Efeu - Die Kulturrundschau

Appetitliches Diskurs-Sushi

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25.04.2016. Peter Wawerzinek hat sich was vorgenommen! "Ich werde mitten unter Dresdener leben", verkündet der neue Stadtschreiber im Tagesspiegel und fragt, warum so viele seiner Kollegen sich davor drücken. So politisch wie ein Handtuch finden die Theaterkritiker Stephan Kimmigs Berliner Inszenierung von Michel Houellebecqs "Unterwerfung". Die FAZ wandert durch eine immergleiche Maya-Welt. In der Zeit staunt Wolfgang Ullrich über die unüberbietbare Evidenz der Kunst Fritz Schweglers. Politiker sollten nie bestimmen dürfen, was abgerissen wird, fordert die SZ. Und Billy Paul mag tot sein, "Me and Mrs. Jones" aber sind unsterblich.

Kunst



Tolle Objekte in der großen Berliner Ausstellung über die Maya. Aber etwas mehr Hintergrund hätte sich Andreas Kilb doch gewünscht. Schließlich ging's mit der Kultur der Maya so steil bergauf wie es später bergab ging. Der Martin-Gropius-Bau, schreibt Kilb in der FAZ, "zeigt eine reiche Auswahl der Schätze, welche die Archäologen aus dem Boden der Halbinsel Yucatán und der angrenzenden Provinzen Mexikos geborgen oder in den Urwaldruinen gefunden haben, aber sie tut dabei so, als sei dies alles nicht etwa irgendwann an ganz bestimmten Orten und unter bestimmten politischen und ökonomischen Bedingungen entstanden, sondern Ausfluss der einen und immergleichen Maya-Welt: ihrer Sitten, ihrer Ästhetik, ihres Sozialgefüges und ihrer Religion."

An namhaften Schülern ist der 2014 verstorbene Kunstprofessor Fritz Schwegler nicht arm, seine eigene Kunst rückte darüber jedoch in den Hintergrund. Dabei zeige sich darin, so Wolfgang Ullrich in einem umfangreichen, von der Zeit online nachgereichtem Porträt, "wie eine neue Volkskunst aussehen könnte - jenseits aller aktuellen Formen cooler, engagierter, spröder, trashiger, symbolischer Kunst, die jeweils nur für eine ganz bestimmte Klientel gemacht ist. Schweglers Gebilde aus so elementaren Gegenständen wie Beinen, Kugeln, Gartenzäunen, Augen oder Hausdächern sind von unüberbietbarer Evidenz. Manche wirken surreal, sind aber frei von den metaphysischen Begründungen des Surrealismus. Andere bieten scheinbar nur eine Pointe, entfalten dann jedoch Dimension um Dimension und weiten sich zu existenziellen Dramen."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Pleinairmalerei von Corot, Courbet, Monet und anderen im Pariser Musée Jacquemart-André (FAZ), eine Ausstellung der Fotografin Herlinde Koelbl im Zürcher Museum für Gestaltung (NZZ), Stefan Sagmeisters "The Happy Show" im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt (FR) und die Ausstellung "Gärten des Orients" im Institut du Monde Arabe in Paris (FAZ).

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Literatur

"Ich werde mitten unter Dresdener leben"! Peter Wawerzinek hat den Ruf als Stadschreiber in Dresden angenommen und will sich "endlich zu allem und der Pegida äußern", wie er im Debatttenportal Causa beim Tagesspiegel erklärt: "Ich wurde genommen, weil sich in diesem Jahr deutlich weniger Autoren um das Amt bewarben. Waren es ein Jahr zuvor noch knapp hundert, so ist die Zahl auf den kläglichen Rest von dreiunddreißig Bewerbern geschrumpft. Da frage ich mich, was los ist mit unseren Schriftstellern? Wie kann binnen eines Jahres das Interesse für das Dresdner Amt um volle zwei Drittel sinken? Was hat über sechzig Autoren zum Rückzieher bewegt? Welche Angst, welcher Kleinmut macht sich da unter meinen Kollegen breit?"

Weiteres: In der NZZ berichtet Andreas Breitenstein von der Beerdigung Imre Kertesz'. In der FAS porträtiert Tobias Rüther den Germanisten Matthias Weßel, der rein zufällig auf das verschollen geglaubte Manuskript von Arthur Koestlers Klassiker "Sonnenfinsternis" stieß. Carolin Haentjes vom Tagesspiegel trifft sich mit der Schriftstellerin Rasha Abbas, die vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Für ein großes FAZ-Gespräch zum Thema Literatur und Moral bringt Sandra Kegel Sibylle Berg, Lukas Bärfuss und Peter von Matt an einen Tisch.

Besprochen werden u.a. der Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und Friedrich Wilhelm Oelze (Tagesspiegel), Clarice Lispectors "Der große Augenblick" (FR), Ahmet Cavuldaks Band "Gemeinwohl und Seelenheil" (NZZ) und Antje Rávic Strubels "In den Wäldern des menschlichen Herzens" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Tobias Döring über William Shakespeares "Sonett XX":

"Ein weibliches Gesicht gab die Natur
Dir, Herr und Herrin meiner Leidenschaft;
Ein weiches Frauenherz, doch ohne Spur
..."
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Musik

2016 ist ein annus horribilis! Billy Paul ist gestorben, unsterblich ist aber sein Lied "Me and Mrs. Jones".



Mit seinem neuen, gemeinsam mit den Dresdner Sinfonikern und deren Intendant Markus Rindt erarbeiteten Stück "Aghet", das sich mit dem türkischen Genozid an den Armeniern befasst, hat sich Marc Sinan den erwartbaren Groll der türkischen Regierung zugezogen, erfahren wir aus Helmut Maurós Porträt des Komponisten in der SZ: "Der türkische Botschafter in Brüssel verlangte die Löschung des Projektes von einer Webseite der EU. Markus Rindt ist deshalb verärgert. Und verblüfft. Denn die EU-Kommission hat den entsprechenden Link zu dem von ihr geförderten Projekt nach der offiziellen Intervention der Türkei tatsächlich aus dem Netz genommen. Rindt findet das skandalös und absurd." Die Dresdner Sinfoniker (die eine grottige Website haben) protestieren mit einer Pressemitteilung, hier als pdf-Dokument.

Weiteres: Beim Deutschlandfunk kann man die Lange Nacht zu Ehren von Yehudi Menuhin nachhören. Das als Hommage an Menuhin konzipierte Berliner Konzert mit dem Geiger Daniel Hope bespricht Isabel Herzfeld im Tagesspiegel. Der Freitag bringt Klaus Walters nachgereichten Nachruf auf Prince. Zum Tod des kongolesischen Rumbamusikers Papa Wemba schreiben Dominic Johnson (taz) und Andrea Böhm (ZeitOnline).

Besprochen werden die Erstveröffenlichung eines von Bill Evans ursprünglich 1968 in Deutschland aufgenommenen Albums (Pitchfork), das neue Album von John Carpenter (Pitchfork), ein Konzert von Quatuor Ébène in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel).
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Film

Besprochen werden der auf BluRay erschienene Dokumentarfilm "Deep Web - Der Untergang der Silk Road" (SZ) und die auf Grundlage von Stephen Kings Roman "Der Anschlag" entstandene Serie "11.22.63" (online nachgereicht von der FAZ).
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Stichwörter: Stephen King

Architektur

In der SZ rauft sich Till Briegleb die Haare angesichts des Mutwillens, mit dem Politiker von München über Leipzig bis Berlin und Hamburg allein unter Gesichtspunkten ihres persönlichen Geschmacks entscheiden, ob ästhetisch missliebige, sozial aber einst fortschrittliche moderne Architektur abgerissen wird oder nicht. Dabei handele es sich durch die Bank um "Fehlurteile von historischen Ausmaßen, die nicht nur zeigen, wie emotional auf Architektur und Stadtplanung reagiert werden kann, sondern auch, nach welchen Kriterien das geschieht. ... Der Hass von Vertretern der Exekutive [gilt] in der Regel den so bezeichneten 'Schandflecken'. Und leider hat deren Geschmack die Lizenz zum Abriss. Dadurch verschwinden ständig ästhetisch eher gewöhnliche Strukturen und Gebiete mit ungeheurem Potenzial zur vielfältigen Nutzung, und werden ersetzt durch propere Objekte des Geldgeschmacks mit drei Monothemen: Büro, Shopping, Eigentum."



Im italienischen Fontanello hat der einstige Verleger Franco Maria Ricci mit "La Masone" ein gewaltiges Gartenlabyrinth mit angeschlossenem Kunsttempel errichtet, berichtet ein staunender Andreas Rossmann in der FAZ: Dieses Labyrinth "ist auch Galerie, Konzertsaal, Treffpunkt, Begegnungsstätte, Sommerakademie. Kulturgeschichtlich breit bewandert, hat Ricci Kunst ganz nach seinem Geschmack gesammelt, eklektisch und exzentrisch, rhapsodisch und querbeet. ... Es soll das größte Gartenlabyrinth der Welt sein, das in Fontanellato entstanden ist. Die Gebäude des Anwesens sind, das entspricht in der Poebene der Tradition, wie der Farnesepalast Pilotta in Parma oder die Rocca Sanvitale, aus Ziegeln errichtet; rund eine Million von ihnen hat der Architekt Pier Carlo Bontempi, ein eingefleischter Neoklassizist, verbaut."

Mit dem vom Architekturbüro OMA konzipierten Timmerhuis erweise sich Rotterdam einmal mehr als Nachhaltigkeitsrekordhalter, freut sich Klaus Englert in der FAZ.
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Bühne


Szene aus "Unterwerfung" am Deutschen Theater. Foto: Arno Declair

Nach einigen Inszenierungen auf deutschen Bühnen ist Michel Houellebecqs kontrovers diskutierter Roman "Unterwerfung" nun auch in Berlin angekommen: Am Deutschen Theater Berlin verlegt Regisseur Stephan Kimmig die Hauptfigur François ins Krankenhaus, wo ihm in thematischen Blöcken szenische Fragmente der Vorlage begegnen. Überzeugen konnte das niemanden: Simone Kaempf reibt sich in der taz daran, dass Kimmig nicht kenntlich mache, ob die Dystopie des Romans in dieser Inszenierung bloß eine Wahnfantasie eines Kranken sei oder tatsächlich dessen Realität entspricht: "Kimmig lässt das offen, tickt Vieles an. Das eigentliche Dilemma des Abends offenbart sich in der zunehmenden Verkapselung seiner Hauptfigur, als hätte er mit den gesellschaftlichen Entwicklungen rein gar nichts zu tun."

Auf Ähnliches zielt Christine Wahl vom Tagesspiegel: Diese Strategie der situativen Veruneindeutigung entschärfe "jedwedes Aufregerpotenzial des Stoffes so gründlich, dass Pegida- oder AfD-Vereinnahmungsgefahr nicht mal im Ansatz aufkommen kann". In der nachtkritik stöhnt Sophie Diesselhorst, "die Inszenierung [bezieht] insgesamt so wenig politische Haltung wie ihr Protagonist, der es auch irgendwann mal ausspricht: 'Ich bin so politisiert wie ein Handtuch.'" In der Welt erlebt Matthias Heine einen "erregungslosen, etwas streberhaft hinplätschernden Abend, der eigentlich nur beweist: Deutsche Bühnen können auch aus den allergrößten Menschheitsthemen appetitliches Diskurs-Sushi auf dem Rundfließband schnippeln." Dem kann sich Hubert Spiegel von der FAZ nur anschließen: Diese Inszenierung sediere ihre Vorlage. Und Mounia Meiborg von der SZ ärgert sich: "Der Abend findet keine Haltung zur Dystopie, von der er berichtet."

Außerdem: Für die FR spricht Stefan Schickhaus mit der Sopranistin Louise Alder unter anderem über die Herausforderungen, die sich beim Singen fremdsprachiger Opern stellen. Weitere Artikel zum 400. Todestag Shakespeares gibt es von Peter von Becker (Tagesspiegel), Dirk Pilz (FR), Peter Kümmel (Zeit) und Ulrike Draesner (ZeitOnline).

Besprochen werden die Uraufführung Herbert Fritschs "Wer hat Angst vor Hugo Wolf? am Schauspielhaus Zürich (NZZ, nachtkritik), Ingo Kerkhofs Inszenierung von Agostino Steffanis Barockoper "Amor vien dal destino" an der Staatsoper Berlin (taz, Tagesspiegel, FAZ), eine Wiesbadener Inszenierung von Lillian Hellmans "Puppenstube" (FR), Ersan Mondtags Bühnenbearbeitung von Oskar Roehlers Film "Der alte Affe Angst" in Frankfurt (FR) und Gob Squads "War and Peace" an der Volksbühne Berlin (Freitag, mehr dazu hier).
Archiv: Bühne