9punkt - Die Debattenrundschau

Freiheit, Lässigkeit, Toleranz

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.07.2016. Nach den Polizistenmorden von Dallas ist Amerika wieder zurückgeworfen auf ihre alten ungelösten Konflikte und zwar alle auf einmal: Waffen, Gewalt, Rassismus. Kritik am Islam ist Herrschaftskritik erinnert Ahmad Mansour in der taz die Abwiegler unter den Linken. Die SZ bewundert die schönen struppigen Hunde auf der Via Appia. Und in Zeit Online fragt Cécile Calla, wann Frankreich eigentlich ein Antimodell wurde?

Politik

Waffen machen die Extreme stark, schreibt Adam Gopnik im New Yorker nach den Polizistenmorden von Dallas und betont noch einmal, dass auch das Massaker von Orlando und selbst die Ermordung von John F. Kennedy in Dallas vor mehr als fünfzig Jahren nur durch die laxen Waffengesetze möglich waren: "Man muss es einfach immer wieder sagen: Trotz der verzweifelten Versuche der National Rifle Association, die Erforschung von Waffengewalt zu verhindern, gibt es diese Forschung und sie zeigt, was der gesunde Menschenverstand schon ahnte: Waffen sind nicht nur ein Werkzeug, Waffen sind das Problem. Je mehr Waffen umso mehr Waffengewalt. Angesichts der Morde der vergangenen Nacht ist es wichtig daran zu erinnern, dass mehr Waffen auch die Gefahr für Polizisten vergrößern. Es soll keine Entschuldigung für ungerechtfertigte Polizeigewalt sein, aber man muss anmerken, dass Polizisten in einem hochgerüsteten Land eher zu Panik neigen, wenn sie glauben müssen, dass ein Verdächtiger bewaffnet ist."

Im Blog der NYRB fürchtet David Cole, dass hinter allen drei Vorkommnissen ein tiefergehendes Muster steckt: "Als Kultur haben wir zu oft unsere Probleme mit Gewalt zu lösen versucht, und jetzt machen wir Waffen weithin verfügbar, so dass die Leute dasselbe tun können." Die FAZ berichtet, dass Micah Jonah, ein Afghanistan-Veteran, offenbar Einzeltäter war. Er hatte so viele Schüsse abgefeuert, dass die Polizei irrtümlich von mehreren Schützen ausgegangen war.

Der Schütze wurde mithilfe eines Roboters getötet, der eigentlich zur Entschärfung von Bomben genutzt werden soll, nicht zu ihrem Transport. In der New York Times fürchtet der Terrorismus-Experte Rick Nelson eine zunehmende Militarisierung der Polizeiarbeit: "Im Krieg ist das Ziel, den Gegner zu töten, Polizei und Justiz haben eine andere Aufgabe."

Bereits vor den Morden von Dallas beschrieb David A. Graham im Atlantic, wie der berühmte zweite Verfassungszusatz, das Recht auf Waffenbesitz, nie ganz für Schwarze galt und auch nie von der NRA entsprechend befördert wurde. Allerdings erklärt Graham auch, dass zumindest einer der beiden von der Polizei getöteten Schwarzen als verurteilter Straftäter keine Waffenerlaubnis hätten bekommen dürfen.

Amerika ist mit sich selbst nie im Reinen gewesen, glaubt Nicolas Richter in der SZ: "Viele Konflikte Amerikas gehen noch auf die Gründerzeit zurück, und es ist dem Land nie gelungen, sie zu lösen. Es ist kein Zufall, dass jetzt zwei der ältesten und bittersten Kontroversen miteinander verschmelzen, die um Rassismus und die um Waffen."
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Religion

Religionskritik ist Herrschaftskritik, betont der deutsch-palästinensische Psychologe Ahmad Mansour in der taz und beklagt, dass kritischen Muslimen die Debatte von den Linken genauso verwehrt wird wie von den offiziellen Verbänden: "Kluge und präventive Politik muss in der Mitte der Gesellschaft eine Debatte wollen und anstoßen. Traditionelles Islamverständnis befördert sexuelle Tabus und sexuelle Gewalt. Es hat enormen Einfluss auf das Verhalten der Geschlechter zueinander. Was in der Kölner Silvesternacht passiert ist, hat sein Vorbild auf dem Kairoer Tahrirpatz und anderswo. Von der 'religiösen Tradition' zur sexuellen Abstinenz gezwungene junge Männer, greifen auf Frauen in der Öffentlichkeit zu. Das festzustellen ist nicht rassistisch, sondern ein Fakt. Wir, die Muslime, haben das Problem - die kritischen unter uns benennen es und brauchen die Solidarität der Demokraten im Land. Von der AfD, von Pegida wollen wir sie nicht, denn sie ist keine."

Claudia Hennen fasst in einem weiteren Text in der taz zusammen, was über die Kölner Silvesternacht bisher bekannt ist, beziehungsweise wie wenig.
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Geschichte

Thomas Steinfeld spaziert südlich von Rom über die Via Appia, die denkmalpolitisch ihrem Schicksal überlassen wird: " Der schwere, herbe Geruch von Pinien liegt in der Luft, die Via Appia ist von Ruinen und Gestrüpp gesäumt, die jetzt gelben Wiesen dahinter gleichen den wilden Hunden, denen man hin und wieder begegnet: Es sind schöne, aber ein wenig zerschlagene Tiere, ihr Fell ist matt und struppig."

In der FR berichtet Christian Esch, wie sich Polen und die Ukraine über die Massaker von Wolhynien versöhnen, bei denen ukrainische Nationalisten 1943 in Galizien über hundert polnische Dörfer angegeriffen hatten: "Die UPA handelte aus kaltem Kalkül: Das Ende des Krieges war absehbar, nun galt es sicherzustellen, dass das Gebiet nicht an Polen fallen würde, so wie es nach dem Ersten Weltkrieg geschehen war. Allein am 11. und 12. Juli 1943 griff die UPA 167 Dörfer an. Nach den Massakern in Wolhynien wurden 1944 weitere Zehntausende Polen in Ostgalizien erschlagen. Die polnische Heimatarmee ermordete ihrerseits bei Racheaktionen Ukrainer, wenn auch deutlich weniger." In der FAZ schreibt dazu Gerhard Gnauck.
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Archiv: Geschichte

Kulturpolitik

In der FAZ quittiert Rose-Marie Gropp mit Erleichterung, dass nun auch der Bundesrat das Kulturgutschutzgesetz verabschiedet hat: "Wer oder was hat da eigentlich wen 'verunsichert'?", fragt sie allerdings noch einmal mit Blick auf Künstler, Sammler und Galeristen, die gegen die Novellierung Sturm gelaufen sind: "Dass massenhaft Leihgaben aus den deutschen Museen abgezogen würden aus der Sorge - wer oder was hat diese Sorge überhaupt genährt? -, die Kunstwerke würden gleichsam einbehalten, stimmt auch nicht. Und unbelegt ist bisher die Unterstellung, der deutsche Staat werde bei allfälligen Ankäufen schlechter bezahlen als der internationale Kunstmarkt."
Stichwörter: Kulturgutschutzgesetz

Gesellschaft

In der SZ verabschiedet Gottfried Knapp Wolfram Siebeck, dessen große Mission, den Deutschen das Genießen beizubringen, letzten Endes unerfüllt blieb. In der Welt bemerkt Barbara Möller, dass sich die Deutschen immerhin recht lustvoll von Siebeck beleidigen ließen und wie verrückt seine Bücher kauften.
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Stichwörter: Wolfram Siebeck

Europa

Von der France eternelle, schönen Frauen und Savoir Vivre träumen eigentlich nur noch die alten Herren in den deutsch-französischen Vereinen, seufzt die Journalistin Cécile Calla auf Zeit Online, ansonsten hat Frankreich einen wirklich schlechten Stand: "Mein Land scheint von Jahr zu Jahr stärker zu einem Antimodell zu werden. Die vielen Franzosen, die in den letzten zehn Jahren nach Berlin gezogen sind - es sind inzwischen über 23.000 Personen in der Hauptstadt - bestätigen diese Wahrnehmung. Fragt man sie, warum sie nach Berlin gekommen sind, dann fallen ihnen diese Begriffe ein: Freiheit, Lässigkeit, Toleranz - eigentlich alles Attribute, die Deutsche früher mit Frankreich verbanden."

In der Welt blickt allerdings selbst Wolf Lepenies recht skeptisch auf Frankreichs Versuche, nach dem Brexit den eigenen Einfluss in Europa wieder zu stärken beziehungsweise das gewachsene deutsche Gewicht abzufedern.
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