9punkt - Die Debattenrundschau

Einladung ins Würzburger Bahnhofsrestaurant

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.07.2016. In der der taz spricht Memorial-Historikerin Irina Scherbakowa über den Kult des Zweiten Weltkriegs in Russland. In der Berliner Zeitung prangert der Archäologe Luca Giuliani die Raubgrabungen in Ländern wie Syrien an - deren Funde in den hiesigen Kunsthandel geraten. Der Guardian erklärt, wie human die Tories mit ihren abgelegten Kandidaten umgehen. Der Tagesspiegel verabschiedet sich vom offensiven Hedonisten Wolfram Siebeck.

Europa

Zum ersten Mal in seinem Leben schämt er sich ein Brite zu sein, schreibt Matthew Parris im konservativen Spectator, der einst das Blatt Boris Johnsons war: "Es sind die Ressentiments gegen Immigranten, die Leave zum Sieg führten. Sie nutzten sie, ritten darauf herum, waren Komplizen. Ich sah entsetzt, dass Menschen, die ich respektierte, in diesen Abgrund stiegen. Ich hätte nie gedacht, dass die Fremdenfeindlichkeit in England solche Reserven hat oder dass die Menschen derart skrupellos damit spielen. Ich war doppelt naiv."

Marina Hyde hat die spitzeste Zunge im Guardian. Über Michael Gove, der nach all seinen Mühen (Kandidatenmord an Boris Johnson) nun doch nicht Tory-Leader wird, schreibt sie: "Die konservative Partei schenkt Leuten wie Gove keine Uhren zum Abschied. Sie kriegen eine Mitteilung über ihre Nutzlosigkeit und fünf Minuten Vorsprung vor den Jagdhunden."

Außerdem: In der NZZ betrachtet der Historiker Ulrich Schlie den Brexit aus historischer Perspektive.
Archiv: Europa

Religion

Imame in Deutschland sind nicht nur nicht in Deutschland ausgebildet worden, sondern überdies schlecht bezahlt , informiert Thomas Thiel in der FAZ: "Die große Ausnahme sind die sogenannten Import-Imame der Ditib, des größten deutschen Islamverbandes, der neunhundert der rund 2500 Moscheen in Deutschland betreibt. Die Ditib, die der türkischen Religionsbehörde Diyanet untersteht, zahlt einen monatlichen Auslandsaufschlag von 1800 Euro plus Heimatgehalt. Ditib-Imame sind Beamte des türkischen Staates."
Archiv: Religion

Kulturmarkt

Der Archäologe Luca Giuliani, Leiter des Wissenschaftskollegs zu Berlin, prangert im Gespräch mit Martina Doering von der Berliner Zeitung die Raubgrabungen in Ländern wie Syrien an, deren Funde im scheinbar so seriösen Kunsthandel landen: "Dass der arme irakische Bauer in seiner Umgebung gräbt und die Fundstücke verkauft, um seine Familie zu ernähren, halte ich für Sozialkitsch. Hinter den Grabungen stehen vor allem professionelle Banden. Die Informationen, die dabei zerstört werden, gehören zu einem Wissensschatz, den wir bewahren sollten, genauso wie die Bibliotheken oder den Lebensraum von indigenen Völker im brasilianischen Urwald. Das trägt nicht zu meiner Identität bei, aber es gehört zu der Buntheit und Vielfalt menschlichen Lebens, zu unserem Welterbe."
Anzeige
Archiv: Kulturmarkt

Gesellschaft

Wolfram Siebeck ist gestorben! Rotwein und Andouillette haben ihm ein solches Alter beschert, dass die jüngere Generation kaum mehr weiß, was Siebeck für die Zivilisierung der Bundesrepublik geleistet hat. Auf Zeit Online würdigt Wolfgang Lechner den Gastrokritiker der Zeit: "Es gibt wenige Menschen, die das geschafft haben: dass ihr Nachname zum Markenzeichen wird. Da gab es den Duden, es gab den Knigge, die Brüder Grimm, es gab den Picasso, es gibt den Bocuse. Vorname? Unwichtig!"

Bernd Matthies schreibt im Tagesspiegel: "Es lag auf der Hand, dass ein offensiver Hedonist wie er Feinde vor allem im linken Menü heranzog - die Erfindung der Toskana-Fraktion lag noch in weiter Ferne. Der Schriftsteller Günter Herburger, Erfinder der 'Urschlamm-Pfanne', fantasierte, wie er Siebeck mit einer Einladung ins Würzburger Bahnhofsrestaurant quälen könnte, Max Goldt höhnte 'Ach, der Wolfram Siebeck, der hat ja so recht"."

Nein, das war kein Hohn. Goldt hatte nur beobachtet, wie prägend Siebeck in den Achtzigern war:



In Dallas eskaliert die Gewalt - diesmal gegen Polizisten (Liveblog im Guardian). Jennifer Jenkins schreibt inzwischen in der Washington Post über Gewalt durch Polizisten: "Während polizeiliche Todesschüsse die Nation ein weiteres Mal in Aufregung versetzen, ist die Gesamtzahl der Tötungen durch Beamte laut einer Untersuchung der Washington Post von 465 im ersten Halbjahr 2015 auf 491 in der gleichen Periode dieses Jahrs gestiegen." In den sozialen Netzen wird besonders Melissan Chans Time-Artikel über Philando Castile geteilt, der gestern in Minnesota bei einer Autokontrolle von Polizisten erschossen wurde.
Archiv: Gesellschaft

Medien

Man sehe sich die heutige Meinungsseite im Guardian an: Da schreiben Yvette Cooper, Marina Hyde, Jill Abramson, Clare Short, Frances Ryan - und ein Mann.


Archiv: Medien
Stichwörter: Guardian

Geschichte

Die Memorial-Historikerin Irina Scherbakowa spricht mit Sonja Vogel von der taz über die immer massiveren Feiern zum "Großen Vaterländischen Krieg" unter Putin: "Der 'neue Mensch' sieht in Russland sehr alt aus. Das liegt daran, dass keine gesellschaftliche Gruppe eine Zukunftsperspektive oder Utopie anzubieten hat. Und da dieser gesellschaftliche Klebstoff fehlt, wird aus dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg ein Kult gemacht, eine Religion. Das sieht man am 9. Mai. An den großen Sieg muss man heute einfach glauben! Frei nach Fjodor Tjutschews Zeile 'An Russland muss man einfach glauben'. Es geht weniger um die Geschichte als um die Konstruktion einer Ideologie."

In Rumänien beginnt man sich mit dem eigenen Antisemitismus auseinanderzusetzen, berichtet in der NZZ Markus Bauer. Symptom dafür ist der Erfolg eines Romans von Catalin Mihuleac, "America de peste pogrom" (etwa: Amerika jenseits des Pogroms; Polirom-Verlag), der um ein Pogrom in Iasi am 29. Juni 1941 kreist: Dort waren unter den Augen rumänischer Behörden mehrere tausend Juden von rumänischen Regierungstruppen - mit deutscher Mithilfe - ermordet worden.
Archiv: Geschichte