Efeu - Die Kulturrundschau

All die zeichenlosen Formlosigkeiten

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18.02.2016. Mit seiner Stuxnet-Doku "Zero Days" bringt Alex Gibney wieder Spannung in den Berlinale-Wettbewerb, freuen sich die Kritiker. Die Welt nähert sich in Genf dem vielfältigen Werk der amerikanischen Malerin Rochelle Feinstein. Die SZ erlebt bei Tatjana Gürbacas "Jeanne d'Arc"-Inszenierung, wie die permanente Krise im Kölner Opernbetrieb das Theater beflügelt. Und die Zeit geht zum 500. Todestag von Hieronymus Bosch durch die Hölle.

Bühne


Wer noch allein stehen konnte, musste auf die Bühn: Tajana Gürbacas "Jeanne d'Arc" unter widrigen Umständen

Gleich zweimal Pech gehabt hat Tatjana Gürbaca mit ihrer Kölner Inszenierung von Walter Braunfels' "Jeanne d'Arc" am Kölner Opernhaus: Nachdem die ursprünglich vorgesehene Sängerin krankheitsbedingt ausfallen musste, hat sich auch deren Ersatz bei der Generalprobe so schwer verletzt, dass die Regisseurin zur Premiere notgedrungen selber spielen musste, während Juliane Banse vom Orchester aus den Gesangspart übernahm. Doch könne "man an diesem seltsamen Abend wieder einmal beobachten, wie die permanente Krise im Kölner Opernbetrieb das Theater nicht erdrückt, sondern beflügelt", schreibt Michael Struck-Schloen in der SZ: "Das Unfertige, im sympathischen Sinne 'Unprofessionelle' dieses Spiels will viel besser zum Stück und zur Konzeption passen als alle detailliert probierten Gesten und Gänge." In der FAZ zeigt sich Christopher Warmuth gleichfalls begeistert.

Weiteres: In der Zeit porträtiert Martin Eich die Tragödin Stephanie Eidt, die zur Zeit als Ministerpräsidentin in der Schaubühnen-Dramatisierung von "Borgen" zu sehen ist (mehr dazu im gestrigen Efeu). Besprochen wird Daniel Böschs Inszenierung der Händel-Oper "Alcina" in Genf (NZZ, Presse) und die Ludwigshafener Bühnenfassung von Gert Ledigs Roman "Faustrecht" (SZ).
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Kunst

Fasziniert betrachtet Hans-Joachim Müller (Welt) im Genfer Centre d'Art Contemporain durch das diverse, erstmalig ausgestellte Werk der amerikanischen Malerin Rochelle Feinstein: "Wenn es in diesem Werk überhaupt so etwas wie einen stilistischen Zusammenhang gibt, dann sind es diese abstrakten Gitter. Cluster aus kleinen Rechtecken, freihandgezogene Schraffuren aus kreisförmigen oder kubischen Linien... Aber wenn man solche zeichenlosen Formen aufzählt, fallen einem all die zeichenlosen Formlosigkeiten ein, dieses gestische Malen, die fliehenden Farbwolken, die es daneben und völlig gleichberechtigt gibt. Was es nur nicht gibt: ein Feinstein-Layout. Und dass kein wirklich gangbarer Weg vom flachen, zeichenlosen Bild an der Wand zurück zu seiner Geburt im Atelier führt, das ist das Geheimnis dieses Werks." (Bild: "Times_of_the_Day_s", 2013)

In jedem Gemälde des Hieronymus Bosch, dessen 500. Todestag gerade begangen wird, erkennt Benedikt Erenz in der Zeit ein Auge des Orkans: "Inmitten all der Metamorphosenwesen, die aus Eierbaumhäusern wachsen, deren Wurzelfüße in Kähnen stecken - genau im Mittelpunkt des Bildes erkennen wir eine einzelne Gestalt. Es ist ein stiller, von aller Kakofonie unberührt gebliebener Beobachter, den Kopf melancholisch in die Hand gestützt... Hölle, so scheint er zu denken, ist immer." Passend dazu empfiehlt Zeit Online den interaktiven Rundgang durch Boschs "Garten der Lüste": "Der Betrachter kann am Bildschirm in die Symbolsprache des Künstlers eintauchen, er lernt etwas über die Entstehungsbedingungen und Boschs Weltsicht. Kein Museum der Welt könnte diese Nähe zum Werk ermöglichen."

Weiteres: Im Standard unterhält sich Anne Katrin Fessler mit dem Künstler und Filmemacher Edgar Honetschläger. Besprochen werden die Jean-Dubuffet-Retrospektive in der Fondation Beyeler in Basel (SZ), eine Ausstellung mit Werken chinesischer Künstler aus der Sammlung Uli Sigg im Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee (Tagesanzeiger) und die Ausstellung "Aus dem Neunzehnten: Von Schadow bis Schuch" im Museum Wiesbaden (FAZ).
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Musik

Das mit dem Groove und das mit dem Flow kriegt Hiphopper Kanye West auf seinem neuen Album nicht so recht hin, findet Alard von Kittlitz in der Zeit: "Das liegt daran, dass West völlig überfordert ist, sobald es um die eigene Stimme geht. Unangenehm für einen Rapper. Er dehnt die Silben, um auf die Taktlänge zu kommen, er verhaspelt sich, sein Vokabelheft ist beängstigend schmal." Eine weitere Besprechung bringt die FR.

Mit deutlich mehr Genuss hat Tazler Jonas Engelmann unterdessen das neue Album von Kinky Friedman gehört: Auf "The Loneliest Man I Ever Met" hat der Musiker sich "neu erfunden und ist in eine fruchtbare Schaffensphase eingetreten: sein Alterswerk. Der nunmehr 70-jährige Musiker hat Sarkasmus und Ironie scheinbar abgeschworen und stellt auf dem sparsam instrumentierten Album seine Stimme in den Vordergrund. Damit besingt er die Einsamkeit eines in die Jahre gekommenen Country-Helden und seiner Gitarre."

Weiteres: Pitchfork bringt die neue Lieferung von Greil Marcus' Kolumne "Real Life Rock 10". Besprochen werden das Pariser Konzert der Eagles Of Death Metal (Berliner Zeitung, mehr im gestrigen Efeu), ein neues Album von Mavis Staples (Standard) und Moodymanns "DJ-Kicks" (Pitchfork).
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Film



Die Berlinale ist im Endspurt. Im Forum gibt es mit Serpil Turhans Porträtfilm über den deutschen Ausnahme-Filmemacher Rudolf Thome laut Perlentaucher Lukas Foerster noch ein echtes Highlight zu entdecken: Der Film, schreibt er, "ist in jeder Einstellung durchdrungen von der Vertrautheit und Zuneigung der jungen Filmemacherin zum alten Filmemacher; gerät aber nicht für einen Moment in die Gefahr, in eine Huldigung umzuschlagen. Turhan entscheidet sich für eine spielerische Halbdistanz. ... Besonders toll ist, dass der Film sich jedem Zug ins Nostalgische konsequent verweigert." Hier kann man Rudolf Thome im übrigen in seinem rege betriebenen Blog besuchen. Außerdem sehenswert in diesem Zusammenhang ist eine wahrlich epische Reihe von Videointerviews, die Lukas Foerster und Ekkehard Knoerer 2011 für Cargo mit Rudolf Thome geführt haben.








Vorrangiges Ziel im Cyberwar: Die iranischen Atomanlagen in Natanz

Währenddessen im Wettbewerb zu sehen ist Alex Gibneys Dokumentarfilm "Zero Days", der sich mit Stuxnet und dem Cyberwar generall befasst und dabei bis in den Suspense hinein so genuin filmisch vorgeht, dass Andreas Busche sich in der taz gut vorstellen kann, dass Gibney in absehbarer Zeit ins Actionthrillerfach wechselt. Hanns-Georg Rodek (Welt) sieht in dem Film gar einen Favoriten auf den Goldenen Bären. Für den Tagesspiegel hat Kai Müller den Film besprochen.

Thomas Vinterbergs "Kollektivet" durchleuchtet die Mechanismen und Abgründe einer Kommune der 70er und wurde im Vorfeld als eine Rückkehr des Regisseurs zu den Intensitäten, die er seinereit mit "Das Fest" erzielte, lanciert. "Das gelingt (...) nicht ganz", schreibt Andreas Kilb in der FAZ, doch "dafür ist Vinterberg etwas anderes geglückt. Er hat die Kette illusionsloser Familiengeschichten, die bei Ingmar Bergman beginnt und mit Lars von Trier gerissen war, um eine neue dunkle Perle verlängert." Für Peter Uehling von der Berliner Zeitung "bleibt die erzählerische Absicht des Films eher unklar." In der Welt zeigt sich Elmar Krekeler vom unerwarteten Humor des Films angenehm überrascht. Weitere Besprechungen in taz und Tagesspiegel.

Weiteres: Thekla Dannenberg hat sich für den Perlentaucher Filme aus der Native-Reihe angesehen. Tazlerin Eva-Christina Meier spricht mit Tatiana Huezo über ihren im Forum gezeigten Dokumentarfilm "Tempestad". Für die taz berichtet Claudia Lenssen von einer Debatte der Initiative "Pro Quote Regie" am Rand der Berlinale. Für die SZ hat Anke Sterneborg Filme aus dem Kinder- und Jugendfilmprogramm gesichtet. Joachim Huber führt im Tagesspiegel durch das Serienprogramm der Berlinale.

Im einzelnen besprochen werden Michael Moores "Where to invade next?" (Tagesspiegel), Spike Lees Agitprop-Groteske "Chi-Raq" (taz, Das Filter, unsere Kritik hier), Volker Koepps "Landstück" (Tagesspiegel), Filme über verschwundene Ehepartner (Tagesspiegel) und über die Todesstrafe (Tagesspiegel), der Dokumentarfilm "Der Ostkomplex" (Berliner Zeitung), "Aloys" mit Georg Friedrich (ZeitOnline) sowie nachgetragen die Wettbewerbsfilme "Genius" und "Crosscurrent" (FR).

Weitere Themen

In der Presse unterhält sich Andrey Arnold, in der SZ David Steinitz mit den Coen-Brüdern über deren neuen Film "Hail, Caesar" (den Tim Slagman für die NZZ bespricht, hier unsere Kritik). Besprochen werden Maximilian Brucks Film "Trash Detective" (Welt), der Pilotfilm der von Martin Scorsese und Mick Jagger konzipierten Serie "Vinyl" (Tagesanzeiger) und Florian Gallenbergers Politthriller "Colonia" (NZZ).

Und eine weitere schreckliche Nachricht für das europäische Autorenkino: Andrzej Zulawski ist tot, wenige Tage nachdem sein neuer Film "Cosmos" im Rahmen der "Woche der Kritik" in Berlin gezeigt wurde. In der SZ schreibt Fritz Göttler einen kurzen Nachruf auf den polnischen Kinoekstatiker. Dieser Trailer zu einer Retrospektive bringt Zulawskis Körperkino nochmal eindrücklich auf den Punkt:

Archiv: Film

Literatur

Das CrimeMag dokumentiert einen Vortrag von Thomas Woertche über europäische Kriminalliteratur. Alf Mayer unterhält sich im CrimeMag mit dem australischen Krimiautor Garry Disher. In der NZZ konstatiert Björn Hayer, dass sich zeitgenössische Literatur wieder verstärkt der Gesellschaftskritik zuwendet.

Besprochen werden Karen Duves "Macht" (SZ, Tagesspiegel, FAZ), Lee Childs Jack-Reacher-Roman "Make Me" (CrimeMag), neue Bücher über Literatur und Philosophie in Afrika (Freitag), Heinz Strunks für den Leipziger Buchpreis nominierter Roman "Der goldene Handschuh" (Zeit, mehr dazu hier), Wolfram Siemanns Biografie über den Fürst von Metternich (Zeit) und David Grossmans "Kommt ein Pferd in die Bar" (FAZ).
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