Efeu - Die Kulturrundschau

Afrikas Ernüchterung

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27.05.2016. Die NZZ hört von Paul Bowles gesammelte traditionelle Musik Marokkos. Die SZ sucht auf der Kunstbiennale in Dakar nach der Wiederverzauberung Afrikas. Die Zeit findet Architektur ohne Architekten auf der Biennale in Venedig. In der Welt unterhalten sich Maria Schrader, Lars Kraume und David Wnendt über alte und neue Nazis. Peter Simonischek zeigt als Pantalone in Wien eine Variation seines Toni-Erdmann-Grinsens, das die Zeit glatt umhaut.

Kunst


Installation: Henri Sagna, Dakar

Jonathan Fischer besucht für die SZ die Biennale in Dakar und lässt sich von Kurator Simon Njami erklären, was dieser unter dem Biennale-Motto "Reenchantements", also "Wiederverzauberung", versteht: "'Ursprünglich sollte der Fortschritt einmal den Menschen dienen, aber nun dient er nur noch sich selbst.' Das ist kein platter Kulturpessimismus - sondern spiegelt einen intellektuellen Diskurs, der Afrikas Ernüchterung 60 Jahre nach der Unabhängigkeit auch auf die Unzulänglichkeit westlich-materialistischer Ideen zurückführt. Kann die Konsum-Kultur diesen Kontinent wirklich voranbringen? Oder hat nur die Spiritualität, das gemeinsame Lachen, Reden, Kämpfen die Kraft, den Exodus junger Afrikaner 'mit diesen verdammten Booten' aufzuhalten?"

In der NZZ bewundert Hoo Nam Seelmann eine Installation des koreanischen Videokünstlers Lee Lee Nam für die Ausstellung "Gärten der Welt" im Zürcher Museum Rietberg. Lee "hat das traditionelle Format des achtteiligen Wandschirms gewählt, um einen alten koreanischen Garten aus dem 16. Jahrhundert in digitalen Bildern zu zeigen. Als Grundlage dienen Tuschzeichnungen, die verschiedene Szenerien des Gartens wiedergeben. 13 Minuten dauert die filmische Installation. Am Anfang herrscht Stille, und man sieht Bilder von Bambus, dann taucht wie aus dem Nebel der Garten auf. Nun beginnt die große Wandlung: Der Tag geht in die Nacht über, und die Jahreszeiten wechseln sich ab. Man hört das Rauschen des Wassers."

Weiteres: In der NZZ lobt Petra Kipphoff die frisch renovierte Hamburger Kunsthalle. Besprochen werden die Ausstellung "… und eine Welt noch" im Kunsthaus Hamburg (taz), Andreas Slominskis Toilettenhäuschen-Installation in den Deichtorhallen Hamburg (SZ) und Basim Magdys Ausstellung "Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns" in Berlin (Tagesspiegel).
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Musik

In den fünfziger Jahren, als der amerikanische Schriftsteller Paul Bowles in Marokko lebte, wollte er die traditionelle Musik Marokkos dokumentieren, deren Untergang er bevorstehen sah. Die entstandenen Aufnahmen hat jetzt die Library of Congress in einer CD-Box herausgegeben. Leicht war es nicht für Bowles, erzählt Christoph Wagner in der NZZ, vor allem die Behörden waren wenig hilfreich: "Die Beamten sahen sich der Modernisierung ihres Landes verpflichtet, nicht der Traditionsbewahrung. Nicht selten ließ ein Staatsdiener durchblicken, 'dass er mein Vorhaben für Schwachsinn hielt' (Bowles). Ein anderer meinte sogar: 'Ich hasse jede Art von Volksmusik, vor allem die marokkanische. Warum sollte ich Ihnen helfen, etwas zu exportieren, das wir auszurotten versuchen? Sie suchen Stammesmusik. Es gab nie Stammesmusik - nur Krach!'"

Mit ihrem ersten Album haben sich Trümmer als legitime Erben der Hamburger Popschule empfohlen, auf dem zweiten Album "Interzone" besingen sie nun zu Discobeats von Swag und Rausch - alle Zeichen auf unpolitisch also? Annett Scheffel von der SZ plädiert für eine komplexere Sicht: "Gegen Konformismus und Selbstoptimierung ist diese Musik immer noch, nur von einem anderen Ort, von einem anderen Bewusstseinszustand aus: die 'Interzone' als Konzept der Auflehnung im Kleinen, als Abspaltung und Gegenentwurf, was sie ja schon bei Burroughs war."

Weiteres: Für ZeitOnline schreibt Britta Helm über den Chartserfolg der Hamburger Punkband Captain Planet. Für die SZ spricht Reinhard Brembeck mit den Komponisten Daniel Ott und Manos Tsangaris über ihre Pläne für die Münchner Biennale für neues Musiktheater, die sie in diesem Jahr erstmals leiten.

Besprochen werden Lisa Simones Album "My World" (NZZ), eine Compilation mit nigerianischer Rockmusik aus den 70ern (Pitchfork), das neue Album "Wave" von Christian Naujoks ("eine Hommage an die Bewegung, an das Sich-treiben-Lassen", schreibt Elias Kreuzmair in der taz), die Autobiografie der Slits-Gitarristin Viv Albertine (Tagesspiegel) sowie Konzerte von Kitty, Daisy & Lewis (FR) und Goran Bregovic (FR).
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Architektur


"Die Arrival City ist gut erreichbar und bietet Arbeit." Foto: die arge lola

Was für Hanno Rauterberg von der Zeit zunächst nach einer "blöden, biederen, populistischen Idee" aussieht, entpuppt sich beim Betreten des deutschen Pavillons der Architekturbiennale in Venedig als recht bestrickende Angelegenheit: Mit viel Aufwand habe man das 1938 errichtete Gebäude perforiert, der Öffentlichkeit leicht zugänglich gemacht und dabei den Blick freigemacht auf die Sonne und Venedigs Lagune. Die Ausstellung "Making Heimat" verpflichte sich einem neuen, demütigen Verständnis von Architektur als Selbstbeschränkung. Es ist gewissermaßen eine Architektur ohne Architekten, erklärt er: "Auf den Wänden [gibt es] nur Fotos, kurze Texte und Statistiken, hingepinnt wie eine Wandzeitung, poppig bunt unterlegt. Um den Charme der Vorläufigkeit noch zu steigern, stehen weiße Plastikstühle herum, billige Dinger, wie man sie an jeder Dönerbude findet. Es gibt zudem freies Internet und freien Strom fürs Handy. Die Besucher sollen ankommen, sollen verweilen, denn davon, vom Bleiben, will der Pavillon erzählen, von der 'Arrival City', jenen Ankunftsquartieren, die meist als Problemviertel gelten - und die doch viel besser, viel wichtiger seien als ihr Ruf."
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Literatur

Besprochen werden u.a. Rachel Cusks "Outline" (ZeitOnline) und Georgi Gospodinovs Erzählungsband "8 Minuten und 19 Sekunden" (SZ).

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Stichwörter: Rachel Cusk, Georgien

Film

Heute abend werden in Berlin die Lolas, die deutschen Filmpreise, vergeben. Maria Schrader, Lars Kraume und David Wnendt sind mit Filmen über die NS-Vergangenheit nominiert. In der Welt unterhalten sich die drei über alte und neue Nazis, Flüchtlinge und die Silvesternacht in Köln. Dazu sagt Lars Kraume: "Nichts bleibt so, wie es ist. Dem Wechsel kann man sich nicht verschließen. Es wird keine Deutschland-AG mehr geben. Das hat die Politik viel zu lange nicht ausgesprochen. Ich will auch etwas zu der Silvesternacht sagen. Beamte behaupten, sie hätten nicht eingegriffen, weil sie sonst wieder als die rassistische, faschistoide Polizei dagestanden wären. Dieses Land hat eine totale Verklemmung im Umgang mit solchen Begriffen. Ein Polizist, der nicht eingreift, wenn eine Frau angegriffen wird, ist ein Problem. Er darf nicht denken, man müsse gegenüber einem Marokkaner eine andere Sensibilität an den Tag legen als gegenüber einem Schweden. Und wenn er das denkt, ist in der gesellschaftlichen Debatte etwas total schiefgelaufen."

Weitere Artikel: Die FAS hat Peter Körtes Gespräch mit Jodie Foster online nachgereicht. Für den Tagesspiegel spricht Christiane Peitz mit dem für den Deutschen Filmpreis nominierten Schauspieler Burghart Klaußner. In der Textreihe auf critic.de zum BRD-Kino des Jahres 1966 schreibt Lukas Stern über Roger Fritz' "Mädchen, Mädchen".

Besprochen werden Akiz' Horrorfilm "Der Nachtmahr" (FAZ, unsere Kritik hier), Sergei Loznitsas Dokumentarfilm "The Event" (taz), John Carney von Conors "Sing Street" (Tagesspiegel), Duncan Jones' Computerspielverfilmung "Warcraft" (SZ),und der neue "Alice im Wunderland"-Film mit Mia Wasikowska und Johnny Depp (Tagesspiegel).
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Bühne


Irina Sulaver (Clarice), Sebastian Wendelin (Florindo), Christoph Radakovits (Silvio), Peter Simonischek (Pantalone de'Bisognosi), Johann Adam Oest (Dottore Lombardi), Andrea Wenzl (Beatrice), Mavie Hörbiger (Smeraldina), Hans Dieter Knebel (Brighella), Stefan Wieland (Ein Kellner). Foto: Reinhard Werner, Burgtheater

Ausgezeichnet amüsiert hat sich Zeit-Kritiker Peter Kümmel beim Besuch des Wiener Burgtheaters, wo der Schauspieler Peter Simonischek, in Cannes gerade als "Toni Erdmann" gefeiert", am Wochenende die Hauptrolle in Carlo Goldonis "Diener zweier Herren" (Regie Christian Stückl) spielte - und das mit der grotesken "künstlichen Kauleiste", die er auch in Ades Film trägt: "Es grüßt mit einem breiten Grinsen der Wiener Pantalone den Toni in Cannes. Simonischek hat gelernt, seine falschen Zähne wie ein Instrument zu spielen: Er entlockt ihnen in Wien völlig andere Valeurs. Es ist erstaunlich, wie verschieden dieser Mann mit demselben Gebiss grinsen kann. Um Heraklit zu variieren: Man beißt nicht zweimal mit demselben Zahn."

Regisseurin Katrin Plöttner und ihre "durchweg großartigen Schauspieler" machen gerade noch das Beste aus Sascha Hargesheimers nach seiner Premiere in Recklinghausen nun in Frankfurt gezeigtem Stück "Die europäische Wildnis - Eine Odyssee", meint Stefan Michalzik in der FR. Wie der Titel naheliegt, handelt es sich um eine weitere Theaterarbeit über die Flüchtlingskrise, doch "das Stück, erdrückend mit Klischees beladen und durchwirkt mit Gegenwartsfloskeln und Zitaten, ist grob gezimmert. Nicht einen Deut fordert es den Zuschauer heraus. Alles ist im Übermaß eindeutig und - paradoxerweise - zugleich auch wieder im Wollen, einen gesellschaftspanoramenhaften Rundumschlag zu leisten, zu diffus unbestimmt."

Weitere Artikel: Für eine "Katastrophe" hält es Katrin Bettina Müller in der taz, dass dem Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger die Mittel gestrichen wurden. In der FAZ empört sich Irene Bazinger darüber, dass die Geschäftsinteressen ihrer Ansicht nach halbseidener Immobilienfirmen den Fortbestand der Boulevardtheater am Ku'Damm in Frage stellen.

Besprochen wird die Uraufführung von Árpád Schillings "Eiswind" in Wien (SZ).
Archiv: Bühne