9punkt - Die Debattenrundschau

Geh ins Theater und schmeichle

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.02.2016. Im NouvelObs erklärt die abservierte Fleur Pellerin, wie Kulturpolitik in Paris funktioniert. In der Zeit plädiert Udo di Fabio für Grenzen, Thomas E. Schmidt fragt, wie offen eigentlich noch die politische Debatte ist. Der Freitag lernt von Platon und Hannah Arendt den inneren Pluralismus. Die SZ erkennt in Adonis den Intellektuellen in der politischen Ausweglosigkeit. In der Welt bricht Ian Buruma eine Lanze für das Establishment.

Kulturpolitik

Kein Blatt vor den Mund nimmt die eiskalt abservierte ehemalige Kulturministerin Frankreichs, Fleur Pellerin, im Interview mit Marie Guichoux im NouvelObs. François Hollande hatte ihr nach ihrer Ernennung vor fünf Jahren gesagt, "Geh ins Theater und schmeichle". "Ich hatte mir drei Achsen gesetzt, kulturelle Demokratisierung, Verjüngung und Freiheit des Schaffens. Siebzig bis achtzig Prozent des Budgets sind fest gebunden und gehen an etwa hundert Institutionen und höhere Schulen. Siebzig Prozent des Budgests werden in der Region Paris ausgegeben... Ich wollte nicht die Ministerin der In-Kreise sein... 'Geh ins Theater und schmeichle' - ich hielt diese Worte des Präsidenten für einen Scherz. In Wahrheit waren sie eine Anweisung."

Im SZ-Interview mit Jörg Häntzschel hält der Archäologe Michael Müller-Karpe auch das neue Gesetz zum Kulturgüterschutz für unzureichend, um den Handel mit illegal ausgegrabenen Antiken zu verhindern, vor allem durch einen Passus, der alle Werke legalisiert, die vor 2007 schon einmal in Deutschland waren: "Alle diese Objekte gelten nicht mehr als unrechtmäßig eingeführt und werden nicht mehr zurückgegeben. Sie sind gewaschen."

Der in Freiburg Philosophie lehrende Andreas Sommer meint dagegegen in der NZZ, man solle die Kulturgüter eher vor dem Staat als vor den Sammlern schützen: "Der private Besitz von Kulturgütern weckt Neid und beflügelt das Moralisieren. Aber warum sollten Staaten die berufenen, unbestechlichen Hüter von Kulturgut sein?"

Joachim Güntner kommt in der NZZ noch einmal auf die Aberkennung von Konrad Lorenz' Ehrendoktorwürde durch die Universität Salburg zurück.

Europa

Wir brauchen Grenzen, schreibt der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio im Aufmacher des Zeit-Feuilletons: "Der wirtschaftlich potente dynamische Westen hat Offenheit in Richtung fortgesetzter Entgrenzung übertrieben - und gefährdet damit heute seine Offenheit. Das meint keineswegs nur Staatsgrenzen. Im Finanzsystem waren die Grenzen zwischen traditionellem Bankgeschäft und Investmentbanking zu wichtig, um einfach eingerissen zu werden. Die Finanzakrobatik mancher Staaten macht sie unfähig, neutrale Aufsicht über Märkte auszuüben."
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Ideen

Für den Text der Stunde hält Jürgen Busche im Freitag Hannah Arendts Vorlesung über Sokrates "Die Apologie der Pluralität": "Wie Platons frühe Dialoge zeigen, ging Sokrates seinen Mitbürgern damit auf die Nerven, dass er ihnen durch hartnäckiges Fragen das Widersprüchliche und Unzureichende ihrer Ansichten vor Augen führte. Aber hier lässt Platon auch die Einwände des Sokrates nicht triumphieren. Die aufgeworfenen Fragen bleiben offen. Sichtbar wird eine Pluralität von Meinungen... Aber das bedeutet, nach Arendt, den Fortgang der Reflexion, keinen schrankenlosen Relativismus der Meinungen. In einer wunderbaren Gedankenfolge zeigt Arendt, dass die Pluralität der Meinungen auch in jedem einzelnen Menschen vorhanden ist. Jeder Mensch ist ständig in einem - oft auch kontroversen - Gespräch mit sich selbst."
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Medien

Selbstkritische Worte richtet Thomas E. Schmidt in der Zeit angesichts der heutigen vergifteten Debatte an die Qualitätsmedien: "Wenn sich Medien dauerhaft in einem Kampf wähnen, dient der Verweis auf Entgleisungen und rechte Parolen irgendwann auch der Immunisierung gegen Kritik an ihrer gesellschaftlichen Rolle. Sie sind ja Wächter, nicht Kombattanten.... Es ist schwer zu sagen, ob in diesen Wochen noch eine offene politische Debatte existiert. Der mangel an demokratischer Kritik setzt sich fest, wenn die Flüchtlingskatastrophe weiterhin als normative diskutiert wird. Hinter Verdacht und Erregung drängen politische Fragen."
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Internet

David Hugendick bricht für Zeit online zu einer Reportage ins Silicon Valley auf: "Palo Alto, das sagen manche, habe nichts mit dem Rest der USA zu tun. Nichts mit New York. Nichts mit Boston oder Chicago. In Palo Alto riecht es nach Kiefern und Blumen. In Palo Alto wohnen etwa 60.000 Menschen, die man als die Glücklicheren auf dieser Welt bezeichnen könnte. In Palo Alto liegt eine der reichsten Postleitzahlen der gesamten USA. Und in Palo Alto liegt das Zentrum des Silicon Valley, von dem manche glauben, hier habe die Zukunft ein Zuhause, die uns früher oder später allen blüht."

Auf Netzpolitik.org erklärt Jakob May, warum das FBI nicht nur Zugang zu einem einzigen Handy will, wie im Fall des Attentäterpaares von San Bernardino, sondern eben doch eine Hintertür. Er zitiert und glaubt Apple-Chef Tim Cook, der schrieb: "The government suggests this tool could only be used once, on one phone. But that's simply not true. Once created, the technique could be used over and over again, on any number of devices. In the physical world, it would be the equivalent of a master key, capable of opening hundreds of millions of locks - from restaurants and banks to stores and homes."

Im Guardian beschreiben Danny Yadron, Spencer Ackerman and Sam Thielman, dass die juristische Schlacht um die Hintertüt schon lange vor dem Attentat von San Bernardino vorbereitet wurde. Bei Slate weiß Will Oremus allerdings auch, warum Apple geschäftlich alles daran setzen muss, sein Iphone gegen jede Idee von Offenheit zu schützen.
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Religion

Die FAZ übernimmt Kamel Daouds zuerst in der Repubblica und in Le Monde erschienen Text über Sexualität im Islam (unser Resümee): "Das Geschlecht ist das größte Elend in der Welt 'Allahs'. Und zwar in solch einem Maße, dass es jenen pornografischen Islamismus hervorgebracht hat, von dem die islamistischen Prediger reden, um ihre 'Gläubigen' zu rekrutieren: Beschreibungen eines Paradieses, das eher einem Bordell ähnelt als einem Lohn für die Frommen, Phantasien über Jungfrauen für Selbstmordattentäter, Jagd auf Körper im öffentlichen Raum, Puritanismus der Diktaturen, Schleier und Burka."

Auf diesen unter dem Eindruck der Ereignisse von Köln geschriebenen Text Daouds antwortete in Le Monde eine ganze Intellektuellengruppe und warf ihm - und Rachid Boudjedra und Boualem Sansal gleich mit - vor, islamophoben Fantasmen aufzusitzen.
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Politik

In der SZ wirft Sonja Zekri dem syrischen Dicheter Adonis einen rein lyrischen Pazifismus vor, der politisch ins Leere laufe (unser Resümee seines gestrigen Interviews): "Assad sei grausam, aber die Aufständischen ebenfalls, Religion töte die Schönheit, Rettung verspreche allein die Poesie. Nach Jahrzehnten wechselhaften politischen Engagements klingt dies wie eine Art ästhetischer Endpunkt, wie eine Kapitulation vor der politischen Ausweglosigkeit der arabischen Welt. Und damit ist Adonis nicht allein, ja, wenn man sich ein wenig umschaut, verkörpert er geradezu modellhaft das Dilemma eines arabischen Intellektuellen."

In der Welt bricht Ian Buruma unter Berufung auf Tocqueville eine Lanze für das Establishment und die Eliten, die in den USA, aber auch in Europa, durch Trump und Co. gerade erheblich unter Beschuss geraten: "Ohne Chefredakteure kann es keinen seriösen Journalismus geben. Ohne Parteien unter der Leitung erfahrener Politiker verschwinden die Grenzen zwischen Showbusiness und Politik. Ohne Maßnahmen gegen die Neigungen und Vorurteile der Mehrheit wird Intoleranz herrschen. Um die Rechte von ethnischen, religiösen oder intellektuellen Minderheiten zu schützen, muss die Macht der Mehrheit eingeschränkt werden."
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