9punkt - Die Debattenrundschau

Mit Nacktheit hat es schon einmal nichts zu tun

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.04.2016. Ganz Österreich in blau. Zum Wahlerfolg der FPÖ bei den Präsidentschaftswahlen meint die NZZ mit Bick auf die Mainstream-Parteien: Weiterwursteln ist vorbei. Die Diskussionen um das VG Wort-Urteil des BGH geht weiter - alle wussten im Grunde, dass die Ausschüttunghen aus Geräteangaben zu Unrecht auch an Verleger gingen, meint Wolfgang Michael in seinem Blog - aber warum sind dann auch Autoren gegen die Entscheidung?, fragt Verleger Jo Lendle in der Welt. In der FAS erklärt die mexikanische Journalistin Lilia Pérez, wie Drognekartelle, Staat und Medien zusammenarbeiten. Die SZ fragt: Wann ist ein Bild "sexuell diskriminierend"?

Europa

Rechtspopulist als Favorit: In Österreich hat der FPÖ-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Norbert Hofer, in der ersten Wahlrunde rund 35 Prozent der Stimmen erhalten. Die Vertreter der großen Parteien SPÖ und ÖVP erhielten jeder weniger als zehn Prozent. Sie sind damit für die zweite Runde ausgeschieden. Zweiter wurde der Kandidat der Grünen, Alexander Van der Bellen, mit 21,3 Prozent der Stimmen. Die Grafik der Presse zeigt Österreich mit Ausnahme von ein paar gallischen Dörfern in blau (zur Berichterstattung bei der Presse hier, beim Standard hier):





Das österreichische Wahlergebnis zeigt zweierlei, meint in der NZZ Ivo Mijnssen: Einfach Weiterwursteln gibt's für die großen Parteien nicht mehr. Und das Anbiedern an die Rechtspopulisten funktioniert auch nicht: "So war zwar die Flüchtlingskrise auch in diesem Wahlkampf das dominierende Thema, was den Rechtspopulisten half. Dass die Koalition in diesem Bereich einen harten Kurs verfolgt, hat ihren Kandidaten aber nicht geholfen. Auch kristallisierte sich die Wut der Österreicher nicht nur in Form von Unterstützung für die FPÖ. Vielmehr vereinigten die beiden gemäßigten Kandidaten Alexander Van der Bellen und Irmgard Griss vierzig Prozent der Stimmen auf sich. Beide traten eher spröde sowie dezidiert unpopulistisch auf und argumentierten differenziert. Dies spricht für die Reife der Wähler, die einen Wandel wollen, jedoch nicht dem Reiz von Scheinlösungen erliegen."
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Urheberrecht

Alle wussten im Grunde schon vor dem BGH-Urteil, dass die Ausschüttungspraxis der VG Wort unrechtmäßig war, meint Wolfgang Michal in seinem Blog mit Blick auf die VG Wort-Entscheidung des BGH (unsere Resümees): "Auf Seiten der VG Wort, die mit ihren heute über 400.000 registrierten Autoren sicherlich mehr Interessenvertretung der Autoren als Sozialpartnerschafts-Vermittler sein muss, wurde viel zu lange so getan, als mache die 'besondere Beziehung' zwischen Autor und Verlag die Interessenvertretung der Autoren vollkommen überflüssig. Und das in einer Zeit, in der Autoren aufgrund sinkender Verlags-Honorare stärker auf die VG Wort-Tantiemen angewiesen sind."

Die Bücher werden leiden, klagt dagegen Hanser-Verleger Jo Lendle in der Welt: "Das Dilemma: Nicht einmal Autorenvertreter sind glücklich über den vermeintlichen Sieg. Im Verwaltungsrat der VG Wort sitzen Vertreter von Autorenverbänden neben Verlagsvertretern. Am 21. April tagte das Gremium, als das BGH-Urteil verkündet wurde. Teilnehmer berichten, dass die Vertreter der Autoren nicht weniger erbleichten als die Verlagsentsandten. Statt klammheimlicher Freude, das Geld alleine behalten zu dürfen, fürchten auch sie um die Zukunft des Systems..."
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Stichwörter: VG Wort, Urheberrecht

Medien

Sehr ungemütlich liest sich das FAS-Interview des Bloggers Airen mit der mexikanischen Journalistin Lilia Pérez, Autorin des Buchs "Kokainmeere", die erzählt, die die mexikanischen Drogenkartelle den Staat und inzwischen auch die Presse infiltrieren: "Nehmen Sie den 'Pacto por México': Man instrumentalisiert die Presse, um das Image Mexikos aufzupolieren. Die Zeitungen erhalten ganzseitige Anzeigen, im Gegenzug berichten sie weniger über das organisierte Verbrechen. Die Regierung ist der größte Inserent Mexikos - und viele Zeitungen sind beigetreten! Es sind nun also nicht mehr nur Kartelle, die Journalisten einschüchtern, sondern die Regierung selbst, die die Berichterstattung eindämmt."

Die iranische Atorin Bahareh Ebrahimi beschreibt ebenfalls in der FAZ am Sonntag, wie die Zensur ihres Landes selbst in Deutschland auf sie wirkt: "Vor allem frage ich mich, ob ich wirklich die Meinungsfreiheit habe, die Journalisten in Deutschland genießen, oder ob für mich als Iranerin weiterhin die Drohungen und Tabus der Heimat gelten. Soll ich mich auch in Deutschland zensieren, um wieder nach Iran reisen zu können? Doch wozu würde ich dann überhaupt in Deutschland schreiben, und was hätte die Meinungsfreiheit dieses Landes mit mir zu tun?"

(Via turi2) In Berlin tagten erstmals freie Mitarbeiter der Öffentlich-Rectlichen und veröffentlichten eine Art Manifest: "Wir leisten die gleiche Arbeit, haben aber nicht die gleichen Rechte. Wir haben keine Arbeitsverträge, sondern nur einen 'arbeitnehmerähnlichen' Rechtsstatus. Wir müssen ständig um unser Einkommen fürchten. Sozialleistungen, die für Festangestellte selbstverständlich sind, werden uns vorenthalten. Und das, obwohl wir Tür an Tür mit ihnen arbeiten und oft im gleichen Dienstplan stehen."

Weiteres: Die New York Post berichtet, dass die New York Times massive Stellenstreichungen plant.
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Gesellschaft

Justizminister Heiko Maas will sexuell diskriminierende Werbung verbieten. Susan Vahabzadeh fürchtet in der SZ einen neuen Tugendkodex: "Wirft man einen Blick hinüber in die Kunst, auf die Fotografien von Nackten und Bekleideten, darauf, wie dort umgegangen wird mit Sexualisierung und blanker Haut, wird noch viel klarer, dass es keine klaren Regeln geben kann dafür, wann ein Bild diskriminierend ist. So viel ist sicher: Mit Nacktheit hat es schon einmal nichts zu tun."

"Diebstahl, Verfettung, Ausbeutung, ... das tägliche Verschlingen fremden Lebens" - Essen ist heute so stark mit Sünde behaftet wie früher der Sex, kritisiert Claudia Mäder in der NZZ: "Die absurde moralische Etikettierung der Esswaren bringt uns in Teufels Küche. In eine kulinarische Sphäre, in der 'gut' und 'schlecht' auf scheinbar letztgültige Weise voneinander geschieden sind und Lebensmittelhersteller es übernehmen, die Konsumenten von einer 'Schuld' zu erlösen. Worin das Vergehen besteht, wird dabei freilich niemals gesagt - von 'not guilty' über 'innocent' bis 'Du darfst' negieren oder verschweigen die Moralproduzenten konsequent die zugleich unterstellten Missetaten und überlassen es den Essern, sich einen Reim auf ihr diffus-suggestives Vokabular zu machen."
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Stichwörter: Essen, Heiko Maas, Werbung