9punkt - Die Debattenrundschau

Vernünftiger ist, nur Millionär zu werden

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.08.2016. Früher war Internet wie LSD, heute ist es wie Prozac, klagt der Medientheoretiker Douglas Rushkoff in der SZ. In der New York Times erklärt Peter Thiel, warum das Klatschblog Gawker das Böse ist. In der Welt wünscht sich Zafer Senocak einen kulturell kreativeren Islam. Die Bild-Zeitung macht einen U-Turn und landet beim lieben Gott. Da suchen wir uns sofort eine kulturell kreativere Zeitung!

Internet

Das Internet, das er liebte, das dem Einzelnen mehr Selbstbestimmung sichern sollte, starb am 9. August 1995, am selben Tag wie Jerry Garcia, erklärt der amerikanische Medientheoretiker Douglas Rushkoff im Interview mit der SZ. Heute dreht sich alles nur noch um Geld. "Mit der digitalen Technologie lief das ganz ähnlich wie mit LSD. Aus LSD wurde Prozac. Eine Chemikalie, die die bestehende Ordnung latent gefährdete, wurde zu einer Technologie für soziale Kontrolle. ... Ein paar Hoffnungsschimmer sehe ich in den Kids, die sich 'Silicon Valley' auf HBO ansehen und begreifen, dass man nur Milliardär wird, wenn man seine Firma kaputt macht oder in irgend etwas anderes verwandelt. Und dass es vielleicht viel vernünftiger ist, nur Millionär zu werden. Ich finde diese Taxi-Plattform sehr inspirierend, die jetzt Uber Konkurrenz macht. Und die den Fahrern gehört. Weil da jemand begriffen hat, dass der wahre Wert das Netzwerk der Menschen ist." (Ähnliche Thesen vertrat Rushkoff auch im Interview mit dem Guardian und im Interview mit dem Singularity Hub.)
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Politik

Susanne Knaul spricht in der taz aus, was in den Medien selten ausgeprochen wird: Was für eine Katastrophe Mahmud Abbas für die Palästinenser ist. "64 Prozent der Palästinenser wünschen sich nach einer Umfrage des Palästinensischen Zentrums für Politik und Meinungsforschung (PSR) den sofortigen Rücktritt des Präsidenten. Doch seit zehn Jahren tagt das Parlament nicht mehr, und Abbas regiert seit sieben Jahren ohne demokratisches Mandat."

Der angebliche Niedergang von Al Qaida ist vor allem ein amerikanischer Propagandamythos, meint Antoine Hasday bei Slate.fr. Diese Sicht hat der Obama-Regierung beim Rückzug aus den Kriegsgebieten geholfen. In Wirklichkeit könne davon aber keine Rede sein: "Die Organisation hat ihre Integration in den Gesellschaften vorangetrieben und dabei besonders auf tribale Gegebenheiten Rücksicht genommen. Das hat ihre Langlebigkeit gefördert und eine bessere Akzeptanz durch die Zivilbevölkerung ermöglicht. Dieser Prozess ist in Syrien sichtbar und unterscheidet die Organisation vom Islamischen Staat."
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Ideen

Im Interview mit der Welt kritisiert der Schriftsteller Zafer Senocak die intellektuelle Bequemlichkeit vieler Muslime und Imame sowie deren Desinteresse an Kunst und Kultur. Das gilt sogar für den türkischen Präsidenten: "Erdogan ist kulturell gesehen unkreativ. Er hat nichts Neues zu sagen. Er lässt Moscheen bauen, die lediglich Kopien traditioneller Architektur darstellen. Er hat Geschäftsinteressen im Auge und er baut eine Shopping Mall nach der anderen. Das erinnert mich an Saudi-Arabien. Maximaler Kapitalismus bei maximalem Hass gegen jede Art von Philosophie. Ich hoffe, dass dies auf lange Sicht in der Türkei nicht greifen wird, weil die türkische Gesellschaft einen Erfahrungsschatz besitzt, der hier bei uns in Europa leider zu wenig gesehen wird. Das geht über die Säkularisierung hinaus und betrifft die Vielfalt in der türkischen Gesellschaft. In der Türkei leben Millionen Aleviten, Millionen städtischer Kurden, Millionen Menschen vor allem an den Küsten, die jeglichem religiösen Fanatismus gegenüber unerreichbar sind."
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Religion

Daniel Böcking, stellvertretender Chefredakteur der Bild, ist fromm geworden und hat darüber ein Buch mit dem Titel "Ein bisschen Glauben gibt es nicht - wie Gott mein Leben umkrempelt" geschrieben, berichtet Stefan Winterbauer bei Meedia. Damit ist er nach Kai Diekmann (mehr hier) schon der zweite im Leitungsgremium dieser Zeitung. In der Einleitung seines Buch schreibt Böcking: "Danke, dass du mein Leben auf den Kopf gestellt hast. Danke, dass du mir eine Glaubensfreude geschenkt hast, die mich rätseln lässt, wie ich 36 Jahre lang ohne diese innere Ruhe, diese Zuversicht und diese Wegweisung gut schlafen konnte. Danke für die Vollbremsung auf meinem Lebensweg und den anschließenden U-Turn zu dir... Ich bin zu dir, Gott, umgekehrt." Schon im Juli erklärte Böcking den Bild-Lesern, "wie Gott mir die Angst vor dem Terror nimmt".

Murat Kayman, Koordinator des türkischen Moscheenverbandes Ditib, führt ein Blog. Darin hat er jetzt den liberalen Freiburger Theologen Abdel-Hakim Ourghi angegriffen, der sich dem Ditib-Umkreis nicht zugehörig fühlt, berichtet Thomas Thiel in der FAZ: "Im selben Atemzug erteilt Kayman auch Medien, Politikern und Wissenschaftlern einen Maulkorb, die nicht Mitglieder der Ditib sind. Will heißen: Die Ditib ist sakrosankt und steht außerhalb öffentlicher Kritik. Mit unabhängigen Wissenschaftlern und Politikern, die nicht Mitglied der Ditib sind, spricht man nicht oder nur unter der Unterstellung, dass sie Falsches und Böswilliges sagen."
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Europa

"Gehen Sie durch Bratislawa und Sie werden nur weiße Leute sehen - ein auffälliger Kontrast zu Hauptstädten in Westeuropa", schreibt Davide Lerner in politico.eu an die Adresse aller Leser, die noch nicht in Osteuropa waren. Lerner trifft in der slowakischen Hauptstadt Politiker, die ihm in krassen Worten ihre Flüchtlingsfeindlichkeit erklären. Zum Beispiel den Marxisten Lubos Blaha von den Sozialdemokraten, die in einer Koalition mit Rechtspopulisten regieren. Blaha unterstützt den Premier Robert Fico, der bisher nur 179 christliche Flüchtlinge aufnahm: "Fico handelt 'tapfer und rechtmäßig' und verficht den 'akzeptablen Diskurs', sagt Blaha. 'Marx' größte Lehre ist, bei der Lösung politischer Probleme immer realistisch zu sein', fügt er hinzu und blickt auf sein Regal mit kommunistischen Memorabilien und Büchern von linken Autoren. 'Sie können keine Migrationspolitik der offenen Tür führen, wenn die öffentliche Meinung das genaue Gegenteil will. Sonst erhöhen Sie nur die Unterstützung der Faschisten.'"

Außerdem: Marko Martin hat sich für die NZZ in Wroclaw (Breslau) umgesehen, derzeit Europäische Kulturhauptstadt, und findet sie "europäisch im besten, im liberalen Sinn".
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Geschichte

In einem bleibt der europäische Interesse der Briten wach: wenn es um Nazis geht. Die Guardian-Journalistin Kate Connolly interviewt Brunhilde Pomsel, die 105-jährige Sekretärin des Propagandaministerers Joseph Goebbels, der gerade ein auf dem Münchner Filmfest präsentierter Dokumentarfilm gewidmet wurde: "'Wenn ich den Film sehe, ist es wichtig für mich, dies Spiegelbild zu sehen, das mir zeigt, was ich falsch gemacht habe', sagt sie. 'Aber wirklich. Ich habe in Goebbels' Büro nur getippt.'"
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Medien

Der Internetmilliardär und Facebook-Investor Peter Thiel erklärt in der New York Times, warum er gegen das Gossip-Blog Gawker kämpft, das ihn einst als Homosexuellen outete und das für ihn zu den Medien gehört, "die das Internet ohne moralische Grenzen ausbeuten": "Als der Wettbewerb zu immer mehr Ausbeutung führte, stand Gawker an führender Stelle. Die Seite veröffentlichte immer wieder dünn belegte, hässliche Artikel, die Leute attackierten und lächerlich machten. Die meisten Opfer wehrten sich nicht. Gawker konnte beides loslassen, negative Geschichten und gut bezahlte Anwälte. Da Grausam- und Skrupellosigkeit zu den innersten Bestandteilen des Gawker-Geschäftsmodells gehörten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie behaupteten, dass Journalismus selbst das Böse rechtfertige."
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Stichwörter: Gawker, Peter Thiel