Efeu - Die Kulturrundschau

Präludium für Provokationskunst

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20.08.2016. Die SZ sehnt sich zwischen all den Diskussionen um Trump und Aleppo nach ein bisschen Eskapismus in der Kunst: Wo ist das zeitgenössische Arkadien? Die NZZ stimmt mit ein und fordert statt Tagespolitik mehr empfindsames Innehalten in der Literatur.  Das monopol-magazin wünscht sich hingegen mehr Diskussion und weniger Empathie in der Kunst. Die Zeit möchte mit dem orakelnden Super-Meme Werner Herzog baden gehen. Das art-magazin schaut sich Exzentriker-Architektur von Besessenen an. Die SZ schaut und hört einem coolen Frank Ocean zu.

Kunst

(Bild: Schlummernde Venus. Giorgione und Tizian. Öl auf Leinwand. 1508/1510. Gemälde Galerie Alte Meister. Dresden)

Zeitgenossenschaft ist unbehaglich geworden, stellt Kia Vahland in der SZ fest - auch das Kulturbürgertum diskutiere heute eher über Trump und Aleppo als über aktuelle Ausstellungen. Frühere Epochen hätten sich in die Kunst geflüchtet, schreibt sie weiter - die Künstler im Venedig des frühen 16. Jahrhunderts etwa: "Man kann das Eskapismus nennen, Flucht vor der Realität. Das aber ist nicht alles. Denn der Isolation dieser Jahre verdanken wir einige der traumhaftesten Werke der Kunstgeschichte. Giorgione malte sein 'Gewitter' und die 'Schlafende Venus', der junge Tizian schulte Auge und Pinsel. Sie bezogen sich auf die frisch gedruckte Liebesliteratur, auf Nachdrucke von Petrarcas 'Canzoniere' und Vergils 'Eklogen', auf Pietro Bembos 'Asolani' und auf den in der Stadt zirkulierenden Raubdruck von Jacopo Sannazaros 'Arcadia'. Sehnsuchtsort der Venezianer war nicht das herrschaftliche Rom, sondern das freie Arkadien, das Land der Fantasie, in dem nackte Göttinnen lustvoll mit Hirtenjungen musizieren."

(Bild:Roza El-Hassan. Breeze 7, M HKA, Antwerp Site-specific installation with adobe bricks, Foto: Christine Clinch)

Für das monopol-magazin berichtet Donna Schons von der Ausstellung "A World not Ours" im Art Space Pythagorion auf Samos, die sich mit Migration und Asyl auseinandersetzt. Die Bilder der Flüchtlingskrise erscheinen ihr inzwischen "beunruhigend" gewohnt, deshalb wünscht sie sich, "Diskussionen anzuregen anstatt Empathie zu evozieren": "Die syrisch-ungarische Künstlerin Róza El-Hassan zeigt, wie das gehen kann: Auf dem Balkon des Art Space ließ sie ein circa fünf Meter großes, nach oben hin kegelförmig zulaufendes Lehmziegelhaus errichten. Bis in die 70er-Jahre wohnten die syrischen Verwandten der Künstlerin in einem solchen Häuschen, dessen Konstruktion einfach, günstig und umweltfreundlich ist. Vor der malerischen Kulisse des Mittelmeers stellt 'Adobe House (Samos)' Fragen nach Heimat, Wärme und Schutz, mit denen sich Asylsuchende in Europa angesichts überfüllter Flüchtlingsheime und mangelnden Wohnraums nicht nur metaphorisch konfrontiert sehen."

Für die FAZ hat Paul Ingendaay die Ausstellung "La libertad de la poética" in der Kathedrale von Cuenca besucht, in der es "um Spielarten von Gefangenschaft und Rebellion, um Normverletzung, Einzelgängertum und kreativen Starrsinn [geht]. Neben handgreiflicher Kerkerhaft kommt so der Gedanke des ästhetischen Wagnisses ins Spiel. Galindos Quijote-Zeichnung zu Beginn der Ausstellung rückt die Gitterstäbe in den Vordergrund, durch die das Ich in die Welt schaut. Es ist das Präludium für die Provokationskunst von Ai Weiwei, aber auch eine Erinnerung an die reale Gefahr von Übertretung und Dissidenz im Leben von Miguel de Cervantes."

Weiteres: Elise Granton trifft sich für die taz mit dem Fotografen Akinbode Akinbiyi. Im Freitag beobachtet Nina Scholz eine "Renaissance linker politischer Akionskunst".

Besprochen werden Reinhard Krauses Fotoausstellung "Die Achtziger im Ruhrgebiet", die in Bochum in einer Trinkhalle und online hier zu sehen ist (taz), und Bernard Larssons Ausstellung "Leaving is Entering: Fotografien 1961-1968" im Museum für Fotografie in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Für den großen Aufmacher des SZ-Feuilletons hat Thomas Steinfeld die "Neapolitanische Suite" gelesen, die in Italien und anderen Ländern bereits ein begeistertes Lesepublikum versammelt hat, das inbrünstig darüber diskutiert, wer sich wohl hinter dem Autorinnenpseudonym Elena Ferrante verbergen mag. In den Büchern, die bald auch auf Deutsch erscheinen, sieht Steinfeld ein nostalgisches Vorhaben umgesetzt: Sie orientieren sich an Dickens-artigen "Rauschbüchern" mit großem Ensemble, "leicht zugänglich, ein wenig exotisch und anheimelnd zugleich." Auch deshalb wittert Steinfeld hinter dem Pseudonym und den damit provozierten Debatten Kalkül: "Der scheinbar ungebrochene Realismus dieses Romanwerks ... bedient den Wunsch, die Epoche des großen realistischen Erzählens hätte nie geendet. Oder es möge sie wieder geben, unter anderen, womöglich weiblichen Voraussetzungen. Diese Nostalgie kostet etwas: Sie ist nur um den Preis einer sentimentalen Konstruktion zu haben." Weshalb sich Steinfeld beinahe ein wenig zurücksehnt nach Zeiten, in denen man als Kritiker noch ohne weiteres zwischen E- und U-Literatur unterscheiden durfte.

Im Welt-Interview mit Thomas David spricht der amerikanische Lyriker Charles Simic über osteuropäischen Pessimismus, die "Würde der einfachen Dinge", Donald Trump, Amerikas Zukunft, mediale Lügen und die Möglichkeit, sich durch ein Gedicht dem öffentlichen Ansturm zu widersetzen: "Lyrik dient einem Zweck, den nichts anderes erfüllt. In einem Gedicht spricht ein Individuum zu einem anderen Individuum, zwei Einsamkeiten treffen aufeinander und kommen miteinander ins Gespräch. Diese Intimität ist so außerordentlich und für manche Menschen so anziehend, dass sie sich darüber näherkommen."

In der NZZ beklagt der Schriftsteller Karl-Heinz Ott die gegenwärtige Tendenz der Literatur als fiktional verkleidetes "tagespolitisches Traktat" zu erscheinen: "Es macht sich immer gut, wenn Klappentexte mit dem 11. September, der Finanzkrise oder Migrationsproblemen aufwarten. Selbst mancher Schriftsteller glaubt, dass bloß noch relevant ist, was mit Terror und Krieg, Börsenkrach und Globalisierung zu tun hat. Offenbar soll Literatur mit journalistischer Eilfertigkeit konkurrieren, um wie beim Hase-Igel-Spiel rufen zu können: Ick bin all hier! Dabei hat ihr nie geschadet, was Hegel für die Philosophie reklamiert, nämlich ein Innehalten, das den Abend abwartet, an dem sich das Gewirr des Tages in anderem Licht zeigt als mitten im Gewühl. In Zeiten, da alles sich medial überschlägt, könnten Schriftsteller sich eigentlich glücklich schätzen, zögerlich sein zu dürfen, um Erfahrungen und Empfindungen aus anderer Warte in den Blick zu rücken, als es Tageskommentare erlauben."

Außerdem spricht die britische Schriftstellerin Antonia S. Byatt im NZZ-Interview mit Thomas David über die Suche nach Wahrheit, das Vergessen, ihren Wunsch Insektenforscherin zu werden, ihre Abneigung gegenüber Tagespolitik in der Literatur und die Ablehnung der modernen "Religion des Ichs": "Ich möchte Dinge durchdringen und verstehen, ich möchte das Wesen der Zeit, die Bewegung durch die Geschichte begreifen. Unserer Gesellschaft fehlt es zunehmend an Geschichtsbewusstsein, etwas, das meines Erachtens mit der schwindenden Bedeutung der Religion zu tun hat. Es fehlt an einer ernsthaften Form für die Auseinandersetzung mit der Welt, weshalb sich das Tagebuch einer so großen Beliebtheit erfreut und sich im Internet zu etwas absolut Schrecklichem auswächst."

In der FAZ wünscht sich Kai Kauffmann dringend eine Wiederentdeckung August Wilhelm Schlegels und noch dringender die dafür notwendige "vollständige Edition modernen Typs": Denn "dass Schlegels unterschiedliche Tätigkeiten als Dichter, Redner, Übersetzer, Kritiker und Historiker miteinander zusammenhängende Formen einer angewandten Philologie waren, die die Produktions- und Rezeptionsbedingungen für eine neue Blüte der Poesie im modernen Zeitalter überhaupt erst zu schaffen suchte, kam bis heute nicht in den Blick."

Weiteres: Tazler Paul Ostwald spricht mit der kenianischen Schriftstellerin Yvonne Owuor über die gesellschaftliche und politische Situation in ihrem Land.

Besprochen werden Martin Mosebachs "Mogador" (taz), Tilman Rammstedts "Morgen mehr" (taz), Haiko Hörnigs und Marius Pawlitzas Comic "A House Divided - Ein gefährliches Erbe" (Tagesspiegel), Tomer Gardis "Broken German" (ZeitOnline) und Han Kangs "Die Vegetarierin" (FAZ, mehr dazu hier).
Archiv: Literatur

Musik



Er hat es getan: Frank Ocean hat nach langem Hinhalten endlich neues Material veröffentlicht - wenn auch bislang nur in Form des Visual Albums "Endless", einem dreiviertelstündigen, von Musik unterlegten Schwarzweißfilm, der derzeit exklusiv bei Apple zu beziehen ist und in dem Ocean eine Treppe aus Holzkisten baut, während er viel aufs Handy schaut, wie Jan Kedves' Besprechung in der SZ zu entnehmen ist. Zu dessen Überraschung singt Wolfgang Tillmans darauf. Wenig überraschend aber ist die Musik: Zu hören gibt es zwar "einige wahrlich wunderbare Stücke", auch wenn sich Ocean "nicht neu erfindet, im Gegenteil: Es bleibt sein eigener R&B-Entwurf, der tief aus Blues, Soul und Gospel schöpft und doch, mit langsam grollenden Subbässen und metallisch hubschraubernden Hi-Hats, so wie man sie aus dem Trap-Rap kennt, gänzlich modern klingt. Fast noch wichtiger: Es ist ein R&B, der trotz der immer wieder eingestreuten Schmacht- und Barm-Passagen komplett cool bleibt, aber nicht arrogant cool, sondern unbeirrt cool." Wie Tillmans Musik auf diesem Album gelandet ist, erklärt der Künstler in diesem Pitchfork-Interview.

Viel Freude hat Georg Seeßlen an Jens Balzers Buch "Pop - Ein Panorama der Gegenwart", wie er im Freitag gesteht: Der Autor "beschreibt, was im Echoraum des Pop mit dem Subjekt im digitalen Neoliberalismus geschieht, wie es zerbricht und wieder zusammengesetzt wird, wie Musik wiederum eingebaut wird ins Subjekt, das mit den Widersprüchen seiner Bedingungen fertigwerden muss, mit dem gender trouble, der Frage nach Macht und Unterwerfung, nach Autonomie und Selbstbestimmung."

Róisín Murphys neues Album "Take Her Up To Monto" mag aus übrig gebliebenem Material der Session zu ihrem letzten Album bestehen, eine Resterampe zweiter Wahl ist es allerdings überhaupt nicht, freut sich Stefan Michalzik in der FR: Es bewege sich gar "auf ein und derselben Höhe. Mindestens. ... [Es] ist ein Album von eigenem Recht, selbst wenn sich die Musik der Erwartung gemäß wiederum im Rahmen eines auf eine Abstraktionsstufe überführten Verständnisses von House mit allseitiger Richtungsoffenheit bewegt. Vertüftelt wirken die Songs nicht, über allem lustvoll-obsessiven Willen zum Experiment verstrahlen sie einen Popappeal. Unikat reiht sich an Unikat."

Weiteres: Die bei der Ruhrtriennale aufgeführten Kompositionen Karlheinz Stockhausens wirken auch heute "kein bisschen alt", freut sich Josef Oehrlein in der FAZ. Zu hören gab es unter anderem sein Stück "Cosmis Pulses":



Außerdem hat die taz zum 20. Todestag von Rio Reiser Wegbegleiter und Prominente nach Erinnerungen an den Sänger der Ton Steine Scherben befragt: Notizen steuerten Judith Holofernes, R.P.S. Lanrue, Gert Möbius, Marianne Rosenberg und Misha Schoeneberg bei. Aktuell ist gerade auch ein biografisches Buch über Reiser erschienen, das dessen Bruder Gert Möbius verfasst hat.
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Archiv: Musik

Bühne

In der NZZ hat sich Katja Baigger beim Zürcher Theaterspektakel die Inszenierung "While I Was Waiting" der syrischen Theatermacher Mohammed al-Attar und Omar Abusaada angeschaut. Eine gelungene Verdichtung von Kritik am Asad-Regime und "Hommage an das versehrte Damaskus" findet sie.

Im Tagesspiegel stellt Sandra Luzina die Choreografin und Antirassismus-Aktivistin Brenda Dixon-Gottschild vor. Besprochen wird Johannes Eraths in Bregenz gezeigte Inszenierung von Miroslav Srnkas Kammeroper "Make no Noise" (FAZ).
Archiv: Bühne

Design

Im Tagesspiegel gratuliert Rolf Brockschmidt dem Möbeldesigner Peter Maly zum 80. Geburtstag. Brigitte Werneburg bespricht in der taz Anja Meyerroses "bemerkenswerte" Studie "Herren im Anzug".
Archiv: Design
Stichwörter: Peter Maly, Möbeldesign

Film

Christiane Peitz verleiht den Forderungen nach einer langfristigen Sicherung der deutschen Filmgeschichte im Tagesspiegel hartnäckig Nachdruck: Nicht nur wegen ihrer längeren Haltbarkeit seien analoge Kopien auf Sicherheitsfilm unumgänglich, schreibt sie. Doch "das Handwerk [geht] verloren, hier ist es tatsächlich fünf vor zwölf. Die Kopierwerke schließen, selbst das Bundesfilmarchiv hat angekündigt, sein eigenes Werk mittelfristig nicht fortzuführen. Aus Kostengründen. ... Fließt das Geld fürs Filmerbe nicht bald, sind die Technik und das Know-how womöglich nicht mehr vorhanden. Da sind die Experten sich einig, trotz aller Glaubenskriege."

Werner Herzog hat mit "Lo and Behold" einen Essayfilm über das Internet gedreht, der trotz seiner konventionellen Form - Leute sitzen vor Kameras und reden - alles andere als konventionell geworden ist, begeistert sich Dirk Peitz auf ZeitOnline, der in Herzogs Stimme sowieso "am liebsten baden" gehen würde. Ohnehin erstaunlich, schreibt er, dass man Herzog hierzulande immer noch vor allem als Kinski-Regisseur aus den 70ern feiert: "Für den Rest der Welt, vor allem den im Internet beheimateten, ist Herzog heute eine Art Netzorakel, ein sprechendes Super-Meme, millionenfach angeklickt auf YouTube. Herzog hat zu fast allem etwas zu sagen, vor ein paar Tagen zum Beispiel zum aktuellen Musikvideo von Kanye West. Das Bestechende ist, dass seine Aussagen fast immer klug sind. Auf eine ihm eigene, überraschende und brüllkomische Weise. Erst sein Netzkommentar sicherte ab, dass Kanye Wests merkwürdiges Nacktvideo zu 'Famous' wirklich als Kunst betrachtet werden kann, nein, sogar muss."



Weiteres: In der SZ äußert David Steinitz Bedenken, was Filmkritik-Aggregatoren wie IMDB und Rottentomatoes und deren Auswirkungen auf den Kinobetrieb betrifft. Besprochen werden die beiden Dokumentarfilme "Krieg und Spiele" von Kirsi Marie Liimatainen und "Comrade, Where Are You Today?" von Karin Jurschik (Freitag).
Archiv: Film

Architektur



(Bild: Pierre Cardin at the Palais Bulles)

Im art-magazin erzählt Till Briegleb eine "kleine Geschichte der Exzentriker-Architektur", die Ende des 18. Jahrhunderts mit dem von William Beckford, Autor der berühmten Gothic Novel "Vathek", auf einem Hügel nahe Salisbury errichteten gigantischen "Fonthill Abbey"-Turm begann. Seitdem "mehren sich die Beispiele exzentrischer Bauvorhaben, die keinen an­deren Sinn verfolgen, als die extremen Grillen ihrer Bewohner zu befriedigen. Von jeder gesellschaftlichen Norm befreit und meist in glücklicher Isolation nur ihren eigenen Vorstellungen folgend, haben ausgehend von England überall auf der Welt Menschen bizarre Anlagen errichtet. Im Gegensatz zu exzentrischer Architektur, die von Künstlerarchitekten kultiviert wird, ist Exzentriker-Architektur das singuläre Lebensprojekt von Besessenen, dem ab einem bestimmten Zeitpunkt alle Energie und Ressourcen geopfert werden."
Archiv: Architektur