Efeu - Die Kulturrundschau

Glamouröse Schmuddeligkeit

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25.06.2016. Die Feuilletons stellen sich hinter den designierten Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon: Schluss mit der Verleumdung, lasst ihn erstmal machen, ruft die taz. Tribunal, meint die SZ. Die Welt lernt in Eisenach Johann Sebastian Bachs judenfeindliche Seite kennen. Empört euch lieber an der richtigen Stelle, schreibt Sieglinde Geisel auf tell den Kritikern der Aktion "Flüchtlinge fressen". Die Welt lacht über orakelnde Autoren.  

Bühne

(Bild: Stofleth)

In Lyon hat Perlentaucher Thierry Chervel nicht nur die "Entführung aus dem Serail" gesehen und gehört, sondern er hat auch den Lyoner Intendanten Serge Dorny getroffen, der ihm erzählt hat, wie er sein Publikum verjüngerte: "Das Publikum der Lyoner Oper bestand früher zu 85 Prozent aus Abonnenten. 'Und die Auslastung lag bei 87 Prozent, das war wie ein Privatclub, und die Oper war kaum noch präsent in der Stadt, weil man um das Publikum nicht mehr werben musste.' Hat eine Oper zu viele Abonnenten, altert das Publikum, und es gibt keinen Austausch. Dorny hat die Abonnenten auf 23 Prozent zurückgedrängt."

Die Unversöhnlichkeiten im neu entfachten Steit um die Berliner Volksbühne halten die Feuilletons auch weiterhin auf Trab. Ein bisschen genervt von der rüstigen Renitenz der auf ihre ostdeutschen Identität pochenden Belegschaft des Hauses wirkt Tazlerin Eva Behrendt schon: Schließlich lasse sich über Dercons Pläne für das Haus noch gar nicht soviel sagen, dass man bereits eindrucksvoll Türen zuschlagen könne. "Die ganze Anti-Dercon-Kampagne, von den kleinen Gehässigkeiten und Gerüchten bis zum offenen Brief, grenzt mittlerweile an massive Verleumdung. Mag sein, dass die Volksbühne damit noch ein letztes Konfliktfass aufmacht, bevor sie sich in Boykott und Sabotage flüchtet. Mit ihrem Beharren auf 'Identität' macht sie sich jedoch deutlicher kleiner als nötig. Was soll schon passieren? Wenn Dercon sein Projekt in den Sand setzt, werden die 25 Jahre Castorf-Ära rückblickend noch mehr vergoldet. All diejenigen, die sich mit dem Geist des Hauses, mit Konflikt und Abweichung identifizieren, (...) könnten ihre Dissens-Kompetenz missionarisch in die Welt hinaustragen - was sicher subversiver wäre, als sie in einer ewig fortdauernden Castorf- oder Pollesch-Intendanz zu musealisieren."

Rudolf Neumaier von der SZ hat sich unterdessen in den vergangenen Tagen am Hause umgesehen. Die Mitarbeiter und Handwerker des Hauses erlebt er enorm sorgenvoll - auch weil sich ihrem Selbstverständnis nach dort jeder als sich aktiv einbringender Bestandteil des Hauses und nicht bloß als Dienstleister sieht. Dercon selbst werde unterdessen bei jeder Gelegenheit im Haus zur Witzfigur gemacht - was Neumaier durchaus aufstößt, zumal sich ihm das Szenario zusehends so darstellt, dass an der Volksbühne Rädelsführer unterwegs sind: "Am 28. April saßen Dercon und seine Programmchefin Marietta Piekenbrock in der Volksbühne und präsentierten sich und erste Ideen. Es war ein Debakel. Die Dercon-Leute schildern es als Tribunal, bei dem drei, vier feindselige Wortführer - eben aus dem künstlerischen Bereich - im Zuschauerraum eine rhetorische Granate nach der anderen abfeuerten. Allerdings sei am Ende eine Frau aufgestanden, habe sich schützend vor Dercon gestellt - und donnernden Beifall erhalten. ... [Dercon selbst] wisse allerdings, dass die Panik im Haus geschürt werde - von den Männern, die ihm auch beim Vollversammlungstribunal Ende April zusetzten."

Besprochen wird eine Aufführung von Simon Steen-Andresens "If this then that and now what" am Staatstheater Mainz (FR).
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Film

Südkoreanische Fernsehserien wie "Descendants of the Sun" haben in Ostasien Hochkonjunktur - und dürfen beinahe unzensiert sogar in China gezeigt werden!, schreibt Hoo Nam Seelmann in der NZZ. Vor allem aber bringen die meist melodramatischen Plots die westliche Idee der romantischen Liebe nach Korea, so Seelmann: "Die Liebe zwischen Mann und Frau besaß in Korea zudem keinen Sonderstatus wie im Westen. Sie war eine neben den anderen wie Elternliebe, Geschwisterliebe und Freundschaft, die ebenso tragend für das Leben des Einzelnen sind. Liebe war, als Ideal formuliert, darum selten Leidenschaft, kein loderndes Feuer, kein Begehren, sondern leise, aushaltend, fürsorglich, diesseitig und wärmend für ein Leben lang. Nicht dass es nicht auch in Korea einige berühmte Liebesgeschichten gegeben hätte, aber sie blieben die Ausnahme und konnten nie die geltende Norm gefährden."

In der taz gratuliert Claudia Lenssen der Filmemacherin Jutta Brückner zum 75. Geburtstag.

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Stichwörter: Korea, Ostasien, Fernsehserien

Musik

Unmittelbar vor einem Konzert wurde der Pianist Karlrobert Kreiten 1943 von der Gestapo infolge einer Denunziation verhaftet und schließlich von den Nazis ermordet. Morgen Abend wird der Pianist Florian Heinisch Kreitens historisches Konzertprogramm an der Heidelberger Universität, dem Ort der Verhaftung, nachholen. Aus diesem Anlass hat sich tazlerin Carolin Pirich mit Heinisch an der Gedenkstätte Plötzensee getroffen, wo Kreiten umgebracht wurde. "Werke von Komponisten spielen bedeutet: die technischen Schwierigkeiten bezwingen, die Musik erforschen, vermuten: Was hat der gewollt, warum hat er das geschrieben? Das ist eine Sache. Das gehört immer dazu. Etwas völlig anderes ist es aber, das Konzert eines toten Interpreten nachzuholen. Wie geht man das an? Heimisch erzählt, was Kreiten für ein Typ gewesen sein mochte: einer, der seinem Publikum im Mai 1943 ein hochvirtuoses Programm kredenzt, als wolle er angeben, dann aber so risikoreich spielt, als würde sonst die Welt untergehen. Die Stimme bricht ihm immer wieder weg, was im Kontrast steht zu der Kontrolliertheit, mit der er die Worte setzt. Ein virtuoses Programm, sagt Heinisch, schweißtreibend. Bach/Busoni, Mozart, Beethovens 'Appassionata', sechs Chopin-Etüden, ein Liszt."

Einige sehr unschöne "braune Flecken," nicht nur in Johann Sebastians Bachs Musik, sondern auch in seiner Bibliothek, hat Barbara Möller in der Welt beim Besuch der Eisenacher Ausstellung "Bach, Luther - und die Juden" entdeckt und fragt: "Kann ein guter Mensch die judenfeindlichen Töne überhören? Führt eine Blutspur vom Matthäus-Wort 'Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!' nach Auschwitz? Muss man den von Bach vertonten Text nicht umschreiben? (Einen solchen Versuch hat es mit der 'Johannespassion' ja vor drei Jahren gegeben.) Sollte man die Passionen einfach nicht mehr in Kirchen, sondern nur noch in Konzertsälen aufführen?" (Bild: Aus Bachs privater theologischer Bibliothek: Johannes Müller (1598-1672): Judaismus oder Jüdenthum, Das ist: Ausführlicher Bericht von des Jüdischen Volcks Unglauben, Blindheit und Verstockung. Hamburg: Härtel, 1707. Bachhaus Eisenach.)

Weiteres: Die britische Popmusik reagiert mit Entsetzen auf den Brexit, schreibt Christian Werthschulte in der taz: Für viele Musiker werde die Herstellung von Tonträgern teurer, da sich die Presswerke in der EU befinden, und das Touren auf dem Kontinent schwieriger.

Besprochen werden eine Compilation über die Geschichte der türkischen Elektro-Avantgardemusik und das neue Album von Elektro Hafiz (taz), eine Compilation mit ausgesuchter Geräuschmusik (Skug) und ein Satie-Konzert von Alexei Lubimov und Viacheslav Poprugin (FAZ).
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Literatur

Mit Blick auf das Wettlesen in Klagenfurt nächste Woche schaut Klaus Ungerer für die Welt herrlich polemisch auf den Literaturbetrieb. Wofür eigentlich noch Texte schreiben, fragt Ungerer - ein paar bedeutungsvolle Fotos, Interviews über immense Schreibqualen und Eingebungen aus anderen Dimensionen - fertig ist der Autoren-Schamane und kann zu allem befragt werden. Das Problem: "Dass der Autor eigentlich nur dieselben Schlagzeilen in denselben Nachrichten liest wie du und ich, und dass er ebenso wenig in der Lage ist, das Informationsgewirr sinnvoll zu prozessieren. Der Autor von Rang hat sich zurechtgeruckelt auf seinem Wolkenthron, auf Zuruf macht er Einwürfe zum Weltgeschehen, und zwar meistens solche, die er aus der 'Süddeutschen' oder aus 'Konkret' oder einfach nur von seinen Skatbrüdern übernommen hat. Seine Meinung aber schallt fanfarenartig vom Berg herunter, und die Feuilletons freuen sich wochenlang, dass sie den Kommentar aus der 'Süddeutschen' hier noch mal in neuer Form aufbereitet bekommen haben, denn der selbst wäre ja keine Debatte wert gewesen." Deutlich ernsthafter beklagte Leopold Federmair gestern in der NZZ die Kommerzialisierung des Literaturbetriebs.

Für die SZ spricht Michael Stallknecht mit der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn über die Zunahme von apokalyptische Stoffen in Literatur und Film, worüber die Literaturwissenschaftlerin ein Buch veröffentlicht hat: "Wir sind im Moment besessen von kommenden Katastrophen", sagt sie, "aber wir wissen nicht, wie wir sie uns vorstellen müssen. Die vielen Filme und Bücher sind Versuche, konkrete Szenarien auszumalen."

Weiteres: Richard Kämmerlings empfiehlt in der Welt den "wunderbaren" Webcomic "Der Sommer ihres Lebens" von Thomas von Steinaecker und Barbara Yelin, der auf hundertvierzehn.de ist. Im literarischen Wochenend-Essay der FAZ würdigt der Schriftsteller Marc Degens den verstorbenen Pop- und Ruhrpottliteraten Wolfgang Welt.

Besprochen werden Jean Echenoz' "Die Caprice der Königin" (taz), neue Hörbücher, darunter eine Lesung von Hubert Fichte (taz), neue Comics von Blutch und Charles Berberian (online nachgereicht von der FR), Boualem Sansals "2084: Das Ende der Welt" (Jungle World) und Urs Mannharts "Bergsteigen im Flachland" (FAZ).

Außerdem jetzt zum Nachhören beim Bayerischen Rundfunk: Die Hörspielfassung von Frank Witzels preisgekröntem Roman "Die Erfindung..." (außerdem hat der Sender Gespräche mit Witzel und dem Hörspielregisseur Leonhard Koppelmann geführt).
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Kunst

Der Zynismus beginnt nicht erst bei der Aktion "Flüchtlinge fressen" des Zentrums für politische Schönheit, sondern beim Beförderungsverbot, schreibt Sieglinde Geisel auf tell. Denn: "Wenn etwas an der Aktion 'Flüchtlinge fressen' zynisch ist, dann dieses abgekartete Spiel mit der Empörung. Nach diesem Muster wird jede Reaktion Teil der Inszenierung, auch diesmal klappt es wie am Schnürchen. Man wundert sich, wie bereitwillig manche Leute dem ZPS auf den Leim gehen. Die Idee der Aktion ist natürlich hanebüchen - oder glaubt tatsächlich jemand, diese handzahmen Tiger aus dem Saarland würden jemals einen Menschen fressen dürfen? Sie wären danach für den Zirkus nicht mehr zu gebrauchen - ein zynischer Grund, aber einer, der gilt."

Auch der Kunstbetrieb zeigt sich entsetzt über den Brexit, schreibt Marcus Woeller in der Welt: "Der Brexit könnte tatsächlich die Unterstützung der Kultur durch Sponsoren erschweren. Die Staatsausgaben für kulturelle Einrichtungen sind in den vergangenen Jahren und gegen heftigen Widerstand schon massiv gekürzt worden. Die nun wegfallenden EU-Subventionen schmerzen zusätzlich."

Für die Berliner Zeitung hat Ingeborg Ruthe das Nationalmuseum in Riga besucht, wo eine große Ausstellung deutscher Kunst stattfindet. Sehr zufrieden ist Rose-Maria Gropp von der FAZ damit, dass der Kunsthistoriker Philipp Demandt neuer Direktor des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung wird. Das art-magazin hat mit Jürgen Teller über Fußball, schwache Männer und "glamouröse Schmuddeligkeit" gesprochen.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Die Frau mit der Kamera" über die Fotografin Abisag Tüllmann (Tagesspiegel, Perlentaucher), die Hans-Peter Feldmann gewidmete Ausstellung im C/O Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung "Wahre Schätze: Antike, Kelten, Kunstkammer" im Landesmuseum Württemberg (SZ) und Michel Houellebecqs erste große Kunstausstellung "Rester Vivant" im Palais de Tokyo in Paris, die den Autor laut Joseph Hanimann (SZ) "in all seinen Facetten [zeigt]: genial, banal, manchmal rührend."
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