9punkt - Die Debattenrundschau

Der gefährliche Kern

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.02.2016. Die arabische Welt ist am Ende, meint Adonis im Interview mit der Welt. Im Guardian hofft Thomas Piketty, dass nun endlich mal ein jüngerer und nicht weißer Präsident in den USA drankommt. Der britische Geheimdienst GCHQ darf einfach alles, hat Zeit online herausgefunden. Integration geht nicht multikulti, meint die NZZ. Die Fast Company erklärt, warum es BuzzFeed noch in hundert Jahren geben wird. Die SZ weiß, wie Museen ihre Besucherzahlen um 400 Prozent steigern können. Und The Next Web erklärt, warum Kanye Wests neues Album so oft  schwarz kopiert wird.

Politik

Die arabische Welt ist am Ende, meint der ziemlich verbittert klingende syrische Dichter Adonis im Interview mit der Welt. Schuld daran seien der Westen - "Er hat sich niemals für die Menschenrechte und die Demokraten dort eingesetzt. Er hat sogar Haytham Manna, den syrischen Oppositionellen, der Gewalt immer abgelehnt hat, als Randfigur behandelt und nicht ernst genommen" - und der Islam: "Man kann eine Religion nicht reformieren. Wenn man sie reformiert, trennt man sich von ihr. Deswegen ist ein moderner Islam nicht möglich, moderne Muslime schon. Wenn es keine Trennung zwischen Religion und Staat gibt, wird es keine Demokratie geben, keine Gleichstellung für die Frau. Dann behalten wir ein theokratisches System. So wird es enden. Gemeinsam mit dem Westen werden Theokratien im Mittleren Osten aufgebaut."

Im Guardian freut sich Thomas Piketty über die Wahlerfolge Bernie Sanders'. Auch wenn er es wohl nicht bis zur Präsidentschaft schaffe, ist nun erwiesen, "dass ein anderer Sanders - vielleicht jünger und nicht ganz so weiß - eines Tages die US-Wahlen gewinnen und das Antlitz des Landes verändern könnte. In vieler Hinsicht erleben wir das Ende eines politisch-ideologischen Zyklus, der mit Ronald Reagan in den Achtzigern begann." (Aber jünger und nicht weiß - kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor?)
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Gesellschaft

Über 4.000 Native-Frauen sind in Kanada in den letzten Jahrzehnten ermordet worden oder veschwunden, ohne dass allzu viel getan wurde, die Fälle aufzuklären, berichtet der Guardian. In Kanada wird schon seit Jahren über dieses Thema diskutiert, auch weil die Behörden sich sehr schwer tun, die Ursachen zu benennen. "Ein Fünftel aller Morde an Frauen sind Morde an Native-Frauen, während die Natives nur vier Prozent der Bevölkerung stellen", schreiben Kathryn Blaze Baum And Matthew McLearn in The Gobe and Mail. Oft wird der "Kolonialismus" für die Taten verantwortlich gemacht, wogegen sich die National Post wendet: "Bei den gelösten Fällen waren 70 Prozent der Mörder Aboriginals, 25 Prozent Nicht-Aboriginals und fünf Prozent unklar. Über 90 Prozent der Opfer kannten ihre Mörder. Was auch immer hier passiert, es sind nicht weiße Serienmörder, die in abgelegene aboriginal communities reisen, um verletzliche Frauen zu jagen."

Hoffentlich trägt die Flüchtlingskrise dazu bei, den Multikulturalismus endlich zu Grabe zu tragen, schreibt der Publizist Matthias Heitmann in der NZZ. Für die Integration war diese Ideologie seiner Ansicht nach nur hinderlich. In den 1970er und 1980er Jahren hätten die Herkunftsnationalitäten und erst recht Religionen kaum eine Bedeutung für das Miteinander gehabt: "Selbst uns Kindern war damals klar, dass es Unterschiede zwischen Türken gibt und dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen. In der heutigen Sicht sind Unterschiede zwischen 'Muslimen' hingegen eher irrelevant. Hinter der Fassade der kulturellen Sensibilität ist ein neues Gefängnis aus kulturellen Stereotypen entstanden, die den Menschen sogar weniger Raum für Individualität lassen als die alten nationalen Stereotypen. Dies ist der gefährliche Kern des politischen Multikulturalismus: Er entmündigt das Individuum, da er kulturelle Erblasten zu unüberwindlichen Charaktereigenschaften erklärt."
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Geschichte

Ziemlich plastisch schildert der Historiker Gerd Krumeich im Gespräch mit Katja Iken von Spiegel online den Horror von Verdun, der vor hundert Jahren begann. Das Schlimmste war der Durst, sagt er, Wasserstellen lagen unter Beschuss: "In den Pfützen der Granattrichter lagen meist Leichen, das Wasser war verseucht. Neben dem Durst trieb die Soldaten am stärksten die Angst um, dass ihnen ein Schrapnell das Gesicht zerfetzt, dass sie durch den Beschuss verschüttet und lebendig begraben werden. Ärzte berichten auch von den Höllenqualen Verwundeter, denen sie die Stiefel auszogen. Die Soldaten hatten sie bis zu drei Monate am Leib - die Schuhe waren mit dem Körper verwachsen."
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Kulturpolitik

Erste Museen in Deutschland probieren die in Großbritannien erfolgreiche Politik des kostenlosen Eintritts für die Sammlungen, schreibt Catrin Lorch in der SZ: "Das Folkwang-Museum schaffte im vergangenen Juni die Eintrittskarten ab. Nur für große Sonderschauen muss noch gezahlt werden; der Besuch der Sammlung und kleinerer Ausstellungen ist frei. Die Krupp-Stiftung übernahm die rund eine Million Euro, die das auf fünf Jahre angelegte Projekt kostet, denn die Einnahme-Ausfälle müssen der Stadt ersetzt werden. 'Weil wir aber nur so wenig Besucher in der Sammlung hatten, war das nicht eben teuer', sagt Bezzola. Das Ergebnis: Im Januar 2015 betrachteten 1476 Besucher die ständige Sammlung. Im Januar 2016 waren es 7544. Eine Steigerung um 400 Prozent."
Stichwörter: Folkwang Museum

Europa

Manchmal ist die taz einfach brillant. Heute zum Beispiel. Der Aufmacher einen Tag vor dem EU-Gipfel zur Flüchtlingskrise:



Währungskomissar Pierre Moscovici prophezeit der EU im Interview mit der taz dennoch eine optimistische Zukunft: "Die Krisen heizen zwar den Populismus an. Aber gleichzeitig wird den Bürgern mehr denn je bewusst, dass es nur europäische Lösungen geben kann. Ich bin davon überzeugt, dass der europäische Gedanke am Ende triumphieren wird, denn es gibt keine nationale Antwort auf diese Herausforderungen. Man kann die Flüchtlingskrise nicht auf nationaler Ebene lösen, man kann den Terrorismus nicht nur in einem Land bekämpfen, man kann den Euro per definitionem nicht im Alleingang auf eine solidere Basis stellen."

Obergrenzen für Einwanderer wurden in Deutschland schon mal diskutiert. Das war 1919/20, als massenhaft Juden aus der Ukraine vor roten und weißen Revolutionären flohen, die eins gemeinsam hatten: Den Hass auf Juden. Damals öffnete die preußische Regierung die Grenzen, erzählt Götz Aly in der Berliner Zeitung: "Gegen diesen Erlass erhob sich kräftiger Protest. Die Innenminister der anderen deutschen Gliedstaaten zeterten, der humanitäre preußische Alleingang reize 'die Ostjuden in erhöhtem Maße zur unerlaubten Einwanderung' und berge 'eine große Gefahr für die einheimische Bevölkerung'. Abfällig behaupteten hohe Regierungsbeamte eine 'von Ostjuden stets vorgeschützte Pogromgefahr'. In Wahrheit kämen diese aus sicheren Ländern und nur deshalb, weil sich in Deutschland 'ungleich billiger und bequemer' leben lasse, zumal sie zu 'unerlaubten Geschäften und Betrügereien' neigten."
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Überwachung

Der britische Geheimdienst GCHQ darf einfach alles, hat laut Marvin Strathmann von Zeit online das Investigatory Powers Tribunal in London nach einer Klage des Chaos Computer Clubs festgestellt: "So darf der Geheimdienst beispielsweise unbemerkt Mikrofone und Kameras der Betroffenen verwenden, Dokumente kopieren, Malware installieren, Eingaben aufzeichnen oder den Standort abfragen. Dabei ist es unerheblich, ob das Ziel in Großbritannien oder im Ausland liegt."

In der FAZ erklärt Adrian Lobe die zweifelhafte Software, mit der IBM per Algorithmus bei Einreisestellen Flüchtlinge von Migranten unterscheiden will.
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Kulturmarkt

Kanye Wests neue Platte "The Life of Pablo" ist das am meisten schwarz heruntergeladene Album seit langer Zeit, meldet die BBC. Bryan Clark kommentiert bei The Next Web: "Piratentum ist in historischen Tiefen angelangt, aber wenn der Trend anhält, wird 'The Life of Pablo' das am meisten geklaute Album aller Zeiten sein. Man mag sich also fragen, ob die Strategie, Streamingdienste wie Spotify und Apple Music zu umgehen und (Wests eigene Plattform) Tidal zu begünstigen, die als kompletter Flop gilt, der Auslöser hierfür ist."

Weiteres: Im New Yorker erzählt Maria Bustillos die Erfolgsgeschichte des kleinen, seit den Sechzigern existierenden Verlaghauses New Directions, das bis heute als Independent erfolgreich agiert, und das mit Romanen wie "Beauty Is a Wound" der indonesischen Autorin Eka Kurniawan.
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Medien

Noah Robischon erklärt in einer sehr langen Geschichte bei Fast Company, warum Jonah Peretti mit BuzzFeed ein Imperium baut, das hundert Jahre hält. Dabei orientiere er sich an den alten Filmstudios und CNN: "BuzzFeed hat seinen Erfolg wie Paramount vor hundert Jahren darauf gebaut, dass ihm alle Elemente eines modernen Media Business gehören: ein globales Nachrichtenteam, sein eigenes Video-Studio, raffinierte Datenverarbeitung, eine zum Haus gehörende kreative Werbeagentur. So wie Ted Turner Kabel betrieb, bevor Kabel cool war, hat Peretti BuzzFeed getrieben, seine Inhalte auf jeden neuen sozialen Kanal zuzuschneiden, von Snapchat bis Pinterest. Und BuzzFeed expandiert global..."
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