9punkt - Die Debattenrundschau

Tolle Leistung, danke schön dafür!

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2016. "Die stiff upper lips haben sich geöffnet und einen wilden unartikulierten Triumphschrei ausgestoßen", schreibt die Irish Times entsetzt über das britische Brexit-Referendum. Im Guardian fühlt sich Timothy Garton Ash so schlecht, wie er sich nach dem Fall der Mauer gut fühlte. In der NZZ siedelt John Burnside die Malaise in Britanniens beschämenden Tiefen an. Die FAZ fühlt sich wie in Pimlico. In der SZ fragt Adam Thirwell: Wo ist die Macht angesiedelt? In der taz fürchtet Robert Misik: Bei Wolfgang Schäuble. Libération wünscht: Good luck!

Europa

Die Briten haben den Kontinent ordentlich erschüttert. Noch immer ganz benommen schütteln sich die Europäer den Staub ab. Timothy Garton Ash gibt den Brexit-Freunden mit auf den Weg, dass die Briten nicht die einzigen Einzigartigen in Europa sind, schreibt dann aber auch selbstkritisch: "Für mich, der ich mein Leben lang ein englischer Europäer war, ist es die größte Niederlage meines politischen Lebens. Der Tag fühlt sich so schlecht an wie der Tag des Mauerfalls gut. Ich fürchte, er wird das Ende der Vereinigten Königreichs bedeuten. Eine Mehrheit der Engländer und Waliser zog Schottland aus der Gemeinschaft raus, in der die meisten Schotten bleiben wollen. Niemand sollte sich wundern, wenn die Schotten nur für ihre Unabhängigkeit in der EU votieren werden. Der Ausgang des Referendums wird auch den mühsam errungenen Friedensprozess in Irland gefährden. Was passiert mit der 300 Meilen langen, offenen Grenze zwischen der Republik und Nordirland?"

Hier der Kommentar von Libération:



Brexit ist eine "englische nationalistische Revolution", schreibt Fintan O'Toole in der Irish Times: "Engländer waren immer stolz darauf, dass sie nicht Revolution machen. Ihre letzte - im Jahr 1688 - war für sie eine erstaunlich milde Affäre: Das Blut floss in Irland, in Aughrim and am Boyne, nicht in East Anglia oder Bristol. Englische Konservative sehen sich selbst als behutsam, vorsichtig, gemäßigt. Und nun hat genau das Volk, das sich auf dieses Erbe beruft, einen plötzlichen, spontanen Sprung ins Schwarze getan. Das Land, das sich seiner nüchternen Mäßigung brüstet, hat eine der impulsivsten Entscheidungen einer entwickelten Demokratie getroffen. Die stiff upper lips haben sich geöffnet und einen wilden unartikulierten Triumphschrei ausgestoßen."

Vom Aufwachen in einem Scherbenhaufen schreibt der schottische Autor John Burnside in der NZZ, für den sich das Drama auch "in den trüberen, eher beschämenden Tiefen" der britischen Psyche abspielte, vor allem aber in der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht in England und Wales: "Sie leiden seit langem daran, dass sie in der Regierung nichts zu sagen haben, dass sie sich nicht auf eine eigene, respektierte Kultur berufen können und dass ihre wirtschaftlichen Horizonte eng geworden sind. Dieses Gefühl der Entrechtung wurzelt in mehreren Ursachen: Es gab in den letzten gut dreißig Jahren keine reale Alternative zur post-thatcheristischen Politik (New Labour war nie etwas anderes als eine Light-Version der Tories); die nationalistischen Strömungen in Schottland und Nordirland zerrten am Staatsgefüge (bereits spricht man dort über erneute Unabhängigkeitsbestrebungen, um in der EU bleiben zu können)."

Auf BoingBoing sieht Cory Doctorow das ähnlich: Das Brexit-Votum ist nicht allein das Ergebnis von Fremdenfeindlichkeit, er ist das selbstzerstörerische Umsichschlagen von Menschen, die bereits vor Generationen von der politischen Klasse abgeschrieben wurden.

"Eine Stadt und eine Nation sind erschüttert", schreibt Joyce McMillan im New Scotsman, und damit meint sie Edinburgh und Schottland. Rechtspopulisten wollten die Abrissbirne gegen diesen "friedlichen, langweiligen, kleinkrämerischen Halbkontinent führen, ein großes Nachkriegsexperiment, dem anzugehören ich stolz war. Am Donnerstag hat eine ausreichende Mehrheit von Engländern und Walisern dieser Abrissbirne ihren ersten Stoß versetzt. Und wie auch immer Schotland über seine Zukunft entscheidet, wir werden mit den Konsequenzen dieses mutwilligen Zerstörungsakts leben müssen."

Für den Brexit-freundlichen Telegraph beginnt dagegen eine Zeit des Neubeginns und der Zuversicht.

Gina Thomas fühlt sich in der FAZ an die Komödie "Passport to Pimlico" erinnert, in der ein Londoner Stadtteil entdeckt, dass er eigentlicht zu Burgund gehört, undsich mit grandioser Underdog-Rhetorik von englischen Gesetzen und bürokratischen Verordnungen befreit, insbesondere der Rationierung und der Kneipensperrstunde: "Wir sind immer Engländer gewesen, und wir werden immer Engländer sein; und gerade weil wir Engländer sind, treten wir für unser Recht ein, Burgunder zu sein."

Das Feuilleton der SZ versammelt Stimmen prominenter Inselbewohner. Adam Thirlwell etwa gibt einem Diskurs die Schuld, der keine Wahrheiten mehr kennt: "Die Aufgabe der Künstler ist jetzt, die Frage zu stellen 'Wo ist die Macht angesiedelt?' - und sie dann zu beantworten." Der königliche Hofastronom Martin Rees meint: "David Cameron hat uns ein Ergebnis beschert, das Europa unwiderruflich schwächen und womöglich das Vereinigte Königreich spalten wird. Was für ein verheerendes Vermächtnis." Im Guardian findet Philip Pullman Boris Johnson noch verabscheuungswürdiger als Nigel Farrage.

In der taz gibt Robert Misik der neoliberalen Politik der EU die Schuld daran, dass Europa kein Versprechen mehr, sondern eine Bedrohung geworden ist: "Etwas salopp gesagt: Es sind Leute wie Wolfgang Schäuble und Co, die die Europäische Union an den Rand des Kollapses gebracht haben. Tolle Leistung, danke schön dafür!"

Thomas Schmid von der Welt steht zu seiner Anglomanie. Noch heute schwärmt er vom "wunderbar klaren und nüchternen" Satz Margaret Thatchers, "der nur im Englischen möglich ist und in dem das ganze Zerwürfnis zwischen Großbritannien einerseits und dem Kontinent und seiner Mehr-Europa-Fraktion deutlich wird: 'The Community is not an end in itself.' Das heißt: Sie muss sich durch ihren praktischen Nutzen ausweisen, und sie muss veränder-, ja aufkündbar sein. Keine Teleologie, kein Vergemeinschaftungsschmus und erst recht keine Unumkehrbarkeit."

Sein Welt-Kollege Wieland Freund sieht sich in seiner Anglophilie allerdings durchaus gekränkt: "Es gab eine Zeit, in der Großbritannien der Bug jenes Schiffes war, mit dem Europa in die Moderne aufbrach, und jetzt ist ausgerechnet diese große Kulturnation auf den Unfug ihrer Rechtspopulisten reingefallen. Auf Leute, die nicht einmal wissen, wohin sie zurückwollen."
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Ideen

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an die Reporterin und Essayistin Carolin Emcke. Die Feuilletons sind mit dieser Entscheidung überaus zufrieden: Der Preis treffe "die Richtige", freut sich etwa Andreas Platthaus in seiner großen Würdigung in der FAZ. Für Dirk Knipphals von der taz zeigt sich im Friedenspreis, "welche Rolle Intellektuelle in unserer Gesellschaft spielen sollen. Im vergangenen Jahr wurde Navid Kermani ausgezeichnet. In diesem Jahr nun also Carolin Emcke. Das spricht beides für Weltoffenheit und Engagement und für einen ungebrochenen Glauben daran, das man durch die Kraft des Wortes gesellschaftlich wirken kann." In der Welt kann Hanna Lühmann die Begeisterung für Carolin Emcke nicht teilen, sie findet die Entscheidung sogar ziemlich unoriginell, fühlt sich aber sehr schlecht dabei, da "Carolin Emcke auf der Seite der Guten steht". Mehr in FR und Tagesspiegel, der Bayerische Rundfunk hat ein ausführliches Gespräch mit der Preisträgerin aus dem Jahr 2011 wieder online gestellt.

In ihrer aktuellen Kolumne in der SZ schreibt Emcke über Donald Trump: "Dem Präsidentschaftskandidaten wurde bislang nahezu alles verziehen: sein grobschlächtiger Machismo, sein unverblümter Rassismus, sein ausgeprägter Stolz auf seine Unbildung, ja eigentlich auf alles, wofür andere sich schämen würden. Nur, dass der Finanzmogul Trump womöglich seinen Wahlkampf in die Pleite führt, das dürfte der ihm bislang gewogene Teil der amerikanischen Gesellschaft für absolut unverzeihlich halten. Vermutlich noch unverzeihlicher dürfte es seine Wählerklientel finden, dass Trump nun auch noch zu jammern begann und die Republikanische Partei aufforderte, ihn zu unterstützen."

Weiteres: Uwe Justus Wenzel fragt in der NZZ, ob sich die Menschheitsgeschichte wirklich mit der Naturwissenschaft erzählen lässt.
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Medien

In der FR unterhält sich Marie-Sophie Adeoso mit dem Syrer Hosam Katan und dem Afghanen Parwiz Rahimi, die beide in ihren Heimatländern als Fotografen und Journalisten gearbeitet haben, nach Deutschland geflohen sind und nun in Offenbach studieren. Rahim sagt zum Beispiel: "Ich habe über Korruption bei den Präsidentschaftswahlen geschrieben, aber auch religiöse Dinge öffentlich kritisiert. Ich halte zum Beispiel gar nichts davon, dass Menschen aus einem bitterarmen Land wie Afghanistan nach Mekka pilgern. Ich habe todkranke Frauen gesehen, deren Männer das wenige Geld der Familie für die Hadj ausgegeben haben. Für solche Äußerungen habe ich Drohungen der Taliban erhalten. Nach einem Überfall auf unser Haus warnte mein Vater mich, das nächste Mal kämen sie um zu töten. Es mag sinnvolle Wege geben, für sein Land zu sterben, aber von diesen Feiglingen ermordet zu werden, gehört nicht dazu."
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Urheberrecht

Led Zeppelins "Stairway to Heaven" ist kein Plagiat, auch wenn es so klingen mag, hält Michael Pilz in der Welt fest, der das entsprechende Urteil eines Bundesgerichts in Los Angeles irgendwie richtig und falsch zugleich findet: "Der freie Geist der Rockmusik wurde geschäftlich so gezähmt, wie es der Geist des Internets gerade wird. Aber was weiß man schon noch, wenn Geist und Geschäft, Gefühl und Geld, Musik und Markt sich nicht mehr so benehmen und vertragen wollen, wie es das politische System verlangt. Wenn durch die technischen Systeme neue Tatsachen geschaffen werden. Und wenn Erben längst verstorbener Musiker, die nie daran gedacht hätten zu klagen, vor Gericht ziehen, weil alles wieder offen ist."
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