9punkt - Die Debattenrundschau

Das Leben aller

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.08.2016. In der taz porträtiert Gabriele Goettle den Ulmer Notfallhelfer Helmut Schön. Edith Kresta betont in der taz, dass auch ein islamischer Feminismus Machtstrukturen aufdecken muss. Necla Kelek fordert in Chrismon, keine religiösen Eheschließungen anzuerkennen. Die FR erkundet die Ursprünge der amerikanischen Gun Culture. Die SZ verteidigt Europas Plätze. und die Welt streift durch die englischen Gärten des Capability Brown.

Europa

In der Welt hat Bernard-Henri Levy wenig Mitleid mit den Bürgermeistern, die sich mit ihrem Burkini-Verbot an den Stränden der Cote D'Azur lächerlich gemacht haben. Doch sagt er auch ganz klar, was er vom Burkini hält: "Die Frauen machen das freiwillig? Sie akzeptieren aus freien Stücken die Idee, dass ihre Körper mit ihren Reizen eine Quelle der Schuld sind? Möglicherweise. Aber es braucht schon eine große Unehrlichkeit oder - noch schlimmer - eine Naivität, um darin nicht jene 'freiwillige Knechtschaft des Menschen' zu erkennen, die ein gewisser Étienne de La Boétie schon vor fünf Jahrhunderten beschrieben hat. Diese Frauen wirken - ganz zu ihrem Nachteil - mit an einer ideologischen Offensive, die die islamische Welt erfasst hat, und die in Europa keine Gelegenheit auslässt, den Widerstandswillen ihrer Gegner zu testen."

Die taz diskutiert weiter über die Frage, wie Feminismus und Islam zusammengehen: Edith Kresta ist von dem, was Autorinnen wie Kübra Gümüşay als islamischen Feminismus propagieren, ebensowenig überzeugt wie von deren kuscheligen Bekenntnis "für Vielfalt, für die Kopftuch tragenden, die Minirock tragenden, die queeren, die beschwipsten": "Die Solidarisierung mit manchen bekennenden islamischen Feministinnen fällt schwer. Nicht weil für Gläubige die heiligen Schriften Gottes Wort sind und sich patriarchalische Denkstrukturen darin schwer kritisieren lassen, sondern vor allem weil ihre Forderungen schwammig sind. Überzeugender wäre die Aufdeckung der Machtstrukturen, die heutzutage hinter den innerislamischen Diskursen über Frauen stehen. Patriarchale, religiös legitimierte Denkstrukturen, Verhaltens-und Kontrollmechanismen mancher muslimischer Männer."

Die schlechtere Stellung der Frauen im Islam leitet sich großteils aus dem muslimisch begründeten Familienrecht ab. Deutsche Behörden dürfen das nicht unterstützen, indem sie etwa von Imamen geschlossene Ehen einfach anerkennen, betont Necla Kelek in der evangelischen Zeitschrift Chrismon: "Ehen dürfen nur anerkannt werden, wenn sie freiwillig und vor einem Standesbeamten geschlossen werden. Religiöse Eheschließungen wie Imam-Ehen ohne vorherige standesamtliche Registrierung sind als nichtig anzusehen. Beide ehewilligen Partner müssen volljährig, also mindestens 18 Jahre alt sein. Im Ausland geschlossene Ehen gelten nur, wenn die Partner volljährig sind und ihre Ehe staatlich registriert ist. Diese Regelung gilt auch für die Familienzusammenführung."

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"Europas Plätze sind in Gefahr", leitet Laura Weissmüller eine neue SZ-Serie über öffentliche europäische Plätze ein. Bedroht werde dieses öffentliche Gut durch Amokläufer, kommerzielle Übergriffe und ein Übermaß an Überwachung. Zu verteidigen sei ein Ort, "wo der aktuelle Zustand der Gesellschaft, ihre Risse, Konflikte und Sorgen, aber auch ihre Träume und Hoffnungen am sichtbarsten zutage treten. Die städtebaulichen Debatten darüber betreffen nicht nur ein paar Architekturspezialisten. Wer die Größe der neuen Reihenhäuser analysiert oder das Einkaufsverhalten, bekommt immer nur den Zustand eines gesellschaftlichen Milieus zu fassen. An frei zugänglichen Plätzen hingegen spiegelt sich das Leben aller wider."

Im ersten Text zur Serie schreibt Thomas Steinfeld über Sergels Torg in Stockholm, einem "Platz für Begegnungen" - wenngleich man dort insbesondere halbseidenem Personal begegne. Dass der Platz "wie ein zur Architektur gewordener Sozialfall" wirke, liege auch daran, dass er "ein Symbol von Modernität sein sollte. Diese ist eine Ideologie der Bewegung, nicht des Innehaltens und Verweilens."

Zum 300. Geburtstag des englischen Landschaftsarchitekten Capability Brown streift Stefanie Bolzen in der Welt durch englische Gärten und bekommt eine Vorahnung auf den Brexit: "Weg mit dem ganzen französischen Schnickschnack! Wer will schon den ewigen Erzfeind nachahmen? Diese barocke Geometrie und diese kitschigen Blumenbeete. Oder die italienischen Knotengärten, pfui. Weg von der Ästhetik des Kontinents, mit dem man ohnehin nicht allzu viel mehr gemein haben wollte." In der FAZ lernt Hannes Hintermeier in neuen Büchern zu Brown, dass seine Parks vor allem auch der Zementierung von Herrschaft und Besitz  und dem Ausschluss der Armen dienten: "Schönere zynische Mauern wurde nie erfunden."
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Gesellschaft

Am letzten Montag im Monat gibt es die Reportage von Gabriele Goettle. Diesmal lässt sie den Ulmer Helmut Schön erzählen, wie er zum Sozialarbeiter und Notfallhelfer wurde: "Während meiner Zeit als Personalleiter habe ich den damaligen Betriebsseelsorger Werner Baur kennen. Mein erster Gedanke war: Was will denn der Pfaffe im Betrieb? Es reicht doch, dass wir unsere Gewerkschaft haben! Im Laufe der Zeit lernte ich ihn aber sehr zu schätzen, besonders in seiner unbestechlichen Art, das Richtige zu tun. Er hat sich viel mit Arbeitslosen beschäftigt, hat auch Fernfahrer-Seelsorge gemacht. Jedenfalls hat er mich dazu motiviert, die Personalleitung aufzugeben und in die Sozialarbeit zu gehen."

Arno Widmann liest in der FR neue Bücher zum amerikanischen Waffenkult, die mit etlichen Mythen aufräumen. So ist die Gun Culture kein Produkt des Wilden Westens, sondern der Waffenindustrie: "In 'The Gunning of America' gelingt Pamela Haag der Nachweis, dass am Anfang der Waffenbegeisterung in den USA nicht der Siedler stand, sondern die Industrie. Waffen wurden in den USA lange von einigen Schmieden hergestellt. Keine von ihnen konnte davon leben. Sie lebten von den Haushaltsgeräten, die die Farmer brauchten. Waffen waren seltene Gelegenheitsaufträge. Als die Siedler gegen Großbritannien revoltierten, hätten sie ohne die massive Unterstützung durch - vor allem französische - Waffenimporte keine Chance gehabt gegen die Truppen der Krone. Ohne Frankreich keine USA."

In China gilt Bildung als Voraussetzung für Reichtum und soll frei zugänglich sein, schreibt Wei Zhang in der NZZ, die universitären Zulassungsbedingungen sind allerdings undurchsichtig: "Um dem Glück nachzuhelfen, werden alle verfügbaren Ressourcen an Macht, Beziehungen und Vermögen eingesetzt. Es gibt keine offiziellen Daten, die Aufschluss darüber geben, wie viele Revolutionsaristokraten, also Nachkommen von hohen Parteifunktionären, auf diesem krummen Weg zu Macht und Reichtum gekommen sind. Aber es gilt als Binsenweisheit, dass Personen mit dem entsprechenden Hintergrund überdurchschnittlichen Erfolg haben."
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Politik

In der New York Times hat Neil MacFarquhar recherchiert, wie Russland den Informationskrieg zum Bestandteil seiner Militärdoktrin gemacht hat, um die westlichen Öffentlichkeiten zu destabilisieren, etwa in der Ukraine, im amerikanischen Wahlkampf oder in der schwedischen Debatte um einen Nato-Beitritt: "The weaponization of information is not some project devised by a Kremlin policy expert but is an integral part of Russian military doctrine - what some senior military figures call a 'decisive' battlefront. 'The role of nonmilitary means of achieving political and strategic goals has grown, and, in many cases, they have exceeded the power of force of weapons in their effectiveness,' Gen. Valery V. Gerasimov, the chief of the general staff of the Russian Armed Forces, wrote in 2013."

Weiteres: Von seinen Anhängern wird Donald Trump gerne als der Theodore Roosevelt des 21. Jahrhunderts bezeichnet, schreibt Wolf Lepenies in der Welt. Beide gelten als Bullys, sind aber von unterschiedlichem Format stellt Lepenies im direkten Vergleich, vor allem auf dem Football-Platz, fest.
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Geschichte

Gerhard Gnauck berichtet in der FAZ, dass sich Litauen daran macht, die eigene Beteiligung an der Ermordung der Juden aufzuarbeiten. Heute wird erstmals des Massakers von Moleytai gedacht, bei dem vor fünfundsiebzig Jahren, am 29. August 1941, zwei Drittel der Einwohner von Litauern erschossen wurden: "Dieses Ereignis ist für Litauen ein Meilenstein. Zumal es zusammenfällt mit der Debatte um ein Buch der Journalistin Ruta Vanagaiteÿ: 'Die Unsrigen'. Es handelt von den 'ganz gewöhnlichen Leuten, Zehntausenden von Litauern', so die Autorin, die sich daran beteiligten, unter deutscher Besatzung Juden zu töten. Die Autorin stieß auch auf einen Beteiligten in der eigenen Familie: 'Mein Großvater wurde beschuldigt, eine Liste von Juden zusammengestellt zu haben, als die Nazis kamen.'"

Weiteres: Der Deutschlandfunk brachte am Samstag eine bemerkenswerte Lange Nacht über das besetzte Warschau, in der Martin Sander von Alltag und Widerstand unter der deutschen Besatzung erzählt. Im Freitag bespricht Ricarda Bethke das RBB-Hörspiel zu Victor Klemperers Analyse der nationalsozialistischen Sprache "LTI? Notizbuch eines Philologen".
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Holocaust, Litauen

Urheberrecht

In der FAZ antwortet der Volkswirtschaftler Justus Haucap auf Vorwürfe, ein Gutachten zu Ausweitung der Bildungs- und Wissenschaftsschranke im Urheberrecht als Teil der "IT-Lobby" erfasst  zu haben, wie es ihm Adrian Lobe dort unterstellt hatte.
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