Efeu - Die Kulturrundschau

Am Ufer einer durchdigitalisierten Welt

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17.08.2016. Das monopol-magazin erkennt mit Matthew Herbert im Geräusch von Schweinen auf der Schlachtbank das politische Potenzial von Club-Musik. Die FAZ bestaunt  in Stuttgart gute Bilder schlechter Künstler. Die SZ sucht mit Ralph Hammerthaler vergeblich das von Peter Handke gesponserte Schwimmbad in Velika Hoča. Die NZZ findet französisch-britische Freundschaft in Condette. Die Zeit wünscht sich weniger deutsche Historienfilme und mehr Toni Erdmann bei den Oscars. Und auf nachtkritik hat Parsifal-Regisseur Uwe Eric Laufenberg die Nase voll vom System der Feuilletons.

Musik

Im Monopol-Interview mit Donna Schons spricht der britische House-Musiker Matthew Herbert über bildende Kunst in seinen Arbeiten, die Wichtigkeit von Visualität, Kommerz und das politische Potenzial von Club-Musik: "Musik kann jetzt Dokumentation sein, man kann Musik über den Brexit machen, über die Revolution in Syrien, aus Zitaten von Politikern und den Geräuschen, die ein Schwein auf der Schlachtbank macht. Die Musikindustrie ist nicht besonders interessiert an dieser tiefgreifenden Veränderung. Und sie ist wahrscheinlich auch nicht besonders fähig, darüber zu reflektieren und zu diskutieren, weil sie so sehr damit beschäftigt ist, Jack Daniels und Festivaltickets zu verkaufen. Musik ist mittlerweile zu einem derartigen Soundtrack des Konsums geworden, dass es schwer vorstellbar ist, dass sie sich davon lösen könnte."

In der FAZ gesteht Hans Ulrich Gumbrecht, süchtig nach der Stimme von Adele zu sein. Insbesondere der Kontrast zwischen der Erhabenheit ihrer Stimme und der "Gewöhnlichkeit" ihres gepflegten Images fasziniert ihn: "Je deutlicher die Texte ihren Inhalt durch eine vorhersehbare (vielleicht heute bei Adele eher 'kleinbürgerliche' als 'proletarische') Gewöhnlichkeit neutralisieren, desto mehr rückt ihre Stimme als physisches Phänomen und als ein Phänomen der Erhabenheit ins Zentrum."

SZler Wolfgang Schreiber empfiehlt Aufnahmen des russischen Ausnahmepianisten Wladimir Sofronizki, bei denen es sich um einen echten "Geheimtipp" handelt: Sie "lassen einen Musiker erkennen, der seine erregbare Kraft der Finger und des Geistes spontan zu steuern wusste, nie routiniert. Technisch mit kleinen Patzern, spielte Sofronizki etwa Schumanns C-Dur-Fantasie und Carnaval mit Ungestüm und Tiefgang gleichermaßen, zwei Schubert-Impromptus sowie je zwei Chopin-Nocturnes und -Scherzi frei "erzählend", Skrjabins Sonaten Nr. 4, 5, 8, 9 und 10 mit einer Spiritualität des Mystisch-Fantastischen, schwebend in Tonfall und Ausdruck."

Weiteres: Doris Akrap berichtet in der taz vom Sziget-Popfestival in Budapest. FAZler Max Nyffeler entdeckt beim Festival in Davos die Kompositionen von Valentin Silvestrov für sich. In der SZ porträtiert Michael Stallknecht den Dirigenten Cornelius Meister. Auf Skug übermittelt Holger Adam neue Signale aus dem Tape-Underground.

Besprochen wird das neue Album der Descendents (SZ).
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Film

(Bild: Isabelle Huppert, Alles was kommt)

Tilman Krause hat sich für die Welt Mia Hansen-Loves "Alles was kommt" mit einer gewohnt gewohnt großartigen, aber auch sehr berührenden Isabelle Huppert angeschaut. Sie spielt eine Philosophin über 50, deren Leben in die Brüche geht, so Krause: "Ihr Ancien Régime ist die Epoche, von der wir jetzt alle Abschied nehmen, eine Zeit, in der die tonangebenden Intellektuellen noch dicke Bretter bohrten und man mit fundierten Kenntnissen in den Geisteswissenschaften eine solide Existenz aufbauen konnte. Das ist vorbei, und man muss irgendwie ans neue Ufer einer durchdigitalisierten Welt gelangen, in der sich alles nur noch um Verkäufe und Rendite dreht."

"Acht deutsche Filme haben sich in diesem Jahr darum beworben, am Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film teilzunehmen, allein fünf davon beschäftigen sich mit der deutschen Geschichte", seufzt Katja Nicodemus in der Zeit und fragt sich, warum nicht mal ein Film über deutsche Gegenwart nach Los Angeles reist. Toni Erdmann zum Beispiel, schlägt Nicodemus vor.
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Kunst

(Bild: Theodor Schüz, Mittagsgebet bei der Ernte, Öl auf Leinwand, 1861. Staatsgalerie Stuttgart)

In der FAZ-Reihe über gute Bilder schlechter Künstler stellt Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, das in ihrem Hause prominent ausgestellte "Mittagsgebet bei der Ernte" von Theodor Schüz vor, das sich beim Publikum größer Beliebtheit erfreut: "Die Licht- und Schattenregie dieser hochsommerlichen Szene in gleißender Mittagssonne ist perfekt. Das Flirren der Hitze macht der verschwommene Hintergrund sichtbar, ein leichter Lufthauch, der in den Blättern des Baumes rauscht, zeigt sich in den Lichtflecken der verschatteten Bereiche."

Weiteres: Für die FR besucht Martin Gehlen Irans Sammlung moderner Kunst, die demnächst nach Berlin augeschifft wird.

Besprochen werden Juergen Tellers Fotoschau "Enjoy Your Life!" in der Bundeskunsthalle Bonn (taz), eine Ausstellung russischer Malerei im spanischen Malaga (Tagesspiegel), eine Ausstellung von José de Riberas Radierungen im Kupferstichkabinett in Berlin (Anna Pataczek vom Tagesspiegel bestaunt die "unglaubliche Lebendigkeit"), Mohamad Al Roumis im Pergamonmuseum ausgestellte Fotografien aus Damaskus und Aleppo (SZ), Felix Thürlemanns Buch "Das Haremsfenster - Zur fotografischen Eroberung Ägyptens im 19. Jahrhundert" (FAZ) und die Jean Lurçat gewidmete Ausstellung "Malerei - Grafik -Bildteppich" im Kunstverein Talstraße in Halle an der Saale (FAZ).
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Archiv: Kunst

Literatur

Schriftsteller Ralph Hammerthaler kommt beim Stipendiumsaufenthalt im Kosovo auf die Idee, mal das Schwimmbad in Velika Hoča zu besuchen, für das sein Kollege Peter Handke einen beträchtlichen Teil seines Ibsen-Preisgeldes zur Verfügung gestellt hat. Am Ort angekommen, bleibt die Badehose allerdings (im Gegensatz zur Kehle des Autors) trocken: "Als ich die Frage aller Fragen aufwerfe, nämlich die nach Handkes Schwimmbad, müssen wir uns der bitteren Wahrheit stellen: Es gibt kein Schwimmbad. Eine Gruppe von Dörflern sei dagegen gewesen. Typisch Balkan, sagt Xhevdet, wenn die einen erkennen, dass die anderen etwas davon haben könnten, sorgen sie dafür, dass nichts daraus wird."

In der Welt erinnert sich Thomas Schmid, wie er als Abiturient und Mitarbeiter einer Schülerzeitung den DDR-Schriftsteller Hermann Kant einst zu einer Lesung an sein südhessisches Gymnasium holte: "nach dem Ende seiner geradezu umjubelten Lesung bedankte sich Hermann Kant artig. Und fügte hinzu: Es freue ihn besonders, hier in Bensheim als überzeugter Kommunist und SED-Mitglied so nett empfangen worden zu sein. Da wurde es dann ganz still im Saal."

Besprochen werden Laura Lackmanns Debüt "Die Punkte nach dem Schlussstrich" (FR), die neue Ausgabe der Comic-Anthologie "Spring" (Tagesspiegel), Christian Enzensbergers "Ins Freie - Ein Erinnerungsbuch" (SZ) und Paula Fürstenbergs "Familie der geflügelten Tiger" (FAZ).
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Architektur

(Bild: Elisabethianisches Theater, Chateau Hardelot)

Wie herzlich und vor allem ökologisch die Beziehung zwischen den einstigen Erzfeinden England und Frankreich trotz Brexit sein kann, hat Marc Zitzmann in der NZZ im kürzlich eröffneten elisabethianischen Theater des Centre culturel de l'Entente cordiale in Condette erlebt. Zitzmann zitiert Architekt Andrew Todd:"Der Bau einer Shakespeares Theaterpraxis nachempfundenen Bühne unweit des Migranten-'Dschungels' von Calais und in Sichtweite der weißen Klippen von Dover sei politisch alles andere als neutral - die Dramen des großen Barden wimmelten von Flüchtlingen und Asylsuchenden. Doch noch in einer zweiten Hinsicht könne man den Bau als ein Manifest ansehen: Elisabethanische Theater seien von Natur aus umweltfreundlich. 'Es wäre in meinen Augen ein Unding', bekräftigt Todd, 'sich von diesem Gebäudetyp inspirieren zu lassen, ohne eine radikal ökologische Haltung anzunehmen.'"

Der in Berlin lebende, irakische Schriftsteller Najem Wali zeigt sich in der FAZ über die Pläne Bagdads, das beinahe 100 Jahre alte Haus des ersten irakischen Finanzministers Sassoon Heskel abzureißen, das zuletzt einer Cinemathek Räumlichkeiten bot. Dieser Abriss "würde die Zerstörung eines der letzten Gebäude bedeuten, die Zeugnis ablegen von einer irakischen Gesellschaft, in der die verschiedenen Religionsgemeinschaften friedlich Seite an Seite lebten. Der Kampf um den Erhalt dieses Hauses ist auch ein Kampf darum, einen letzten Überrest unserer verdrehten Träume vom Frieden in unserem Land zu retten." 2011 hatte Wali auf Sign and Sight von seinem Besuch im "Haus der Träume" berichtet.

Archiv: Architektur

Bühne

In der Nachtkritik übt sich "Parsifal"-Regisseur Uwe Eric Laufenberg nach Bayreuth in Kritikerschelte: Weite Teile des Feuilletons haben sich seiner Ansicht nach "in ein geschlossenes System begeben, das die unvoreingenommene Betrachtung eines Theater- oder Opernabends nicht mehr zulässt. Es wird nicht das Gezeigte an sich wahrgenommen, weitergedacht und kritisiert, sondern es wird nur überprüft, ob das Gesehene ebenfalls ein geschlossenes System anzubieten hat. Wenn das in Frage steht, wird mit Panik und übelsten Beleidigungen draufgehauen ... Das Mantra dieses Systems lautet: 'Fidelio kann überall spielen, nur nicht im Gefängnis.' Es fordert die Überschreibung, die, wenn möglich, vollständige Übermalung des eigentlichen Gegenstandes, ein meist nur intellektuell zu entwickelndes oder aber ästhetisch fest zu zurrendes Konzept. Das eigentliche Stück darf nur Anlass sein, nicht eigentlich vorkommen." Die Besprechungen seiner Inszenierung in Telegraph ("ein Triumph") und in der New York Times ("erhaben") lässt er immehin gelten.

Weiteres: Tazler Robert Matthies resümiert das Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg.

Besprochen werden Gerd Heinz' Salzburger Inszenierung von Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" (FR, mehr dazu im Efeu von gestern), Björn Bickers bei der Ruhrtriennale gezeigte "Urban Prayers" (FAZ), der zweite von dreien Teilen von Richard Siegals bei der Ruhrtriennale gezeigter "Dante"-Choreografie (SZ) und Oswald Georg Bauers zweibändiger Abriss "Die Geschichte der Bayreuther Festspiele" (FAZ).
Archiv: Bühne