9punkt - Die Debattenrundschau

Diesem einem Vernunftlicht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2016. In der FAZ berichtet Marius Ivaskevicius von seiner Reise in die Depressionszone der Ukraine. Die Berliner Zeitung hält in der Debatte um das Burka-Verbot fest: Demokratie lebt von gegenseitigem Ansehen. Die FR huldigt Pierre Bayle und der Toleranz. Die Welt prangert die Untätigkeit der Golfstaaten in der Flüchtlingsfrage an.

Gesellschaft

"Demokratie ist ohne das wechselseitige Ansehen nicht zu haben", schreibt Arno Widmann in der Berliner Zeitung. Er hält ein Burka-Verbot für überflüssig, er ist gegen Kleidervorschriften. Aber verteidigen kann er die Burka nicht: "Die Burka-Propagandisten wissen, was sie nicht wollen: die Begegnung freier Menschen auf freiem Grund. Dazu gehört das Einander-Erkennen, dazu gehört die Möglichkeit, sich auch anziehend zu finden, und das so sehr, dass man über kurz oder lang beginnt, sich auszuziehen. Es gehört zu der Begegnung freier Menschen auf freiem Grund auch, dass man sich ansehen, dass man sich erkennen kann, ohne dass gleich die Liebe ausbricht oder auch nur das sexuelle Verlangen. Ja, dass selbst, wenn es bei einem ausbricht, alles davon abhängt, ob es beim anderen auch geschieht. Erst dann begegnet man sich auf Augenhöhe."

In der Welt kann Hannes Stein über das sektiererische, antiisraelische Manifest der Bewegung "Black Lives Matter" nur den Kopf schütteln. Erhellend findet er allerdings den Vorwurf der schwarzen Bürgerrechtlerin und selbsterklärten Zionistin Chloe Valdary, die Unterzeichner machten sich indirekt mit Sklavenhändlern gemein: "Denn die fundamentalistische Terrortruppe Hamas hat ihre Waffen zum Teil mit Erträgen aus dem Sklaven- und Organhandel auf der Sinaihalbinsel bezahlt. Beduinenstämme haben Sudanesen und Eritreer in der Nähe der israelischen Grenze entführt - und die Gekidnappten anschließend gefoltert und von den Angehörigen Lösegeld verlangt. Mit anderen Worten: Das Movement for Black Lives hat nicht nur die Solidarität mit den zionistischen Juden aufgekündigt. Ihr sind auch schwarze Menschenleben in Wahrheit ziemlich egal."
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Europa

Der litauische Schriftsteller Marius Ivaskevicius berichtet in der FAZ von einer Reise in die umkämpften Gebiete im Osten der Ukraine, die die Menschen dort nur noch die Depressionszone nennen. Für sie ist Europa unerreichbar geworden oder vielleicht auch geblieben: "1993 fuhr ich selbst per Anhalter durch den ganzen Kontinent bis nach Sevilla, mit zehn Dollar in der Tasche, meinen ganzen Ersparnissen. Mit Verwunderung stellte ich fest, dass man für die Summe, die an einer deutschen Tankstelle eine Tasse Kaffee kostete, damals in Vilnius eine Woche leben konnte. Europa ist für den Donbass etwas sehr, sehr Fernes und Unerreichbares. Europa, das sind die Geländewagen der OSZE und UN mit den gutgekleideten, duftenden, etwas arroganten Menschen darin. Und der eine oder andere Verirrte wie ich, den ihr Alltag an seine sowjetische Kindheit erinnert."

Weiteres: Politico fragt, ob Nigel Farage etwa die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat. Er wurde in der Schlange der deutschen Botschaft entdeckt. Gegenüber Buzzfeed lehnte er ab, die Meldung auch nur zu dementieren. In der Welt hält Thomas Kielinger die Abgesänge auf Großbritannien für verfrüht. Und der Soziologe und Kursbuch-Herausgeber Armin Nassehi sieht in der FAZ angesichts der aktuellen Gefährdung des politischen Comments auch die politischen Akteure in der Pflicht: "Was derzeit offensichtlich nicht gelingt, ist die Etablierung von Alternativen und Varietät im politischen Angebot."
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Ideen

In der FR empfiehlt Markus Schwering die neuaufgelegte Schrift "Toleranz" des hugenottischen Philosophen Pierre Bayle, der 1686 ebenjene Toleranz zu einem Akt der Vernunft machte, nicht der Gnade: "Zentrale Voraussetzung ist dabei die Trennung von Glauben und Wissen. Vor der Religion sei allen Menschen - Gläubigen wie Ungläubigen - von Gott das Licht einer natürlichen und universellen Vernunft gegeben, in diesem Licht aber die Frage nach dem einzig wahren Glauben nicht zu entscheiden. Weshalb Verfolgung und Zwangsbekehrung von Andersgläubigen illegitim sei, sich verbiete. Und weil alle Menschen diesem einen Vernunftlicht folgten, könnten ihre Beziehungen untereinander vernünftigerweise nur nach der Maßgabe wechselseitigen Respekts geregelt werden."
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Politik

Der marokkanische Think-Tanker Moha Ennaji fordert in der Welt die Golfstaaten auf, ihren Teil bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme zu leisten: "Die Golfstaaten haben trotz ihres Reichtums eine verschwindend geringe Anzahl an Flüchtlingen aufgenommen. Sie haben die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 nicht unterzeichnet und daher, so argumentieren sie, keinerlei Verpflichtung, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Die Vereinigten Arabischen Emirate beispielsweise haben seit Beginn der Krise in Syrien im Jahr 2011 lediglich 200.000 Syrer aufgenommen. Ägypten, Tunesien, Marokko und Algerien erlauben syrischen Flüchtlingen die Einreise, unterstützen sie aber nicht, wenn sie einmal im Land sind. Es gibt in diesen Ländern keine Flüchtlingslager. Und gleichzeitig ächzen ihre Nachbarn unter der Last der Krise."

Weiteres: Der Guardian meldet, dass Australien mit dem Manus Detention Center immerhin eines seiner umstrittenen Flüchtlingslager schließt. In der SZ kritisiert Jörg Häntzschel einen überholten Mobilitätsbegriff in Deutschland, der immer noch in Autos denkt und nicht in Netzen und Anbindung. Nach einem Besuch in Vietnam begreift Manuela Lenzen in der FAZ nicht, warum die USA die Opfer der Agent-Orange-Angriffe nicht entschädigen.
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Medien

In der FAZ attackiert Markus Runde, Geschäftsführer der VG Media, auf einer ganzen Seite die Internetkonzerne und fordert ein Digitalgesetz, das sie verpflichtet, bei jeder Transaktion offenzulegen, wie sie sich finanzieren und was sie mit den Daten ihrer Nutzer anstellen. In der taz schreibt Andreas Rüttenauer den ehrfürchtigen Nachruf auf den SZ-Reporter und Rechercheur Michael Stiller, der einst die Amigo-Affäre aufdeckte.
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