Efeu - Die Kulturrundschau

Melodien sind Mangelware

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16.04.2016. Lasst euch von der Krise inspirieren!, ruft die SZ den Designern zu. Der neu eröffnete Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel bietet den Betrachtern Fifty Shades of Gray. Die taz stellt Gqom vor, eine hypnotisch holpernde Musik, die von Durban aus die britischen Clubs erobert. Einer Orgie in Uneigentlichkeit wohnen die Kritiker bei PeterLichts Molière-Adaption "Des Menschen Feind" in bei. Und Alberto Nessi berichtet in der NZZ von seiner Reise zum Van-Gogh-Museum in Amersterdam.

Bühne


Auf Nonsens komm raus: "Des Menschen Feind" in Basel


Früher spielte PeterLicht anonymen, antikapitalistischen Indie-Pop, seit geraumer Zeit macht er Theater. Jetzt gab es am Theater Basel die Premiere von Lichts Molière-Bearbeitung "Des Menschen Feind" in der Regie von Claudia Bauer. Herausgekommen ist dabei laut FAZ-Kritiker Martin Halter eine Mischung aus "weichgespültem René Pollesch" und der Gaga-Schrillheit von Herbert Fritsch: Das mache zwar viel Freude und ist "stellenweise fast genial", wenn auch nach drei Stunden schon auch anstrengend: "PeterLicht ist regelrecht besoffen von seinem Jargon der Uneigentlichkeit, er kokettiert, spintisiert, räsoniert auf Nonsens komm raus. Dreht Alltagsbeobachtungen, Phrasen, Denkfiguren so lange weiter, bis sie endlich neue Nuancen zeigen und plötzlich ins Gegenteil umkippen. Er baut groteske kleine Ex- und Diskurse über Haarausfall, Flipflop-Sohlen und Nervendrohnen ein und verziert Alcestes 'Wahrhaftigkeitstourette' mit hübschen Wörtern wie Durchwurstelgeneigtheit, Nichtsogutheit und Unokayheit." In der NZZ rät Alfred Schlienger, in der Pause zu gehen. Für die Nachtkritik war Claude Bühler bei der Premiere.

Im Wiener Audimax hat die rechtsextreme Gruppe "Die Identitären" eine Aufführung von Elfriede Jelinks "Die Schutzbefohlenen" gestürmt, es kam zu wilden Szenen und Verletzten, melden NZZ, FAZ.net, Kurier, Presse und Tages-Anzeiger.

Besprochen wird außerdem Pietro Mascagnis Japan-Oper "Iris" an der Oper Neukölln in Berlin (Tagesspiegel).
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Literatur

Mit dem (aus einer großen Perlentaucher-Debatte hervorgegangenen) Online-Magazin "Tell - Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft" gibt es einen neuen literarischen Salon im Netz, freut sich Lothar Müller in der SZ, der diese Neugründung zum Anlass nimmt, ausführlich über Wesen und Defizite hiesiger Literaturkritik nachzudenken. Von der neuen Salonkultur verspricht er sich eine Rückkehr der "Charakteristik" als verloren gegangene Tugend der feuilletonistischen Literaturkritik: Diese "von Menschen auf Bücher zu übertragen, ist die Grundidee der Literaturkritik. Sie fragt nicht nach dem Ich von Karl Ove Knausgård, sondern zeichnet nach, wie er als Autor seine Ich-Figur entwirft. Mit Rubriken und Kategorien allein ist es dabei nicht getan, mit Zusammenfassung und Paraphrase auch nicht. Die Charakteristik der Bücher zielt wie die der Menschen auf das Individuelle und deutet an, 'wie das Ganze konstruiert ist' (Friedrich Schlegel). Das nimmt den Autorenporträts und Celebrity-Artikeln, die lieber Menschen charakterisieren, nicht ihren Sinn."

In der FAZ würdigt Paul Ingendaay Miguel de Cervantes' literarischen Dauerbrenner "Don Quijote", dessen "Unzerstörbarkeit" in seiner "Mehrdeutigkeit" begründet liege, "und diese folgt aus der offenen Form: eine unheroische Reise, die sich weitgehend in Dialogen vollzieht, so unfolkloristisch wie nur eben denkbar - mit dem weiteren Paradox, dass gerade das Verschwiegene Leuchtkraft gewinnt."

Weiteres: Susanne Ostwald schreibt in der NZZ zum 200. Geburtstag von Charlotte Brontë. Dirk Knipphals bringt in der taz den zweiten Teil seines Lektüreprotokolls zu Maxim Billers "Biografie". Für die taz spricht Andreas Fanizadeh mit der serbischen Krimiautorin Jelena Volić. Im SZ-Essay geht Schriftsteller Lukas Bärfuss mit Blick auf die Literaturgeschichte von Ovid bis Stendhal der Frage nach, wem der eigene Körper gehöre und wie das Begehren das Verhältnis zwischen den Körpern berührt.

Besprochen werden Jan Böttchers "Y" (taz), Bernd Cailloux' "Surabaya Gold" (Freitag), Thomas von Steinaeckers "Die Verteidigung des Paradieses" (SZ) und Georgi Gospodinovs "8 Minuten und 19 Sekunden" (FAZ). Mehr aus dem literarischen Leben im Netz in Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog.
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Musik

In der taz weist Philipp Weichenrieder auf Gqom hin, ein neues Dance-Genre, das derzeit vom südafrikanischen Durban aus seinen Weg in die europäischen, vornehmlich britischen Clubs findet. Entstanden ist der neue Sound in den schwarzen Townships. Übersetzen lässt sich die Bezeichnung mit "Trommel, Lärm, Eimer oder Musik - im Zentrum stehen hypnotisierend repetitive Drumbeats. ... Statt durchgängig auf jede Zählzeit des 4/4-Taktes eine Bass­drum zu setzen, pulsieren bei Gqom drei Schläge im geraden Gerüst. Hopsend und gleichzeitig schlurfend schieben sich die Drum-Percussion-Polyrhythmen aus den Boxen. Dazu kommen gesampelte Zwischenrufe und düstere Synthesizerteppiche. Melodien sind Mangelware." Diese Compilation bietet einen Überblick über das Genre.



Nach über vierzig Jahren wird Jim Levine zum Saisonende als Chefdirigent der New Yorker Metropolitan Opera abtreten. In der Welt würdigt Manuel Brug seine einzigartige Karriere, sieht in seinem Abschied aber auch eine Chance: "Wer auch immer jetzt sanft Druck ausgeübt oder ihm einfach nur klug gut zugeredet hat - die aufsehenerregende Entscheidung ist gut für Levine und für uns. Denn damit wird womöglich das um Besucher kämpfende 3800-Plätze-Haus aus seiner Agonie gerissen, kann sich endlich einen frischen, neue Publikumsschichten motivierenden Chefdirigenten suchen."

Weiteres: Jens Uthoff erinnert sich in der taz wehmütig an seine Jugend als Guns N'Roses-Fan. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ dem Komponisten Peteris Vasks zum Siebzigsten.

Besprochen werden das Album "The Hope Six Demolition Project" von PJ Harvey (das Ivo Ligeti in der Welt als textlich "hoffnungslos, aber irrelevant", musikalisch "fast durchgehend fantastisch" und insgesamt als "das eher mäßige Forschungsprojekt einer sehr guten Songwriterin" beschreibt; Karl Fluch hält es dagegen im Standard für "ihre vielleicht beste Arbeit bisher"), das neue Album von John Carpenter (The Quietus) und ein Konzert von Jochen Distelmeyer (FR).
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Archiv: Musik

Kunst

In der NZZ berichtet der italienische Schriftsteller Alberto Nessi von einer Reise zum Amersterdamer Van-Gogh-Museum: "Wenn in Amsterdam der Wind längs den Grachten die Gesichter peitscht, wärmt man sich gerne bei Apfelkuchen und Schlagrahm. Und denkt in Ruhe zurück ans gerade besuchte Van-Gogh-Museum, wo die organisierten Touristenheerscharen sich weniger kämpferisch gaben als üblich, hypnotisiert, wie sie waren, vom Pastorensohn aus Groot Zundert: Niemand hält seinem durchdringenden Blick stand, der uns aus den Selbstporträts anschaut, als wolle er uns verdammen zu unserer bürgerlichen Mittelmässigkeit."

Weiteres: Unbekannte haben zwölf wertvolle Kunstobjekte aus der Sammlung der WestLB in Düsseldorf entwendet, darunter Werke von Pablo Picasso und Gabriele Münter, meldet Zeit online. Vom Auftakt der Art Cologne berichten taz und Welt.

Besprochen werden Kader Attias Ausstellung "Sacrifice and Harmony" im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt (FR) und die Schau "Die Maya - Sprache der Schönheit" im Martin-Gropius-Bau in Berlin (Welt, FAZ).
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Architektur



Wie eine "archaische, aber ganz selbstverständliche Stadtkrone" thront der von Emanuel Christ und Christoph Gantenbein entworfene Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel neben dem Altbau von Paul Bonatz und Rudolf Christ aus den Dreißigerjahren, stellt Marcus Woeller in der Welt fest: "Ein ungleiches Paar, das sich auf Augenhöhe begegnen will - das war der Anspruch. Den behutsam renovierten Bonatz-Bau habe man als 'intellektuellen Steinbruch' verstanden, so Christoph Gantenbein, und er wird vielfach zitiert. Ist man hier aber durch den Verbindungstrakt angelangt, hält man erst einmal inne, bevor man Referenzen einsammelt. Denn der außen diskret ergraute Neubau präsentiert sich innen in einem überwältigenden Grau-in-Grau von geradezu fetischistischem Ausmaß. 'Wir verfügen über ein Oeuvre in Grautönen', versucht es Emanuel Christ zu relativieren, aber schon die Webseite seines Büros sieht aus wie ein Fernsehtestbild aus den Fünfzigerjahren."

Und in der NZZ konstatiert Roman Hollenstein: "Diese archaisch anmutende Kunstburg beweist einmal mehr, dass Basel als Zentrum einer trinationalen Agglomeration von gut 500 000 Einwohnern global gesehen zwar klein, kulturell jedoch eine Metropole ist, die es mit manch einer Megacity aufnehmen kann." Ähnlich sieht es Andres Herzog Basel im Tages-Anzeiger.
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Film

In Berlin wurden die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis bekannt gegeben, berichtet Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel. Für die SZ hat David Steinitz in Leipzig die Dreharbeiten zu einem neuen Superheldenfilm besucht. Jürg Altwegg war unterdessen für die FAZ in Chaplin's World, einem Museum zu Ehren des großen Komikers am Genfer See.

Besprochen werden Gordian Maugs "Fritz Lang" (online nachgeliefert von der FAZ) und Nicholas Hytners "The Lady in the Van" (Tagesspiegel).

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Design

Der Designbranche geht die Kundschaft aus, die sich den Ruch des Exklusiven und des Fortschritts etwas kosten lässt, bemerkt SZler Jörg Häntzschel bei seinem desillusionierenden Besuch der Mailänder Möbelmesse. Statt sich ihrer Stärken zu besinnen, werden nun die Klassiker der Moderne verramscht: "Während es doch gerade die Aura des Zeitlosen ist, die diese Klassiker ausmacht, tut man alles, um sie zu entauratisieren. Sie sollen modisch und nett aussehen, nicht klassisch, sollen erschwinglich wirken, nicht teuer. Ganz vergessen hat die Design-Branche, dass ihre Herkunft ja in Gestaltungsideen für Krisen- und Umbruchszeiten wurzelt. Müssten hier nicht längst Möbel für kleine Wohnungen produziert werden, Möbel für Sesshaftigkeit und Mobilität, Möbel für Alte, Möbel für das Digitalzeitalter?"
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