa

Morgen findet wieder der "Marsch für das Leben statt", bei dem sich Abtreibungsgegner in Berlin versammeln. Ein Correctiv.org-Team recherchiert zu den Teilnehmern der Veranstaltung, bei der unter anderem auch AfD-Politikerinnen wie Beatrice von Storch erwartet werden. Sie wird nicht allein sein. Neben fundamentalistischen Protestanten und Katholiken teilt unter anderem "das Erzbistum Berlin auf seiner Facebookseite mit, dass auch Erzbischof Heiner Koch, der ranghöchste Katholik in der Hauptstadt, am Samstag am Marsch teilnehmen werde. Die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Julia Klöckner schickte nach Angaben des Onlinemediums katholisch.de ein Grußwort und lobte die Bereitschaft der Marschierer, 'ihre Überzeugung öffentlich kund zu tun und dafür einzustehen'."

Julian Hans unterhält sich in der SZ mit der russischen Meinungsforscherin Natalja Sorkaja, deren Lewada-Zentrum gerade zu einer Organisation ausländischer Agenten deklariert wurde. Über die hohen Sympathiewete für Wladimir Putin sagt sie: "Die 80 Prozent sind ein Zeichen für die Niederlage der Zivilgesellschaft und die Wiedergeburt paternalistischer Beziehungen zum Staat. In Russland ist keine starke Gesellschaft gewachsen. Die repressive Politik hat alle Ansätze dazu zerstört. Gruppen, die sich Einfluss hätten erarbeiten können - Nichtregierungsorganisationen, Menschenrechtsverteidiger - wurden an den Rand gedrängt. "

Wenig überzeugend findet Martin Beglinger in der NZZ die "Gegennarrative", die die Historiker beim "Körber History Forum" in Berlin zum Thema Flucht und Migration entwarfen. "Umso aufschlussreicher war die Bemerkung einer niederländischen Museumskuratorin, die in Berlin mit muslimischen Flüchtlingen arbeitet. Sie wage, so erzählte sie, im Asylbewerberzentrum nicht offen zu sagen, dass sie jüdische Wurzeln habe - 'weil das sonst Probleme gäbe'. 'Probleme.' Mehr sagte sie nicht dazu, und auch sonst herrschte Schweigen in der Runde. Dass gerade die Nulltoleranz gegenüber Antisemitismus wohl zur ersten Geschichtslektion für Flüchtlinge in Deutschland gehört, hielt niemand für erwähnenswert. Es hätte womöglich das alternative Migrationsnarrativ gestört."

Yavuz Baydar zitiert in seiner Türkei-Kolumne in der SZ eine Strafverteidigerin, die in der Cumhuriyet die Zustände im Istanbuiler  Silivri-Gefängnis schilderte, die sich seit dem Putschversuch drastisch verschlechtert haben - ohne dass EU-Emissäre derartige Probleme zu Sprache bringen: "Es gibt seit dem Putschversuch empfindliche Einschränkungen in den Besuchszeiten und im Bereich der medizinischen Behandlung. Bedürftigen Gefangenen wird erklärt, dass sie wegen des Ausnahmezustands nicht ins Krankenhaus gebracht werden können. Das Gefängnis ist überfüllt. Die Inhaftierten müssen sich beim Schlafen abwechseln. Einzelzellen werden als Hafträume für Gruppen verwendet. Den Abwasch müssen sie in der Toilette machen, es gibt keine Belüftung."
Archiv: Europa

Gesellschaft

In einem kleinen Essay in der NZZ denkt der Satiriker Andreas Thiel über das Große Ganze, über Freiheit, Glück und Religion nach: "In der Freiheit kann man genauso glücklich werden, wie man darin unglücklich werden kann. Wer behauptet, im Kapitalismus würden Menschen unglücklich, hat folglich recht. Aber im Kapitalismus werden Menschen auch glücklich. Und der Kapitalismus selbst zwingt weder zum einen noch zum anderen. Er lässt beides zu. Mehr ist in dieser Welt nicht drin. Alle weniger freien Systeme lassen nur eines zu: mehr Unglück."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Politik

Eine Gruppe "demokratischer und laizistischer" Intellektueller und Künstler aus Syrien protestiert in Libération mit Nachdruck gegen das amerikanisch-russische Syrien-Abkommen und die "Einordnung des syrischen Befreiungskampfs unter einen angeblichen 'Krieg gegen den Terror'". Sie kritisieren, dass "die Situation unter dem fadenscheinigen Vorwand des unendlichen Kriegs gegen den Terror erneut eingefroren wird. Kein Wort über die unzähligen politischen Gefangenen, die unter höllischen Bedingungen leben müssen. Kein Wort über die belagerten Städte und Stadtvierel. Kein Wort über die militärische Intervention des Irans, der libanesischen Hisbollah und anderer proiranischer Milizen. Und natürlich nichts über die Perspektiven eines demokratischen Wandels in Syrien."
Archiv: Politik
Stichwörter: Syrien

Überwachung

Videokameras, etwa auf Bahnhöfen, können demnächst automatisch Gesichter erkennen und zuordnen. Innenmister Thomas de Maizière  will dies nutzen um die Erkenntnisse mit Datenbanken gesuchter Personen abzugleichen und sieht das als von den jetzigen Gesetzen gedeckt. Aber der wissenschaftliche Dienst des Bundestags sieht das anders. Netzpolitik zitiert ihn: "Technische Weiterentwicklungen wie leistungsstärkere Kameras oder vernetzte Überwachungssysteme müssten demnach vom Gesetzeswortlaut gedeckt bleiben. Dies gelte aber nicht für ein ganz anderes Auswertungsinstrument. Ein solches aliud stelle jedoch die automatisierte Auswertung gegenüber der visuellen Auswertung dar. Für den Einsatz eines derartigen Instruments bedürfe es zuerst der gesetzgeberischen Entscheidung und der entsprechenden Ergänzung der Rechtsgrundlagen."

Ed Pilkington berichtet im Guardian, dass Bernie Sanders und andere Prominente Barack Oabama auffordern, Edward Snowden zu begnadigen. Snowden unterstützt die Initiative (unser Resümee).
Archiv: Überwachung

Medien

Im Streit um das Leistungsschutzrecht spricht sich Gabor Steingart vom Handelsblatt gegen die freie Zirkulation von Informationen aus:
Archiv: Medien
Stichwörter: Leistungsschutzrecht

Kulturpolitik

"Chris Dercon und sein Team sind alternativlos", sagt Tim Renner im Gespräch mit Andreas Fanizadeh und Jens Uthoff von der taz und verteidigt seine Volksbühnenentscheidung in einem Generalinterview über Berliner Kulturpolitik noch einmal: "Was Dercon auszeichnet, ist sein Interesse für neue Talente und gerade auch an Dingen, die lokal sind. Das hat er auch in München am Haus der Kunst gezeigt. Und das, was der gute Claus Peymann nun als drohende Eventbude beschwört, hat doch an der Volksbühne bereits immer schon stattgefunden. Wahrscheinlich hat Peymann es nicht bemerkt, weil er nicht da war. Nun muss es darum gehen, das Gute, das die Volksbühne auszeichnet, weiterzuführen, ohne Castorf zu kopieren."