Efeu - Die Kulturrundschau

Kann das Auge hören?

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08.07.2016. Der Guardian bewundert in einer Londoner Fotoausstellung den schwarzen Dandy. Die FAZ aktiviert alle ihre Hirne, um mit Behzod Abduraimovs Interpretation von Prokofjews drittem Klavierkonzert mithalten zu können. Die Filmkritiker schwärmen von Sean Bakers mit dem Iphone gefilmten, farbintensiven Film "Tangerine LA". Die NZZ sieht die Musik in den Bauten des Schweizer Architekten André M. Studer.

Kunst


Jeffrey Henson-Scales' "Junger Mann in Karos". Foto: Jeffrey Henson-Scales

Für einen schwarzen Mann kann die Kleidung eine Entscheidung über Leben und Tod sein, wie Trayvon Martin lernen musste, der wegen seines Hoodies als bedrohlich eingestuft und erschossen wurde. Die Ausstellung "Made You Look" in der Photographer's Gallery in London wirft nun einen Blick auf ein besonders provokantes Exemplar schwarzer Männlichkeit: den schwarzen Dandy, erklärt Ekow Eshun im Guardian. "Dandyism is also about using dress to flout conventional notions of class, taste, gender and sexuality - certainly the case with the majestically louche Soweto youth majestically decked out in flared sleeveless suits and pearls, shot by South African Kristin-Lee Moolman, and the strikingly beautiful young man photographed in New York by Jeffrey Henson Scales. Such images point to the subversive power of dandyism to reveal masculinity itself as a performance, as something provisional, open to reinterpretation, rather than a set of inherited characteristics fixed in the skin. And they also highlight how, for black men, style is a form of radical personal politics."


Verirrtes, kleines Meisterwerk: Fanny Zakuckas "Schönbrunn",1903. (Bild: Schirn Kunsthalle)

Zwischen 1900 und 1910 erlebte der Farbholzschnitt eine kurze Renaissance in Wien. Eine aktuelle Schau in der Frankfurter Schirn erinnert an diese Phase und erlaubt, laut FAZ-Kritiker Kolja Reichert verblüffende Entdeckungen. Denn die Wiederentdeckung dieser Technik "regte teils zu ästhetischen Alleingängen an, die im Rückblick frappierend sind, weil sie ganz aus der Zeit zu fallen scheinen: In einer unsignierten Zirkusszene sind die grotesk in die Länge gezogenen Häuser und Figuren aus der Achse gekippt wie später bei Lyonel Feininger. Carl Anton Reichels stark stilisierte, vor Stolz strotzende Frauenakte erinnern an Alex Katz. Und die 'Rauchende Grille' von Ludwig Heinrich Jungnickel von 1910 (...) sieht so sehr nach Art déco aus, dass der Kurator Tobias G. Natter die Datierung ungläubig mehrmals prüfte." Die Schirn wirbt überdies mit einem sehr schön aufbereiteten und umfangreichen Digitorial für die Schau.

Weiteres: In der Berliner Zeitung porträtiert Markus Plüm die aus der Anonymität heraus arbeitende, deutsche Streetart-Künstlerin Barbara.

Besprochen werden die dem Maler Stuart Davis gewidmete Ausstellung im Whitney Museum in New York (Tagesspiegel), die Ausstellung "El Siglo de Oro: Die Ära Velázquez" in der Gemäldegalerie in Berlin (SZ), eine Ausstellung zur Lord-Nelson-Geliebten Lady Hamilton in Schloss Wörlitz (Welt), eine Kunstausstellung zur Villa Flora in Winterthur in der Villa Flora in Winterthur (NZZ), die Ausstellung "Echtzeit: Die Kunst der Langsamkeit" im Kunstmuseum Bonn (FAZ) und eine Günther-Uecker-Schau, mit dem das Schweriner Museum seinen neuen Anbau einweiht (FAZ).
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Bühne

Martina Meister sieht sich einen Tag vor Beginn des Theaterfestivals in Avignon für die Welt in der Off-Scene um, unterhält sich mit Regisseur Olivier Py über die Bedeutung der Kultur und annonciert die meisterwartete Inszenierung: Es "liegt die meiste Aufmerksamkeit zweifellos auf Julien Gosselin. Mit 29 Jahren der jüngste Regisseur in der kleine Riege des 'In', wagt er sich an die Inszenierung von '2666', des posthumen, in seiner deutschen Übersetzung 1100 Seiten zählenden Romans des chilenischen Schriftstellers Robert Bolaño". Für die SZ hat Joseph Hanimann zur Eröffnung des Theaterfestivals Ivo van Hoves Bühnenversion von Luchino Viscontis Film "Die Verdammten" gesehen. In der NZZ stellt Katja Baigger das Programm des 37. Zürcher Theaterspektakels vor, das sich wesentlich um "Aufbruch, Flucht und Heimatverlust" dreht.

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Film


Prächtig von innen erleuchtet: Die Kritik feiert Sean Bakers "Tangerine LA".

Mit einem Smartphone, einem anamorphotischem Objektiv und per Apps bis zum Bluten hochgepegelten Farben ist dem Indieregisseur Sean Baker mit "Tangerine LA" ein "Wunderwerk an entfesselter Mobilität gelungen", schwärmt ein völlig erschlagener Andreas Busche auf ZeitOnline: "Wann war Los Angeles, die Stadt der Engel, zuletzt so prächtig von innen heraus erleuchtet?" Der Film spielt im transsexuellen Strichmilieu von Los Angeles, entwickelt aber regelrechte Screwball-Qualitäten versichert der Kritiker, und ist damit "das jüngste Beispiel einer interessanten Entwicklung im aktuellen amerikanischen Independentkino, verstärkt gesellschaftliche Sprecherpositionen einzubeziehen, die im US-Kino lange ungehört geblieben sind. Das Iphone spielt hier eine maßgebliche Rolle, denn es ermöglicht Filmemachern die nötige ökonomische und künstlerische Unabhängigkeit, um Geschichten zu erzählen, die wieder aus der dominanten Monokultur des US-amerikanischen Erzählkinos hinausweisen könnten."

Perlentaucher Sebastian Markt reiht sich da gerne mit ein: Der Film "nimmt die immer wieder in Widersprüche einlaufenden Sehnsüchte seiner Figuren nach Unabhängigkeit und Zugehörigkeit, nach Familie und Freiheit, nach Besinnung und Rausch, nach Zärtlichkeit und Wut, so ernst, wie er sich gleichzeitg eines Urteils darüber enthält, wie ihnen wohl ihre Einlösung bekommen möge. Die Intimität, die in dem Blick des Films darauf liegt, ist keine der Scham entwundene, sondern eine, die er unter Einsatz aller Mittel zelebriert: exaltiert und mitunter ekstatisch." Daniel Kothenschulte hält den Film in der FR unterdessen zwar für "liebenswert", aber schon auch ein bisschen brav im Vergleich zu den großen Klassikern des queeren Kinos.

In der Zeit erklärt Daniel Haas das Zeitalter der mit episch langem Atem erzählten Serien nach der gerade abgeschlossenen "Game of Thrones"-Staffel endgültig für beendet: "Auch diese Reihe [ist] müde geworden über ihrem narrativen Furor. Eine Figur ist tot? Egal, holen wir sie zurück, lassen wir sie weitermachen, weil die Idee von Krise, Durcharbeitung und Erlösung dem neurotischen Zwang zur Wiederholung gewichen ist."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel unterhält sich Björn Rosen mit dem japanischen Filmemacher Hirokazu Kore-Eda. Dass die Film Academy in Amerika 687 neue Mitglieder aufgenommen hat, ändert nur wenig an den Mehrheitsverhältnissen, meint Hanns-Georg Rodek in der Welt: Jetzt sind halt nur noch 89 Prozent der Mitglieder weiß.

Besprochen werden Mor Loushys Dokumentarfilm "Censored Voices" mit Amos Oz (SZ), Jon M. Chus "Jem and the Holograms" (Perlentaucher), Bernadette Knollers "Ferien" (Tagesspiegel) und Assad Fouladkars "Liebe halal" (FR).
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Literatur

Die FAZ bringt eine Übersetzung von Ian McEwans Geschichte "Mein grandioser Roman" (hier das Original im New Yorker, samt einer Lesung des Autors).

Besprochen werden unter anderem David Foster Wallaces "Unendlicher Spaß" als Hörbuch (NZZ), Mike Nicols Krimi "Power Play" (Welt), Pierre Drieu la Rochelles "Die Komödie von Charleroi" (taz), Birgit Weyhes preisgekrönter Comic "Madgermanes" (Tagesspiegel) und Aleš Štegers "Das Archiv der toten Seelen" (SZ). Mehr auf Lit21, unserem Metablog zum literarischen Leben im Netz.

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Stichwörter: Ian McEwan

Architektur


André M. Studer, Terrassenhaus Zurbriggen-Abgottspon, Visp, 1964-67. Foto: Christian Kahl, 2016

In der NZZ staunt Gabriele Detterer über die Modernität des Schweizer Architekten André M. Studer, dem das Schweizerische Architekturmuseum Basel gerade eine große Schau widmet. Studer griff bereits in den fünfziger Jahren traditionelle Bautechniken anderer Länder auf. Und sein Versuch, Architektur und Musiktheorien zu vereinen, kann als Vorläufer heutiger Vorlieben für Grenz- und Fächerüberschreitendes gesehen werden: "Kann das Auge hören? Diese eigenwillige Frage beschäftigte den Schweizer Architekten André M. Studer (1926 bis 2007) immer wieder. Er projektierte Bauten, deren Formgestalt gleich einer wohltönenden Komposition das Auge erfreuen sollte. Harmonikal sollten, so Studer, die Proportionen eines Gebäudes zusammenklingen. Für seine Studien nutzte er ein Monochord. Dieser saitenbespannte Resonanzkasten dient seit der Antike dazu, wohlklingende Tonintervalle in Zahlen- und Proportionsverhältnisse überzuführen."

Weiteres: Im Art Magazin stellt Raphael Dillhof das Buch "Sezierte Architektur" von Kurt Prinz vor.
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Musik

In Berlin hat Valery Gergiev das Abschlusskonzert seiner deutsch-russischen Orchester-Akademie präsentiert. Beeindruckt war FAZ-Kritikerin Kerstin Holm vor allem von Behzod Abduraimovs "phänomenaler" Interpretation des 3. Klavierkonzerts von Sergej Prokofjew: "Das trügerisch folkloristische Klarinettensäuseln des Beginns wird jäh weggefegt von hämmernden Läufen, deren Tempo mit der modernen Technik zu wetteifern scheint, weshalb den Zeitgenossen schien, diese Musik, für die man eigentlich mehr als ein Gehirn braucht, mache einen wahnsinnig. Abduraimov artikuliert die wie manisch überwachen, rasenden Passagen mit stupender Technik, flüssig und markant und mit kindlich athletischem Furor, bevor er in der Mitte des Kopfsatzes mit dem Klarinettenthema in psychedelisch lyrische Dimensionen abdriftet, denen er irritierend schillernde Dehnungen und Klangfarben abgewinnt." Auf Youtube gibt es einen Ausschnitt aus einem anderen Konzert, bei dem Abduraimov das Werk spielte:



Weitere Artikel: In der NZZ berichtet Robert Jungwirth über den Dirigentenwettbewerb in Bamberg. Franziska Buhre porträtiert in der taz den Musiker Martin Krusche und dessen am New-Orleans-Sound orientiertes Blasmusikprojekt Magnetic Ear. In der SZ schreibt Torsten Groß über die Folkband Felice Brothers. Für den Tagesspiegel unterhält sich Tobias Richtsteig mit dem Jazzmusiker Branford Marsalis. In der Berliner Zeitung resümiert Michael Schlagenwerth den Auftakt der "Foreign Affairs" in Berlin. Mehr junge Leute als bislang gedacht besuchen laut einer neuen Studie klassische Konzerte, meldet Michael Stallknecht in der SZ. Eine Bonner Diskussion über die Pläne für das Beethovenjahr 2020 verlief laut Andreas Rossmann in der FAZ wenig befriedigend.

Besprochen werden Bat for Lashes' "The Bride" (taz), Suff Daddys "Birdsongs" (taz), Black Heinos "Heldentum und Idiotie" (taz) und diverse neue deutsche Popveröffentlichungen (FR).
Archiv: Musik