9punkt - Die Debattenrundschau

Es ist Feudalismus pur

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2016. In der FAZ beschreibt Bülent Mumay, wie in türkischen Gefängnissen Platz geschaffen wird. Auf Glanz und Elend plädiert Wolfram Schütte für ein Burka-Verbot. Beim Burkini an der Côte d'Azur setzt Politico lieber auf Voltaire als auf Rousseau. Im Standard will Pankaj Mishra eine neue Aufklärung, die alte bringt's nicht mehr. In der SZ opponiert Johannes Maria Schatz gegen die Macht der Theaterintendanten. Hans Stimmann erinnert der Welt an Hans Scharouns Masterplan für Berlin.

Europa

In der FAZ erklärt Bülent Mumay, was die türkische Regierung unter ihrem Programm der "kontrollierten Freilassung" versteht: "Um die vielen Verhafteten nach dem Putsch unterbringen zu können, kommen nun etwa 90.000 Personen aus türkischen Gefängnissen frei. Unter ihnen ist auch Alaattin Çakici, einer der größten Mafia-Paten der türkischen Geschichte. Sie fragen sich, wer in die frei gewordenen Zellen gesteckt wird? Sie vermuten Gülen-Anhänger? Überraschung! Selbstverständlich ziehen dort Intellektuelle und Journalisten ein."

Wolfram Schüttes Plädoyer auf Glanz und Elend für das Burka-Verbot haben wir gestern noch nicht zitiert. Die Toleranz gegenüber der Vollverschleierung kann Schütte nicht verstehen: "Die Ganzkörperverschleierung und der Nudismus sind die äußersten privaten Verhaltensweisen. Beide richten sich kategorial gegen die Gesamtheit aller anderen unterschiedlichen Nutzer des öffentlichen Raums. Ganzkörperverschleierung und Nudismus befinden sich deshalb jenseits der durch sie markierten Grenzen des weiten Felds individuell unterschiedlicher Nutzung, bzw. Begehung des Öffentlichen Raums." In der FAZ bemerkt Michael Hanfeld, dass die Burka weder etwas mit Religion noch mit Freiheit zu tun hat.

Auf Politico brandmarkt Tim King dagegen das Burkini-Verbot in Nizza und Cannes als fehlgeleiteten Willen zur laizistischen Reinheit: "Those of us conditioned to see French politics as a perpetual replaying of the incomplete French Revolution don't have to work hard to see a burkini ban as a victory for Rousseau and the Rousseau-ists over the tolerance championed by that other Enlightenment giant, Voltaire. Rousseau's 'general will' - which must direct the state - triumphs over the rights and freedom of the individual that Voltaire would defend. (Rousseau saw rights as derived from society, meaning that an individual could not have rights against that society.) So we can cast these beach-town mayors as followers of the arch-Rousseauist Robespierre, whose Jacobin reign of terror sought ideological purity, weeding out the moral laxity of the Girondins."
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Politik

Vor 25 Jahren rettete die russische Bevölkerung ihre junge Demokratie vor dem Putsch sowjetischer Generäle und Geheimdienstler. Anders als vom freudetrunkenen Dichter Jewgeni Jewtuschenko phrophezeit, mag sich heute kaum noch jemand an den historischen Moment erinnern, schreibt Christian Esch in der Berliner Zeitung: "Das Problem ist, dass weder Russlands Führung noch Russlands Bürger heute wissen, welche der damals streitenden Seiten ihre Sympathien verdient. Nüchtern betrachtet sind die, die heute im Kreml sitzen, Erben der Sieger von 1991: Wladimir Putin verdankt seinen politischen Aufstieg den Anführern des Widerstands gegen den Putsch, Anatoli Sobtschak in Leningrad und Boris Jelzin in Moskau. Er wurde 2000 nur deshalb ins Amt des Präsidenten gehievt, um die von seinem Vorgänger Jelzin seit 1991 geschaffenen Macht- und Eigentumsverhältnisse zu bewahren. Dennoch spricht und handelt der Kreml heute so autoritär wie die Putschisten von damals: Stabilität geht vor Freiheit."
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Ideen

Im Standard fordert der indische Soziologe Pankaj Mishra eine neue Aufklärung und eigentlich auch eine neue Demokratie, die säkulare Moderne sei aus den Fugen geraten, und ihre Fundamente sollten nicht länger verklärt werden: "Wir müssen nicht nur gegen die Überzeugung ankämpfen, dass ausschließlich homogene Nationalstaaten den demokratischen Grundgedanken verwirklichen können. Wir müssen auch die Gefahren verstehen, die von überholten und zunehmend starren Begriffen der Zugehörigkeit und der Identität ausgehen. Denn das alte Versprechen der europäischen Nationalstaaten - wenn man sich integriert, genießt man die Privilegien einer auf dem Prinzip der Individualrechte basierenden Gesellschaft - gilt nicht mehr. Es scheint unumgänglich, dass Europas vielfältige Gesellschaften ihre Prinzipien auf eine Weise neu definieren, die explizit andere religiöse und metaphysische Weltanschauungen anerkennt."
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Gesellschaft

In der NZZ empört sich Cora Stephan angesichts der Flüchtlingskrise über das große Schweigen, Denkverbote und die Angst in die rechte Ecke gestellt zu werden: "Eine aktuelle Studie der Hamburg Media School, in der 34 000 Pressebeiträge aus den Jahren 2009 bis 2015 über Flüchtlingspolitik ausgewertet wurden, kommt zum Schluss, dass insgesamt 82 Prozent aller Beiträge zum Thema positiv gewesen seien; nur 6 Prozent hätten die Flüchtlingspolitik problematisiert. Die tonangebenden Medien hätten 'übersehen', dass die Aufnahme von Migranten 'in großer Zahl und die Politik der offenen Grenzen die Gesellschaft vor neue Probleme stellen würden'. Sie haben sich, um es mit Wolfgang Streeck zu sagen, 'als Cheerleader einer karitativen Begeisterungswelle' aufgeführt."
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Kulturpolitik

Im SZ-Interview mit Michael Stallknecht prangert Johannes Maria Schatz, Gründer der Initiative Art but Fair, die miserablen Arbeitsbedingungen von Theater-Schauspielern an, die hohen Arbeitszeiten und niedrigen Gagen, und die Praxis mancher Intendanten, bei ihrem Start das halbe Ensemble zu entlassen: "Der Bühnenverein begründet das mit der Kunstfreiheit. Aber es ist Feudalismus pur. Man kann nicht ein ganzes Haus auf die Straße setzen, nur weil der neue Intendant der Ansicht ist, dass die Künstler nichts taugen."

In der Welt erinnert der ehemalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann an den großen "Kollektivplan" Hans Scharouns, der Berlins "Stadtlandschaft" neu gestalten sollte: "Die City sollte in moderner Architektur, aber in der alten Lage zwischen Potsdamer Platz und Spree neu entstehen, das administrative Stadtzentrum zwischen Alexanderplatz und Spree neu gebaut werden. Das Berliner Kulturzentrum sollte in den vorhandenen Gebäuden der Museumsinsel, des Forum Fridericianum und des Schlosses bleiben - denn Scharoun war gegen den Abriss der Schlossruine. Die getrennten Areale für die Industrie, Wirtschaft, Verwaltung und Kultur sollten von Wohngebieten in Grundeinheiten für 4000 bis 5000 Menschen nach dem Muster der Siedlung Siemensstadt begleitet werden."