9punkt - Die Debattenrundschau

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Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.02.2016. Die polnische Regierung will dem Historiker Jan T. Gross, der den Antisemitismus im Land thematisierte, den Verdienstorden aberkennen - Intellektuelle protestieren, berichtet der Guardian. Im Journal du Dimanche erzählt die neue französische Kulturministerin Audrey Azoulay, wo sie zuerst Antisemitismus erlebte, jedenfalls nicht in ihrem Herkunftsland Marokko. In der NZZ wehrt sich Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich gegen ein Bild von Künstlern als Kreativitätsdienstleister. Und die Grünen wollen Open Access, berichtet cicero.de.

Europa

Die polnische Regierung will dem bekannten Historiker Jan T. Gross, der den polnischen Antisemitismus thematisiert hat, den Verdienstorden entziehen, berichtet Alex Duval Smith im Guardian: "Intellektuelle haben in den letzten Tagen zwei offene Briefe zu Gross' Verteidigung publiziert und sagen, dass das polnische Justizministerium die Geschichte neu schreiben und alle Anspielungen auf polnische Komplizenschaft tilgen wolle. 'Die Regierung sagt, Gross sei unpatriotisch. Aber er ist ein Patriot, der auf die dunklen und die hellen Seiten der polnischen Geschichte schaut', sagt Jan Grabowski, Professor in Ottawa, der zu den dreißig Unterzeichnern des ersten Briefs gehört."

Amol Rajan äußert in Politico.eu seine Zweifel, ob die britische Demokratie noch funktioniert. Einer der Gründe: das House of Lords. "Korrupt, käuflich, voller Strohmänner ist das House of Lords wohl die schändlichste Manifestation unserer demokratischen Malaise. Diese Männer (jedenfalls meistens) sind hier, weil sie das Recht von Geburt haben, so genannte Erblords. Auch Bischöfe sind da und entscheiden über das Gesetz des Landes und bekommen ihren Platz wegen ihres spezifischen Aberglaubens. Viele, wenn nicht die meisten, sitzen auf den roten Bänken, weil sie dafür bezahlt haben, wenn nicht mit Geld, dann mit ihrer Würde."

In der taz porträtiert Klaus-Helge Donath den einzigen Oppositionellen im russischen Parlament: Dmitri Gudkow. "Seine einsame Gegenstimme verleiht dem Parlament gar noch etwas Legitimität. Bei der Welle von repressiven Gesetzen ist auch sein Njet fast schon gesetzmäßig. Ob es um das Verbot der Adoption von Waisenkindern geht, das zunächst nur für die USA galt, dann aber auf alle Länder mit Homo-Ehe ausgeweitet wurde; ob um Attacken auf NGOs, die zu 'ausländischen Agenten' erklärt wurden; oder wenn westliche Stiftungen als 'unerwünsch­te Organisationen' aus Russland verbannt werden sollen: wenn auf der Anzeigetafel 'Gegenstimme 1' erscheint, dann ist es die Stimme Gudkows."
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Kulturpolitik

Cécile Amar porträtiert für das Journal du Dimanche die neue französische Kulturministerin Audrey Azoulay, die aus einer bildungsbürgerlichen jüdisch-marokkanischen Familie kommt (ihr Vater war Berater des marokkanischen Königs Hassan II, was nicht jeder als eine ehrenvolle Position bezeichnen würde). In dem Porträt spricht sie auch über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus: "'Ich habe nicht die geringste Erinnerung an Streitigkeiten über Identität oder an Antisemtismus.' (...) Bis sie mit zwanzig Jahren an die Elite- und Verwaltungshochschule ENA ging, hatte sie nie Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht: 'Es war ein Schock, hier habe ich den Antisemitismus des alten Frankreich kennen gelernt.'"

tazler Rolf Lautenschläger blickt betrübt auf die ersten Entwürfe für das geplante Museum des 20. Jahrhunderts am Berliner Kulturforum: "Vom Hochhaus über lange Glaskisten bis hin zum antiken Museumshof scheint alles möglich. Aber etwas, das wirklich zwischen die Architekturikonen von Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie passt? Fehlanzeige."

Weiteres: In der FAZ berichtet der Islamwissenschaftler Stefan Weidner von Deutschland als Gastland bei einem Kulturfestival in der saudischen Hauptstadt Riad.

Ideen

Kreativ will heute jeder sein. Das verlangt Museen und Künstlern einiges ab, meint der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, der dem Kreativitätsparadigma recht kritisch gegenüber steht. Er diagnostiziert in der NZZ eine "Tendenz, dass Künstler als Befreier oder Animateure fremder Kreativität auf bloße Dienstleister reduziert werden. Paradoxerweise bedroht die Idee vom kreativen Menschen tatsächlich niemanden so stark wie die Künstler: Statt ihre Kreativität ganz für sich nutzen und in große Werke umsetzen zu können, haben sie sie weiterzugeben und zu verteilen, ja sie sollen auf die Bedürfnisse all der Menschen reagieren, die in dauernder Sorge leben, ihr eigener 'innerer Künstler' könnte verkümmert sein."

In der Presse nimmt Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann die grassierende Reformierungswut aufs Korn. Statt das System zu verbessern, machen immer neue Reformen es nur komplizierter. Daran sind aber auch die Bürger schuld, meint Liessmann: "Wir Professoren trauen uns nicht mehr zu, Studenten informell über Prüfungsbedingungen zu informieren. Dabei gehört genau das zur Eigenverantwortung eines Professors im Rahmen der Freiheit der Lehre. Wir sehen aber nur mehr die Studenten, die womöglich der Willkür eines Professors ausgesetzt sein könnten! Es mögen hundert Professoren alles richtig machen, aber wenn sich einer falsch verhält, müssen wir eine Vorschrift für alle machen. Das heißt, wir müssen jetzt Semester für Semester die Prüfungsbedingungen genau dokumentieren und festlegen, denn es muss alles transparent, geregelt und einklagbar sein. Dann darf man sich aber über die Zunahme bürokratischer Vorschriften nicht beklagen."
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Wissenschaft

Im Interview mit der taz erklärt der Ornithologe Bernd Brunner, warum wir in einer Epoche der Ornithomanie leben: "Vogelliebhaber gab es zwar schon immer, aber sie haben nun dank Internet ganz andere Möglichkeiten, sich etwa über Flugrouten auszutauschen oder enger mit wissenschaftlichen Ornithologen zu kooperieren. Die sind schließlich auf die Daten der Laien angewiesen. Dazu kommt der Hang zum 'Immer schneller, immer höher, immer weiter' - der Drang, Sensationen anzuhäufen, gehört in unsere Zeit. Das hat dann mit den Vögeln selbst nichts mehr zu tun, es geht nur noch darum, sich Respekt innerhalb einer Community zu verschaffen."
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Urheberrecht

Die Grünen haben einen eigenen Gesetzentwurf zur Novellierung des Urheberrechts vorgelegt, der sich in manchen Punkten mit dem Der Regierung deckt. Petra Sorge stellt den Entwurf bei cicero.de vor. Ein wichtiger Punkt: "Die Grünen wollen auch ermöglichen, dass steuerfinanzierte Wissenschaftspublikationen frei zugänglich werden. So sollen Urheber an Hochschulen oder außeruniversitären Forschungseinrichtungen ein Zweitveröffentlichungsrecht bekommen: 'Nach Ablauf von sechs Monaten bei Periodika und zwölf Monaten bei Sammelbänden' sollen sie ihre wissenschaftlichen Beiträge auch unentgeltlich der Öffentlichkeit zugängig machen dürfen. Sie könnten ihre Fachaufsätze etwa durch Creative Commons lizenzieren und ins Internet stellen - sofern die Forschung dazu staatlich finanziert war."
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Geschichte

In der NZZ berichtet Thomas Ribi über erste Veranstaltungen zum 500-Jahre-Jubiläum der Zürcher Reformation 2019.
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Gesellschaft

"Weltweit, so scheint es, wachsen zunehmend Mauern um die Räume, die Menschen brauchen, um sich zu versammeln, zu vereinen, frei zu äußern und ihrer Opposition Ausdruck zu verleihen", erklärt in der Welt Chris Stone, Leiter der von George Soros gegründeten Open Society Foundations. Darum sollten sich Bürgerbewegungen gegenseitig unterstützen, selbst wenn sie gegenteiliger Meinung sind: "Wenn staatsbürgerliches Engagement ausreicht, um einen ins Gefängnis zu bringen, und die Angst vor Überwachung massenhafte Passivität fördert, ist eine auf Einzelinteressen gründende Politik keine Erfolg versprechende Strategie. Der beste Weg, den öffentlichen Raum zu verteidigen, besteht darin, ihn zu besetzen, selbst wenn man sich für eine andere Sache engagiert als die neben einem stehende Person."
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Medien

Feierliche Worte schreibt Giovanni di Lorenzo zu einer Sonderausgabe der Zeit, die ihren siebzigsten Geburtstag feiert: "Gerade in der jetzigen, von der Diskussion über Wahrheit und Lüge in den Medien so aufgeheizten Zeit darf es eine Leitlinie nie geben: dass nicht sein darf, was nicht sein soll." Im Rest des dicken Blattes erzählen Zeit-Redakteure, wie schön es ist, ein Zeit-Redakteur zu sein. Ob die streikbereiten Online-Kolleginnen (siehe unser Resümee von Samstag) zur Festivität eingeladen waren, wissen wir nicht.

Weiteres: Friede Springer will ihre Anteile am Verlag in eine Stiftung einbringen, damit der Verlag nach ihrem Tod im Sinn ihres Mannes fortgeführt werde - aber Springer-Vorsitzender Mathias Döpfner scheint mit ihrer Idee nicht einverstanden zu sein, berichten Carsten Knop und Holger Steltzner in den Wirtschaftsseiten der FAZ.
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